Frequenz einer kleinen Stadt

Zumeist ehrenamtliche Radiomacher gestalten Weimars nichtkommerziellen Radiosender. RADIO LOTTE ist ein Beispiel für ein Bürgerradio. Eines mit einem eigenen Tempel.


Das Städtchen Weimar, der Schauplatz der zu berichtenden Ereignisse, liegt mitten in Thüringen. Diese Geschichte erzählt vom Mitmachen und Zuhören und beginnt an einem belebten Platz im Stadtzentrum. Zwischen Bänken, Bäumen, Haltestellen und Bratwurststand wirbelt ein laues Lüftchen die Sprachen der französischen, italienischen und amerikanischen Touristinnen durcheinander. Am Rande des Gewühls aus Menschen und Bussen steht ein kleines Haus, ein Tempel. Ionische Säulen schmücken seinen Balkon und die Farbe weist altroséfroh auf die Blumen vor seinen Fenstern hin. Das Stimmengeplauder und Geschehen um ihn herum sind sein Lebenselixier. Denn in diesem imposanten Gebäude residiert das lokale Bürgerradio. Von den Hausherren dieses Tempels und ihrem Stadtradio wird im Folgenden zu berichten sein.

 

Über 120 Hausherren und -damen hat der prachtvolle, dreigeschossige Tempel zumindest theoretisch, aber nicht alle sind vor Ort. „Wenige arbeiten von hier aus, manche sind gerade in Istanbul, von wo wir derzeit auch senden“, erzählt David Groher, ein schlaksiger Student der Bauhaus-Universität mit rotem Shirt. Die meisten hier sind wie Groher ehrenamtlich tätig, nur sieben sind festangestellt. Die dunklen Holzdielen knarren, als er in den ersten Stock führt. Die Stadt Weimar hat das ganze Gebäude seinen Radiomachernverpachtet und zollt damit dem Sender Respekt. „Hier bleiben wir jetzt für immer“, lacht Chefredakteur Shanghai Drenger, der schon lange dabei ist.

 

Am 21. August 1999 ging RADIO LOTTE erstmals „on air“. An diesem Tag erhielten zehn Personen die Lizenz zur Gründung eines nichtkommerziellen Hörfunksenders. Da ein solcher werbefrei ist, drängt sich die Frage nach der Finanzierung auf: „Wenn mich Leute darauf ansprechen, dann sage ich immer erst einmal: zaubern“, scherzt Detlef Fengler, der von Anbeginn bei RADIO LOTTE tätig ist. Aus Erfahrung weiß er, dass die Finanzierung von LOTTE, wie alle hier den Sender liebevoll nennen, nie ganz sicher und im Wesentlichen von Geldern verschiedener Quellen abhängig ist: des Arbeitsamts, der Thüringer Landesmedienanstalt, der Stadt Weimar, Projektgeldern und Einnahmen aus dem Lotte Club. Einem Förderverein ähnlich, versammelt dieser schon mehr als 550 Unterstützer, denen der Radiosender mindestens 30 Euro im Monat wert ist. Mit dieser Art freiwilliger GEZ-Gebühr finanzieren sie so den Journalismus, den sie haben wollen.

 

Warum sie damals LOTTE gründeten, weiß Detlef Fengler noch ganz genau: „Uns ging es darum, Mittler in dieser Stadt zu sein.“ Er war früher Sozialarbeiter, doch er wollte wirklich etwas verändern, suchte neue Herausforderungen und wurde Manager bei RADIO LOTTE. „Mit einem Radio kann man seine Stadt gestalten und Gemeinwesenarbeit machen“, erklärt er begeistert. Denn das Weimarer Bürgerradio sei auch eine Kommunikationsplattform, über die man Entscheidungsträger, Engagierte und Einwohnerinnen zusammenhole, die sonst nicht aufeinandertreffen würden. So geschieht es zum Beispiel, wenn es um die Integration von Geflüchteten in Weimar geht: LOTTE redet mit allen Beteiligten und macht das Thema zum Stadtgespräch – Diskurs ist schließlich die Voraussetzung für Veränderung.

