Künstlerische Ressourcen

Pablo Wendels Kunstwerke können Dinge neu aufladen: vermeintlich vertraute Begriffe mit neuen Bedeutungen genauso wie elektrische Geräte mit Strom, den sie aus Wind, Sonne und Bewegung gewinnen. So transformiert sein kleines Unternehmen Performance Electrics nicht nur Energie, sondern auch das Denken.


Schon von weitem ist sie erkennbar, die Produktionsstätte von Performance Electrics auf dem Kulturareal der Stuttgarter Wagenhallen. Vor dem Tor stehen große Metallskulpturen, auf deren eisernen Streben geneigte Solarmodule angebracht sind. Sie erinnern an zerbrochene, rotweiß lackierte Eiffeltürme. Tatsächlich bestehen sie aus alten Hochspannungsmasten, wie der Künstler erklärt, ein zierlicher Mann mit dunkelblonden Haaren, Mitte 30. Sein Büro befindet sich im Inneren der Halle, in luftigen fünf Metern Höhe.

Was Pablo Wendel zu erzählen hat, ist alles andere als abgehoben. Alle seine Kunstwerke und -aktionen kreisen um das Thema Strom und Energie. Das Besondere dabei ist, dass sie wirklich funktionieren; sie erzeugen tatsächlich Strom, und ist die Menge noch so klein. Ein Ingenieur würde Wendel natürlich einen zu geringen Wirkungsgrad vorwerfen, aber auf so etwas nicht achten zu müssen, darin bestehe eben seine künstlerische Freiheit, erläutert Wendel. Er hat auch noch handfestere Einwände gegen das Argument mit dem Wirkungsgrad parat: So habe Performance Electrics eine extrem gute Energiebilanz. Das Büro sei zum Beispiel – wie auch die meisten Kunstwerke – komplett aus recycelten Materialien hergestellt; das müsse man auch sehen.

Der Energiebegriff sei überhaupt ganz anders zu denken, findet er. Energie gäbe es schließlich überall. Ein Effizienzproblem bestehe nur bei bestimmten Brennstoffen und Technologien. Viele Energieformen werden ständig „verschwendet“, einfach freigesetzt und nicht weiter genutzt. Bewegungsenergie zum Beispiel. Um darauf aufmerksam zu machen, ließ Pablo Wendel den Windskulpturenpark „Offroad“ an einer Autobahn bauen. Die selbstgebauten Turbinen funktionierten ganz regulär, wandelten also Wind in Strom um. Die aus Autobahnpfosten gefertigten Rotorblätter rückten aber noch eine ganz andere, bislang vollkommen unerschlossene Energiequelle ins Bewusstsein: den Straßenverkehr selbst, also die Bewegung der Fahrzeuge.

Bewegungsenergie entsteht so gut wie überall – selbst wenn die Zeiger von Kirchturmuhren vorrücken. Bei der Guerilla-Aktion „twenty-four/seven“ zapften Pablo Wendel und sein Team einmal probeweise die Uhr der Stuttgarter Kirche St. Konrad an, indem sie für einige Stunden einen Generator anschlossen. Eine Minidosis Strom wurde ins öffentliche Netz gespeist, der Rest reichte immerhin für ein paar kleine Taschenbatterien. Die Installation war natürlich nicht genehmigt, aber das machten Wendel und seine Leute durch professionelles Auftreten inklusive Bauuniformen und Hebebühne wett. Der Hausmeister bot ihnen sogar an, das Geläut abzustellen, weil er die Truppe für reguläre Handwerker hielt. Wendel lacht, als er die Geschichte erzählt. Der Ingenieur würde auch hier einwenden, dass sich das alles gar nicht lohne – allein schon der energetische Aufwand mit dem Krahn. Aber den brauche man ja nur einmal und dann müsse man sich mal vorstellen, wie lange so eine Kirche steht und wie viele es davon in Deutschland gibt!

