Der Himmel über Rostock

In Rostock haben Nerds ein Kommunikationsnetz für Bürger aufgebaut, das Geheimdienste und kommerzielle Datennutzer ausschließt. Weil Router geteilt werden, spart das auch noch Ressourcen – zumindest perspektivisch.


Christian Wedell schließt den winzigen, runden Tresor neben der Haustür auf: Darin liegt der Schlüssel, der ihm den Zugang zum Dach des zwölfstöckigen Wohnhauses öffnet. Mit dem Fahrstuhl hinauf, ein paar Schritte über die Dachpappe und eine steile Leiter empor – dann ist er am Ziel: An einem Mast hängen wokgroße Satellitenschüsseln, an Neonröhren erinnernde Stabantennen sowie mehrere weiße Kästen, die etwas größer und dicker sind als Schokoladentafeln: Router für Rostocks Opennet Initiative e.V.

Von hier oben hat man eine weite Sicht bis nach Warnemünde, wo ebenfalls eine Weiterleitungsstation für Funksignale auf einem Dach installiert ist – genau wie auf zahlreichen Universitäts- und Wohngebäuden, auf einem Kraftwerk und auf Häusern in rund zehn Dörfern der Umgebung. Zusätzlich haben mehrere Dutzend Rostocker die rund 83 Euro teuren Router in ihre Fenster gehängt und versorgen so sich selbst, andere Vereinsmitglieder und an einigen Stellen auch die öffentliche Umgebung mit Signalen.

Begonnen hat es vor zehn Jahren. Fast zeitgleich kamen in Rostock, Berlin, Weimar und Leipzig Tüftler auf die Idee, Bürger-Kommunikationsnetze in ihren Städten aufzubauen, die sich später zur Freifunk-Bewegung zusammenschlossen. In Rostock waren es ein paar Universitätsmitarbeiter und Studierende, die sich ärgerten, dass das Internet an der Hochschule viel schneller lief als bei ihnen zu Hause. Warum nicht die raschen DSL-Anschlüsse aus erschlossenen Gebieten wie der Albert-Einstein-Straße bis in ihre Stadtteile Kröpeliner-Tor-Vorstadt und Hansaviertel verlängern, wo es nur langsame ISDN-Angebote gab?

Bald lief die Sache – und das Netz begann zu wachsen. Praktisch war, dass die Nerds auch private Kontakte zu den Computerfachleuten in Firmen und öffentlichen Einrichtungen hatten, die ihnen halfen, auf den dortigen Dächern Gerätschaften aufzubauen. Außerdem sorgt die Anbindung an die Glasfaserkabel der Hochschulgebäude für schnelle Übertragungszeiten und große Kapazitäten.

Jeden Montagabend versammelt sich eine meist reine Männergruppe um einen Holztisch in einem winzigen, schmucklosen Raum im Kulturzentrum Frieda 23 – natürlich direkt unterm Dach, ganz nah am Router. Heute sind rund zwölf Freaks erschienen. Die meisten sind Informatiker zwischen 20 und 50 Jahren, aber auch Leute wie der Philosoph und Historiker Christian Wedell gehören dazu. „Als wir anfingen, dachten wir, dass Opennet auf zwei oder drei Jahre hin angelegt sein würde. Damals ging es vor allem um den Mangel an schnellen und bezahlbaren Internetzugängen für alle“, fasst der 37-jährige Informatiker Mathias Mahnke zusammen, der einen roten Kapuzenpulli mit Opennet-Logo trägt und von Anfang an dabei ist.

Inzwischen ist das Hauptthema die Kommerzialisierung privater Daten und die Überwachung durch Geheimdienste, von der Opennet befreien will. Weil die rund 150 Vereinsmitglieder über nur drei Server in der Stadt ins Internet gehen, ist eine Zuordnung ihrer Daten zu einzelnen Nutzern ausgeschlossen. Auch die Software, die in den Routern läuft, ist Open Source, sodass hier garantiert niemand eine Hintertür eingebaut hat, durch die sich Informationen ausspähen lassen. „Für uns haben die Erfahrungen aus der Anfangszeit zu einem Aha-Effekt geführt: Man muss Dinge selbst in die Hand nehmen und die Kontrolle zurückgewinnen“, bilanziert Mahnke.

