Straßengrün
Eine andere, zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens entsteht nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralische Appelle. Sie wird in unterschiedlichen Laboren der Zivilgesellschaft vorgelebt und ausprobiert.
Verantwortungsbewusste Unternehmer, kreative Schulleitungen, Bürgerinitiativen, studentische Start-ups oder einzelne Bürgerinnen und Bürger zeigen, dass man das Unerwartbare tun kann. Sie nutzen ihre Handlungsspielräume, um zukunftsfähige Lebensstile und Wirtschaftsweisen zu entwickeln. Sie fangen schon mal an.
FUTURZWEI macht es sich zur Aufgabe, dieses Anfangen gesellschaftlich sichtbar und politisch wirksam zu machen. Auch das 21. Jahrhundert braucht Visionen von besseren, gerechteren und glücklicheren Lebensstilen. In unserem Zukunftsarchiv erzählen wir, wie solche Visionen ganz handfest in Wirklichkeit verwandelt werden. Und dass Veränderung nicht nur möglich wird, sondern dass sie auch Spaß macht und Gewinn an Lebensqualität bedeutet.
FUTURZWEI ist kein Netzwerk und keine Community, sondern eine gemeinnützige Stiftung, die ihre Mittel für das Projekt einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen Gesellschaft einsetzt.
Im Zukunftsarchiv werden Geschichten des Gelingens erzählt. Dabei geht es um Menschen, die ihre Welt verändern, indem sie Ideen über andere Formen des Produzierens, Wirtschaftens, Unterhaltens usw. umsetzen und damit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit praktisch machen. Sie schaffen Labore und Experimentierräume einer enkeltauglichen Gesellschaft, und zwar ohne Auftrag und ohne, dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Sie machen Unerwartetes, weil sie es sinnvoll finden. Bei all dem wird Wissen erzeugt, das wir künftig brauchen werden. Deshalb ist alles, was Sie im Zukunftsarchiv lesen können, zum Weitererzählen und – besser noch – zur Nachahmung empfohlen.
Die Geschichten gliedern sich in die folgenden sechs Bereiche:
Saft und Stoff
Diese Geschichten erzählen von einem anderen Umgang mit Rohstoffen, Materialien und Energien. Sie handeln von Wegen, weniger Energie zu verbrauchen, mehr davon selbst herzustellen und sich von fossiler Energie endgültig zu verabschieden. Es geht um Stoffe, die hergestellt werden, ohne Schäden zu verursachen, und die auf Kreisläufe ausgelegt sind anstatt auf Einmalnutzung. Außerdem wird hier von Bauern, Winzerinnen und Pflanzenfreunden erzählt, die ihre Böden nicht übernutzen, die Gene ihrer Pflanzen intakt lassen oder ihr Terrain mit Effektiven Mikroorganismen auf natürliche Weise nachhaltig bewirtschaften.
Kaufen Essen Trinken
Geschichten in dieser Rubrik handeln von verantwortungsvollen Erzeugern und strategischen Konsumenten, denen es wichtig ist, unter welchen Bedingungen Waren produziert werden und welche Kosten Umwelt und Gesellschaft dabei tragen. Sie erzeugen und verbrauchen korrekt, fair und regional, oft unter Verzicht auf Fleisch, immer auf Müll und Umweltgifte. Oder gleich auf den klassischen Konsum, indem Dinge wiederverwendet, umgenutzt, selbstgemacht oder geteilt werden.
Nah und Fern
Hier finden Sie Geschichten über das, was ganz nahe liegt, auch wenn es fern scheint. Und wenn tatsächlich einmal etwas fern liegt, wie man es am besten erreicht. Also: Stories über Verkehr und Transport, über Tourismus und Reisen und über Möglichkeiten, Dinge gar nicht erst von weit her zu beschaffen, aber trotzdem alles Nötige vor Ort zu haben; zum Beispiel regionale Produktion und Wirtschaftskreisläufe, Regionalwährungen oder dörfliche Versorgungsstrukturen.
Wir Ihr Sie
Das sind Geschichten über Menschen, die neue Formen des Sozialen erproben und zeigen, dass sich durch Gemeinwohlorientierung das Bruttosozialglück erhöhen lässt. Dabei geht es auch um Solidarität, Verantwortung und gemeinschaftliches Engagement – kurz: um Wege aus einer Kultur, die verhängnisvollerweise dem zukunftsfeindlichen Slogan der Postbank folgt: „Unterm Strich zähl ich!“
Spielen und Lernen
Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und Studierende müssen noch die längste Zeit in der Zukunft leben. Hier werden Geschichten erzählt, die zeigen, dass Bildung etwas ganz anderes sein kann als es die pseudofunktionalen Lernanstalten im G8-Zeitalter glauben machen. Und dass sich auch Ältere in Zukunftsfähigkeit bilden können. Die allerdings wird nicht unterrichtet, sondern gelebt.
Weiter und Breiter
Hier gibt es Geschichten über Multiplikatoren, Förderer, Stifter, Kommunikatoren und Netzwerker – kurz: Künstlerinnen und Künstler des Verbindens. Sie stellen Synergien zwischen Akteuren her, erzählen deren Erfolge weiter, verbreiten nachhaltige Praktiken oder generieren selbst Wissen über Strategien der Zukunftsfähigkeit.
wird als freie Mitarbeiterin von FUTURZWEI die Welt nach spannenden Geschichten durchgrast haben, während sie als Soziologin eine Promotion über Katastrophen und Migration in Lateinamerika geschrieben haben wird. Dadurch wird sie erkannt haben, dass es nicht nur die großen einschlägigen Ereignisse gewesen sein werden, die eine Wende gebracht haben, sondern dass auch in kleinen langsamen Prozessen ungeheures Potential für positive Veränderungen steckt.
wird als diplomierter Information Scientist, freiberuflicher WebProgrammierer, Netlabelaktivist und Social-Media-Experte bei FUTURZWEI und der Trans-Media-Akademie Hellerau e.V. gewesen sein. Zuvor hatte er u.a. bei Ars Electronica Linz und dem TU Electronic Music Studio Berlin mitgearbeitet.
wird – nachdem sie zuerst Soziologie und Science Communication and Marketing studiert und von 2005 bis 2011 die Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI) geleitet hat – die wissenschaftliche Leitung der Stiftung FUTURZWEI übernommen haben. Schon als Soziologin, aber erst recht bei FUTURZWEI, wird sie erkannt haben, dass die Zukunft niemals einfach hereinbricht, sondern geformt wird, durch das, was in der Gegenwart passiert: Jeder wird an der Zukunft beteiligt gewesen sein.
wird für FUTURZWEI geschrieben haben. Von 1998 an wird sie freie Journalistin in Berlin gewesen sein. Zuvor hatte sie acht Jahre lang als Redakteurin bei der taz gearbeitet, wo sie auch zusammen mit anderen das Ressort Wirtschaft und Umwelt gegründet hatte. Nachhaltigkeitsthemen waren auch danach ihr Schwerpunkt geblieben. Im Herbst 2011 war im Herder-Verlag ihr damals neuestes Buch erschienen: „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben.“
wird als studierter Psychologe, Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker am Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) in Projekten zur Erinnerungs- und KlimaKultur tätig gewesen und bei FUTURZWEI freier Mitarbeiter gewesen sein.
wird bei FUTURZWEI Geschichten geschrieben sowie über Bürogegenwart bis Zukunftsarchivierung alles miterlebt haben. Sie wird gefunden haben, dass Motivation und Ansatz der Stiftung einwandfrei mit ihrem laufenden Masterstudiengang Zukunftsforschung an der FU Berlin zusammengepasst haben werden. Möglichkeiten eines gesellschaftlichen und politischen Wandels hin zum Allerbesten in Worte und Taten zu fassen, werden sie sowieso schon seit ihrem BA-Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm nicht losgelassen haben.
wird - nachdem er zunächst Musikwissenschaft studierte - konsequenterweise Kameramann geworden sein. Die Fähigkeit, gerade noch rechtzeitig umzudenken, erwies sich bei dieser Berufswahl als genau richtig und künstlerisch „nachhaltig“. Seitdem gehören Mut zum Richtungswechsel und konsequentes Umdenken für Karl-Heinz Retzlaff auch zu den wichtigsten Schritten für die Gestaltung unserer Zukunft.
In seiner Mitarbeit bei FUTURZWEI wird er einen sinnvollen Beitrag gesehen haben, neue Wege im Denken und schließlich Handeln zu beschreiten.
wird für FUTURZWEI geschrieben haben. Sie wird promovierte Politikwissenschaftlerin, Publizistin, Freizeitmusikerin, -malerin und -gärtnerin (früherer Spitzname: „Unkraut“) gewesen sein – wissend, dass auf unbeackerter Zukunft gefährlicher Unfug jäh aufblüht, wenn man Vergangenheit und Gegenwart nicht gehegt, gepflegt, umgegraben und neu bepflanzt haben wird. 1978/79 war sie Mitbegründerin der taz. Neben Artikeln, Essays und Kurzgeschichten hat sie bislang zehn Bücher veröffentlicht. Zusammen mit Annette Jensen wird sie außerdem „GoodNews“-Ausgaben der taz und die Website www.visionews.net mit Erfolgsgeschichten und Vorzeigeprojekten aus aller Welt organisiert haben. Noch dazu wird sie sich ehrenamtlich in mehreren „glokalen“ Projekten engagiert haben. www.utescheub.de
wird von Kindesbeinen an ein wandlungsfähiges Medium gewesen sein - und seine Energie nachhaltig vor allem als Schauspieler am Theater und beim Film, aber auch als Künstler, Fotograf und Regisseur ausgelebt haben. Für FUTURZWEI wird er mit der reichlich bebilderten Frage: "Ich will die Welt verändern, können Sie mir sagen wie?", sein Wissen erweitert und unverzichtbarer Ideenlieferant gewesen sein.
Nachdem sie sich im Studium und dem ersten Arbeitslebensabschnitt der Vergangenheit gewidmet hatte, um sich über die Gegenwart klarer zu werden – sie hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und bei der Bundeszentrale für politische Bildung Veranstaltungen und Multimediales zur deutschen Zeitgeschichte entwickelt – wird sie unter dem Einfluss von FUTURZWEI ihren Zeithorizont um noch ein Stück erweitert haben. In ihrer Doktorarbeit wird sie gesellschaftliche Veränderungsprozesse der Vergangenheit analysiert haben, um für das Stürzen auf die Zukunft zumindest theoretisch gewappnet gewesen zu sein.
wird nach einer langen Zeit als Hochschullehrer, Galerist, Forscher und universeller Dilettant Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit gewesen sein und mit dieser Aufgabe viel Spaß gehabt haben.
Hanna und Dieter Paulmann
sowie Eckhard Karnauke, Prof. Dr. Anders Levermann, Lara Mallien, Christiane Paul, Prof. Karin Sander, Christoph Süss, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Frank Schweikert, Peter Unfried, Klaus Wiegandt
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Hanna Paulmann, Dipl. rer. pol. Dieter Paulmann (Vorsitzender)
Direktor der Stiftung:
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Straßengrün
Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.
Wer einem anderen die Arbeit abnimmt, rechnet zumindest mit Wohlwollen. Der Naturschutzaktivist Christian Hönig und seine Mitstreiter vom Berliner Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hingegen ernteten für ihren Einsatz nicht nur Unverständnis, sondern sogar Vorwürfe. Anstatt hinzuschmeißen, ersannen sie einen Trick, um die eigentlich Zuständigen in die Verantwortung zu zwingen. Dank ihrer Beharrlichkeit pflanzt die Berliner Stadtverwaltung nun jeden Herbst und jedes Frühjahr rund 800 Straßenbäume – und das in der Wirklichkeit, nicht wie früher nur auf dem Papier.
Doch der Reihe nach: Schon seit geraumer Zeit hatten die diversen Berliner Umweltgruppen immer wieder bemerkt, dass Straßenbäume gefällt wurden, ohne dass Ersatz gepflanzt worden wäre. Die offiziellen Statistiken aber behaupteten das Gegenteil: Angeblich säumten rund 450.000 Bäume die Asphalt- und Kopfsteinpisten der Hauptstadt – mit jährlichem Zuwachs. Das schien sehr positiv, denn Grünpflanzen sind wichtig für Großstadtbewohner. Sie tun der Psyche gut, filtern Schadstoffe aus der Luft und stellen außerdem eine wirksame Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel dar: Wenn bald auch hierzulande Tropennächte zum Sommer dazugehören, kann die Aufheizung der Fassaden und Straßenbeläge durch nichts so gut abgemildert werden wie durch Bäume.
Die Aktiven beim BUND wollten der Sache auf den Grund gehen und studierten das Berliner Baumkataster genauer. Zu ihrer Überraschung stellten sie dabei fest, dass die Verwaltung am laufenden Meter alte Bäume neu „entdeckte“. Der Förster und Naturschutzaktivist Christian Hönig befasste sich eingehend mit den Zahlen und arbeitete heraus, dass die erstaunliche Baumvermehrung nicht nur auf die Verschiebung von Bezirksgrenzen zurückzuführen war, sondern auch mit unterschiedlichen Meldezeiträumen und einem verwirrenden Computersystem zu tun hatte. Außerdem gehört die Grünpflege zu den „freiwilligen Leistungen“ der Bezirke, deren Mittel kontinuierlich gekürzt werden – die zuständigen Staatsdiener sitzen zunehmend überlastet und frustriert vor permanent wachsenden Aktenbergen. „Die meisten Leute haben ja in ihrer eigenen Logik einen guten Grund, warum sie etwas tun – und das versuche ich immer erst einmal zu verstehen. Dann wird es einfacher, etwas dagegen zu unternehmen“, beschreibt der drahtige Christian Hönig seine praktische Philosophie.
Der BUND entschloss sich, der Frage systematisch nachzugehen, und 2008 konnte der Verband eigene Zahlen vorlegen: Im Zeitraum 2005 bis 2007 waren in Berlin jährlich etwa 2.000 Straßenbäume verschwunden, die nicht durch Neupflanzungen kompensiert worden waren.
Um den Baumbestand zu sichern, schlugen die Naturschutzaktivisten den Verwaltungen eine Arbeitsteilung vor: Sie würden intensiv um Baumspenden werben, die Bezirke im Gegenzug wie bisher deren Pflanzung und Pflege übernehmen. Das ging eine Weile lang gut: Zahlreiche Berliner waren bereit, 250 bis 300 Euro auszugeben, damit ein Baum in ihrer Straße ersetzt werden könnte. Auch als Präsente zu Hochzeiten oder Taufen waren Baumspenden jetzt sehr beliebt. Für Hönig und die Aktivisten beim BUND war das mit viel Arbeit verbunden – schließlich wollten die Schenkenden Baumart, Standort und Pflanzzeitpunkt mitbestimmen.
Ende 2009 dann kam es zu dem denkwürdigen Treffen, das Hönig noch heute empört. Die Stimme des 34-Jährigen wird laut, wenn er daran zurückdenkt. Er und ein Kollege waren von der Verwaltung eingeladen worden; ein Routinegespräch, dachten die beiden. Doch gleich nach der Begrüßung fiel das entscheidende Wort: Die Bezirke könnten sich die „Zwangsbeglückung“ nicht länger leisten. Die fachkundige Pflanzung und Pflege koste pro Baum schließlich rund 700 Euro und verschaffe den völlig überlasteten Ämtern zusätzliche Arbeit. Den Part der Pflanzung und langfristigen Betreuung sollten die Freiwilligen künftig bitte ebenfalls übernehmen.
Fassungslos traten Hönig und sein Begleiter den Rückweg an – und entwickelten die Idee einer politischen Kampagne. Fortan verwies der Naturschutzverband willige Spender direkt an die öffentliche Verwaltung. Zugleich sahen sich Politiker aller Couleur im Jahr 2011 mit einer konkreten Forderung der Naturschützer konfrontiert: „10.000 neue Bäume für Berlin“. Im Internet oder per Postkarte konnten Bürger melden, wo in den letzten Jahren Straßenbäume verschwunden und nicht ersetzt worden waren. Hönig trug alles in einen Stadtplan ein. Um das Projekt auch im Stadtraum sichtbar zu machen, bastelte er meterhohe Fragezeichen aus Pressspan, strich sie rot an und platzierte sie neben Baumstümpfen in ganz Berlin.
Der Zeitpunkt der Aktionen war günstig: Schließlich standen Senatswahlen an. „Berlin ist die Metropole mit den meisten Straßenbäumen – und die sind den Berlinern unendlich wichtig“, glaubt Hönig. Außerdem lassen sich Politiker gerne dabei ablichten, wie sie einen Baum pflanzen. „Das kommt gleich nach Bildern mit Kindern und Tierbabys“, ist er überzeugt. Einiges spricht dafür, dass seine Einschätzungen zutreffen: Das Thema Stadtbäume tauchte in allen Wahlprogrammen auf; einzige Ausnahme war die Piratenpartei. Und so erstaunt auch nicht, dass im rot-schwarzen Koalitionsvertrag eine „Stadtbaumoffensive“ und die „Neupflanzung und nachhaltige Pflege“ von 10.000 Straßenbäumen vereinbart wurden. Im Herbst 2012 ist es dann tatsächlich losgegangen: 800 neue – diesmal echte – Bäume kamen in die Erde. Und so soll es nun in jedem Frühjahr und Herbst weiter gehen. Irgendwann wird man die Stadt vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.
Erntegold
Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.
Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.
„Du bist Robert? Hallo, ich bin Martin.“ Martins Gesicht ist hager, fast knöchern, die Haut ist braungebrannt, nur ein einfacher Lendenschurz schützt vor der prallen Juli-Sonne. Wir haben einen Termin, darum bin ich pünktlich. Das ist ungewöhnlich für einen Besucher des Lebensgutes, wo Zeit keine große Rolle spielt. Das Lebensgut ist eine Kommune. Einige Besucher sind Erntehelfer, die Martin für die Obsternte engagiert, für Kost und Logis oder auch für Lohn. In den nächsten Tagen werden Martin und wir Erntehelfer auf Bäume klettern, Frucht um Frucht pflücken und wie rohe Eier vorsichtig in Körbe legen. Dabei erfahre ich einiges über Martin, über nachhaltige Landwirtschaft und darüber, was es heißt, Selbstversorger zu sein.
Martin ist zertifizierter Bio-Obstbauer. Mit der Ernte beliefert er Abo-Kisten und stellt Obstsaft her. Insgesamt werden jährlich zwischen zehn und 15 Tonnen Obst verarbeitet. Zu drei Vierteln kann Martin von dieser Ernte seinen eigenen Lebensmittelbedarf decken. „Auf einem Bauernhof leben und sich von der Arbeit der eigenen Hände ernähren“, formuliert er sein großes Ziel. Bis zu diesen 75 Prozent war es ein weiter Weg, der vor 18 Jahren begann. Am Anfang standen vor allem gesundheitliche Probleme mit der herkömmlichen Ernährung, die Martin zunächst zur Rohkost führten. Zum hiesig bekannten „Apfelmartin“ wurde er durch das bloße Essen von Obst und Gemüse noch nicht; dafür brauchte es das Pflücken. Die Entscheidung, sich ausschließlich von Rohkost zu ernähren, traf sich nämlich mit einer anderen biographischen Linie: dem Beginn des Kommune-Lebens, mit Martins Realisierung seines Wunsches, anders zu leben. Noch ohne Martin war dieses Andersleben vor circa 20 Jahren als Verein Neue Lebensformen in Pommritz bei Bautzen institutionalisiert worden. Das Land Sachsen förderte die Kommune, die einige Ländereien und ein altes Rittergut umschloss, als „sozio-ökonomischen Feldversuch“. Heute leben in der Kommune Pommritz circa 25 Menschen, die sich ganz unterschiedlich einbringen: im Ökolandbau, im hofeigenen Bioladen oder der Bäckerei, in der Lernwerkstadt Sophia, der Bibliothek, in Tanzkursen oder auch auf Martins Apfelplantagen.
