Wir lieben Lebensmittel

Die Verbrauchergemeinschaft in Dresden wollte nach 1990 Nahrungsmittel umweltfreundlicher und gesünder anbieten und der westdeutschen Discounterkultur gar nicht erst Einzug gewähren. Eifrig versorgt sie seitdem ihre Mitglieder mit gesunden, ökologischen und regional erzeugten Lebensmitteln.


Wie weit muss man gehen, wenn man Nahrungsmittel will, die gesund sind und aus regionaler und ökologischer Herstellung? Muss man zum total korrekten Öko-Fuzzi mutieren, der sich mit anderen Verrückten in die entsprechenden Stadtteilenklaven zurückzieht? Kann man Liebenswertes wollen und Massenprodukte ablehnen, ohne als romantischer Schwärmer etikettiert zu werden; als fortschrittsfeindlicher Anhänger alter Tante-Emma-Läden? Und führt am Hochglanz-Schnickschnack der Edeldiscounter überhaupt ein Weg vorbei?

 

Probieren geht über studieren, antworteten Barbara Rische, Keslin Stopperka und Matthias Schwarzwälder 1990 auf diese und ähnliche Fragen. Die Dresdner ahnten und hofften, dass die Deutsche Einheit in Sachen Nahrungsmittelversorgung mehr zu bieten habe, als den bundesrepublikanischen Dauerstreit über den besseren Aldi (Nord oder Süd?) auch nach Ostdeutschland zu bringen. Außerdem hatte die Vernachlässigung des Umweltschutzes in der DDR ihnen deutlich gemacht, dass mit Natur anders umgegangen werden müsse. Also, Romantik hin oder her: Rasch eröffneten sie in einem alten Barockbau mitten in der Dresdner Altstadt die Verbrauchergemeinschaft (VG) nach dem Mitgliederprinzip: Mitglieder finanzieren durch einen monatlichen Beitrag einen Bioladen und können so von vergleichsweise günstigen Preisen für gutes Essen profitieren. Bei der Ausstattung des Ladens konnte man am Anfang nicht wählerisch sein: So wurden alte Aktenregale „rezykliert“, die noch wenige Monate zuvor von der SED genutzt worden waren. Während die zahlenden Mitglieder den Laden betrieben, sorgten sich die nun hauptberuflichen Mitarbeiter darum, Zulieferer, allen voran regionale Landwirte, zu finden, die entsprechenden Bestellungen aufzugeben und die Produkte ranzuschaffen. Dies geschah – etwas anderes stand nicht zur Verfügung – mit dem privaten PKW.

 

Mit selbstgemachten Faltblättern auf Dresdner Stadt- und Stadtteilfesten wurde auf den neuen Ladentyp aufmerksam gemacht, und die Gemeinschaft wuchs schnell an: In der Barockstadt schien es also einige Nahrungsmittel-Romantiker zu geben. Schnell mussten Barbara Rische und ihre Mitstreiter lernen, mit dem Erfolg ihrer kleinen Organisation umzugehen – gerade, weil es auch bei steigenden Mitgliederzahlen basisdemokratisch zugehen sollte. Selbst wenn die Basis nicht immer recht wollte: „Am Anfang war ich frustriert, dass von den Mitgliedern nur wenige wirklich aktiv waren. Man dachte ja immer, wer Mitglied ist, müsse sich auch einbringen. Dann merkt man halt, dass das so nicht funktioniert.“ Ebenso mussten die Initiatoren lernen, mit einer sich nach und nach verfestigenden Hierarchie umzugehen. So musste sich Barbara Rische erst daran gewöhnen, dass man sie plötzlich allen Ernstes als „Chefin“ ansah – wo man dergleichen doch früher nur der Heiterkeit wegen gesagt hatte.

