Zockerfreie Zone

Die GLS Bank arbeitet völlig transparent: Jeder Kunde kann sehen, wer wofür einen Kredit bekommt. Ziel der Bank ist es, ausschließlich sinnvolle Betriebe und Projekte zu finanzieren.


Es gibt in Deutschland eine bundesweit agierende Bank, die nicht zockt. In der Finanzkrise 2008 hat sie keinen Cent verloren. Auch sagt sie ihren Kunden – anders als andere Kreditinstitute –, was mit deren Sparguthaben genau passiert. Der Zinssatz für Einlagen ist marktüblich, kann aber von den Kunden und Kundinnen freiwillig gesenkt werden. Niemals würde die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) Atomkraftwerke, Rüstungsgüter oder Massentierhaltung finanzieren. Weil das vielen Menschen gefällt, erlebt das Finanzhaus mit dem ungewöhnlichen Namen seit Jahren einen immer rasanteren Zulauf.

 

Die Geschichte beginnt bereits Mitte der 1950er-Jahre. An den Rechtsanwalt Wilhelm Ernst Barkhoff wendet sich eine Elterninitiative, die im Ruhrgebiet eine Waldorfschule aufbauen will. Weil Privatschulen noch keine staatlichen Zuschüsse erhalten, fehlt ihnen aber vor allem eines: Geld. Keine Bank will einen Kredit geben. Da ersinnt der Advokat einen Plan: Die Eltern sollten ihre Konten alle bei einer Bank einrichten und ihr Guthaben als Sicherheit einsetzen. Tatsächlich erhält der Schulverein auf diese Weise schließlich ein Darlehen von der Commerzbank.

 

Durch dieses Mandat wird Wilhelm Ernst Barkhoff um eine für sein weiteres Leben zentrale Erfahrung bereichert: Wenn Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen und dafür ihre finanziellen Kräfte bündeln, können sie sehr viel bewegen. In einer Rede sagt er einmal: „Früher war Helfen das Privileg der Reichen. In einem demokratischen Staatswesen hat jeder dieses Privileg.“

 

Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Nach unterschiedlichen Experimenten gründet Barkhoff 1961 eine stiftungsähnliche Einrichtung, die GLS Treuhand, und 1967 eine „Kreditgarantiegenossenschaft“. Rund 1.000 Menschen im Ruhrgebiet beteiligen sich daran. Die Organisation übernimmt Bürgschaften für gemeinnützige Vereine und andere Einrichtungen, die bei jeder konventionellen Bank abblitzen würden. 1974 schließlich ruft Barkhoff die GLS Bank ins Leben, auch sie als Genossenschaft organisiert.

 

Die Methoden des Geldhauses sind für die Branche sehr ungewöhnlich: Weder ist es Ziel der GLS Bank, möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, noch residiert die Bank in einem protzigen Glaspalast; sie hat ihren Sitz in einem ökologisch sanierten Gebäude im Bochumer Kreativviertel. Finanziert werden vor allem Schulprojekte, ökologische Hausgemeinschaften, Bioläden und Biobauernhöfe – zunächst vorwiegend mit anthroposophischer Ausrichtung –, aber auch soziale Projekte wie Frauenhäuser oder Behinderteneinrichtungen. Bald werden regenerative Energien als weiterer Schwerpunkt hinzukommen.

 

Der erste Lehrling ist der heutige Chef der GLS Bank: Thomas Jorberg. Der liebt seinen Beruf. „Ein Banker ist ein Möglichmacher: Wir bringen das Geld, das Leute zeitweise übrig haben, irgendwohin, wo es gebraucht wird, um damit dann etwas Sinnvolles zu gestalten“, sagt der 55-Jährige mit dem wohlwollenden Lächeln. Geld ist für ihn ein Instrument – eine „geniale Erfindung“. Richtig genutzt kann es viel Sinnvolles bewirken, schlecht eingesetzt völlig destruktiv sein. Leider sei das Kreditwesen heute überwiegend durch „systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit“ gekennzeichnet, so Jorberg.