Es sind dieselben Apfelplantagen, die Martin damals, als er 1995 dazustoß, verlassen und verwahrlost vorfand: „Niemand wollte sich drum kümmern.“ 150 Obstbäume standen dort, alle rund 60 Jahre alt, auf zugewachsenen und von Wühlmäusen durchkämmten Wiesen. Auch das Obst war von Maden ausgehöhlt. Martin wollte anfangs nur die Früchte retten, also möglichst wenig verfaulen lassen. Zunächst wurde das Fallobst zu Saft verarbeitet und die geringe Pflückobst-Ernte selbst verwertet. Durch die von Martin angestoßene regelmäßige Pflege der Wiesen verbesserte sich die Qualität des Obstes an den Bäumen; Wühlmäuse und Maden wichen. Für die dauerhafte Pflege der Wiesen hat Martin Schafe angeschafft, die unablässig den Rasen mähen. Inzwischen sind es zwölf Tiere. Das Rasenmähen sichert den Obstwiesen eine Vielfalt verschiedener Pflanzenarten.
Martin hat sein Wissen über die ökologische Landwirtschaft so beharrlich aufgelesen wie das Obst. Er beschreibt es anders: „Das Wissen kam zu mir.“ Darunter sind einfache Regeln, die aus seiner Kindheit hängengeblieben sind: „Durch einen frisch geschnittenen Apfelbaum muss man einen Hut durchwerfen können.“ Der andere Teil des Wissens ist gewachsenes Erfahrungswissen. Die Rezeptur des jährlichen Baumanstrichs zählt hierzu: Bestehend aus Kalk, Lehm und Kuhmist zu gleichen Teilen schützt dieser vor Ungeziefer in den Früchten und Verbiss durch die Schafe. Die eigene Mischung macht den Anstrich haltbarer, wobei der Kalk die Krankheitserreger und Baumpilze im Kuhmist reguliert. In guten Fällen verharrt Erfahrungswissen wie dieses nicht an einem Ort, sondern es wandert, gar über Ländergrenzen hinweg. Von einem spanischen Orangenbauern lernte Martin die Technik kennen, Kuhmist im Boden zu vergraben. Der hält den Boden auf natürliche Weise fruchtbar, ernährt gleichsam die Wühlmäuse, die aus Dankbarkeit das Wurzelwerk des Baumes verschonen und den Kuhmist gleichmäßig in ihren Gängen und damit im Boden verteilen.
Um seinem Ideal vollständiger Selbstversorgung näher zu kommen, hat Martin einen eigenen Blick entwickelt, der die Natur als endlos fruchtbar und wertvoll wahrnimmt. So viel wie möglich von dem zu verwerten, was die Natur bietet, ist zu seiner Lebenseinstellung geworden. Ein strikter Jahresplan gibt Martin vor, wann welche Tätigkeiten anliegen und damit auch, wann ruhige Zeiten aufhören und stressige beginnen.
Die klassische Obsternte umfasst den Zeitraum von Juli bis Anfang November. Hier gilt es für Martin, Pflück-, Sortier- und Zubereitungsarbeiten zu organisieren. Ein jeder Baum hat dabei seine individuelle Erntezeit. Martin kennt sie alle. Jede Sorte Obst wird dabei grundsätzlich sortiert in Pflückobst, das die Abo-Kisten füllt, und Fallobst, daraus wird Obstsaft gepresst. Bis zu vier Erntehelfer engagiert Martin pro Saison. Für die Lagerung hat er einen eigenen Apfelkeller mit einer speziellen Kühlanlage gebaut. Das Lager ist Martins zeitlicher Puffer: „Klar, nicht jeder reife Apfel hat bei seiner Ernte schon seinen Abnehmer“.
Neben der Obsternte ist es die Pflege der Obstwiesen, die im Jahresablauf den Takt vorgibt. Im Frühjahr geht es los mit dem Baumschnitt, den die Schafe abnagen. Die übriggebliebenen Äste werden zur Erneuerung des Flechtzaunes eingesetzt, der die Obstwiesen umzäunt. Dann kommt irgendwann die regelmäßige Heuernte. Das hochgewachsene Gras wird mit einer Sense geschnitten und auf Heuschober gestapelt. Im Winter dient dieses Heu der Ernährung der Schafe. Die geben ihrerseits Wolle und Milch. Dass man auch mit der Milch etwas anfangen kann, ist Martin erst jüngst aufgefallen. Daraufhin hat er sich mehr Milchschafe zugelegt: „Das ist ein ganz anderes Arbeiten mit denen. Sie sind zutraulich und lassen sich durchaus willig melken“, erklärt er ihr Arbeitsverhältnis.
In ruhigeren Zwischenzeiten stellt Martin seine eigene Nahrung her: getrockneten Quark. Der sieht aus wie aufgebrochene Wüstenerde in weiß, ist hart, platt und unförmig, aber offenbar sehr bekömmlich. Die Trocknung geschieht über mehrere Tage in eigens dafür angefertigten Trockenschränken, in denen sich ein kleiner Ventilator dreht. Danach ist der Quark mehrere Monate haltbar. Das Quarksortiment in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ist an weitere saisonale Zutaten gebunden. In den Frühjahrsmonaten wird die weiße Masse zusammen mit Spinat, Rapunzel und Löwenzahn zu sechs bis acht Eimern Kräuterquark verarbeitet. Im Spätsommer kommen Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren in den Quark. Nach der Erntesaison, von November bis Februar, nimmt sich Martin mehr Zeit, für Urlaub, Yoga und Seminare.
Am Ende des Tages wage ich es tatsächlich, eine echte Warum-Frage an den „Apfelmartin“ zu richten: Warum eigentlich Bäume? „Nun ja, ich mag Bäume, ich habe ein inniges Verhältnis zu Bäumen und manchmal umarme ich auch einen.“ Jetzt lächelt er. Für denjenigen, der sich angesteckt hat und wissen will „Was muss ich tun?“, hat Martin einen einfachen Tipp: Anfangen und Erfahrungen sammeln.
Powerballade
Schnippel-Philipp
Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.
Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.
Möhrengetänzel, Kohlrabikullern und Kartoffelrestearchitektur. Hackhack, zackzack, fette Beats. In der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg ist Schnippeldisko. 750 Kilogramm aussortiertes Gemüse sollen sich in Suppe für die Anti-Agrarindustrie-Demo Wir haben es satt am folgenden Tag verwandeln. Endlose Tafeln, daran unzählige Hände mit Messern. Jeder greift ein Stück Gemüse, schält, schneidet klein. Irgendwer trägt gewaschene Rote Bete an Tische, und irgendwer holt geschnippelte ab. Jung und alt, Familien, Tiermützen und etwas Hipster-Chic. Hier und da schimmert auf Bannern und T-Shirts eine grüne Faust hervor, eine Gabel fest umfassend. Die Faust ist das inoffizielle Markenzeichen des Slow Food Youth Network, das sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einsetzt. Die aktuelle Interpretation der Berliner Gruppe: Disko.
Ein DJ legt auf hoher Tribüne Weltmusik auf. Doch die meisten Tanzbeine stecken unter den Tischen; die Arbeit am Gemüse geht vor. Wer im Stehen schnippelt, wackelt sanft mit den Hüften. Nur Hendrik Haase, Mitorganisator des Abends und Slow-Food-Youth-Aktivist der ersten Stunde, tänzelt quer durch die Markthalle: „Das ist alles total geil! Übrigens, dahinten gibt es tolles Bier von einer kleinen Berliner Bio-Brauerei.“ Der Genuss darf nicht zu kurz kommen, das kennt man schon von den älteren Slow-Food-Aktivisten.
Irgendwann schallt der entscheidende Satz von der Tribüne: „Das Gemüse ist geschnippelt!“ Ein Sektkorken knallt, Applaus flammt auf, und die Musik wird aufgedreht. Drei Stunden hat es gedauert, eine Dreivierteltonne Gemüse von Bauern aus der Region zu zerkleinern. Ein erster Topf Probesuppe rollt herbei. Wer geschnippelt hat, darf verköstigen. Die vielen anderen Kisten voller Gemüsestückchen fahren unterdies hygienisch einwandfrei zur Heinrich-Böll-Stiftung. Dort werden der Kochaktivist Wam Kat und sein Fläming Kitchen-Team die ganz große Suppe für die hungrigen Demonstrantenschlünde brauen. In der Markthalle verstummt spät am Abend die Musik, und die Messer werden heim getragen. Alles gut gegangen; die jungen Slow-Food-Aktivisten atmen auf.
Zwei Wochen später: Die Berliner Slow Food Youth trifft sich in einem Co-Working Space in einem Weddinger Hinterhaus, eingeklemmt zwischen Lidl-Filiale, Dönerladen und Tankstelle. Das monatliche Treffen für alte und neue Slow-Food-Jünger beginnt. Der Herd glüht; alles Mitgebrachte landet in Töpfen, auf Ofenblechen oder in Salaten. Eigentlich sollte heute auf den Schnippeldisko-Erfolg angestoßen werden. Immerhin wurden alle Erwartungen übertroffen, rund 600 Schneidehelfer waren da. Aber niemand hat an den Sekt gedacht. Also gibt es Wasser und Saft. Was gerade da ist.
„Bei Slow Food gibt es kein richtig und falsch. Es muss nicht unbedingt bio sein, eher gutes, faires und sauberes Essen, traditionell und mit Herzblut hergestellt“, erklärt Keighley McFarland, die vor zwei Jahren aus den USA nach Berlin kam und der jungen Interpretation von Slow Food sofort verfiel. Bewertet werden die kulinarischen Mitbringsel nicht, denn wer studiert, kann sich eben keinen 30-Euro-Wein leisten. Viel mehr gehe es darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf den Tisch komme. „Essen bildet eine Schnittstelle zu Umwelt, Menschenrechten, Handel, Kultur, Kunst, Arbeit und vielem mehr“, findet Keighley.
Bei Slow Food geht es aber auch um Teilen, um Gemeinschaft und Spaß. Das Jugendnetzwerk ist offen für alles und für alle, von der Veganerin bis zum Metzgerssohn: „Klar würden wir uns auch eine Hausschlachtung angucken gehen“, sagt Hendrik Haase, der bei der letzten Begegnung so beglückt durch die Markthalle hüpfte. Hauptsache, die Grundsätze stimmen: gute, saubere und faire Bedingungen in Anbau, Verarbeitung, Konsum – und Genuss.
Schließlich kuscheln sich 20 junge Menschen um ein ovales Tischgebilde, darauf ein Potpourri aus dampfendem Wintergemüse, Humus und Kürbistarte. Neben Keighley kaut Jonas, der gerade in der Uni einen Aufstrich-Kreisel initiiert, bei dem jede Woche jemand anderes Pasten einrührt und verteilt. Ihm gegenüber sitzt Peggy, die sich bei den Treffen der älteren Slow-Food-Gruppe, zu denen sie früher ging, eher wie beim „Genießerstammtisch“ vorkam. Der Altersdurchschnitt lag dort bei 50 Jahren, um neue Ideen ging es da kaum. Hier ist das anders. Man spricht über Aktuelles aus dem Slow-Food-Universum und jüngste Lebensmittel-Aktionsideen. Wer sich für ein Projekt interessiert, meldet sich direkt bei denen, die es organisieren. Was etwas durcheinander klingt, scheint einwandfrei zu funktionieren.
In Deutschland treiben derzeit ungefähr zwölf Slow-Food-Youth-Gruppen ihr Aktionswesen, der Großteil in traditionellen Unistädten. Die Berliner haben sich im Sommer 2012 zusammengefunden. Hendrik löst auf, wie es 2008 zur Gründung der internationalen Slow-Food-Jugend kam. Sein Problem war dabei symptomatisch: Er studierte in Halle, doch das Weingut, wo sich die Hallenser Slow-Food-Gruppe traf, war fernab der Stadt und ohne Auto nicht zu erreichen. Für junge Menschen mit wenig Geld schien Slow Food nicht wirklich Platz zu haben. Weil das in den internationalen Weiten der Slow-Food-Bewegung genügend andere auch fanden, tat sich das junge Gemüse schließlich zusammen und gründete das internationale Youth Food Movement. Seitdem hat die Jugend sehr wohl eine Stimme bei Slow Food, und zwar eine recht rebellische. Um trotzdem die Nähe zum Mutterverband zu beweisen, heißt das Jugendsegment der weltweiten Vereinigung seit Anfang 2013 Slow Food Youth Network. Man hat sich ja lieb und teilt sich die Vereinsstruktur, wobei die immer noch jugendfreundlicher werden könnte, findet Hendrik.
Die Berliner Gruppe hat schon einige Aktionen gestemmt. Einmal veranstaltete sie ein sogenanntes Eat-in in der S-Bahn, ein spontanes Picknick mit Fahrgästen, die plötzlich aus der alltäglichen Bahnfahrlethargie ausbrechen und unbekannte Leckereien probieren sollten. Das Gesprächsthema Nahrungsmittel erfüllte schließlich den gesamten Zug. Ein anderes Mal baute die Gruppe zusammen mit anderen Aktivisten eine lange Tafel mitten in der Stadt auf und lud Passanten zum Dinner ein. Der Überraschungseffekt zieht. Inzwischen hat sogar die Grüne Woche zum Schaukochen eingeladen. Auch zum monatlichen Treffen in der kleinen Agentur kommen mittlerweile bis zu 50 Leute. Da ist Improvisation alles.
Das Monatstreffen endet diesmal mit der Idee, nicht verkauftes Brot von Berliner Bio-Bäckern einzusammeln, damit in der Markthalle Neun neue Rezepte auszuprobieren und die Kreationen zu verteilen. Die nächste Schnippeldisko steht auch schon an. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass das Projekt sogar verliehen wird. So lange nach ihren Regeln – gut, sauber, fair – gehäckselt wird, sind die jungen Slow-Food-Freunde einverstanden. Gegen alles andere bleibt die grüne Faust mit der Gabel geballt. Und man weiß nie, wo man ihr als nächstes begegnet.
Fortpflanzung
Einhundert
Fischers Frucht
Readymades
Stilles
Bye-bye, High
ausgepennt
Fuhrpark
Netzausbau
Grüne Saiten
Straßengrün
Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.
Wer einem anderen die Arbeit abnimmt, rechnet zumindest mit Wohlwollen. Der Naturschutzaktivist Christian Hönig und seine Mitstreiter vom Berliner Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hingegen ernteten für ihren Einsatz nicht nur Unverständnis, sondern sogar Vorwürfe. Anstatt hinzuschmeißen, ersannen sie einen Trick, um die eigentlich Zuständigen in die Verantwortung zu zwingen. Dank ihrer Beharrlichkeit pflanzt die Berliner Stadtverwaltung nun jeden Herbst und jedes Frühjahr rund 800 Straßenbäume – und das in der Wirklichkeit, nicht wie früher nur auf dem Papier.
Doch der Reihe nach: Schon seit geraumer Zeit hatten die diversen Berliner Umweltgruppen immer wieder bemerkt, dass Straßenbäume gefällt wurden, ohne dass Ersatz gepflanzt worden wäre. Die offiziellen Statistiken aber behaupteten das Gegenteil: Angeblich säumten rund 450.000 Bäume die Asphalt- und Kopfsteinpisten der Hauptstadt – mit jährlichem Zuwachs. Das schien sehr positiv, denn Grünpflanzen sind wichtig für Großstadtbewohner. Sie tun der Psyche gut, filtern Schadstoffe aus der Luft und stellen außerdem eine wirksame Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel dar: Wenn bald auch hierzulande Tropennächte zum Sommer dazugehören, kann die Aufheizung der Fassaden und Straßenbeläge durch nichts so gut abgemildert werden wie durch Bäume.
Die Aktiven beim BUND wollten der Sache auf den Grund gehen und studierten das Berliner Baumkataster genauer. Zu ihrer Überraschung stellten sie dabei fest, dass die Verwaltung am laufenden Meter alte Bäume neu „entdeckte“. Der Förster und Naturschutzaktivist Christian Hönig befasste sich eingehend mit den Zahlen und arbeitete heraus, dass die erstaunliche Baumvermehrung nicht nur auf die Verschiebung von Bezirksgrenzen zurückzuführen war, sondern auch mit unterschiedlichen Meldezeiträumen und einem verwirrenden Computersystem zu tun hatte. Außerdem gehört die Grünpflege zu den „freiwilligen Leistungen“ der Bezirke, deren Mittel kontinuierlich gekürzt werden – die zuständigen Staatsdiener sitzen zunehmend überlastet und frustriert vor permanent wachsenden Aktenbergen. „Die meisten Leute haben ja in ihrer eigenen Logik einen guten Grund, warum sie etwas tun – und das versuche ich immer erst einmal zu verstehen. Dann wird es einfacher, etwas dagegen zu unternehmen“, beschreibt der drahtige Christian Hönig seine praktische Philosophie.
Der BUND entschloss sich, der Frage systematisch nachzugehen, und 2008 konnte der Verband eigene Zahlen vorlegen: Im Zeitraum 2005 bis 2007 waren in Berlin jährlich etwa 2.000 Straßenbäume verschwunden, die nicht durch Neupflanzungen kompensiert worden waren.
Um den Baumbestand zu sichern, schlugen die Naturschutzaktivisten den Verwaltungen eine Arbeitsteilung vor: Sie würden intensiv um Baumspenden werben, die Bezirke im Gegenzug wie bisher deren Pflanzung und Pflege übernehmen. Das ging eine Weile lang gut: Zahlreiche Berliner waren bereit, 250 bis 300 Euro auszugeben, damit ein Baum in ihrer Straße ersetzt werden könnte. Auch als Präsente zu Hochzeiten oder Taufen waren Baumspenden jetzt sehr beliebt. Für Hönig und die Aktivisten beim BUND war das mit viel Arbeit verbunden – schließlich wollten die Schenkenden Baumart, Standort und Pflanzzeitpunkt mitbestimmen.
Ende 2009 dann kam es zu dem denkwürdigen Treffen, das Hönig noch heute empört. Die Stimme des 34-Jährigen wird laut, wenn er daran zurückdenkt. Er und ein Kollege waren von der Verwaltung eingeladen worden; ein Routinegespräch, dachten die beiden. Doch gleich nach der Begrüßung fiel das entscheidende Wort: Die Bezirke könnten sich die „Zwangsbeglückung“ nicht länger leisten. Die fachkundige Pflanzung und Pflege koste pro Baum schließlich rund 700 Euro und verschaffe den völlig überlasteten Ämtern zusätzliche Arbeit. Den Part der Pflanzung und langfristigen Betreuung sollten die Freiwilligen künftig bitte ebenfalls übernehmen.
Fassungslos traten Hönig und sein Begleiter den Rückweg an – und entwickelten die Idee einer politischen Kampagne. Fortan verwies der Naturschutzverband willige Spender direkt an die öffentliche Verwaltung. Zugleich sahen sich Politiker aller Couleur im Jahr 2011 mit einer konkreten Forderung der Naturschützer konfrontiert: „10.000 neue Bäume für Berlin“. Im Internet oder per Postkarte konnten Bürger melden, wo in den letzten Jahren Straßenbäume verschwunden und nicht ersetzt worden waren. Hönig trug alles in einen Stadtplan ein. Um das Projekt auch im Stadtraum sichtbar zu machen, bastelte er meterhohe Fragezeichen aus Pressspan, strich sie rot an und platzierte sie neben Baumstümpfen in ganz Berlin.