 

Lebhaft diskutiert wird auch in der Redaktionssitzung, zu der sich die Radiomacherinnen und -macher im Senderaum, dem Herzstück von RADIO LOTTE, eingefunden haben. Durch hohe Fenster fällt Licht von allen Seiten ein. An der Wand hängen ein Putzplan und ein Ensemble von  Auszeichnungen. Eine Kaffeemaschine brüht blubbernd. Sieben Schreibtische sind so arrangiert, dass beim Arbeiten ein kommunikatives Miteinander  entstehen kann. Entspannte Geschäftigkeit kennzeichnet die Atmosphäre. Unübersehbarer Blickfang im Raum ist aber der moderne Glaskubus in der Ecke. In seinem Inneren sind zahlreiche Kabel, Schalter, Pulte und Mikrofone. Ein Moderator spricht, die Anzeige „On Air“ leuchtet rot. Ausgerechnet ein kleines, unauffälliges Küchenradio bringt – inmitten der professionellen Technik – das gerade Eingesprochene zu Gehör: die Nachrichten.

 

Das Programm des täglichen Radiobetriebs wird von einem auffallend jungen Team gestaltet. Neben zahlreichen Praktikanten arbeiten hier junge Ehrenamtliche und freie Mitarbeiterinnen. Andere, die schon Jahre dabei sind, machen nur rund ein Viertel aus. Viele probieren sich aus, gehen wieder, Neue kommen und bringen frische Ideen mit. „Das ist eine Herausforderung und Chance zugleich“, bestätigt Fengler. Bei Bürgerradios wie RADIO LOTTE kann jeder mitmachen. So bekommen neben den Rundfunkprofis auch Amateure oder Quereinsteiger die Chance zum Moderieren, Recherchieren und Musikzusammenstellen. Michael Tuscher, ein Uni-Absolvent aus dem benachbarten Jena, erzählt von der besonderen Arbeitsatmosphäre, die es jedem ermögliche, sich in allen Bereichen auszuprobieren. Er selbst sei sogar schon CvD, Chef vom Dienst, gewesen und habe dabei viel lernen können. „Eine Mitarbeit bei RADIO LOTTE ist von 2,5 Minuten bis 40 Stunden pro Woche möglich“, sagt Shanghai Drenger schmunzelnd. Er weiß, dass LOTTE nicht nur Einblicke in das Radiomachen bietet, sondern auch das Rüstzeug dazu vermittelt. Jeder kann die vorhandene Infrastruktur aus Technik und Wissen nutzen, die das Bürgerradio zur Verfügung stellt. Letztlich erlaubt diese Zugänglichkeit, dass aus nur konsumierenden, passiven Hörerinnen aktive und kritische Sendemacherinnen werden.

 

Das so entstandene Material von LOTTE dürfen auch andere Bürgerradios verwenden. Und so ist der kleine Sender Weimars ein nationales Ereignis, und seine Zuhörerschaft spricht auch bayerisch und norddeutsch. Das ergibt sich, weil sich Bürgerradios untereinander vernetzen. Bis zu 28 weitere Sender strahlen LOTTEs Beiträge aus. Auch jene über den NSU-Prozess sind überregional zu hören, denn in München erhielt der Weimarer Sender einen von 50 heiß begehrten Presseplätzen. Bürgerradios sind die dritte Säule des Rundfunksystems, neben den öffentlich-rechtlichen und privaten Medien. Wo andere Radios nur punktuell über Lokales berichten, füllen sie eine wichtige Lücke. LOTTE behandelt entsprechend oft Themen, die sonst nur am Rande vorkommen und die die Weimarer ihrem Radio mitteilen. Und weil jeder mitmachen kann, ergibt sich auch eine größere Vielfalt an Inhalten.

 

Gerade wurden in der Redaktionssitzung die aktuellen Themen geklärt: von der Situation der Hausbesetzer in der Gerberstraße bis zum Neubau des Bauhaus-Museums. Alle Beiträge folgen Spuren in Weimar und Umgebung. „Unsere Geschichten liegen quasi auf der Straße“, wird Shanghai Drenger später auf dem Balkon des Tempels mit grünem Grasteppich sagen und dabei auf den belebten Goetheplatz blicken.

 

Zu Planeten, Sternen und guter Musik lädt Radio LOTTE im Sommer ein. Einen Raketenstart will man feiern, denn in der Zukunft hat man Großes vor. Rund um die Uhr wird man dann senden, weit mehr als die bisherigen 72 Stunden pro Woche. Die Lizenz hierfür wurde bereits erteilt und das Konzept für das künftige Vollprogramm steht. Und so kündet das Radiosignal aus dem Tempel auch künftig von Lottes Flug zu den Sternen.

Kristina Fromm