Die Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen

Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.


Christian Felber steht gerne kopf. Wenn der Ausdruckstänzer und Ökonomie-Dozent einen Vortrag hält, beginnt er den bisweilen mit dem Kopf auf dem Boden und den Füßen in der Luft. Vielleicht liegt es ja an dieser umgekehrten Perspektive, dass der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie auch die Wirtschaft umdrehen will – weg vom Profit- und hin zum Gemeinwohlprinzip. Die Wirtschaft sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt, findet der 39-jährige Wiener.


Der Grundgedanke, nach dem der rotblonde Mann mit dem dezenten Dreitagebart die Ökonomie auf den Kopf – oder sind es die Füße? – stellen will, ist genial einfach. Der Kapitalismus, sagt Felber, fördere die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, nämlich Gier, Geiz, Egoismus, Verantwortungslosigkeit, gnadenlose Konkurrenz und Umweltzerstörung. Kein nobelpreisgekrönter Ökonom habe jemals mit einer Studie beweisen können, dass Wettbewerb die beste Methode sei, sagt er. Im Gegenteil zeigten fast 90 Prozent aller Untersuchungen aus der Spieltheorie, der Sozialpsychologie und der Neurobiologie, dass Kooperation Menschen viel nachhaltiger motiviere als Konkurrenz. Zusammenarbeit begünstige Wertschätzung, Anerkennung und gelingende Beziehungen. Konkurrenz arbeite dagegen mit Angst und Ausgrenzung.


Felber verweist auf eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Juli 2010, in der sich rund 90 Prozent der Befragten in Deutschland und Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“ wünschten. Wie wäre es also, wenn man die Sehnsucht der Menschen ernst nähme? Und die Förderung der besten menschlichen Eigenschaften ins Zentrum stellen würde? Wenn Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation und Solidarität – kurzum: das Gemeinwohl – das Ziel und der Leitstern der Wirtschaft wären? Felber sei ein „Anarchomarxist“ und „herz-jesu-marxistischer Enteignungseuphoriker“, wetterte ob solcher Fragestellungen der Chefredakteur der konservativen Wiener Zeitung Die Presse in mehreren Leitartikeln.


In seinem letzten Buch, das Anfang 2012 in einer erweiterten Neuauflage erscheint, hat Christian Felber in Zusammenarbeit mit einigen attac-nahen Unternehmen das Modell praxisnah ausgearbeitet. Ganz allein das Gemeinwohl zu definieren stehe ihm nicht an, sagt er. Das könne letztlich nur demokratisch geschehen, in einem Wirtschaftskonvent. Solange es den nicht gibt, schlägt er ein Punktesystem vor, anhand dessen gemeinwohlorientierte Betriebe ausgezeichnet werden. Pluspunkte gibt es etwa dafür, dass ein Unternehmen die Beschäftigten mitbestimmen lässt, Frauen in Führungspositionen wählt, einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region, aus Fair-Trade- oder biologischem Anbau bezieht, transparent agiert, Know-how freiwillig weitergibt oder einen Betriebskindergarten einrichtet.


Je höher die Punktzahl, desto größer könnten irgendwann einmal rechtliche oder finanzielle Vorteile sein, etwa ein niedrigerer Steuersatz oder günstigere Kredite bei der ebenfalls im Aufbau befindlichen Demokratischen Bank, schlägt Felber vor. Die verschiedenen Stufen der Gemeinnützigkeit von Firmen sollen mit handylesbaren Farbbalken und Strichcodes auf deren Produkten dargestellt werden, sodass Kunden und Käuferinnen eine klare Orientierung haben, was sie da erstehen.


Einer der rund hundert Pionierbetriebe, die Ende 2011 mit einer solchen „Gemeinwohl-Bilanz“ aufwarten konnten, ist das Beratungsunternehmen Sattler Energie Consulting aus dem österreichischen Gmunden. Die Vorlage dafür, die „Gemeinwohl-Matrix“ mit insgesamt 18 Kriterien, lieferte der Verein um Christian Felber. Der Prokurist der Beratungsfirma, Kurt Krautgartner, grübelte in einer Wochenendschicht über dem Kriterienkatalog. Bei der Energieeffizienz ist die Firma vorbildlich, in anderen Bereichen gibt es durchaus Nachbesserungsbedarf: Die Küche etwa könnte mehr Bioprodukte und der Betrieb mehr Frauen vertragen. Das Logo der Gemeinwohl-Ökonomie, ein fliegender Pusteblumensamen, ist nun auch auf der Webseite des Betriebes zu sehen.


Kopfüber haben sich Felbers Mitstreiter in das Abenteuer gestürzt, die Wirtschaft  umzudrehen. Anfang 2012 gehörten der Gemeinwohl-Bewegung insgesamt bereits rund 570 Unternehmen an, knapp 1.100 Privatpersonen und über 80 Organisationen und Vereine – darunter auch attac Österreich, dessen Sprecher Felber ist. Die meisten Unternehmen sind kleine Dienstleistungsbetriebe, aber es finden sich auch etablierte mittelständische, etwa die Sparda-Bank München mit rund 700 Beschäftigten.


Und die Bewegung breitet sich rasant aus – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und weiteren Ländern, koordiniert vom Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie in Wien. Zwei Frauen im Verein kümmern sich hauptamtlich um die Organisation, daneben gibt es zahlreiche Freiwillige, die in verschiedenen „Energiefeldern“ arbeiten.


„Das erste Dax-Unternehmen hat sich auch schon bei uns gemeldet“, erzählt Felber. Ein Millionenkonzern, der auf Gemeinwohl umstellen will? Wird der Börsenkapitalismus etwa morgen abgeschafft? Das sicher nicht, lacht er, das Unternehmen wolle bloß „in Kontakt bleiben“. Einer Aktiengesellschaft ist es zudem de facto verboten, für das Gemeinwohl zu arbeiten, da deren Vorstand per Gesetz verpflichtet ist, die Rendite anonymer und entsprechend verantwortungsloser Aktienbesitzer zu maximieren. Aber weil inzwischen auch weitsichtigere Vorstandsmitglieder darin ein Problem sähen und sich die Bewegung sehr schnell ausweite, sei er insgesamt „ziemlich optimistisch“, sagt Christian Felber.


Der Aktivist schätzt, dass sich in den nächsten Jahren „viele tausend“ Unternehmen an diesem Prozess beteiligen werden, beraten und begleitet von den Ansprechpartnern des Vereins. Auch hätten sich erste Gemeinden gemeldet, die einen „Gemeinwohl-Index“ erstellen und die Lebensqualität in ihrer Region messen wollten. Eine Landesregierung habe in Aussicht gestellt, den Prozess der Beratung und Zertifizierung zu fördern. „Vielleicht in fünf Jahren“, so Felber, werden die verschiedenen Stränge der Gemeinwohlwirtschaft so stark sein, dass man Wirtschaftskonvente in einzelnen Ländern werde abhalten können.


In Felbers Vorstellung von einer „evolutionären Demokratie“ wäre der Wirtschaftskonvent ein neuer Souverän, der Gesetze für den Übergang in eine Gemeinwohlökonomie erlassen würde. Feindliche Übernahmen, Börsenspekulation und Gewinnausschüttungen an Personen, die Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten, könnten dann verboten werden, sagt der Kopfstandfan, „alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.“ Und die Wirtschaft auf die Füße gedreht.

Ute Scheub