Der Zeitpunkt der Aktionen war günstig: Schließlich standen Senatswahlen an. „Berlin ist die Metropole mit den meisten Straßenbäumen – und die sind den Berlinern unendlich wichtig“, glaubt Hönig. Außerdem lassen sich Politiker gerne dabei ablichten, wie sie einen Baum pflanzen. „Das kommt gleich nach Bildern mit Kindern und Tierbabys“, ist er überzeugt. Einiges spricht dafür, dass seine Einschätzungen zutreffen: Das Thema Stadtbäume tauchte in allen Wahlprogrammen auf; einzige Ausnahme war die Piratenpartei. Und so erstaunt auch nicht, dass im rot-schwarzen Koalitionsvertrag eine „Stadtbaumoffensive“ und die „Neupflanzung und nachhaltige Pflege“ von 10.000 Straßenbäumen vereinbart wurden. Im Herbst 2012 ist es dann tatsächlich losgegangen: 800 neue – diesmal echte – Bäume kamen in die Erde. Und so soll es nun in jedem Frühjahr und Herbst weiter gehen. Irgendwann wird man die Stadt vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.
Erntegold
Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.
Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.
„Du bist Robert? Hallo, ich bin Martin.“ Martins Gesicht ist hager, fast knöchern, die Haut ist braungebrannt, nur ein einfacher Lendenschurz schützt vor der prallen Juli-Sonne. Wir haben einen Termin, darum bin ich pünktlich. Das ist ungewöhnlich für einen Besucher des Lebensgutes, wo Zeit keine große Rolle spielt. Das Lebensgut ist eine Kommune. Einige Besucher sind Erntehelfer, die Martin für die Obsternte engagiert, für Kost und Logis oder auch für Lohn. In den nächsten Tagen werden Martin und wir Erntehelfer auf Bäume klettern, Frucht um Frucht pflücken und wie rohe Eier vorsichtig in Körbe legen. Dabei erfahre ich einiges über Martin, über nachhaltige Landwirtschaft und darüber, was es heißt, Selbstversorger zu sein.
Martin ist zertifizierter Bio-Obstbauer. Mit der Ernte beliefert er Abo-Kisten und stellt Obstsaft her. Insgesamt werden jährlich zwischen zehn und 15 Tonnen Obst verarbeitet. Zu drei Vierteln kann Martin von dieser Ernte seinen eigenen Lebensmittelbedarf decken. „Auf einem Bauernhof leben und sich von der Arbeit der eigenen Hände ernähren“, formuliert er sein großes Ziel. Bis zu diesen 75 Prozent war es ein weiter Weg, der vor 18 Jahren begann. Am Anfang standen vor allem gesundheitliche Probleme mit der herkömmlichen Ernährung, die Martin zunächst zur Rohkost führten. Zum hiesig bekannten „Apfelmartin“ wurde er durch das bloße Essen von Obst und Gemüse noch nicht; dafür brauchte es das Pflücken. Die Entscheidung, sich ausschließlich von Rohkost zu ernähren, traf sich nämlich mit einer anderen biographischen Linie: dem Beginn des Kommune-Lebens, mit Martins Realisierung seines Wunsches, anders zu leben. Noch ohne Martin war dieses Andersleben vor circa 20 Jahren als Verein Neue Lebensformen in Pommritz bei Bautzen institutionalisiert worden. Das Land Sachsen förderte die Kommune, die einige Ländereien und ein altes Rittergut umschloss, als „sozio-ökonomischen Feldversuch“. Heute leben in der Kommune Pommritz circa 25 Menschen, die sich ganz unterschiedlich einbringen: im Ökolandbau, im hofeigenen Bioladen oder der Bäckerei, in der Lernwerkstadt Sophia, der Bibliothek, in Tanzkursen oder auch auf Martins Apfelplantagen.
Es sind dieselben Apfelplantagen, die Martin damals, als er 1995 dazustoß, verlassen und verwahrlost vorfand: „Niemand wollte sich drum kümmern.“ 150 Obstbäume standen dort, alle rund 60 Jahre alt, auf zugewachsenen und von Wühlmäusen durchkämmten Wiesen. Auch das Obst war von Maden ausgehöhlt. Martin wollte anfangs nur die Früchte retten, also möglichst wenig verfaulen lassen. Zunächst wurde das Fallobst zu Saft verarbeitet und die geringe Pflückobst-Ernte selbst verwertet. Durch die von Martin angestoßene regelmäßige Pflege der Wiesen verbesserte sich die Qualität des Obstes an den Bäumen; Wühlmäuse und Maden wichen. Für die dauerhafte Pflege der Wiesen hat Martin Schafe angeschafft, die unablässig den Rasen mähen. Inzwischen sind es zwölf Tiere. Das Rasenmähen sichert den Obstwiesen eine Vielfalt verschiedener Pflanzenarten.
Martin hat sein Wissen über die ökologische Landwirtschaft so beharrlich aufgelesen wie das Obst. Er beschreibt es anders: „Das Wissen kam zu mir.“ Darunter sind einfache Regeln, die aus seiner Kindheit hängengeblieben sind: „Durch einen frisch geschnittenen Apfelbaum muss man einen Hut durchwerfen können.“ Der andere Teil des Wissens ist gewachsenes Erfahrungswissen. Die Rezeptur des jährlichen Baumanstrichs zählt hierzu: Bestehend aus Kalk, Lehm und Kuhmist zu gleichen Teilen schützt dieser vor Ungeziefer in den Früchten und Verbiss durch die Schafe. Die eigene Mischung macht den Anstrich haltbarer, wobei der Kalk die Krankheitserreger und Baumpilze im Kuhmist reguliert. In guten Fällen verharrt Erfahrungswissen wie dieses nicht an einem Ort, sondern es wandert, gar über Ländergrenzen hinweg. Von einem spanischen Orangenbauern lernte Martin die Technik kennen, Kuhmist im Boden zu vergraben. Der hält den Boden auf natürliche Weise fruchtbar, ernährt gleichsam die Wühlmäuse, die aus Dankbarkeit das Wurzelwerk des Baumes verschonen und den Kuhmist gleichmäßig in ihren Gängen und damit im Boden verteilen.
Um seinem Ideal vollständiger Selbstversorgung näher zu kommen, hat Martin einen eigenen Blick entwickelt, der die Natur als endlos fruchtbar und wertvoll wahrnimmt. So viel wie möglich von dem zu verwerten, was die Natur bietet, ist zu seiner Lebenseinstellung geworden. Ein strikter Jahresplan gibt Martin vor, wann welche Tätigkeiten anliegen und damit auch, wann ruhige Zeiten aufhören und stressige beginnen.
Die klassische Obsternte umfasst den Zeitraum von Juli bis Anfang November. Hier gilt es für Martin, Pflück-, Sortier- und Zubereitungsarbeiten zu organisieren. Ein jeder Baum hat dabei seine individuelle Erntezeit. Martin kennt sie alle. Jede Sorte Obst wird dabei grundsätzlich sortiert in Pflückobst, das die Abo-Kisten füllt, und Fallobst, daraus wird Obstsaft gepresst. Bis zu vier Erntehelfer engagiert Martin pro Saison. Für die Lagerung hat er einen eigenen Apfelkeller mit einer speziellen Kühlanlage gebaut. Das Lager ist Martins zeitlicher Puffer: „Klar, nicht jeder reife Apfel hat bei seiner Ernte schon seinen Abnehmer“.
Neben der Obsternte ist es die Pflege der Obstwiesen, die im Jahresablauf den Takt vorgibt. Im Frühjahr geht es los mit dem Baumschnitt, den die Schafe abnagen. Die übriggebliebenen Äste werden zur Erneuerung des Flechtzaunes eingesetzt, der die Obstwiesen umzäunt. Dann kommt irgendwann die regelmäßige Heuernte. Das hochgewachsene Gras wird mit einer Sense geschnitten und auf Heuschober gestapelt. Im Winter dient dieses Heu der Ernährung der Schafe. Die geben ihrerseits Wolle und Milch. Dass man auch mit der Milch etwas anfangen kann, ist Martin erst jüngst aufgefallen. Daraufhin hat er sich mehr Milchschafe zugelegt: „Das ist ein ganz anderes Arbeiten mit denen. Sie sind zutraulich und lassen sich durchaus willig melken“, erklärt er ihr Arbeitsverhältnis.
In ruhigeren Zwischenzeiten stellt Martin seine eigene Nahrung her: getrockneten Quark. Der sieht aus wie aufgebrochene Wüstenerde in weiß, ist hart, platt und unförmig, aber offenbar sehr bekömmlich. Die Trocknung geschieht über mehrere Tage in eigens dafür angefertigten Trockenschränken, in denen sich ein kleiner Ventilator dreht. Danach ist der Quark mehrere Monate haltbar. Das Quarksortiment in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ist an weitere saisonale Zutaten gebunden. In den Frühjahrsmonaten wird die weiße Masse zusammen mit Spinat, Rapunzel und Löwenzahn zu sechs bis acht Eimern Kräuterquark verarbeitet. Im Spätsommer kommen Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren in den Quark. Nach der Erntesaison, von November bis Februar, nimmt sich Martin mehr Zeit, für Urlaub, Yoga und Seminare.
Am Ende des Tages wage ich es tatsächlich, eine echte Warum-Frage an den „Apfelmartin“ zu richten: Warum eigentlich Bäume? „Nun ja, ich mag Bäume, ich habe ein inniges Verhältnis zu Bäumen und manchmal umarme ich auch einen.“ Jetzt lächelt er. Für denjenigen, der sich angesteckt hat und wissen will „Was muss ich tun?“, hat Martin einen einfachen Tipp: Anfangen und Erfahrungen sammeln.
Powerballade
Schnippel-Philipp
Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.
Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.
Möhrengetänzel, Kohlrabikullern und Kartoffelrestearchitektur. Hackhack, zackzack, fette Beats. In der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg ist Schnippeldisko. 750 Kilogramm aussortiertes Gemüse sollen sich in Suppe für die Anti-Agrarindustrie-Demo Wir haben es satt am folgenden Tag verwandeln. Endlose Tafeln, daran unzählige Hände mit Messern. Jeder greift ein Stück Gemüse, schält, schneidet klein. Irgendwer trägt gewaschene Rote Bete an Tische, und irgendwer holt geschnippelte ab. Jung und alt, Familien, Tiermützen und etwas Hipster-Chic. Hier und da schimmert auf Bannern und T-Shirts eine grüne Faust hervor, eine Gabel fest umfassend. Die Faust ist das inoffizielle Markenzeichen des Slow Food Youth Network, das sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einsetzt. Die aktuelle Interpretation der Berliner Gruppe: Disko.
Ein DJ legt auf hoher Tribüne Weltmusik auf. Doch die meisten Tanzbeine stecken unter den Tischen; die Arbeit am Gemüse geht vor. Wer im Stehen schnippelt, wackelt sanft mit den Hüften. Nur Hendrik Haase, Mitorganisator des Abends und Slow-Food-Youth-Aktivist der ersten Stunde, tänzelt quer durch die Markthalle: „Das ist alles total geil! Übrigens, dahinten gibt es tolles Bier von einer kleinen Berliner Bio-Brauerei.“ Der Genuss darf nicht zu kurz kommen, das kennt man schon von den älteren Slow-Food-Aktivisten.
Irgendwann schallt der entscheidende Satz von der Tribüne: „Das Gemüse ist geschnippelt!“ Ein Sektkorken knallt, Applaus flammt auf, und die Musik wird aufgedreht. Drei Stunden hat es gedauert, eine Dreivierteltonne Gemüse von Bauern aus der Region zu zerkleinern. Ein erster Topf Probesuppe rollt herbei. Wer geschnippelt hat, darf verköstigen. Die vielen anderen Kisten voller Gemüsestückchen fahren unterdies hygienisch einwandfrei zur Heinrich-Böll-Stiftung. Dort werden der Kochaktivist Wam Kat und sein Fläming Kitchen-Team die ganz große Suppe für die hungrigen Demonstrantenschlünde brauen. In der Markthalle verstummt spät am Abend die Musik, und die Messer werden heim getragen. Alles gut gegangen; die jungen Slow-Food-Aktivisten atmen auf.
Zwei Wochen später: Die Berliner Slow Food Youth trifft sich in einem Co-Working Space in einem Weddinger Hinterhaus, eingeklemmt zwischen Lidl-Filiale, Dönerladen und Tankstelle. Das monatliche Treffen für alte und neue Slow-Food-Jünger beginnt. Der Herd glüht; alles Mitgebrachte landet in Töpfen, auf Ofenblechen oder in Salaten. Eigentlich sollte heute auf den Schnippeldisko-Erfolg angestoßen werden. Immerhin wurden alle Erwartungen übertroffen, rund 600 Schneidehelfer waren da. Aber niemand hat an den Sekt gedacht. Also gibt es Wasser und Saft. Was gerade da ist.
„Bei Slow Food gibt es kein richtig und falsch. Es muss nicht unbedingt bio sein, eher gutes, faires und sauberes Essen, traditionell und mit Herzblut hergestellt“, erklärt Keighley McFarland, die vor zwei Jahren aus den USA nach Berlin kam und der jungen Interpretation von Slow Food sofort verfiel. Bewertet werden die kulinarischen Mitbringsel nicht, denn wer studiert, kann sich eben keinen 30-Euro-Wein leisten. Viel mehr gehe es darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf den Tisch komme. „Essen bildet eine Schnittstelle zu Umwelt, Menschenrechten, Handel, Kultur, Kunst, Arbeit und vielem mehr“, findet Keighley.
Bei Slow Food geht es aber auch um Teilen, um Gemeinschaft und Spaß. Das Jugendnetzwerk ist offen für alles und für alle, von der Veganerin bis zum Metzgerssohn: „Klar würden wir uns auch eine Hausschlachtung angucken gehen“, sagt Hendrik Haase, der bei der letzten Begegnung so beglückt durch die Markthalle hüpfte. Hauptsache, die Grundsätze stimmen: gute, saubere und faire Bedingungen in Anbau, Verarbeitung, Konsum – und Genuss.
Schließlich kuscheln sich 20 junge Menschen um ein ovales Tischgebilde, darauf ein Potpourri aus dampfendem Wintergemüse, Humus und Kürbistarte. Neben Keighley kaut Jonas, der gerade in der Uni einen Aufstrich-Kreisel initiiert, bei dem jede Woche jemand anderes Pasten einrührt und verteilt. Ihm gegenüber sitzt Peggy, die sich bei den Treffen der älteren Slow-Food-Gruppe, zu denen sie früher ging, eher wie beim „Genießerstammtisch“ vorkam. Der Altersdurchschnitt lag dort bei 50 Jahren, um neue Ideen ging es da kaum. Hier ist das anders. Man spricht über Aktuelles aus dem Slow-Food-Universum und jüngste Lebensmittel-Aktionsideen. Wer sich für ein Projekt interessiert, meldet sich direkt bei denen, die es organisieren. Was etwas durcheinander klingt, scheint einwandfrei zu funktionieren.
In Deutschland treiben derzeit ungefähr zwölf Slow-Food-Youth-Gruppen ihr Aktionswesen, der Großteil in traditionellen Unistädten. Die Berliner haben sich im Sommer 2012 zusammengefunden. Hendrik löst auf, wie es 2008 zur Gründung der internationalen Slow-Food-Jugend kam. Sein Problem war dabei symptomatisch: Er studierte in Halle, doch das Weingut, wo sich die Hallenser Slow-Food-Gruppe traf, war fernab der Stadt und ohne Auto nicht zu erreichen. Für junge Menschen mit wenig Geld schien Slow Food nicht wirklich Platz zu haben. Weil das in den internationalen Weiten der Slow-Food-Bewegung genügend andere auch fanden, tat sich das junge Gemüse schließlich zusammen und gründete das internationale Youth Food Movement. Seitdem hat die Jugend sehr wohl eine Stimme bei Slow Food, und zwar eine recht rebellische. Um trotzdem die Nähe zum Mutterverband zu beweisen, heißt das Jugendsegment der weltweiten Vereinigung seit Anfang 2013 Slow Food Youth Network. Man hat sich ja lieb und teilt sich die Vereinsstruktur, wobei die immer noch jugendfreundlicher werden könnte, findet Hendrik.
Die Berliner Gruppe hat schon einige Aktionen gestemmt. Einmal veranstaltete sie ein sogenanntes Eat-in in der S-Bahn, ein spontanes Picknick mit Fahrgästen, die plötzlich aus der alltäglichen Bahnfahrlethargie ausbrechen und unbekannte Leckereien probieren sollten. Das Gesprächsthema Nahrungsmittel erfüllte schließlich den gesamten Zug. Ein anderes Mal baute die Gruppe zusammen mit anderen Aktivisten eine lange Tafel mitten in der Stadt auf und lud Passanten zum Dinner ein. Der Überraschungseffekt zieht. Inzwischen hat sogar die Grüne Woche zum Schaukochen eingeladen. Auch zum monatlichen Treffen in der kleinen Agentur kommen mittlerweile bis zu 50 Leute. Da ist Improvisation alles.
Das Monatstreffen endet diesmal mit der Idee, nicht verkauftes Brot von Berliner Bio-Bäckern einzusammeln, damit in der Markthalle Neun neue Rezepte auszuprobieren und die Kreationen zu verteilen. Die nächste Schnippeldisko steht auch schon an. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass das Projekt sogar verliehen wird. So lange nach ihren Regeln – gut, sauber, fair – gehäckselt wird, sind die jungen Slow-Food-Freunde einverstanden. Gegen alles andere bleibt die grüne Faust mit der Gabel geballt. Und man weiß nie, wo man ihr als nächstes begegnet.
Fortpflanzung
Einhundert
Fischers Frucht
Readymades
Stilles
Bye-bye, High
ausgepennt
Fuhrpark
Netzausbau
Grüne Saiten
Runde Philosophie
Kniffliges
Zufallstafel
Kurswechsel
Zeitreise
Boxenstopp
Monetaria
Ohne Gezicke
Personalentwicklung
Bescherung
Leuchtturmprojekt
Bastel-Business
Krone der Schöpfung
Bürgergemüse
Kleiderseele
Konzernschreck
Zinsenbremse
Weggeschüttet
Weiterleitung
Großgärtner
Hausmeister
Strohmann
Hugh
In the closet
Soziale Wärme
Zentnergemüse
Krumme Dinger
Der, die, das
Lehrstück
Hinterbühne
Hotspot
Aufwärtsspirale
Common Sense
Bewegungsstifter
Das Team von Bike Aid Berlin sammelt Fahrräder, repariert sie unter freiem Himmel und verschenkt sie an Flüchtlinge. Die freuen sich über die neue Mobilität, aber auch über die Gemeinschaft beim Schrauben und Ölen.
Das Team von Bike Aid Berlin sammelt Fahrräder, repariert sie unter freiem Himmel und verschenkt sie an Flüchtlinge. Die freuen sich über die neue Mobilität, aber auch über die Gemeinschaft beim Schrauben und Ölen.