Man merkt, dass Pablo Wendels künstlerischer Blick weiter reicht als der eines durchschnittlichen Umwelttechnikers. Der denkt beim Stichwort regenerative Energien wohl vor allem an die natürlichen Ressourcen Wind, Sonne und Wasser. Doch die Projekte und Aktionen von Performance Electrics produzieren eben keinen Naturstrom, sondern „Kunststrom“. Den kann man, und das ist der eigentliche Clou daran, auch ganz regulär für den Haushalt abonnieren. Performance Electrics speist direkt ins öffentliche Netz ein und ist dadurch nicht nur Kunstprojekt, sondern zugleich eine kleine Firma. Über 20 Kunden hat sie mittlerweile. Etwa ein Drittel mehr als bei einem konventionellen Anbieter kostet es, den Strom von Performance Electrics zu beziehen, aber dafür sponsert man mit dem Geld weitere Kunstprojekte.

Die Sache mit der Kirche macht noch etwas anderes deutlich: Nicht jede Form der Weltgestaltung ist vom Kosten-Nutzen-Prinzip bestimmt. Unter Effizienzgesichtspunkten ist der Bau einer prachtvollen Kirche schließlich absurd. Wendels Grundfrage aber lautet: Wie wollen wir leben? Womit wollen wir uns umgeben? Gerade das Feld der erneuerbaren Energien dürfe man nicht den Technokraten überlassen. Stattdessen könnten beispielsweise in die Planung von Windparks auch Landschaftsarchitektinnen miteinbezogen werden, die ästhetische Gesichtspunkte mitberücksichtigten, findet Wendel.

Gestaltung hat für Pablo Wendel viel mit Autonomie zu tun. Die Idee zu Performance Electrics kam ihm in einer künstlerischen Krise vor einigen Jahren, die zugleich eine persönlich-existenzielle war: Woher kommt meine Miete? Wer bezahlt meine Stromrechnung? Wie geht es überhaupt weiter mit der Kunstfreiheit? In solchen Momenten werden einem Abhängigkeiten besonders bewusst. Seither versucht Wendel sie ein Stück weit abzubauen. Nicht von ungefähr bestehen etwa seine Solarmodulskulpturen aus fragmentierten Strommasten: Der Witz an Sonnenenergie ist schließlich, dass sie ohne zentrale Steuerung durch die Energieriesen funktioniert. Per Modulwechselrichter lässt sich der durch so eine Solarskulptur gewonnene Strom von zuhause aus ins Netz einspeisen – einfach per Steckdose.

Dass man Strom selbst herstellen kann, das versucht Performance Electrics auch durch Bildungsarbeit zu vermitteln. Im Projekt „Testudo Solaris“ bauten Pablo Wendel und sein Team mit hunderten von Schülern Schilde aus Solarmodulen, die die Jugendlichen sprichwörtlich für die Zukunft wappnen sollten: „Nach anderthalb Wochen Workshop hatten die Schüler ein Grundverständnis für die Technologie. Die müssten sich noch mal zwei Wochen damit beschäftigen und wären in der Lage, ihre Energieversorgung für die nächsten 30 oder 40 Jahre selbst zu löten“, schwärmt Pablo Wendel begeistert.

Großkonzerne sieht Wendel kritisch, mit kleinen und mittelständischen Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien arbeitet Performance Electrics dagegen zusammen. Hier erweist sich sein Standort im provinziellen „Musterländle“, in dem traditionell eher Tüftlergeist als künstlerischer Genius weht, als echter Vorteil. Denn so kunstfeindlich man sich in Stuttgart bisweilen gibt, so hilfsbereit sind die Schwaben, sobald es um Technisches geht. Die Betriebe unterstützen Performance Electrics vor allem mit Knowhow, erzählt Wendel: „Wir haben Firmen, die schicken uns ihren Meister vorbei, und der sagt dann: Schaut, das könnt ihr doch zum Beispiel so und so machen.“

Auch die Solarmodule für sein aktuelles Skulpturenprojekt verdankt Wendel seinen Industriekontakten – und einem Hagelschaden: „Die waren alle versicherungstechnisch abgeschrieben.“ Dabei haben die Module noch einen Leistung von über 90 Prozent, wenn man die Oberflächen neu versiegele. Das Laminiergerät dafür hat Performance Electrics selbst gebaut – aus einem Dutzend Bügeleisen, Folie und der Vakuumpumpe eines alten Kühlschrankaggregats. Was aussieht wie eine surrealistische Plastik oder ein irres Nerd-Spielzeug, ist tadellos einsatzfähig. Der Beweis dafür steht auf dem Hof. Dort blitzen die neu versiegelten Solarmodule in der Sonne, die hier im Süden ordnungsgemäß warm vom Himmel brennt.

Karoline Walter