 

Provisionen oder leistungsabhängige Boni gibt es bei der GLS Bank nicht, dafür steigt das Gehalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn sie Kinder zu versorgen haben. Und während andere Bankdirektoren mehrere Millionen Euro im Jahr abschleppen, gibt sich der GLS-Chef mit weniger als dem Zehnfachen eines Berufsanfängers in seinem Haus zufrieden. Die Beschäftigten der Bochumer Zentrale können ihre Mittagspause im idyllischen Garten hinter dem rot gestrichenen Bankgebäude verbringen. Hier und in den inzwischen sechs Filialen arbeiten insgesamt rund 400 Menschen, die mehr als 110.000 Kunden betreuen.

 

Drei bis vier Mal jährlich veröffentlicht das Geldhaus die Zeitschrift Bankspiegel, in der nachzulesen ist, welche Kredite im letzten Quartal vergeben wurden. So bekam 2011 zum Beispiel das Archiv der Jugendkulturen in Berlin eine Zwischenfinanzierung in Höhe von 50.000 Euro für diverse Projekte und die Solargemeinschaft Raphael in Neuenrade 13.634 Euro. Darlehen an Privatpersonen weist die Zeitschrift zusammenfassend aus. „Transparenz ist die Voraussetzung, damit die Kunden verantwortungsvoll mit ihrem Geld umgehen können“, meint Jorberg. Zugleich unterhalten sich die GLSler auch intensiv mit den Kreditnehmern. „Wer von uns Geld will, muss die Welt nicht nur retten wollen, sondern auch glaubhaft machen, dass er es kann.“ Die Kosten für Kredit- und Guthabenzinsen liegen bei der GLS Bank im Branchendurchschnitt, und Geld vom eigenen Girokonto kann man bundesweit an etwa 19.200 Automaten gratis aus der Wand ziehen.

 

Wer Genosse und damit Miteigentümer der Bank werden möchte, ist mit 500 Euro Mindesteinsatz dabei und erhöht so das Eigenkapital des Geldinstituts. Auf der jährlichen Generalversammlung hat jedes Mitglied eine Stimme – egal, wie viele Anteile er oder sie besitzt; insofern ist auch ausgeschlossen, dass die GLS Bank von einem Großinvestor umgepolt wird. „Das Ziel des Zusammenschlusses ist gegenseitige Hilfe, nicht die Gewinnerzielung für ein einzelnes Mitglied oder für die Genossenschaft“, heißt es in der Satzung. Bis vor kurzem gab es nie eine Dividende – und wer will, kann auch in Zukunft darauf verzichten und das Geld der GLS Bank Stiftung spenden. Die hat die Aufgabe, sich für politische und rechtliche Rahmenbedingungen einzusetzen, die ein „auf den Menschen ausgerichtetes Bankwesen“ fördern.

 

Neben dem normalen Bankgeschäft existiert unter dem Dach der GLS Bank auch weiterhin die von Barkhoff geschaffene GLS Treuhand. Sie bringt betuchte Menschen mit solchen zusammen, die sinnvolle Projekte planen, aber nicht ausreichend Geld zur Verfügung haben. Die Organisation versteht sich als Beraterin und Vermittlerin für solche Förder-, Schenk- und Vererbungsaktionen. Das Spektrum reicht von Stipendien für angehende Ärzte über Hilfe für nepalesische Biobauern bis hin zur Förderung der Produktion von Broschüren, die möglichst vielen Leuten den Stromwechsel schmackhaft machen sollen.

 

Wohl bei keinem überregionalen Finanzinstitut ist die Identifikation der Kundschaft mit der eigenen Bank so groß wie bei der GLS Bank. Bei einer Umfrage des Aktienmagazins Börse Online gewann die Genossenschaftsbank aus Bochum den Beliebtheitswettbewerb bereits zum wiederholten Mal haushoch. Und wohl kein anderes Geldhaus in Deutschland kann sich rühmen, haufenweise Fanpost zu bekommen. 

Annette Jensen