Zwei Jungs, sieben und vier Jahre alt, hüpfen voller Vorfreude auf dem Pfad zwischen Linden, Efeu und Gebüsch am Wagenplatz Schwarzer Kanal. Hier, unter den Birken, in der Fahrradwerkstatt, wartet an diesem Sonntagnachmittag ein Schatz auf sie – mindestens 100 Fahrräder. Und jeder darf sich heute eines aussuchen. Ahmed und Ali schlängeln sich zwischen den Fahrradreihen durch und stöbern gierig nach dem besten Stück. Jeder Fund wird gefeiert: „Papa, schau doch mal!“, rufen sie immer wieder begeistert auf Arabisch und heben mit Ach und Krach ein riesiges Rad in die Luft. „Onkelchen“, rufen sie, „das ist doch für uns?!“
Dieser „Onkel“, der heute zweifelsohne der Held der beiden ist, heißt Mariusz. Er ist 28 Jahre alt und studiert Volkswirtschaftslehre mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung. Ehrenamtlich arbeitet er bei einer Beratungsstelle für Flüchtlinge. Mit dem Aufbau der Bike Aid Berlin fand er einen einfachen Weg, diesen Menschen zu helfen. Seit fünf Jahren sammeln Mariusz und seine Mitstreiter alte Fahrräder, reparieren sie und verschenken sie an Asylsuchende.
„Wir wollen Flüchtlinge in ihren prekären Lebenssituation unterstützen, indem wir ihnen durch ein Fahrrad ein Mindestmaß an Mobilität ermöglichen“, erklärt er. Das könne ihnen helfen, ihren Aktivitäten nachzugehen und Kontakte zu knüpfen. Für das Team von Bike Aid Berlin ist die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch die Residenzpflicht, mit der Asylbewerber leben müssen, „institutioneller Rassismus“. Dem sei kaum etwas entgegenzusetzen, „aber wir erhoffen uns, durch das Projekt den Alltag der Flüchtlinge zu erleichtern“. Und tatsächlich wirkt das Treiben am Wagenplatz an diesem Nachmittag idyllisch. Trotz des schlechten Wetters basteln etwa 25 Leute gemeinsam im Garten, fummeln in Kisten voller Dynamos, Klingeln und Schrauben und freuen sich, wenn zum Schluss alles leuchtet und sich dreht. Die Hälfte sind freiwillige Fahrradbastler. Die andere Hälfte hält den Blick gesenkt und redet nicht viel. Doch wer sie anspricht, hört lange, bewegte Geschichten.
Mitten in seiner Doktorarbeit für Philosophie habe er seine Heimat verlassen müssen, erzählt ein Syrer. „Wenn ich zurückkehre, dann ...“ – mit dem Finger fährt er sich über den Hals, als trenne er sich die Kehle durch. Er hofft, in Berlin seine Arbeit zu Ende bringen zu können – auf Deutsch. Deshalb kämpft er sich durch die Sprachkurse. Heute repariert er ein Fahrrad für seinen Freund, er selbst habe schon eins bekommen. Das Projekt sei toll, sagt er und bedankt sich immer wieder.
Der kleine Ahmed und seine Familie sind vor drei Monaten aus Palästina gekommen. Der Vater zeigt stolz Fotos von seinen anderen drei Kindern und entfaltet dazu einen ärztlichen Befund. Sein Mädchen habe einen Herzfehler, steht darauf. Sie wird in der Berliner Charité behandelt. Der Mann packt das Papier wieder ein und bastelt weiter. Jedes Mal, wenn Ahmed vorbeiflitzt, dreht er sich um und lacht.
Auch ein Elektriker aus Afghanistan werkelt am Schwarzen Kanal gern in Gesellschaft. „Keiner verlässt freiwillig seine Heimat“, sagt er. Man fliehe erst, wenn gar nichts mehr gehe. Er wartet als Asylbewerber darauf, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Acht Jahre habe er in Afghanistan als Elektriker gearbeitet, aber Zeugnisse könne er nicht vorlegen. Das mache es ihm schwer. Nicht einmal eine Geburtsurkunde habe er. „Ich glaube, ich bin jetzt etwa 31 Jahre alt“, schätzt er. Am Schwarzen Kanal treffen sich Menschen mit gebrochenen Biografien. Für einige Stunden atmen sie hier kurz durch – und strampeln dann weiter.
Der Nachmittag am Schwarzen Kanal wird kälter. Ein Fahrrad nach dem anderen ist wieder fahrtüchtig. Die ersten Zigaretten werden gedreht, alle freuen sich über die getane Arbeit. Es gebe so viele Fahrräder in Berliner Innenhöfen, die keiner nutze, sagt Mariusz. Zehn davon haben sie heute gemeinsam für die Straße fit geschraubt. Das sei nur möglich gewesen, weil viele Helfer da waren, sagt der Projektgründer. Jeden Schrauber könnten sie hier gebrauchen, auch wenn er unerfahren sei.
Ali und Ahmed zappeln immer noch über das Gelände, ihre Nasen sind knallrot. „Onkelchen, ich will einen Korb haben“, wiederholt Ali pausenlos. Als einer vom Team aus einer Ecke einen zerknautschten Korb herauskramt, ist Alis Glück vollkommen.
Fairschult
Um ökologisches und soziales Bewusstsein im Einzelhandel zu verankern, hat eine Hannoveraner Berufsschule den Fair Trade in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt. Mit diesen Azubis wird kein unfairer Handel mehr zu machen sein.
Um ökologisches und soziales Bewusstsein im Einzelhandel zu verankern, hat eine Hannoveraner Berufsschule den Fair Trade in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt. Mit diesen Azubis wird kein unfairer Handel mehr zu machen sein.
„Wie kann es einem egal sein, unter welchen Bedingungen ein Produkt ins Regal kommt?“, regt sich der werdende Einzelhandelskaufmann auf, seine Stimme wird laut, und er gestikuliert wild mit den bunt tätowierten Armen. Entsprechend unmissverständlich sind auch die Worte, die Sven Seidensticker dann für das Unwissen und die Ignoranz zahlloser Konsumenten findet. Soviel Begeisterung für eine Sache muss man an einer Berufsschule erst einmal finden. Aber Sven, 25 Jahre alt und Schüler an der BBS Handel, der Berufsbildenden Schule Handel der Region Hannover, legt sich mächtig ins Zeug. Und auch Veli Balli, der 29-Jährige, der eine Lehrstelle bei REWE hat und weitaus ruhiger argumentiert, preist mit sachlichen Informationen die fair gehandelten Rosen aus dem Sortiment seines Arbeitgebers an: „Die sind viel langlebiger, duften herrlich und kosten auch nur 3,49 Euro!“ Es scheint fast, als hätte Veli vergessen, dass er in einem nackten Klassenraum an einem grauen Tisch sitzt und gar nichts verkaufen muss. Nur erzählen sollen die jungen Männer, von ihrem Projekt Hannover handelt fair. Aber offensichtlich haben sie die Lerneinheiten zum Thema wirklich verinnerlicht und echte Begeisterung für den fairen Handel entwickelt.
Seit langem schon ist die BBS Handel dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet und hat dies auch in ihrem Leitbild formuliert. Die Forderungen der 1992 in Rio verabschiedeten Agenda 21 will die Schule nicht immer nur den anderen überlassen. Und getreu dem Grundsatz „Global denken – lokal handeln“ fühlt sie sich angesprochen, will sich beteiligen und Verantwortung übernehmen. Dafür braucht es einige Tatkräftige – solche wie Hans Georg Grahle, der von sich selbst sagt, er handle mangels Alternative. Und der sich als Lehrer verpflichtet sieht, praktische Inhalte in die Pädagogik zu bringen und seine Schüler für eine sinnvolle Sache zu begeistern. Er erinnert sich: „Der allergrößte Brocken Arbeit für das Projekt Hannover handelt fair fand in den ersten beiden Jahren statt.“ Denn neben der Suche nach Kooperationspartnern mussten die didaktischen Grundlagen entwickelt werden.
Nicht bei allen Kollegen liefen sie offene Türen ein mit dem fächerübergreifenden, handlungsorientierten Projekt, das einen ganz konkreten Berufs- und Gesellschaftsbezug aufweisen sollte. Studiendirektor Grahle und sein Team aber ließen sich nicht abbringen: „Wir wollten eine Berufsfähigkeit vermitteln, die Fachkompetenz mit allgemeinen Fähigkeiten humaner und sozialer Art verbindet.“ Ein Ziel von Hannover handelt fair ist es also, die Verbraucher über die Produkte des Fairen Handels zu informieren und den Absatz der „guten“ gegenüber den „bösen“ Waren zu steigern. Viel wichtiger ist es aber, den jungen Menschen das Erlebnis zu vermitteln, dass es sich tatsächlich lohnen kann, gesellschaftliches und berufliches Engagement zu entwickeln. Und Grahle liegt vor allem dieser Aspekt am Herzen: „Die Schüler lassen sich viel besser für etwas begeistern, das auch Sinn macht. Und weil sie ihr Wissen unmittelbar anwenden können, ist die Erfahrung besonders wertvoll.“
Ein Vorbereitungsteam von sieben Lehrkräften und zwei Auszubildenden setzte sich zusammen, plante die Aktion bis ins letzte Detail und erarbeitete in langen Sitzungen das Unterrichtsmaterial, auf das heute alle zurückgreifen. Im Unterricht lernen die Schüler zunächst viele fachliche Hintergründe kennen: „Verantwortung gegenüber Mensch und Natur, kontrollierter Handel, Ressourcenverbrauch – das ist für die meisten Schüler wirklich anspruchsvoller Stoff“, weiß der erfahrene Lehrer Grahle. Dass ökonomische Interessen mit ökologischen Rücksichten und sozialer Gerechtigkeit im Einklang stehen müssen, um das Leben auf unserer Erde zu schützen und zu bewahren, lässt für viele der Auszubildenden den künftigen Beruf in einem ganz neuen Licht erscheinen. Wie Sven zum Beispiel, der sich früher ohnmächtig und hilflos gefühlt hat und jetzt lautstark soziale Gerechtigkeit fordert und den sorglosen Umgang unserer Wegwerfgesellschaft mit den Rohstoffen anprangert. Selbstverständlich greift er immer, wenn er die Wahl hat, zum Fair-Trade-Produkt.
In Rollenspielen und Simulationen üben die Verkäufer in spe Antworten auf Fragen wie: Wo kann ich fair gehandelte Produkte bekommen? Was heißt Fair Trade überhaupt? Und wie kann ich sicher sein, dass es sich nicht um einen Etikettenschwindel handelt? Aber natürlich lernen sie auch, auf Widerstand und Unverständnis zu reagieren, wenn es zum Beispiel um den höheren Preis der fairen Waren geht. Sie lernen die Richtlinien für einen fairen Handel, den Verein TransFair und das Fairtrade-Siegel kennen. Die praktische Umsetzung des Gelernten erfolgt zu der bundesweit und jährlich stattfindenden Fairen Woche. Dann werden die Auszubildenden in Geschäfte, Cafés und Gaststätten geschickt. „Über 400 Schülerinnen und Schüler sind eine Woche lang als Agenten für faire Produkte und fairen Handel in mehr als 50 Betrieben unterwegs“, informiert der Schulleiter, Joachim Kreter, nicht ohne Stolz. „Ohne die Teilnahme zahlreicher Hannoveraner Filialen großer Einzelhandelsketten wie EDEKA und REWE könnte die Aktion nämlich nicht stattfinden.“
Wenngleich eine Kooperation im knapp bemessenen Geschäftsalltag wertvolle Zeit kostet, suchen immer mehr Firmen den Kontakt zur BBS Handel. Immerhin hat das Projekt in den letzten Jahren ganz schön für Furore gesorgt und auch in den Medien Aufsehen erregt: Für die Unterrichtsmaterialien, die als freeware auch anderen Berufsschulen zur Verfügung gestellt werden, hat es 2010 den Hermann-Schmidt-Preis vom Bonner Institut für Berufsbildung gegeben. Das freut Grahle besonders, „weil es ein Ausweis für die pädagogisch-didaktische Qualität ist“. Doch auch die anderen Auszeichnungen lassen sein Herz höher schlagen: 2010 erfolgte die Verleihung des Fairtrade-Awards des Vereins TransFair, und 2011 kam die erneute Ernennung zum Offiziellen Projekt der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung durch die deutsche UNESCO-Kommission gleich hinterher.
Die jüngsten Lorbeeren, die ihnen der Bundespräsident persönlich überreichte, sind sogar noch frisch: Beim Wettbewerb alle für EINE WELT für alle zeichnete Bundespräsident Joachim Gauck die BBS Handel im Juni 2012 als besonders engagierte Schule aus. „Ich hatte echt eine Gänsehaut“, berichtet die 18-jährige Edina Resulbegovic, die ihren Lehrer Grahle ins Schloss Bellevue begleiten durfte und die sich sonst sicher für andere Idole begeistert. „Der Bundespräsident war total locker und hat jedem einzelnen die Hand gegeben.“ Solche Auszeichnungen spornen die Schüler natürlich an. Und dem Organisator Grahle machen sie das Leben leichter: „Mit dem Preisgeld können wir jetzt wenigstens ein paar Schokoladentäfelchen kaufen und zum Verschenken mit an den Aktionsstand geben.“
druckempfindlich
Umwelt. Freundlich. Drucken. – das ist für Oktoberdruck Slogan und Prioritätenliste zugleich. Der EMAS-zertifizierte und selbstverwaltete Betrieb ist Berlins erste Adresse für ökologisch und sozial bewusstes Drucken.
Umwelt. Freundlich. Drucken. – das ist für Oktoberdruck Slogan und Prioritätenliste zugleich. Der EMAS-zertifizierte und selbstverwaltete Betrieb ist Berlins erste Adresse für ökologisch und sozial bewusstes Drucken.
Eines kann man mit Sicherheit sagen: Diese Frau und dieser Ort passen zusammen. Martina Fuchs-Buschbeck, eine von zwei Vorständen von Oktoberdruck, ist zunächst einmal eine starke Vertreterin ihres Geschlechts. Gleichzeitig ist sie eine Meisterin des Wortes, was daran liegen kann, dass sie seit 30 Jahren in der Druckbranche tätig ist. Transparenz ist Fuchs-Buschbeck genauso wichtig wie Traditionsbewusstsein, und auch in punkto Standhaftigkeit kann sie es mit dem zweigeschossigen, verklinkerten Stahlskelettbau der Druckerei aufnehmen. Der steht in direkter Nachbarschaft zum BASF-Turm und repräsentiert durch seine offen gestalteten Räumlichkeiten und durch den verschwenderischen Einsatz von Glas die Philosophie des Unternehmens. Moment mal, das Adjektiv „verschwenderisch“ und auch die Nähe des Chemieunternehmens mit dem vierstelligen Akronym passen eigentlich gar nicht ins Bild...
Eine andere Abkürzung spielt hier eine ungleich größere Rolle: EMAS. Diese Buchstaben bedeuten Eco-Management and Audit Scheme – auch bekannt als EU-Öko-Audit, ein EU-Gemeinschaftssystem für ein freiwilliges Umweltmanagement. Um das EMAS-Logo führen zu dürfen, muss man sich aufwendigen Prüfungen unterziehen, ständig Daten sammeln, Umweltziele definieren und alle vier Jahre einen umfangreichen Umweltbericht veröffentlichen. Nimmt man einen solchen Report von Oktoberdruck in die Hand, vermitteln das 100-prozentige Recyclingpapier und diverse Öko-Zertifikate sofort auch die visuelle und haptische Dimension des konsequenten Vorhabens: ein Versprechen gegenüber der Umwelt, das auch im Druckerei-Logo an erster Stelle platziert ist.
Papier ist zwar geduldig, doch hier wird Wort gehalten: Man konnte den Einsatz von Altpapier seit dem letzten Bericht um 16 Prozent steigern – immerhin macht das einen Gesamtanteil von 24,7 Prozent des verwendeten Papiers aus. Der im Offsetdruck-Verfahren eingesetzte, umweltschädliche Alkohol Isopropanol wurde sogar komplett ersetzt, und Biofarben ohne Erdöl-Anteil sind sowieso längst Standard. Auf eine stromfressende Klimaanlage im Gebäude wurde verzichtet, und auch sonst hat sich der Verbrauch von Elektrizität um ein Wesentliches reduziert – vor allem durch das gesteigerte ökologische Bewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was an Energiebedarf noch übrig geblieben ist, wird aus erneuerbaren Quellen bezogen, wie zum Beispiel aus Wasserkraft. Der letzte Mitarbeiter wurde überzeugt; die Oktoberdrucker machen alle Arbeitswege mit den Öffentlichen oder mit dem Rad.
„Eigentlich sind Umwelt und Drucken ein Widerspruch in sich“, räumt Fuchs-Buschbeck ein. Dennoch ist es der Belegschaft von Oktoberdruck gelungen, weniger Druck auf die Umwelt auszuüben, indem sie an sämtlichen Stellschrauben für eine ökologisch unbedenklichere Produktion drehten. Die gleiche Verantwortung fordert die Druckerei konsequenterweise auch von den Kunden. Diese können sich umfassend über einen ressourcenschonenden Herstellungsprozess beraten lassen. Den Betriebs-Ethos auf einen Nenner gebracht, würde man sagen: Qualität statt Quantität.
„Qualität statt Quantität“ – kann ein Druckunternehmen sich leisten, das ernst zu nehmen? Sich auf dem Markt zu behaupten ist schwerer geworden, angesichts von Online-Druckereien und Dumping-Preisen, und so hat Oktoberdruck schon einige heftige Krisen hinter sich, bis hin zu Personalverlusten. Die gehören für Fuchs-Buschbeck zu den schmerzlichsten Erfahrungen, denn prinzipiell ist Freundlich, das dritte Wort im Slogan, für das Unternehmen genauso zentral wie die Umwelt. Keineswegs bezieht sich dies ausschließlich auf den Umgang mit den Kunden – es drückt vielmehr den auf Gleichheit und Fairness bedachten Gründungsgedanken des Unternehmens aus.
Oktoberdruck wurde im Jahr 1973 von trotzkistischen Studenten als selbstverwalteter Betrieb gegründet. Noch heute wird den derzeit 22 Mitarbeitern neben ihrer eigentlichen Tätigkeit auch eine ganz praktische Mitverantwortung für das Unternehmen abverlangt. Eine direkte Mitbestimmung, wie zum Beispiel über neue Investitionen zuvor gemeinsam zu diskutieren, sorgt für eine demokratische Unternehmenspraxis und garantiert höchste Transparenz nach innen und nach außen. „Wer bei Oktoberdruck arbeitet, trägt Verantwortung und auch Selbstverantwortung“, betont Fuchs-Buschbeck, die sich als gewählter Vorstand den gleichen Stundenlohn auszahlt wie allen anderen Mitarbeitern; Zulagen werden gemeinsam festgelegt. Die gibt es für besondere Belastungen, wie spezielle Verantwortung, Sondereinsätze und Schichtdienst. Zusätzlich zu ihren Kernaufgaben kümmern sich die Mitarbeiter um den Datenschutz, die Sicherheit oder eben um die Umsetzung des umfangreichen Umweltprogramms. Dasselbe gilt für Führungskräfte, sofern es deren Kapazitäten zulassen. Obwohl es auch schon zu internen Spannungen kam, wird am Konzept einer selbstverwaltenden Unternehmensführung festgehalten.
Das kann bei einigen Zeitgenossen auf komplettes Unverständnis stoßen. Zum Beispiel bei einer Gruppe von Studierenden der Betriebswirtschaftslehre, die ihren Blick vor einiger Zeit von den vermeintlich ökonomischen Gewinnern abwenden und auf Oktoberdruck richten sollten. Der Nachwuchs der Hochschule für Wirtschaft und Recht war regelrecht irritiert von der basisdemokratischen und umweltbetonten Unternehmensführung: „Man kann schon ein bisschen über Corporate Social Responsibility nachdenken, aber ansonsten ist das doch völlig unwirtschaftlich und damit unvernünftig!“, entrüstete sich ein Student.
