Alter Schwede, ist das lecker!

Zu krumm, zu dick, zu dünn oder einfach vergessen? Die CulinARy MiSfiTS entlarven landwirtschaftliche Diskriminierung und öffnen unser Herz für Sonderlinge.

Die Formulierung „Alter Schwede“ ist in unserem Sprachgebrauch nicht unüblich. Gemeinhin verwendet man den Ausdruck umgangssprachlich, um eine Dimensionierung des Gesagten vorzunehmen. Alt ist der Schwede, um den es ist dieser Geschichte gehen soll, auch, aber mit Dimensionierung hat er überhaupt nichts zu tun. Eigentlich müsste man auch eher von einer Schwedin sprechen, denn es geht um eine Kartoffel – eine alte und vergessene Art von Erdapfel. Die Geschichte handelt aber nicht nur von dieser einzelnen verlorenen Sorte, sondern von zu krummen oder zu wenig krummen, zu großen oder zu kleinen, zu dünnen oder zu dicken, zu roten oder zu grünen Gemüsesorten aller Art. Das „zu“ ist in jedem Fall der Grund für ihre Selektion. Sie erhalten den Stempel „Mängelexemplar“ und kommen nicht in den Handel – meistens landen sie sogar auf dem Müll.

An dieser Stelle beginnt die Geschichte über die CulinARy MiSfiTS – schon in der Schreibweise geht vieles kreuz und quer und passt am Ende doch. Die MiSfiTS, das sind Lea Brumsack und Tanja Krakowski, zwei Berliner Produktdesignerinnen, die im Bereich der Nachhaltigen Esskultur diplomiert sind. Gleichzeitig bezeichnet CulinARy MiSfiTS eben jenen alten Schweden und all die anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die aufgrund der genannten Besonderheiten nicht den Weg in die Gemüseregale der Supermärkte finden – alles CulinARy MiSfiTS, oder: kulinarische Sonderlinge.

„Essen ist nicht einfach nur dafür da, um satt zu werden“, das sei ihnen schon immer klar gewesen, sagt Lea Brumsack. Essen solle man phantasievoll zubereiten, bewusst zelebrieren, und vor allem genießen. Nur bei folgenden Prämissen werden keine Abstriche gemacht: Die Zutaten müssen fair hergestellt und gesund sein, und sie müssen zu gerechten Preisen verkauft werden. Dass auch nach Erfüllung dieser Bedingungen riesige Mengen essbarer Feldfrüchte zu Ausschussware werden können, reizte Anfang 2012 ihren Aktivismus und legte den Grundstein für die Geschäftsidee der CulinARy MiSfiTS und das dazugehörige Motto: Esst die ganze Ernte!

Die Tatsache, dass in Deutschland fast 50 Prozent aller landwirtschaftlicher Erzeugnisse erst gar nicht zum Verbraucher gelangen, weil sie nicht unseren Vorstellungen von Formen, Farbe und Größe entsprechen, deckt einmal mehr den verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln auf. Warum sollte eine Gurke, deren Krümmung nicht der Norm entspricht, nicht menschliche Gurkengelüste erfüllen? Und was ist überhaupt eine Gurkenkrümmungsnorm? Liegt hier tatsächlich ein ästhetischer Makel des Gemüses vor oder nicht doch ein menschlicher Makel in Form von fehlender Gehirnmasse?