Wissen teilen und demokratisieren ist ein zentraler Wert in der Szene. Deshalb dokumentieren die Rostocker ihre Technik für alle Welt sichtbar auf ihrer Homepage, einem Wiki, das jeder nutzen und weiterentwickeln kann. Außerdem helfen sie, wenn jemand eine Freifunk-Station aufbauen will oder im Alltag Schwierigkeiten mit deren Nutzung hat. Und sie unterstützen ähnliche Projekte in anderen Städten. „Die Saat, die wir vor zehn Jahren gelegt haben, ist aufgegangen: Im Abstand von 1oo Kilometern findet man heute überall in Deutschland Freifunknetze“, erzählt Mahnke. Auf diesen Freifunk-Inseln herrscht das Ideal des Internets als Gemeingut: dezentral und von unten kontrolliert, ohne Hierarchien und kommerzielle Ausbeutung.

„Es wäre cool, wenn die Netze zusammenwachsen würden und das Internet unabhängig von den großen Providern würde“, träumt der 32-jährige Informatiker Robert Waltemath. Das sei nicht nur aus Datenschutzgründen wünschenswert, sondern sorge für demokratische Strukturen, argumentiert er. Bei kommerziellen Anbietern lassen sich nämlich Daten aus dem Internet wesentlich schneller herunter- als hochladen; die Rolle der passiven Konsumentin ist so von Vornherein in die Technikstruktur eingeschrieben. Die Graswurzler dagegen wollen, dass jeder sowohl die Rolle des Senders als auch der Empfängerin einnimmt: ein Netz von Gleichberechtigten.

Natürlich machen sich die Opennet-Aktivisten auch Gedanken, was ihr Tun für die Umwelt und die weltweiten Arbeitsbedingungen bedeutet. Wie alle Router werden auch ihre bisher unter miesen Bedingungen in Asien hergestellt. Darüber hinaus enthalten sie Seltene Erden, bei deren Gewinnung giftige und teils sogar radioaktive Schlämme entstehen. Doch immerhin teilen sich im Opennet viele Menschen ein Gerät, so dass in der Summe weniger Equipment gebraucht wird als im konventionellen Betrieb mit einem Router pro Haushalt. Auch mit Solar- und Windstrom haben sie schon einmal experimentiert. „Aber da fehlt es an Machern, nicht an Möglichkeiten. Wenn jemand das aber übernehmen will, sind wir natürlich ganz offen“, sagt Mahnke.

Hierarchiefreie und ineinandergreifende Netze auch auf sozialer Ebene – das ist am Holztisch im Dachgeschoss von Frieda 23 das Ideal. Fast jeder hier engagiert sich auch noch in anderen Initiativen in Rostock – sei es beim Lokalradio Lohro, in der lokalen Transition-Town-Gruppe, der Food Coop, beim Interkulturellen Garten oder der Solidarischen Landwirtschaft. Klar helfen die Technikfreaks auch, wenn dort irgendetwas mit Computern zu tun ist. „Wir sind Teil einer großen Bewegung, in der es um Redezentralisierung geht“, schwärmt Robert Waltemath. Dass der Spaß beim Opennet bis heute nicht verloren gegangen ist, führt Mitgründer Mahnke vor allem darauf zurück, dass es immer eine kritische Masse von Aktiven gegeben hat: So findet sich für jede Aufgabe jemand, ohne dass einzelne ständig überlastet werden.

Gerade ist es zum Beispiel Christian Wedell, der recht viel Zeit hat, sich zu engagieren: Vor zwei Monaten hat er sein Studium beendet, doch sich gleich in den Schuldienst zu stürzen, dazu hat er keine Lust und jobbt erst einmal eine Weile. Nächste Woche wird er wieder auf das Hochhausdach in der Ziolkowskistraße klettern. Zusammen mit einem Kollegen will er von dort aus eine Funkverbindung schaffen zwischen einer freien Schule und der dazugehörigen Kita, deren Gebäude ein paar hundert Meter voneinander entfernt liegen. Das wird dem für die Computernetze in beiden Institutionen zuständigen Administrator nicht nur im Alltag einige Arbeit ersparen. Auch einer der beiden Server wird damit überflüssig und kann anderswo eingesetzt werden.

 

Annette Jensen