Werner Landwehr, Leiter der Berliner GLS Bank, hält voll dagegen: „Oktoberdruck ist für mich ein Leuchtturmprojekt. In der Wirtschaft gelingt so etwas nur Menschen, die neben der ökologischen Dimension auch die soziale Nachhaltigkeit von Unternehmen exemplarisch umsetzen und authentisch vorleben“. Trotz des Lobs aus vielen Richtungen sind alle Mitstreiter gezwungen, sich im harten Überlebenskampf auch immer wieder existentielle Fragen zu stellen: Ist eine solche Unternehmenspraxis noch zukunftsfähig? Schließlich liegt das Alter der Oktoberdrucker im Mittel bei 45 Jahren. Glücklicherweise bemerkt Martina Fuchs-Buschbeck, stolze Mutter zweier Kinder, bei ihrem Nachwuchs ein wachsendes Interesse an dem, was sie tut und bewirkt. Und so schließt sie mit den Worten: „Wir geben den Kampf nicht auf! Da gibt es nämlich tatsächlich etwas weiterzugeben.“
Regiorubel
Der bayerische Chiemgauer ist Deutschlands erfolgreichstes Regiogeld. Vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Geschäftsleuten und Mikrokreditnehmern – alle profitieren von ihm.
Der bayerische Chiemgauer ist Deutschlands erfolgreichstes Regiogeld. Vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Geschäftsleuten und Mikrokreditnehmern – alle profitieren von ihm.
„Gestatten, mein Name ist Chiemgauer. Ich bin mehr Schein als Sein, was im Übrigen nicht nur für mich, sondern für alle Geldscheine der Welt gilt. Sie wundern sich vielleicht, was für ein schickes grünes Kleid ich trage. Das tue ich aber nur, wenn ich ein Ein-Chiemgauer-Schein bin. Als Zwei-Chiemgauer-Schein bevorzuge ich ein orangefarbenes Outfit, als Fünfer ein gelbes, als Zehner bin ich rot, als Zwanziger blau und als Fünfziger lila. Eine einzige Blütenpracht, nicht wahr?
Das sind aber nur Äußerlichkeiten. Mehr Schein als Sein, diese Parole gilt nicht für meinen Charakter, darauf lege ich Wert. Als Lokalpatriot fördere ich ausschließlich die Region Chiemgau – ja, genau, die mit den vielen Kühen auf grünen Weiden unter einem Himmel, der ebenso blauweiß kariert ist wie unser bayerisches Wappen. Und ich bin stolz darauf, das erfolgreichste deutsche Regiogeld zu sein. Regionalwährungen gibt es inzwischen viele, gut 30, und noch mehr sind in Gründung. Aber nur wir haben im Jahr 2011, unterstützt durch die rund 600 beteiligten Unternehmen, einen Umsatz im Wert von 6,5 Millionen Euro hingelegt.
Ich muss mich dafür aber auch anstrengen, ich rotiere den ganzen Tag wie verrückt. Im Ernst: Ich bewege mich zwei- bis dreimal so schnell wie der Euro. Und genau das ist mein Daseinszweck: zum Wohle der regionalen Wirtschaft zirkulieren, bis mir schwindelig wird.
Nehmen wir nur den heutigen Tag. Am Morgen hat eine Apothekerin in Rosenheim einen Teil ihrer eingenommen Euros bei ihrer Kreissparkasse gegen Chiemgauer zum üblichen Kurs von eins zu eins eingetauscht – unter anderem mich. Sie ging damit zum Bioladen und kaufte Holundersekt. Leider konnte ich mich in der Ladenkasse nicht ausruhen, denn schon kam ein Buchhändler, kaufte ein Eis, und ich wanderte als Wechselgeld zuerst in sein Portemonnaie und dann in die Buchladenkasse. Schon wurde ich an eine Buchkäuferin weitergegeben, die im Café um die Ecke einen Tee trank und mich der Kellnerin reichte. Die musste später wegen Falschparkens zum Anwalt – schwupps, schon war ich wieder unterwegs. Der Anwalt gab mich an einen Möbelladen weiter, und der Möbelheini bezahlte seinen Muckikurs mit mir und einigen meiner Kollegen.
Der Besitzer des Fitness-Centers wollte nach Euroland verreisen und tauschte in der Raiffeisenbank einen ganzen Batzen von uns Chiemgauern in Euros zurück – gegen eine Gebühr von fünf Prozent. Zwei Prozent der Tauschgebühr fließen in die REGIOS-Genossenschaft, die damit die Kosten des Chiemgauer-Service deckt. Drei Prozent gehen in die Unterstützung gemeinnütziger Vereine und sozialer Einrichtungen – vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Greenpeace haben knapp 240 Vereine Spenden in Höhe von inzwischen rund 230.000 Euro oder Chiemgauern erhalten. Sie sehen also: Mein Leben ist höchst anstrengend, aber abwechslungsreich. Was man von meinen virtuellen Kollegen nicht behaupten kann, die per Regiocard die Besitzer wechseln. Aber ich kann’s verstehen. Es kam schon vor, dass sich eine Handwerkerrechnung auf 36.000 Chiemgauer belief – wer will denn so viele von uns Scheinen zählen?
Mein Großvater war ein sozialreformerischer Geselle namens Silvio Gesell. Er hatte was gegen das Zinssystem, weil es wie eine gigantische Umverteilungsmaschine von unten nach oben wirkt. Wer heute eine Milliarde Euro besitzt, muss bei einer Jahresverzinsung seines Vermögens von fünf Prozent täglich 137.000 Euro ausgeben, um nicht reicher zu werden. Auf solche Summen kommen nicht mal arme Kaufsüchtige, die das Geld ohne Sinn und Verstand beim Shopping raushauen.
Gesell ersann deshalb das „Freigeld“ oder „Schwundgeld“. Man könnte es auch „Schwunggeld“ nennen, weil es den Rubel am Rollen hält. Ein Teil seines Wertes geht perdu, wenn es nicht ausgegeben wird. So wird verhindert, dass es von Reichen gehortet oder für Spekulationsgeschäfte missbraucht wird. Ich als Ein-Chiemgauer-Schein verliere alle drei Monate zwei Prozent meines Wertes, wenn man mir nicht eine klebt – also eine Klebemarke im Wert von zwei Eurocent aufpappt. Die meisten Leute versuchen diese umständliche Prozedur natürlich zu vermeiden und geben mich schleunigst weiter. Faktisch haben wir Chiemgauer einen Negativzins von jährlich acht Prozent.
Dass das alles funktioniert, hat als erste die österreichische 4.000-Seelen-Gemeinde Wörgl im Jahr 1932 vorgeführt. Der Zentralregierung in Wien fiel damals angesichts von Weltwirtschaftskrise und Massenelend nur „sparen, sparen, sparen“ ein – kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Wörgls Bürgermeister Michael Unterguggenberger fand das bescheuert: „Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?). Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?).“ Der Sozialdemokrat ließ stattdessen im Gemeindeauftrag Straßen, Abwasserrohre, eine Brücke und eine Sprungschanze bauen; die Arbeiter bezahlte er mit dem Freigeld des Silvio Gesell, offiziell „Arbeitswertbestätigung“ geheißen. Aufdruck: „Lindert die Not, schafft Arbeit und Brot.“
Die Arbeiter gaben die Scheine eifrig in Läden und Bauernhöfen aus, die Erwerbslosigkeit in Wörgl sank, während sie im übrigen Österreich weiter stieg. Linke und Rechte feierten den Bürgermeister, Zeitungsreporter aus aller Welt berichteten über das „Wunder von Wörgl“. Bis die Nationalbank einschritt und vor Gericht die „Abstellung dieses Unfugs“ forderte. Die Bank gewann, Unterguggenberger verlor. Das Wunder war vorbei, die Gemeindearbeiter wurden entlassen, und die Nazis marschierten auch schon überall.
Die Deutsche Bundesbank hat mich nur deshalb nicht verboten, weil ich offiziell nicht als Geld, sondern als „vereinsinterner Regio-Gutschein“ gelte. So steht es auch auf meinem blütenreinen Outfit. Nur Mitglieder des Regiogeld-Vereins dürfen mit mir einkaufen. Anfangs waren es 30, inzwischen rund 3.500. „Durch den regionalen Waren- und Dienstleistungskreislauf erzeugt ein Chiemgauer ein Mehrfaches an regionaler Wertschöpfung als der Euro“, sagt mein Vater Christian Gelleri über mich.
Gelleri war ein junger Wirtschaftskundelehrer an der Waldorfschule Prien, als er im Jahr 2002 zusammen mit sechs Schülerinnen überlegte, wie man das Geld für eine neue Sporthalle zusammenkriegen könnte. Sie kamen auf folgende Idee: Die Eltern aller Schüler versprächen einigen Geschäften, bei ihnen mit einem selbstentwickelten Papiergeld einzukaufen, und die Unternehmen spendeten im Gegenzug einen Teil des dadurch gesteigerten Umsatzes an die Schule. Anfang 2003 erblickten die ersten 2.000 Chiemgauer das blauweiße Licht Bayerns.
Das Projekt war höchst erfolgreich und sprach sich schnell herum. Dem Regiogeld-Verein wurde 2007 die REGIOS-Genossenschaft zur Seite gestellt, in der mein Vater Gelleri nun als Vorstand arbeitet. Heute vergibt die Genossenschaft in Kooperation mit der GLS Bank sogar zinslose Mikrokredite für Existenzgründer in Chiemgauern, aber das ist ein anderes Kapitel, und ich will Sie ja nicht vollends verwirren.
Und wenn nun der Euro über den Jordan oder das Mittelmeer geht? Gelleri behauptet, zumindest das Chiemgau sei dafür gewappnet. Zwar wird bisher nur 0,2 Prozent des regionalen Bruttosozialprodukts in Chiemgauern abgerechnet, aber er glaubt, zur Not könnte man fast alles in der Region produzieren (Chiemgauer Getreide-Kaffee? Naja!) und mit uns bezahlen. Aber wir wollen ja nicht hoffen, dass es dazu kommt. Mein großer Bruder Euro sollte endlich aufwachen und sich ebenso wie ich der Realwirtschaft widmen, anstatt in den Finanzmärkten mit Hypergeschwindigkeit zu rotieren, bis ihm endgültig schlecht wird.“
Realos und Pfundis
Die Genossenschaft ReWiG München will sich mit anderen Betrieben zu einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft verflechten, unter anderem mit selbstgeschöpftem „demokratischen Geld“.
Die Genossenschaft ReWiG München will sich mit anderen Betrieben zu einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft verflechten, unter anderem mit selbstgeschöpftem „demokratischen Geld“.
„Gestatten, mein Name ist Realo. Jaja, ich weiß, was Sie denken, aber ich gehöre keiner Fraktion der Grünen an, hinter mir steht auch nicht Joschka Fischer. Und es gibt keine Fundis. Nur Pfundis. Pfundige Menschen, die mich ersonnen haben. Ich bin ein demokratisches Geld. Jawohl.
Anders als meine Kollegen von anderen Regiogeldern, zum Beispiel der Herr Chiemgauer, existiere ich nicht als Schein, sondern nur als Zahl in einem Computernetzwerk. Der Herr Chiemgauer glaubt, nur sein Leben sei interessant, weil er ständig von Hand zu Hand geht. Aber auch ich erlebe so einiges! Und was so ein Chiemgauer auf seinem Schein hat, das möchte ich gar nicht wissen. Bierflecken! Bazillen! Bratwurstfett! Wussten Sie, dass im Frankfurter Bankenviertel auf einem Euro-Schein der deutschlandweit höchste jemals gemessene Kokainwert festgestellt wurde? Pfui Deibel, von so etwas halte ich mich fern.
Der Herr Chiemgauer ist ja auch viel älter, ich bin erst wenige Monate alt. Entstanden im März 2012, als einige engagierte Menschen von der Genossenschaft ReWiG München auf ihrer Webseite einen Online-Tauschring einrichteten, den sie „Marktplatz“ nannten. Im Unterschied zu herkömmlichen Ringen gibt es dort sowohl nachbarschaftliche als auch gewerbliche Anbieter. Da dabei alles in Realos verrechnet wird – mittels einer Open-Source-Software –, muss ich mich ständig verändern und komme dabei ganz schön ins Schwitzen. Zugegeben, bisher bieten nicht mehr als 30 Leute ihre Waren und Dienstleistungen feil, ist ja alles noch frisch. Aber theoretisch könnte ich Millionen bedienen.
Wieso „demokratisches Geld“, fragen Sie? Weil jeder Mensch Zentralbank spielen und mich erschaffen kann, aus dem Nichts heraus. Wobei wir stolzen Realos uns Inflation und Zinsen verweigern. Wie der Herr Chiemgauer sind wir „Schwundgeld“: Um uns am Zirkulieren zu halten, verlieren wir jeden Monat ein halbes Prozent an Wert, das entspricht einem jährlichen Negativzins von sechs Prozent. Derjenige, der nun auf dem Marktplatz etwa einen Holztisch verkaufen will, nennt einen Preis. Sagen wir, 100 Realos – bisher liegt der Kurs eins zu eins zum Euro. Wenn nun eine Frau den Tisch kaufen will, kriegt sie ein Minus von 100 Realos aufs Konto geschrieben. Verkäufer und Käuferin sind also quasi meine Eltern, die mich im Moment des Tausches erschaffen. Wir Realos können jede Sekunde von jedem je nach Bedarf geschaffen werden. Das ist das wahre demokratische Geld! Was sagen Sie? „Vorher war nichts und nachher ein Minus“? Vorher war ein Mangel und nachher ein Tisch am richtigen Ort, Sie wurmstichiger Holzkopf!
Mein Großvater, also derjenige, der mich ersonnen hat, hieß Bernard Lietaer. Kein Freak, der mit Pelzhose durch den Wald streift, sondern ein früherer leitender Angestellter der belgischen Zentralbank. Er war professioneller Währungsspekulant, bis er etwas Sinnvolleres im Leben machen wollte und niederschrieb, wie Komplementärwährungen funktionieren könnten.
Meine geistige Großmutter ist Anna-Lisa Schmalz aus München. Als Mathematikerin war sie früher nur an Computern und den neuesten IT-Fachzeitschriften interessiert. Eines Tages kam sie nach drei Wochen Ferien zurück, sah die Zeitschriften liegen – und wusste: „Dieses Zeug interessiert mich nie wieder.“ Ihre rechte Gehirnhälfte hat wohl rebelliert. Und ein neues Leben eingefordert. Ein sinnvolleres, genussvolleres. Zusammen mit ihrem Mann, dem Informatiker Tim Reeves, hat sie nächtelang diskutiert, wie eine zukunftsfähige Wirtschaft aussehen müsste. Denn als Mathematikerin wusste sie beim Anblick der gegenwärtigen exponentiellen Zinseszinskurve: Dieses System muss irgendwann zusammenbrechen. Die beiden dachten sich also zusammen das Konzept aus, mit dem auch ich zum Leben erweckt wurde: die Regionale Wirtschaftsgemeinschaft, kurz ReWiG.
Anna-Lisa Schmalz arbeitet zwar immer noch als Informatikerin, aber sie sagt, das sei nur noch Broterwerb. Zusammen mit Gleichgesinnten hat sie 2011 die Genossenschaft ReWiG München gegründet. Deren Ziel ist es, dass sich alle ökosozial und zukunftsfähig wirtschaftenden Betriebe der Region miteinander verflechten – und ihre Geschäfte irgendwann in Realos abrechnen. So soll von unten eine „Teilhabergemeinschaft“ wachsen, die es allen Bürgerinnen, Einwohnern und Gemeinden ermöglicht, einen anteiligen Besitz an regionalen Firmen zu erwerben.
Und seitdem treibe ich mich im Inneren der Computer der ReWiG-Genossenschaft herum. Das ist nicht langweilig, nein, das ist genussvoll. Genießen Sie die Genossenschaft! Gegen 100 Euro können Sie einen Anteil daran erwerben, bisher haben das gut 100 Menschen getan. Zudem gibt die ReWiG Genussrechte mit einer Laufzeit von 12 Jahren aus. Die Genossen bezahlen für jeden Rechteschein 1.000 Euro, und die ReWiG beteiligt sich mit dem Geld an Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie im Umkreis von 40 Kilometern. Das sorgt für eine innige Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden, die sich wechselseitig kennen, helfen, stützen. Wie ein Wurzelgeflecht entsteht dabei eine neue Wirtschaftsweise von unten – glauben jedenfalls die Initiatoren.
Wie das funktioniert? Zwei Beispiele. Zum einen erwarb die ReWiG Anteile an der Genossenschaft KunstWohnWerke, die Künstlern Ateliers und Wohnungen zur Verfügung stellt; dafür erhielt die ReWiG dort einen Büroraum. Zum anderen ist sie gerade dabei, sich an der Biogärtnerei Obergrashof zu beteiligen. Sie gibt der Gärtnerei Euros und erhält im Gegenzug eine kleine Überschussbeteiligung, anrechenbar auch in Realos. Die Gärtner können davon etwa ein neues Gewächshaus aufbauen und müssen dafür weder einen Kredit noch Zinsen abzahlen.
Und wenn Sie dann als Genossin Heißhunger auf Bio-Blumenkohl verspüren, dann können Sie in den Hofladen gehen und dort in Realos bezahlen. Und mit den Realos auf seinem Konto kann der Gärtner auf dem Online-Marktplatz einen Holztisch kaufen, verstehen Sie? Oder, falls er selbst ReWiG-Genosse ist, kann er für seine Genossenschaftseinlage einen Kreditrahmen von 100 Realos bekommen und damit den Tisch erwerben. Aber auch eine Nichtgenossin könnte das Holzteil erstehen, wenn sie Genussrechte von ReWiG hinterlegt; dafür erhält sie einen Kreditrahmen von maximal 800 Realos.
Jaja, Regiowährungen gibt es zwar schon viele, und mit dem Regio und anderen bin ich auch kompatibel, aber als Realo bin ich dennoch etwas Besonderes. Die Kombination von Genossenschaft, Tauschgemeinschaft und Betriebsbeteiligungen mittels Genussrechten, die bietet ganz neue Möglichkeiten.
Inzwischen haben sich nach dem Münchner Vorbild sogar schon weitere ReWiGs gebildet, am bayerischen Kochelsee und im Allgäu. Deshalb glaubt Anna-Lisa Schmalz, dass man vielleicht schon 2012 oder 2013 einen Rat der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften gründen könnte. Und irgendwann ist dann ganz Deutschland überzogen mit einem Wurzelgeflecht von ReWiGs. Wirtschaftswachstum, Zinsen, Inflation, Spekulation – alles abgeschafft. Es gibt nur noch Millionen und Milliarden von Realos. Ja, zugegeben, das ist mein geheimes Ziel, das ich mit Bakterien und Mikroorganismen teile: Ich will mich vermeeeeehren!“
Therapie
Streben nach Glück ist anstrengend. Zwischen Selbstoptimierung und Wachstumszwängen fällt es gar nicht so leicht, auf das getriebene Innenleben zu hören. Ein Achtsamkeitsprojekt der Künstlerin Beate Göbel proklamiert eine persönlich erfahrbare Entschleunigung.
Streben nach Glück ist anstrengend. Zwischen Selbstoptimierung und Wachstumszwängen fällt es gar nicht so leicht, auf das getriebene Innenleben zu hören. Ein Achtsamkeitsprojekt der Künstlerin Beate Göbel proklamiert eine persönlich erfahrbare Entschleunigung.
„Eins, zwei, drei, rennt die Zeit im Sauseschritt und wir mit“, beginnt die Performance des Projekts Absichtslos gucken – Lobgesänge auf die Muße von der Schauspielerin und Regisseurin Beate Göbel. Sie hat Schülerinnen und Schüler der Stufen 10 bis 12 des Elisabeth-Gymnasiums in Eisenach im Rahmen des Projekts Über Lebenskunst auf eine Reise ins Achtsamkeitsland geschickt. Das Ergebnis wurde im Juni 2012 als Revue im Haus der Kulturen der Welt präsentiert.