 

Der Erfolg brachte noch weitere Herausforderungen mit sich: Bald wünschten sich tüchtige VG-Mitglieder auch in anderen Stadtteilen Dresdens ähnliche Läden, zuallererst in der Neustadt. Wie aber expandiert man, wenn man auf Vergrößerung gar nicht aus ist und ein Masterplan fehlt? Und wie verhindert man dabei, dass die bisher so tragfähige Struktur überstrapaziert wird? Einfach machen (lassen)! So wurde die Initiative den interessierten Personen zunächst selbst anvertraut: „Das waren Leute, die bei uns nicht nur Mitglied waren, sondern in der Regel auch schon länger für uns arbeiteten. Als es dann aber entsprechend konkret war, die Räumlichkeiten gefunden waren, sich ein aktiver Unterstützerkreis zu erkennen gab, haben wir das natürlich unterstützt“, erklärt Barbara Rische. Die interne Demokratie lieferte hier wie bei allen wegweisenden Entscheidungen der VG den nötigen Rückhalt ebenso wie ein Korrektiv: Erst nach mehreren Mitgliederbefragungen und zwei Versammlungen, auf denen die Risiken und der notwendige Ressourcenbedarf gegen die Vorteile einer Vergrößerung abgewogen wurden, trieb man das neue Ladenprojekt voran. Mitglieder stellten Kleinkredite zur Verfügung oder zeichneten zusätzliche Genossenschaftsanteile; einen Restbetrag lieh man sich bei der GLS Gemeinschaftsbank. Wegen dieser der VG eigenen Spielart von Wachstum, die Bedarf nicht künstlich weckt, sondern sich an vorhandenen Bedürfnissen orientiert, eröffnete der dritte Laden auch erst im September 2011 – über 20 Jahre nach dem ersten Geschäft im alten Barockhaus. Ergänzt werden die drei Niederlassungen durch einen Naturwarenladen, eine Bäckerei und ein Bistro.

 

Bis heute betreibt die Verbrauchergemeinschaft für ihre mittlerweile rund 7 000 Mitglieder keine typischen Hochglanz-Bioläden. In keiner der VG-Filialen entspricht die Kleidung der Mitarbeiter irgendeinem Corporate Design, und nach hippen Werbeslogans sucht man vergeblich. Dafür kann es schon mal passieren, dass die Kassiererinnen etwas zu authentisch, die Regale leer oder die Wartezeiten an der Kasse länger sind: nicht jede ist mit einem Rollband ausgestattet. Dazu müssen einige Artikelnummern für lose Lebensmittel von der Kundin selbst notiert und dem Kassierer angesagt werden. Und weil in der VG alles eher gelassen zugeht, kommt auch die Öko-Philosophie nicht verkrampft und 100-prozentig korrekt daher. Den Mitgliedern wird ein gewisser Grad an Freiheit zugestanden: Die Bio-Zwiebel darf im Winter schon mal aus Ägypten und die Bananen aus Ecuador kommen. Wer unbedingt will, kann auch eine Bio-Tiefkühlpizza kaufen und sein Obst in Plastiktüten nach Hause tragen. Und weil das Hardcore-Ökos mitunter zu lasch und pragmatisch ist, finden sich im Gästebuch auf der Internetseite schon mal motzende Einträge.

 

Die Gemeinschaft beschäftigt inzwischen, Azubis eingeschlossen, 80 festangestellte Mitarbeiter und rund 40 Aushilfskräfte. Dabei ist die VG auch ein Raum für untereinander bekannte und befreundete Bürger geworden: Man erkundigt sich nach dem Befinden, schwatzt und verabredet sich, macht gemeinsame Ausflüge zu den regionalen Produzenten. Dabei entsteht eine belastbare Solidarität: Als während des Elbehochwassers 2013 viele der bäuerlichen Lieferanten geschädigt wurden, halfen die städtischen VG-Mitglieder tatkräftig. Diese innere Verbundenheit, der pragmatische Umgang mit den Läden und die langsame Weiterentwicklung des Konzepts lassen die Bio-Verbrauchergemeinschaft im Ergebnis weitaus zukunftsfähiger scheinen als das Big Business der Nahrungsmittelversorgung mit seinen Antipasti-Bars, Frischemärkten und erlesenen Weinen. Vielleicht ist die Ökogemeinschaft nicht immer so romantisch, wie sie hier scheint; in jedem Fall aber orientiert sie sich an Prinzipien, wo andere Trends hinterherhecheln und Marketinghülsen befüllen.

Erik Fritzsche