Auch wenn ihre Devise „Esst die ganze Ernte!“ durch die Imperativform wie ein Appell klingt, stehen Lea und Tanja nicht mit erhobenem Zeigefinger auf einem Podest und reden über den Wahnsinn, der hinter einer Gurkenkrümmungsnorm steht. Nein, ihre Waffen sind der Kochlöffel, ein Gespür für leckere und gesunde Dinge sowie der Grundsatz, dass eine nachhaltige Esskultur möglich ist – sofern man es will. Diese Überzeugung treibt die beiden jungen Frauen an, ökologisch und fair zu leben und (auch wirtschaftlich) zu agieren. Ihr Geschäft besteht darin, sich mit Bauernhöfen der Region Berlin-Brandenburg in Verbindung zu setzen, deren Ausschussware zu kaufen und diese Produkte zu gesunder, stilvoller und schmackhafter Nahrung umzugestalten. Die Beiden wollen dabei keinen Preisrabatt auf die bäuerlichen Erzeugnisse erzielen, da sie der Meinung sind, dass auch zu stark gekrümmte Gurken oder zu knollige Kartoffeln die gleiche Masse an Arbeit – sprich Energie, Wasser und Zeit – erfahren haben wie die „normalen“. Die MiSfiTS kochen immer vegetarisch, oft auch vegan, und es gehört zum Ehrenkodex der Köchinnen, dass die Verwendung landwirtschaftlicher Sonderlinge niemals bedeutet, Vergammeltes oder Verfaultes auf den Tisch zu bringen. Ihre Köstlichkeiten verkaufen sie dann auf verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen, wie z.B. der Ethical Fashion Week oder auf Kongressen der Welthungerhilfe.

Derzeit betreiben die CulinARy MiSfiTS eine enge Kooperation mit dem Vierfelderhof in Gatow. Teilweise ernten die Küchenfrauen ihre Erzeugnisse selbst, transportieren die Ernte eigenständig und mieten sich anschließend in fremden Produktionsküchen, wie die der Markthalle Neun in Kreuzberg, ein. Dort experimentieren sie dann je nach saisonalem Ertrag und zaubern vollwertige Mahlzeiten. Lea erzählt, dass sie zur Zeit „einen Haufen Zucchini in ihrer Küche liegen“ habe, deren Verwertung noch unklar sei, sie aber mit Inspiration erfülle. Ihr fröhliches Kind Ella sitzt dabei auf ihrem Schoß, knabbert an einer knubbligen Möhre und grinst über das ganze Gesicht. Dass der gesunde Pausensnack unvollkommen sein könnte, bemerkt das Kind mit einem Jahr noch nicht, aber die Leidenschaft der Mutter kann es spüren – schließlich starteten Lea und Tanja die CulinARy MiSfiTS, als Ella noch nicht mal ein halbes Jahr alt war.

Der Plan der CulinARy MiSfiTS ist es nun, im März nächsten Jahres ein über Crowdfunding finanziertes eigenes Ladengeschäft in Kreuzberg aufzumachen und damit die Tür zu einer Welt nachhaltiger Esskultur zu öffnen. Hier sollen neben unverarbeiteten Misfits auch Snacks aus Sonderling-Gemüse und Workshops über nachhaltige Küche angeboten werden. Schön wäre es, die Einrichtung des Ladens zusammen mit der Nachbarschaft oder sozialen Einrichtungen zu gestalten. Dass es nicht ganz einfach ist, ein Start-Up zu stemmen, zeigten schon die logistischen Hürden, die sich während der Etablierung der CulinARy MiSfiTS ergeben haben: Ernten, transportieren, lagern und zubereiten – all diese Tätigkeiten sind zeitaufwendig und erfordern eine gute Organisation, damit die Speisen passgenau auf die Teller kommen. So haben vor allem auch die sozialen Netze von Freunden oder der Familie dazu beigetragen, dass Lea und Tanja ihre Antidiskriminierungs-Küche umsetzen können.

Denn nicht alle Tomaten sind rundherum rot, nicht alle Gurken wachsen kerzengerade, und nicht jede Karotte entspricht der Norm – auch wenn den Konsumenten mit ihren eigenen nicht immer makellosen Körpern nur perfekt aussehende landwirtschaftliche Erzeugnisse vor die Nase gehalten werden. Da bleibt nur, nach dem Essen einer Portion Misfits den Wohlstandsbauch zu streicheln und zufrieden zu murmeln: „Alter Schwede, ist das lecker!“

Gitte Cullmann