Ein paar Jungen sitzen auf der Bühne. Jung sind sie und schön. Und Musik machen können sie auch. Mick, John und Jimi könnten sie sein. Sie spielen langsame Kompositionen, mit Gitarre, Klavier und Schlagzeug, mehr Fragmente als zusammenhängende Stücke. Klänge für langes Verweilen. Vor ihnen räkeln sich leicht gelangweilte, pubertierende Girls und begleiten die Jungs mit Rasseln und einem umgedrehten, als Bongo umfunktionierten Mülleimer. Wir sind mittendrin.
Junge Mädchen strömen flink und gestresst eine nach der anderen auf die Bühne, drehen sich zu uns und reden uns ins Gewissen: „Immer muss alles so verdammt wichtig sein!“, „Geh’ in dich, ich komme gleich nach!“, „Im Schlaf spiegelt sich das Unterbewusstsein wider“. Eine Stewardess tritt mit klassisch hochgestecktem, blondem Dutt nach vorn und erklärt, dass man sich auf dem Weg nach Dubai befinde. Offensichtlich will sie uns unsere eingeübten Mechanismen vor Augen führen und den Wahnsinn, als westlich zivilisierter Mensch des 21. Jahrhunderts unbedingt die gesamte Welt ergründen und bereisen zu müssen.
Die hektischen Anstrengungen aller jungen Schauspielerinnen suggerieren eine klare Botschaft: Wir sind ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern – das leuchtet ein. Das Scheitern macht uns Angst, und zwar vollkommen zu Recht. Wer gesteht sich schon gern ein, dass jahrelange, mühselige Studien zu nichts Substantiellem führten oder dass das teuer erstandene iPad doch gar nicht so praktisch ist.
Zufrieden zu sein ist keine Option. Immer muss es weitergehen, noch schneller, noch höher, noch besser und womöglich nebenbei noch ein Kind bekommen, damit auch dieser sozialen Erwartung Rechnung getragen werden kann. Dem Kind dann einfach eine Packung H-Milch hinstellen und weitermachen (die Sprösslinge sind ja heutzutage schon so weit entwickelt, dass sie sich selbst versorgen können). Der Veränderungszwang ist es, der uns anstachelt, uns triezt und malträtiert. Und er ist es auch, der unseren ewig steigenden Konsum anregt. Neues Deo, neues Glück, so ungefähr.
Als Ausgangsbasis aller Workshops wurde ein Achtsamkeitstraining für die Schüler angeboten. Was ist Lebensqualität, und wie wollen wir leben, fragen die Mädchen uns mit weit aufgerissenen Augen. Geht es dabei wirklich nur um materiellen Wohlstand? Wohl kaum. Manipulation findet auf allen Ebenen statt, das wissen wir alle, und trotzdem kaufen, lernen und optimieren wir weiter an unserer menschlichen Existenz. Ständig. Es gebe jedoch Wichtigeres, als unaufhörlich die Geschwindigkeit erhöhen zu wollen, das wusste schon Gandhi. Ein Ruhepol fühlt sich im Selbstoptimierungszwang ja schon wie ein Rückschritt an. Die Reise ins Unbekannte soll nicht unbereist bleiben. Druck auf allen Ebenen. Entspannen Sie sich! Das ist das Beste, was Sie beitragen können, schärfen die Mädchen uns ein.
„Alles muss immer so verdammt wichtig sein!“ – nehmen wir uns diesen Satz ruhig noch mal vor. Die Gesellschaft soll sich ständig ändern, um noch länger, noch gesünder und mit noch mehr elektronischen Gadgets zu leben. Hier aber wird angeleitet, aus dem Alltag auszubrechen, Erwartungen auch mal nicht zu erfüllen. Muße ist das Zauberwort. Um diese zu ergründen, sprach die Projektgruppe am Anfang ihrer Reise mit dem ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel über dessen Buch Muße. Vom Glück des Nichtstuns.
Eine erzwungene Muße sei die tiefste Tätigkeit. Das Handeln werde nachhaltig beeinflusst von Tagen der Muße. Ein Nachwirken entstehe. Immerhin tragen wir Verantwortung für das, was wir tun, aber auch und vor allem für das, was wir nicht tun. Das Ziel sei es doch, menschlich zu handeln, Dinge wahrzunehmen, sie zu verändern und zu genießen. Aber da sind wir ja schon wieder! Veränderung. Was denn nun genau verändern und vor allem wie?
Muße, so Ulrich Schnabel, definiere sich vor allem durch zwei Bedingungen: Zum einen durch das Gefühl, Herr über seine Zeit zu sein, und zum zweiten durch den Verzicht auf immer neue Möglichkeiten und Alternativen. Nur so können wir unsere Aufmerksamkeit und Konzentration einem einzigen Moment zuwenden: dem Jetzt. Also, mehr Ruhe, weniger den Dingen hinterherrennen. Soweit verstanden!
Aber auch konkrete Handlungsanweisungen werden angedeutet: Das Leben im Chaos sei kreativ. „Och Mama! Mecker’ nicht, in diesem Chaos kommen mir die besten Ideen!“ „Ach so. Ist das Kunst oder kann das weg?“ Um der Unordnung Raum zu geben, wurde mit dem Architekten Peter Sauerbier in Eisenach der „Container für die Muße“ entwickelt. Darin soll es möglich sein, den Zeitordnungen des öffentlichen Raums für ein paar Momente zu entfliehen und zu sich selbst zu finden. Das Herz des Projektes kommt durch: Den persönlichen Innenraum mit dem öffentlichen Außenraum zu erforschen, um Verbindungen und Abhängigkeiten beider zu erkennen.
Versuchen Sie doch mal, sich selbst zu finden! – in Abgrenzung von der Gesellschaft und ihren Einflüssen, versteht sich. Wo findet man sich? Wohl nicht in der Sicherheitsblase einer weißen Mittelklasse, die Wachstum (wirtschaftlich, ökologisch und sozial definiert) und Lebensqualität schon lange nicht mehr zusammenbringen kann. Eher da, wo man eben ist: Dort ist der Blick nach innen zu richten, für eine direkte, lebendige Erfahrung der eigenen Innenwelt und einen tieferen Zugang zu sich selbst.
Eine nicht-zielorientierte Handlung wird angepriesen, entgegen der gängigen Erwartung eines jeden Arbeitgebers. Es gehe darum zu erkennen, dass Körper und Geist sich in einem fortwährenden Prozess befinden. Wir sollen unsere eigenen Grenzen erkennen und lernen, diese anzunehmen. Das soll nicht nur unsere Konzentration stärken, sondern uns auch ermöglichen, loszulassen und nicht an den Dingen zu haften.
Forschen ohne die Absicht zu haben, dauerhafte Lösungen zu finden, das klingt für jeden Wissenschaftler zunächst ziemlich absurd. Einen Geist kultivieren, der bereit und neugierig ist, der sich nicht mit begrenzten und voreingenommenen Ansichten zufrieden gibt, das klingt schon besser. Vielleicht ist es genau das. Eine Art Therapie für die Seele.
Du und mein Auto
Eine Leihbörse für private Autos im Internet – das könne nicht funktionieren, behauptete die Jury eines Startup-Wettbewerbs. Sie hat sich getäuscht. Heute werden munter Autoschlüssel getauscht.
Eine Leihbörse für private Autos im Internet – das könne nicht funktionieren, behauptete die Jury eines Startup-Wettbewerbs. Sie hat sich getäuscht. Heute werden munter Autoschlüssel getauscht.
Es waren einmal ein paar ältere Herren in Aachen, die arbeiteten in Anwaltskanzleien und Sparkassen. Eines Tages bekamen sie die Einladung, in einer Preisjury mitzuwirken. Sie sollten am Ende eines sommerlichen Workshop-Wochenendes die Startup-Ideen von disziplinär bunt zusammengewürfelten Studierendengruppen beurteilen. Die wohlsituierten Herren sagten zu – schließlich soll man den Nachwuchs ja fördern.
Keiner der teilnehmenden Studierenden sollte einen anderen bereits vorher kennen, so die Idee der Organisatoren des Entrepreneur-Wochenendes. Und wohl kaum eine der Teilnehmerinnen erwartete sich von den nächsten drei Tagen einen lebensverändernden Impuls. Spaß haben, neuen Leuten begegnen und naja – auch mal Unternehmer spielen. Am Auftaktabend plänkelte eine zehnköpfige Gruppe dann auch erst nur herum: Hohe Mobilität bei geringerem Ressourcenverbrauch wäre doch eine gute Sache und bestimmt ein Zukunftsfeld, meinte einer. Ein anderer ärgerte sich, dass auch für das hochgelobte Carsharing zuerst einmal neue Autos gebaut werden müssten – nur damit die Gesamtzahl der Fahrzeuge irgendwann in ferner Zukunft vielleicht sinken könnte. Plötzlich stand dann doch eine lebensverändernde Frage im Raum: Warum nicht die vorhandenen PKWs zu einer gemeinsamen Nutzung führen? Über das Internet ließe sich zwischen Auto-Besitzerinnen und Fahrlustigen doch reibungslos vermitteln.
Was dann geschah: Eine „extreme Energie“ erfasste die Gruppe, so wird einer der Beteiligten es später beschreiben. Die Informatiker bauten sofort am nächsten Tag eine erste Plattform, ein Wirtschaftsingenieur und ein Jurist skizzierten den Geschäftsablauf, und ein Designer drehte ein Video, um die Prozedur zu veranschaulichen. Voller Stolz und Elan präsentierten die jungen Leute ihre Ergebnisse am Abschlusstag des Workshops. Doch die älteren Herren der Jury senkten ihre Daumen. Völlig unrealistisch. Niemand werde sein heiß geliebtes Auto an wildfremde Leute verleihen. Und überhaupt: Eine Versicherung sei für eine derartige Unternehmung niemals zu gewinnen. Schluss. Punkt. Aus.
Nicht ganz: Zwar mussten die verhinderten Entrepreneure einigen Frust mit Club-Mate wegspülen, verabredeten sich dann aber dazu, die Idee weiter zu verfolgen – in einer wöchentlichen skype-Konferenz, denn nicht alle wohnten in Aachen. Bald war klar: Der Knackpunkt war tatsächlich die Versicherungsfrage. Dutzende von Briefen und Anrufen bei Assekuranzen brachten keinen Erfolg. Weil die Studierenden aber überall und jedem von ihrer Idee erzählten, bekam auch ein Versicherungsmakler Wind von der Sache, fing Feuer und versprach zu helfen. Und tatsächlich – Sesam-öffne-Dich – die Württembergische Versicherung nahm die junge Kundschaft auf. Sie bot für 9,90 Euro einen flexibel buchbaren Vollkaskoversicherungsschutz für 24 Stunden an. Über den ist sowohl das Auto des Verleihers versichert als auch alles, was der Kurzfristnutzer möglicherweise zerbeulen oder ramponieren könnte – und das Risiko für den Verleiher minimiert.
Im Februar 2010 war es dann so weit: An einem Tisch in einer Aachener Wohngemeinschaft drückten die Studierenden symbolisch den berühmten roten Knopf. Die Seite der Firma tamyca war nun online oder, in der Sprache der Wirtschaft: die neuartigen Carsharer waren auf dem Markt. Ein gutes Dutzend Autos von Freunden und Verwandten warteten jetzt auf Entleiher. Und dann passierte – erst einmal gar nichts. Dementsprechend groß war der Jubel, als sich am folgenden Tag der erste Kunde meldete. Den hatte man zwar auch schon vorher persönlich gekannt, aber immerhin berichtete die Aachener Zeitung nun über die Unternehmensgründung, und auch die Blogger-Szene in München und Berlin griff das Thema auf. Es wurde getwittert und gefacebookt – und immer mehr Leute entschlossen sich, ihre emotional offenbar gar nicht so hoch besetzten Autos auf der Plattform anzumelden und damit ein paar Euro zu verdienen.
Eineinhalb Jahre liegt der Startklick nun zurück, und mittlerweile sind 2.500 Fahrzeuge in der gesamten Republik verzeichnet – Tendenz rasch steigend. Das Angebot reicht vom schwarzen Porsche für 309 Euro am Tag bis zum Daihatsu, der inklusive Versicherung schon für 16 Euro zu haben ist. Wer ein Auto braucht, gibt auf der Internetseite einfach die Postleitzahl seines Wohnortes ein und bekommt alle verfügbaren Wagen in der Umgebung angezeigt – einschließlich einer Fahrzeugbewertung sowie der Erfahrungen anderer Nutzer beim „Schlüsselerlebnis“, wie die Übergabe bei tamyca heißt. Ausleihen können alle, die einen Führerschein haben und zusätzlich eine Personalausweisnummer sowie ihre Wohnadresse angeben.
Ein gutes Jahr lang haben die Jungunternehmer kostenlos gearbeitet, inzwischen gibt es einen Geldgeber: Einer der ersten Nutzer der Plattform hatte in der Zeitung über den Finanzbedarf für die Aufbauphase gelesen und prompt sein Scheckbuch gezückt. Zehn Leute und ein Welpe sitzen jetzt im tamyca-Großraumbüro, dem sogenannten Inkubator – eine Art Brutkasten für junge Unternehmen, die sich dort preiswert einquartieren können. Neben den vier Gründern verdienen heute auch sechs Angestellte hier ihr Geld. Zu tun gibt es genug: Nicht nur muss die Hotline sieben Tage die Woche besetzt sein. Auch das Angebot wächst ständig, nicht zuletzt weil die Community eifrig Hinweise gibt, was sie sonst noch gern hätte und was zu verbessern wäre. Ob nicht auch Wohnmobile aufgenommen werden könnten, fragte ein User kürzlich. Ein anderer wünscht sich, dass nicht nur er allein, sondern auch seine Freundin auf der Ferienreise mit dem Leihwagen am Steuer sitzen kann. Neuerdings gibt es Flyer zur Eigenwerbung für jeden Auto-Anbieter und sogar Aufkleber für die Windschutzscheibe, über die Smartphones direkt auf die Verleihseite geleitet werden. Und auch das erste Pärchen hat sich schon über tamyca gefunden.
Vor kurzem tauchte eines der älteren Mitglieder der pessimistischen Jury im Inkubator auf – schließlich soll man den Nachwuchs ja fördern. Seine geliebte Kutsche will er zwar nach wie vor nicht verleihen. Doch er räumte ein, dass er und die anderen Herren sich wohl getäuscht hätten. Und die Idee, die den Unkenrufen der Altväter zum Trotz nicht gleich am ersten Hindernis zerschellte, lebt nicht nur weiter, sondern verbreitet sich mit Höchstgeschwindigkeit. In Frankreich, England und Spanien gibt es heute ähnliche Plattformen, und auch in Deutschland ist tamyca längst nicht mehr allein.
[jeschil tschember]
Die Berlinerin Gülcan Nitsch ist eine Bewusstseinsarbeiterin: Mit ihrer Gruppe Yeşil Çember begeistert sie türkischsprechende Menschen für den Naturschutz und animiert deutsche Umweltverbände zur stärkeren Einbeziehung von Migranten.
Die Berlinerin Gülcan Nitsch ist eine Bewusstseinsarbeiterin: Mit ihrer Gruppe Yeşil Çember begeistert sie türkischsprechende Menschen für den Naturschutz und animiert deutsche Umweltverbände zur stärkeren Einbeziehung von Migranten.
Die vergangenen Jahre haben Gülcan Nitsch zwar stark und durchsetzungsfähig werden lassen, doch reflektiert sie heute die Gründung ihrer Initiative Yeşil Çember durchaus mit einem gewissen Abstand. „Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukommt – ich weiß nicht, ob ich angefangen hätte“, sagt die 39-Jährige, die in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen ist. Doch sie will die Sache durchziehen, will „Steuerfrau“ ihres Projekts bleiben, bis sie sich selbst überflüssig gemacht haben wird. Das Ziel: In jedem türkischen Migrantenverein in Deutschland soll Umweltschutz als wichtige Aufgabe in der Satzung stehen – und ebenso selbstverständlich sollen die deutschen Naturschutzverbände aktiv auf Menschen mit anderer Muttersprache und aus anderen Kulturkreisen zugehen und sie in ihre Arbeit einbeziehen.
Als Biologiestudentin arbeitete Gülcan Nitsch ehrenamtlich für den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin. Weit und breit war sie dort der einzige Mensch mit türkischen Wurzeln. „Die fanden das toll, dass ich da war“, sagt sie. Doch niemand außer ihr sah die Notwendigkeit, auch andere Migranten für den Umweltschutz zu gewinnen. Zugleich stellte die Studentin fest, dass in den türkischen Verbänden Deutschlands das Thema Umwelt keinerlei Rolle spielte. So beschloss sie, eine türkischsprachige BUND-Umweltgruppe aufzubauen: Yeşil Çember – der grüne Kreis.
„Ich habe vor sechs Jahren wirklich ganz von vorne angefangen. Es gab nichts, wirklich absolut nichts“, berichtet Nitsch. Weder existierten Broschüren über Mülltrennung und Energiesparen im Haushalt, die sie türkischen Einwanderern ohne ausreichende Deutschkenntnisse hätte in die Hand drücken können, noch gab es deutschsprachige, aber konsequent bebilderte Informationshefte für Leute, die nicht gerne oder nicht gut lesen. Ihre ersten Besuche bei türkischen Migrantenvereinen verliefen ebenfalls frustrierend. „Keiner hat mich ernst genommen. Es war hart, unglaublich hart. Ein Sensibelchen darf man da nicht sein.“
Doch Gülcan Nitsch ist beharrlich, zäh und extrem diszipliniert. Und jeder, der ihr gegenübersitzt, spürt sofort ihre konzentrierte Präsenz. Als ihr klar wurde, welche Lücke sie da aufgetan hatte, begann sie, Flyer zu schreiben und Schulungen zu veranstalten. Sie konzipierte alles selbst, denn Vorbilder gab es ja keine. Viele der Kursteilnehmer zählen zu „bildungsfernen“ Schichten. „Da muss man sehr anschaulich werden“, sagt sie und zeigt eine von ihr entworfene Informationskarte, die zur umweltfreundlichen Gestaltung von Hochzeiten anleitet. Das Paar auf der Vorderseite hat ein elfjähriges Mädchen gemalt, die Rückseite informiert in einer übersichtlichen Tabelle über die verschiedenen Öko-Siegel, die Texte sind kurz und knapp, auf deutsch und türkisch.
Gülcan Nitsch versucht ganz bewusst, ihre Zuhörerschaft auf der Gefühlsebene zu erreichen. „Im Vergleich zu den Deutschen sind die Türken geselliger und emotionaler. Teilen und Geben sind unglaublich wichtig – und auch die Verantwortung für die Familie und somit auch für künftige Generationen“. Hier knüpft sie an. Die Menschen sollen erkennen, dass es nicht egal ist, wie sie sich im Alltag verhalten und dass sie etwas tun können. Um diesen Effekt zu erreichen, geht Nitsch in ihren Kursen sehr bewusst vor, überlegt sich Überraschungs- und Schockmomente, erspürt und kalkuliert genau, wie sie die Gruppendynamik in die gewünschte Richtung lenken kann.
Vor kurzem war sie beim türkischen Generalkonsulat in München eingeladen, gut zwei Dutzend Angestellte hatten sich versammelt. Gülcan Nitsch entführte sie gedanklich in einen kühlen Wald. Dann beschrieb sie plastisch, wie jeden Tag Hunderte Fußballfelder Wald abgeholzt werden, fragte in die Runde, wer schon einmal einen Baum gepflanzt hat und bat ihre Zuhörer schließlich, alle Papiertaschentuchpakete aus den Taschen zu holen. Nur wenige waren aus Recyclingpapier, stellte man gemeinsam betroffen fest. „Bei so einer Gelegenheit habe ich nur eine Chance und nur eine Stunde Zeit – und die muss ich nutzen“, sagt sie. Das ist ihr im türkischen Generalkonsulat in München offenbar gelungen: Sofort beschloss man dort, einen Umweltbeauftragten zu bestimmen. Ein anderer Kursteilnehmer erklärte sich bereit, Mülleimer für verschiedene Materialien zu besorgen, und Recyclingpapier soll im Konsulat nun auch zum Einsatz kommen.
„Und manchmal gibt es auch Wunder,“ sagt Gülcan Nitsch und ist selbst immer wieder erstaunt über das, was sie in den vergangenen Jahren erlebt und ausgelöst hat. Vor allem in türkischen Frauengruppen entstehe häufig eine große Dynamik. Nach Schulungen zum Energie- und Wassersparen oder über Schadstoffe in Lebensmitteln beraten viele Teilnehmerinnen auch ihre Nachbarinnen. Das stärkt häufig nicht nur das Umwelt-, sondern auch das Selbstbewusstsein der Frauen. Vor kurzem meldete sich eine fünffache Mutter aus Köln, die nach dem Hauptschulabschluss nie eine Ausbildung gemacht hatte. Sie habe nach einem Kurs bei Yeşil Çember endlich den Mut gefasst, eine Lehrstelle zu suchen – und auch eine gefunden, teilte sie mit.
Auch Gülcan Nitsch hat sich ihre Stelle selbst organisiert. Sie reiste zur Deutschen Bundesstiftung Umwelt und überzeugte: Zwei Jahre lang finanzierte die Organisation ihren Arbeitsplatz beim BUND. Inzwischen hat sie sich selbständig gemacht und gründet gerade zusammen mit zwei anderen Frauen eine gemeinnützige Firma. Der Name soll bleiben: Yeşil Çember. Längst kommen auch Anfragen aus Österreich, der Schweiz, Belgien, Holland und Schweden. Doch Gülcan Nitsch will sich mit der internationalen Verbreitung ihrer Arbeit noch Zeit lassen, sie will das Tempo selbst bestimmen und nicht dauernd überwältigt werden von den Ansprüchen und Erwartungen anderer. „Ich spüre die Müdigkeit nicht, habe keine Belastungsgrenze. Manchmal habe ich monatelang ohne einen freien Tag durchgearbeitet. Jetzt will ich darauf achten, zumindest jedes zweite oder dritte Wochenende frei zu haben“, diszipliniert sie sich selbst.
Etwa 50 bis 60 ehrenamtliche Mitstreiter hat sie inzwischen in Berlin, fast alles Frauen verschiedener Altersstufen. Auch in vielen anderen Städten hat der Grüne Kreis Unterstützer und vor allem Unterstützerinnen gefunden. Und doch ist Gülcan Nitsch nach wie vor das eindeutige Zentrum. Sie hat das nicht gewollt – und doch spürt sie, dass es noch nicht anders geht. „Als Naturwissenschaftlerin kann ich Probleme analytisch lösen und als Biologin vernetzt denken“, sagt sie. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Fähigkeit, Menschen zu fesseln, sieht sie als hilfreiche, aber unverdiente Begabungen. Hier liegt wohl auch der Ursprung ihrer Kraft: Sie ist nicht eitel, und die Sache steht für sie im Mittelpunkt. „Es geht um das Thema des Jahrhunderts, nicht um ein Luxusproblem. Wir müssen eine lebenswerte Welt hinterlassen, das hat höchste Priorität.“
Längst geht Gülcan Nitsch in Landesministerien ein und aus und hält Vorträge bei Institutionen wie dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), der die Bundesregierung berät. Die Dynamik, die sie deutschlandweit ausgelöst hat, überrascht die Aktivistin immer wieder selbst. „Ich wollte ja nur etwas tun, was bis dahin fehlte – nicht mehr und nicht weniger.“ Der Erfolg gibt ihr Recht und verschafft ihr eine Position, von der aus sie Forderungen stellen kann. „Ich möchte, dass es in deutschen Naturschutzverbänden bald nicht nur ehrenamtliche Migranten gibt, sondern ganz selbstverständlich auch hauptamtliche.“ Für sich persönlich aber hat sie andere Pläne. „Ich will nicht mehr gebraucht werden; dann kann ich das Land verlassen.“ Wohin? Vielleicht nach Schweden, Belgien oder Österreich, auch dort gebe es schließlich viel Aufbauarbeit zu leisten. Gülcan Nitsch versteht sich als Weltbürgerin. Dass sie Türkisch und Deutsch spricht, hält sie für nützlich – aber für reinen Zufall.
Markenkapern
Ein Kollektiv produziert internetvernetzt „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Die „Arbeiterklasse“ – Abfüller, Gabelstapler- und Lasterfahrer – darf genauso qualifiziert und unqualifiziert mitquatschen wie die „Bourgeoisie“ der Großhändler.
Ein Kollektiv produziert internetvernetzt „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Die „Arbeiterklasse“ – Abfüller, Gabelstapler- und Lasterfahrer – darf genauso qualifiziert und unqualifiziert mitquatschen wie die „Bourgeoisie“ der Großhändler.
Wenn Karl Marx einen Internetanschluss gehabt hätte, wäre ihm vielleicht dieses Modell eingefallen: Eine Assoziation freier Individuen, bestückt aus der Arbeiterklasse, organisiert sich im Web als Schwarmkollektiv und produziert „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Profit ausgeschlossen. Konsensdemokratie inbegriffen, einschließlich stundenlanger Quasseln per Mail oder in Echtzeit.
Oder wenn die Piratenpartei das Bundeswirtschaftsministerium übernähme, so käme womöglich ein ähnliches ökonomisches Modell zustande wie bei Premium-Cola: Mobile Firmenzentrale, bestehend aus einem Laptop und einem Handy. Liquide Demokratie. Maximale Transparenz. Virtuelle Produktionsweise, bestehend aus gut 50 einzelnen Modulen. Alles Open Source auf die Website gestellt.
Aber Marx ist tot und die Piratenpartei weit jünger als Premium-Cola. Deshalb muss der Hamburger Uwe Lübbermann jetzt alles erklären, denn von ihm stammt die Idee. Zur Person: 35 Jahre alt, schwarzer Kapuzenpulli, rasierter Schädel, Dreitagebart. Arbeitete schon als Jugendlicher auf dem Bau. Als Maurer, später als Gabelstaplerfahrer. Dann Blumenbote, Barkeeper und Behindertenbetreuer, schließlich Marketingleiter an der Uni – ein Werdegang, der ihn befähigt, sowohl mit Lagerarbeitern als auch mit Professorinnen auf Augenhöhe zu sprechen.
„Was mich getrieben hat, so ein Kollektiv zu gründen, kann ich nicht genau sagen“, erzählt er und schaut sein Gegenüber freundlich aus blauen Augen an. Vielleicht sei es ein Aha-Erlebnis auf dem Bau gewesen: dass die Bauherren auf die Maurer runterschauten und die Maurer umgekehrt auf die Bauherren. Seine Schlussfolgerung: „Alle sind gleich viel wert. Wenn überhaupt jemand mehr verdienen sollte, dann diejenigen, die die schlechteren Arbeitsbedingungen haben.“
Aber brauchen wir Cola, Limo, Bier und Kaffee tatsächlich, all das Zeug, was er und seine Mitstreiter anbieten? Lübbermann ist ein durch und durch ehrlicher Mensch. „Natürlich nicht. Alles ungesund.“ Sie bemühten sich zwar um Biozutaten und das Bier sei sogar von Bioland zertifiziert, aber es könne Alkoholsucht auslösen. „Und deshalb zahlen wir zehn Prozent vom Umsatz an einen Ex-Alkoholiker, der durch die Schulen tingelt und seine Geschichte erzählt.“ Auf der Webseite findet sich auch der Hinweis, man solle den Kaffee bloß nicht kaufen, wenn man schon einen fairen Anbieter habe. Und Werbung macht das Kollektiv schon gar nicht: PR, igitt.
Überhaupt, die ganze Gründung: „ein Versehen“, sagt Lübbermann. 1999 lag er in der Badewanne und zuzelte an seiner afri cola. Doch die schmeckte ihm plötzlich nicht mehr, weil die Firma das Rezept geändert hatte. Zwei Jahre lang nervte er deshalb den Konzern; vergeblich. Dann, per Zufall, stieß er auf einen Abfüller und das Originalrezept. 2001 füllte er mit Freunden eine eigene Cola ab, 1.000 Flaschen für den Eigenbedarf, sie schmeckte. afri war gekapert, die Piratenmarke Premium-Cola entstand.
Die Körpersprache des Markeninhabers ist eher schüchtern. Zwar stehen sein Name und seine Wohnadresse auf den Etiketten der schlichten schwarzen Flaschen, gleich neben den Zutaten und folgendem Spruch: „Eine korrekte Cola aus kollektiver Überzeugung und Leidenschaft.“ Aber ein Bestimmer wollte er nicht sein. Also ist er ein „Nichtbestimmer“ geworden. Cola-Trinkende, Flaschenabfüller, Gabelstapler- und Lastwagenfahrer, Getränke- und Großhändler – sie alle, vom Proletariat übers Kleinbürgertum bis zur Bourgeoisie, können über seine Arbeit und sein Leben mitbestimmen, und über Premium-Cola sowieso. Wobei er Wert auf die Feststellung legt, dass er sich „einen Rest Selbstbestimmung“ erhalten habe.
Und wie geht das nun? Uwe Lübbermann nennt die Zahlen 6 und 60. Sechs Leute – er selbst, die Buchhalterin und noch ein paar – sitzen im „Orgateam“ und verständigen sich in wöchentlichen Telefonkonferenzen. 60 Menschen stehen auf dem Mailverteiler des Kollektivs und dürfen jedes Problem bis zum Wahnsinn ausdiskutieren, weil Konsensdemokratie demokratischer ist als Abstimmungen. Zu den 60 gehören auch die „Sprecher“, das sind Konsumenten oder besser gesagt Prosumenten, die in über 90 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gegen ein kleines Entgelt dafür sorgen, dass sie ihre Lieblings-Cola in ihrem Lieblingsladen kaufen können. „Eine Struktur, die Macht verhindert“, sagt der Erfinder nicht ohne Stolz.
Die Firmenzentrale besteht wie gesagt aus Lübbermanns PC und Handy – mehr nicht. Angestellte gibt es nicht, was das Kollektiv übrigens langfristig gerne ändern würde; derzeit leben alle Beteiligten noch von anderen Jobs. Oder sie wollen höchstens drei Stunden täglich arbeiten oder auch mal ein halbes Jahr durch Brasilien touren. Geht alles. Lübbermann ist nach eigenem Bekunden „der einzige, der von Premium-Cola leben kann“. Pro Flasche bekommt er einen festen Preis von vier Cent. „Und wenn das Kollektiv beschließt, dass ich nur noch drei Cent kriege, kann ich nix dagegen machen. Ich lebe davon, dass ich mich anstrenge, es allen recht zu machen.“
Die Flaschen werden in Nördlingen abgefüllt und an Groß- und Kleinhändler bundesweit sternförmig verteilt. 2011 verkaufte Premium-Cola rund eine halbe Million davon, was dem Nichtbestimmer theoretisch gut 20.000 Euro im Jahr einbrachte, wegen aufgelaufener Kosten aber weit weniger. Wer ihm nicht glaubt: Die Kalkulationen sind auf der Website nachzulesen. Das Modul „Transparenz“ nennt Lübbermann das. Es gibt auch das Modul „ohne Gewinn“, das Modul „ohne Zinsen“ (Zinsen kommen nämlich selbst dann nicht auf die Rechnung, wenn jemand monatelang nicht bezahlt), das Modul „Handschlag“ (es gibt keinen einzigen Vertrag) sowie das Modul „Anti-Mengenrabatt“ (je kleiner die bestellte Menge Flaschen, desto geringer der Preis für den Händler). Letzteres steht zwar ganz im Gegensatz zur gängigen Marktlogik, sorgt aber für eine zuverlässigere Belieferung kleiner Läden und gute Stimmung unter allen Händlern. „Premium-Bier haben wir praktisch blind geordert, weil wir sicher waren, dass es für alle fair geregelt sein würde“, sagt einer von ihnen.
„Wir wollen den Beweis führen, dass Moral und Ökonomie zusammenkommen. Und nach zehnjähriger Existenz können wir so falsch nicht liegen“, heißt es auf der Website. Premium-Cola ist zwar mit einem Marktanteil von 0,01 Prozent weiterhin ein Nichts auf dem Cola-Markt, aber es wächst langsam und stetig und bietet neben Bier und Cola inzwischen auch weitere Produkte an. Genauer gesagt: Andere Kollektive haben das Geschäftsmodell übernommen und kooperieren mit Premium-Cola: etwa die Holunder-Limo Frohlunder oder der Quijote-Kaffee, aber auch ein Zahnbürstenhersteller. Damit kann man dann gleich nach dem Cola-Konsum den Zucker im Mund fair-schrubben.
Uwe Lübbermann, der inzwischen Wirtschaftspsychologie studiert und einen Master im Nachhaltigkeits-Management anstrebt, träumt davon, eines Tages vielleicht sogar die großen Player unter Druck setzen zu können: „Wir machen keinen Gewinn, wir haben keine Aktionäre, keine Werbung, keine dicken Dienstwagen, also können wir irgendwann mit besseren Sozialstandards fairer und billiger produzieren als die. Das zu beweisen, ist jedenfalls mein Ziel.“ Sagt er und freut sich auf den Tag, an dem die Arbeiterklasse zusammen mit der Bourgeoisie gesiegt haben wird.
Warenkunde
Die Internetplattform „Murks? Nein Danke!“ sammelt Meldungen über Produkte, deren künstlicher Verfall vorprogrammiert ist. Der Initiator Stefan Schridde kämpft an zahlreichen Fronten dagegen, dass zu viel weggeworfen und immer wieder neu gekauft wird.
Die Internetplattform „Murks? Nein Danke!“ sammelt Meldungen über Produkte, deren künstlicher Verfall vorprogrammiert ist. Der Initiator Stefan Schridde kämpft an zahlreichen Fronten dagegen, dass zu viel weggeworfen und immer wieder neu gekauft wird.
In einer Erzählung von Stanislaw Lem fällt der Protagonist Ijon Tichy 1980 auf einem Futurologischen Kongress in einen Kälteschlaf und erwacht 100 Jahre später in einer scheinbar perfekt technisierten modernen Welt. Erst als er die Antidroge „Wecksalz“ einnimmt, erkennt er, dass die Zivilisation in Wahrheit längst verfallen ist.
Das Trugbild vom schönen Schein unserer Konsumprodukte enttarnt der Betriebswirt Stefan Schridde bereits im Hier und Jetzt, ganz ohne Psychopharmaka und ohne, dass er Held in einem Science Fiction sein müsste: er fahndet nach geplanter Obsoleszenz. Hinter dem gequälten Begriff verbirgt sich der künstliche und vom Hersteller beabsichtigte Verschleiß von Produkten. Viele Konsumartikel sind so konstruiert, dass sie zu einem festgelegten Zeitpunkt kaputtgehen müssen: man denke zum Beispiel an Glühbirnen, Handys, MP3-Player oder Drucker. Die Hersteller legen eine Höchstzahl an Batteriestunden oder Druckvorgängen fest, und wenn die erreicht sind, geht bald danach nichts mehr.
Warum werden Dinge von geringer Qualität produziert, obwohl man es eigentlich viel besser könnte? Weil unser wachstumswirtschaftliches System auf dem Grundprinzip beruht, dass ständig neue Bedürfnisse nach neuen Produkten erzeugt werden, wozu logisch gehört, dass die alten baldmöglichst „unbrauchbar“ werden müssen, auf dass man sie kopflos entsorgt und etwas Neues anschafft.
Stefan Schridde konnte sich lange Zeit keinen Reim darauf machen, weshalb bei vielen Produkten kurz nach Ablauf der Garantiezeit ein Schaden eintritt. Eines Nachts zappte der Wirtschaftscoach durch das Fernsehprogramm und landete mitten in der arte-Dokumentation Kaufen für die Müllhalde (2011). Schridde erinnert sich: „Fassungslos sah ich zu. Plötzlich machte es bei mir Klick, und ich kapierte, dass es sich bei geplanter Obsoleszenz um eine gewollte Unterlassung durch die Industrie handelt! Da sagte ich mir: Jetzt reicht’s!“ So wurde die Reportage beim schlaflosen Schridde zum „Wecksalz“: der Wegwerfgesellschaft liegt notwendigerweise eine Wegwerfproduktion zugrunde. Leider kein Science-Fiction-Stoff – dafür ein realer Wirtschaftskrimi!
Schridde begann, sich immer weiter in das Thema zu vertiefen und an den wirtschaftlichen Tatorten zu ermitteln. Dann beschloss er, eine Petition zu verfassen, wofür er natürlich möglichst viele Unterstützer brauchte: das war der Beginn seines Blogs. Schnell avancierte er zum Experten und konnte Fälle von geplanter Obsoleszenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammentragen. Heute ist er zur wichtigsten Stimme der Konsumenten geworden, die sich nicht weiter manipulieren lassen wollen und laut rufen: Murks? Nein Danke!
So begann Schriddes öffentliche Aufklärungsarbeit über ein bisher gut gehütetes Geheimnis: „Und auf den von der Wirtschaft fabrizierten Schrott werden dann auch noch Qualitätszertifikate gegeben. Aber da sage ich: Denkste, das ist keine Qualität! Man kann nämlich auch zertifizierten Murks produzieren.“
Schridde, der von Berufs wegen betriebliche Abläufe zu gut kennt, um auf die von den Managern geworfenen Nebelkerzen hereinzufallen, lässt sich von der Marketinglyrik nicht beeindrucken – und am liebsten unterhält er sich gleich mit den Ingenieuren in den Entwicklungsabteilungen der Unternehmen: „Wir können doch nicht über Corporate Social Responsibility, über Ressourceneffizienz, über Recycling und über nachhaltigen Konsum sprechen, ohne uns nicht auch über die Nutzungsdauer von Produkten zu unterhalten“, kann sich Schridde in Rage reden. „Jeder, der wenigstens ein bisschen nachdenkt, merkt: Diese wirtschaftliche Praxis können wir allerhöchstens noch ein paar Jahre weiter so treiben. Aber wir fahren doch bereits heute das Ding voll an die Wand.“
Allein, dass wir Bürger uns von der Wirtschaft als „Endkonsumenten“ und „Endverbraucher“ bezeichnen lassen müssen, zeige doch, wie abgeschmackt solche Marktstrategien seien. So haben beispielsweise die Kaffeehersteller lange überlegt, wie sie den Kaffeetrinkern einbläuen können, das Pulver nicht mehr selbst in die Filtertüte geben zu wollen, sondern innovative Pads zu benutzen. Weshalb? „Weil sich der Kaffeehersteller sagt: Ich verdiene ja viel mehr Geld, wenn ich den Kaffee selbst in Papier packe“, erklärt Schridde. Auch dies ein Fall für den investigativen BWLer, der sich nämlich nicht nur für verringerte Produktlebenszeiten interessiert, sondern für jede Art von wirtschaftlichem Kalkül, das permanent neue Bedürfnisse bei den Konsumenten produzieren soll. Denn wer etwas zu brauchen meint, kauft ständig neue Dinge – selbstverständlich ohne über Möglichkeiten von Reparatur, Cradle to Cradle oder Kreisläufe nachzudenken: „Und dann senden wir unseren Wohlstandsmüll und Elektroschrott nach Afrika. Wenn auch wir Nutzer nicht gewillt sind, über Wieder- und Weiterverwertungen nachzudenken, verkürzen wir selbst die Nutzungsdauer von unseren eigenen Produkten“, schließt Schridde den Kreis.
Ja, es müsste mehr repariert werden, doch das wird von der Industrie systematisch verhindert: „Es gibt Schrauben, die man zwar rein- aber nicht wieder rausschrauben kann. Wer sich so etwas ausdenkt, der muss kriminelle Energie haben!“, erregt sich Schridde. Auch Ersatzteile werden kaum noch verkauft oder höchstens maßlos überteuert angeboten – alles aus purer Berechnung. De facto sieht Schridde darin Eigentumsrechte beschnitten: „Wenn ich etwas kaufe und danach nicht mehr entscheiden kann, was ich damit mache, dann wird in meine Verfügung eingegriffen.“ Offensichtlich gefällt vielen Menschen Schriddes kategorischer Imperativ, sich nicht für blöd verkaufen zu lassen, denn www.murks-nein-danke.de haben seit Februar 2012 mehr als 820.000 Menschen besucht. Die Community trägt eifrig Beispiele des geplanten Verschleißes zusammen; täglich gehen neue Murksmeldungen ein.
Und obwohl klar ist, dass es sich um ein absichtsvolles Vorgehen von Unternehmen handelt, richtet sich Schridde ebenso an die Konsumenten: „Immerhin gelingt es der Wirtschaft, uns damit einverstanden zu machen, immer schnelleren Produktgenerationen und Moden folgen zu müssen“, begründet Schridde seinen Kampf an beiden Fronten. Von der Politik fordert er eine Anpassung des Gewährleistungsrechts. Er spricht bei Bundestagsabgeordneten vor und wird inzwischen auch zu Expertenrunden eingeladen: „Naja, ich werde nicht eingeladen“, korrigiert Schridde, „Ich dränge mich förmlich auf“.
Selbst wenn Wirtschaftsanwälte mit Klagen drohen würden, wäre das für ihn kein Grund, seine Ermittlungen in diesem hochgradig spannenden Kriminalfall einzustellen: „Derjenige, der mich zuerst verklagt, hat viel Spaß – das verspreche ich. Und überhaupt: Wie kann man denn so dumm sein, jemanden zu verklagen, der eigentlich die Wirtschaft zu neuen Ufern führen will?“ Und auf die Frage, ob er Angst vor persönlichen Angriffen habe, antwortet Schridde ohne mit der Wimper zu zucken: „Nein, was ich mache, ist doch Kundenbeschwerdemanagement vom Feinsten!“
Strom-Future
Früher Energy Trader bei Vattenfall, heute Betreiber einer Strombörse der anderen Art: Justus Schütze bringt mit seiner Firma buzzn Stromgeber und -nehmer zusammen. Diese handeln lokal und gleichberechtigt mit selbst erzeugtem Strom aus erneuerbaren Quellen.
Früher Energy Trader bei Vattenfall, heute Betreiber einer Strombörse der anderen Art: Justus Schütze bringt mit seiner Firma buzzn Stromgeber und -nehmer zusammen. Diese handeln lokal und gleichberechtigt mit selbst erzeugtem Strom aus erneuerbaren Quellen.
„Ich war einer der Spitzbuben, die wichtige Bereiche unseres Daseins beherrschen“ – so stellt sich Justus Schütze auf einem Kongress seinem Publikum vor. Der lässig auftretende 41-Jährige sieht mit seinen funkelnden Augen tatsächlich recht frech aus; ein Saulus, der sich zum Paulus wandelte. Vor seiner Metamorphose war Schütze Energy Trader, unter anderem für den Energieriesen und Atomkraftwerksbetreiber Vattenfall. Dann aber erfand er einen Weg, die dezentrale Energieproduktion in grünen Mini-Kraftwerken zu fördern – dabei blieb er eigentlich Trader, nur einer der „anderen Art“. Seine neue Firma buzzn – People Power ermöglicht nämlich den direkten Austausch zwischen „Stromgebern“ und „Stromnehmern“; diese handeln mit selbsterzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien, den sie über möglichst kurze Strecken schicken.
Im persönlichen Gespräch erzählt Justus Schütze, dass er in Umweltsachen schon früher eher der Paulus war. Sein Elternhaus in Wolfratshausen bei München war liberal, sein Vater war Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und in den 1960er-Jahren einer der ersten, die dem Umweltschutz in der deutschen Publizistik Raum gaben. Sohn Justus rettete Bäume bei der BUND-Jugend oder sammelte Joghurtbecherdeckel. Später, nach dem Studium, allerdings ging er an die Frankfurter Börse, „auf der Suche nach Neuem“. Als Broker handelte er zunächst mit Aktienderivaten, als Energy Trader dann mit Strom-Futures an der Leipziger Strombörse. Justus Schütze sicherte für Energiekonzerne – zuletzt Vattenfall – Kraftwerke gegen das wirtschaftliche Risiko fallender Strompreise ab, betrieb im Auftrag dieser Firmen aber auch rein spekulative Geschäfte.
„Ich fühlte mich wie in einem goldenen Hamsterrad“, erzählt er. „Es ging immer um sehr viel Geld, man könnte auch sagen: um ein hohes Schmerzensgeld. Man schaltet dabei Zweifel aus und rechtfertigt das eigene Tun, indem man sich sagt: Das ist dein Beitrag zu einem effizienten Markt.“ Als dann aber 2007 Vattenfalls Atomkraftwerke in Schweden und bei Hamburg fast havarierten, gelang ihm die Verdrängung nicht länger. Er schmiss hin, ging zurück in seine Heimatstadt Wolfratshausen, kaufte ein Haus und begann mittels Kraft-Wärme-Kopplung im Keller und Solarmodulen auf dem Dach selbst Strom herzustellen. Das war die Initialzündung für buzzn: Wenn ich genug Ökostrom produziere, warum kann ich diesen nicht einfach an Freunde verkaufen?
2009 begegnete er in einer Agentur dem Creative Director Danusch Mahmoudi. Dieser sollte erst nur eine Website entwerfen, überzeugte Schütze aber dann, dass man die dezentralen Energien und das Web 2.0 zum Traumpaar „Social Energy“ verheiraten könne. Heraus kam ein Marktplatz im Internet, auf dem „Stromgeber“ und „Stromnehmer“ sich zum Tauschen und Teilen treffen und zu „Prosumenten“, also Produzenten und Konsumenten in einer Person werden können. Das gemeinsame Hauptmotiv: die Förderung lokaler Energieproduktion. Im April 2010 gründeten Schütze und Mahmoudi dann formell das Unternehmen buzzn – in Anlehnung an das englische Wort für summen oder auch für Kick. Auch „People Power Pool“ nennen sie ihre Energieplattform gerne, was nicht zufällig an den berühmten Song von John Lennon erinnert. Umgeschrieben auf das revolutionäre Potential der dezentralen Energien müsste der Refrain allerdings anders lauten: „Power from the people, power to the people!“
Das Prinzip der etwas anderen Strombörse: Die Stromgeber, die Elektrizität aus allen Arten erneuerbarer Energiequellen und aus Kraft-Wärme-Kopplung gewinnen, speisen ihren Strom in das allgemeine Stromnetz ein. Dafür erhalten sie von buzzn eine Entlohnung, die pro Kilowattstunde einen Cent höher ist als die gesetzlich vorgeschriebene Einspeisevergütung für erneuerbare Energien. Für die Stromnehmer funktioniert buzzn wie ein konventioneller Stromanbieter: Sie beziehen ihre Elektrizität aus der Steckdose und bezahlen ihn bei buzzn – zu ungefähr demselben Preis wie bei anderen Ökostromlieferanten. So entsteht ein buzzn-Strompool, der aber – wie bei jeder Strom-Transaktion – rein virtuell ist.
Die Stabilisierung zwischen Angebot und Nachfrage regelt buzzn, indem es nur so viele Stromnehmer aufnimmt, wie die Stromgeber bedienen können. Dabei wird darauf geachtet, dass Stromgeber und Stromnehmer jeweils nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, erklärt Schütze. „Das unterscheidet uns auch von den anderen Ökostromanbietern.“ Dass der buzzn-Strom ausschließlich aus lokaler Produktion stamme, sei nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, es fördere die regionale Wertschöpfung und mache Stromautobahnen entbehrlich.
Heute hat buzzn bundesweit mehrere Hundert Nutzer. Das ist noch nicht astronomisch viel, aber auch nicht wenig. „Wir mussten hart dafür arbeiten, um vom Energie-Establishment überhaupt beachtet zu werden, und wir mussten viel Kraft und Ausdauer in den täglichen Kampf gegen die Bürokratie stecken“, berichtet Justus Schütze. Leben kann das inzwischen fünfköpfige Team um den ehemaligen Trader noch nicht von der Firma. Alle verdienen als Freiberufler noch Geld durch Beratertätigkeiten – was Vorteile hat. „Wir sind nicht unter Wachstumszwang, wir haben keinen Businessplan und müssen keine Kapitalinteressen bedienen“, sagt Schütze. Und er zeigt sich „100 Prozent optimistisch“, was den kommenden Erfolg anbelangt. „Die Zeit arbeitet für uns“, sagt er. „Das Geschäftsmodell der großen Energiekonzerne steht massiv unter Druck. Der Bau neuer Großkraftwerke wird reihenweise abgesagt, weil die sich dank der Ökostromflut nicht mehr rentieren.“
Und dieser Optimismus trotz Solarkürzungen und Solarfirmenpleiten? „Ja“, versichert der Energiefachmann. Der Preis von Solarmodulen werde weiter fallen. In ein paar Jahren werde man Solargeräte in jedem beliebigen Supermarkt kaufen können. Mittels Solarfensterscheiben, Miniatur-Windanlagen auf dem Dach oder anderen Geräten könnten dann überall Kleinmengen an Strom erzeugt werden, was zu einer Kulturrevolution führen werde, der Durchsetzung des Internets vergleichbar.
Deshalb ist der frühere Vattenfall-Manager heute einer der schärfsten Kritiker zentralistischer Kraftwerke, auch wenn sie in Form von Offshore-Windanlagen daherkommen oder als Sonnenparks wie „das Milliardengrab Desertec“. Die hohen Kosten für die dafür nötigen Stromautobahnen sind nach Schützes Ansicht rausgeschmissenes Geld. Und die Vorstellung, dass eine höhere Macht passive Konsumenten versorgen müsse, sei definitiv veraltet. Ob im Internet oder bei Ökostrom: „Der User frönt seinem Bedürfnis zu produzieren, zu (ver)teilen, sich mit anderen zusammenzutun.“
Viele buzzn-Nutzer sehen sich genau in dieser Rolle. Der Maschinenbautechniker Rudi Schäfer etwa, der in seinem Haus im hessischen Dorf Steffenberg ein Blockheizkraftwerk installiert hat, das Strom und Wärme liefert. „Im Winter bin ich vorwiegend Stromgeber, im Sommer Stromnehmer“, erläutert er. „buzzn gefällt mir, weil ich damit was gegen die mächtigen Energiekonzerne tun kann.“ Leider laufe sein Blockheizkraftwerk noch auf der Basis von Öl, weil es im Dorf kein Gas gebe, aber irgendwann werde er auch das ändern.
Auch die Informatikern Karin Albrecht aus dem nordfriesischen Bredstedt hat ein kleines Blockheizkraftwerk in ihren Keller gebaut, das ihr Einfamilienhaus und die Arztpraxis ihres Mannes mit Licht und Wärme versorgt. Seit ein paar Monaten ist sie bei buzzn dabei, meist als Stromgeberin, manchmal auch als -nehmerin. „Ich bin absolut zufrieden“, sagt sie. „Das ist ein sehr gutes innovatives Konzept, weg von den Großkonzernen und weg von der Anonymität.“
summmm
Bienen sind akut bedroht; in ländlichen Monokulturen finden sie kaum noch Nahrung. Großstadt-Imker des Netzwerks Berlin summt! verschaffen den Bienen eine Heimat in der Stadtnatur, etwa auf dem Berliner Dom.
Bienen sind akut bedroht; in ländlichen Monokulturen finden sie kaum noch Nahrung. Großstadt-Imker des Netzwerks Berlin summt! verschaffen den Bienen eine Heimat in der Stadtnatur, etwa auf dem Berliner Dom.
Der Berliner Dom auf der Spree-Insel bietet auf jedem Geschoss royale Besonderheiten. In der unterirdischen Gruft ruhen die ehrwürdigen Gebeine des Königsgeschlechts der Hohenzollern. Ein Stockwerk höher beten Gläubige im wuchtigen Kirchenschiff den Himmelskönig an. Noch weiter oben, auf dem knapp 30 Meter hohen Dach über dem Altar, wächst königlicher Nachwuchs heran. Hobby-Imker Uwe Marth, assistiert von Dom-Geschäftsführer Lars-Gunnar Ziel, zieht mit bloßen Händen einen Rahmen mit Honigwaben aus dem Bienenkasten. „Alles in Ordnung“, stellt er fest und steckt ihn zurück in den Bienenstock, in dem sich etwa 20.000 kleine Tiere tummeln. Mittendrin, mit einem farbigen Punkt gekennzeichnet: die Königin.
Seine Bienen lassen sich diese Störung gefallen, ohne zu stechen. „Das ist ein friedliches Völkchen“, befindet Marth, der keinen schützenden Imkerhut braucht. Nur auf weiße oder gelbe Kleidung legt er Wert. „Wenn jemand schwarz trägt oder dunkle Haare hat, wird das im Bienenhirn in das Millionen Jahre alte Bären-Feindschema sortiert“, erklärt er. „Bären klauen Honig – und Bienen verteidigen den Honig mit ihrem Stachel.“
Uwe Marth, im Hauptberuf Lehrer, gehört zu jenem Dutzend Hobby-Imkern, die im Rahmen der Initiative Berlin summt! auf die prekäre Situation ihrer Schützlinge aufmerksam machen. Die Blütenbestäuber sind einerseits immens wichtig für das Fortbestehen des Lebens auf der Erde – ohne sie könnten zahlreiche Sorten Obst, Gemüse und Nüsse keine Früchte tragen. Ihre Gratisleistungen für Natur und Mensch erfahren andererseits so wenig Unterstützung, dass die Bienen stark bedroht sind. Jährlich stirbt in Deutschland durchschnittlich ein Drittel des Bestands, in manchen Ländern und Regionen sogar noch mehr. Verantwortlich dafür ist eine Kombination von verschiedenen Ursachen: Parasiten, Pestizide, chemisch behandeltes Saatgut, Elektrosmog, Flächenversiegelungen, die agroindustriellen Monokulturen auf dem Land und das damit verbundene Artensterben. Vielfach verhungern die Insekten mitten im schönsten Sommer: Sie finden keine neue Nahrung mehr, wenn etwa die Raps-Monokultur verblüht ist.
Deshalb geht es Bienen – wie auch vielen anderen Tier- und Pflanzenarten – in Städten inzwischen besser als auf dem Land. Die Baum- und Blumenvielfalt ist im urbanen Raum viel größer, und Pflanzen werden seltener chemisch behandelt. In Berlin haben 298 von 560 deutschlandweit vorkommenden Arten von Wildbienen ein Asyl gefunden, und etwa 700 Freizeitimker kümmern sich um die 3.200 Völker der Stadt. Auf den Straßenbäumen der Metropole – etwa 154.000 Linden, 80.000 Ahornbäumen, 21.000 Kastanien, 14.000 Robinien – finden die Bienen mehr Nahrung als auf den Monokulturen Brandenburgs. Um die neuen Einwanderer wertzuschätzen, hat Berlin summt! ihnen Unterkünfte an herausragenden Orten besorgt: auf dem Abgeordnetenhaus, dem Planetarium, dem Haus der Kulturen der Welt oder eben in knapp 30 Meter Höhe auf dem Kupferdach des Doms.
Uwe Marth deutet von der Kuppel hinunter auf die blühenden Kastanien im benachbarten Park: „Bis dahin sind es nur ein paar Hundert Meter. Kein Problem für eine Biene. Sie fliegt mehrere Kilometer bis zu einer Nahrungsquelle, verbraucht dabei allerdings zwei Drittel ihrer Ernte für den Eigenbedarf. Hier, probieren Sie mal!“ Er überreicht eine stecknadelkopfgroße goldgelbe Kugel. „Dieses Pollenklößchen“, sagt der Imker, „besteht aus Millionen mikroskopisch kleiner Pollen.“ Die Probe schmeckt so paradiesisch, als sei sie aus dem Land, wo Milch und Honig fließen.
Der Imker freut sich schon auf eine Honigernte von 25 Kilo oder mehr. 2011 hat Dom-Geschäftsführer Ziel rund 100 Gläser „Domhonig“ à 250 Gramm verkauft; pro Glas geht ein Euro an die Dach-Initiative Berlin summt!. Auch Lars-Gunnar Ziel will sich nun unbedingt selbst ein Bienenvolk anschaffen: „Dann hab’ ich im Sommer bis zu 50.000 Haustiere“, lacht er und ergänzt ernst: „Der Honig ist eigentlich sekundär. Bienen sind bedroht, sie müssen gehegt und gepflegt werden. Ich find’ es einfach schön, wenn man der Natur etwas zurückgeben kann.“
Beide Männer sind sichtlich fasziniert von der einmaligen Schwarmintelligenz und sprudeln nur so vor Informationen über die Insekten. Ein Volk mit etwa 20.000 Flugbienen, berichtet Marth, besuche von Mai bis Juli täglich 20 bis 100 Millionen Blüten. Die je nach Entfernung der Nahrungsquelle durch Rund- oder Schwänzeltanz der Spurbienen informierten Sammlerinnen bräuchten „nie länger als eine halbe Stunde, um einen blühenden Baum abzuräumen.“ Für die Produktion eines einzigen Kilos Honig müssten sie eine Gesamtstrecke von 40.000 bis 140.000 Kilometern zurücklegen, „das entspricht dem einfachen bis dreifachen Erdumfang!“ Eine kost-bare Kostbarkeit.
Eine einzelne Biene, fährt Uwe Marth fort, spiele überhaupt keine Rolle. „Der Schwarm ist der wirkliche Organismus. Ein echtes Faszinosum.“ Das Kollektiv der Bienen lege etwa fest, wie viele männliche Tiere schlüpfen sollen. Vor der Ei-Ablage in eine Wabe messe die Königin mit ihrem Fühler, wie groß eine Wabe ist, und je nach Größe lege sie ein unbefruchtetes Ei, aus dem eine Drohne wird, oder ein befruchtetes, aus dem später eine Arbeitsbiene schlüpft. Die Königin produziere bis zu 3.300 Eier am Tag, „das ist fast das Doppelte ihres eigenen Körpergewichts.“
Szenenwechsel. Mitten im Wald, beim Jugendimkerstand im Stadtteil Zehlendorf, kontrolliert Wolfgang Friedrichowitz die Beute, wie so ein Bienenkasten in der Fachsprache heißt. Vor seinem Ruhestand hat er technische Anlagen verkauft, nun betreut er hier vier Bienenvölker und ein halbes Dutzend minderjährige Bienenfans. Zum Beispiel den 14-jährigen Paul. Der war als kleines Kind einfach nur Honigliebhaber und entdeckt nun, dass ein Bienenleben nicht nur Zuckerschlecken ist. Paul lernt hier auch, wie man die Varroamilbe, eine der schlimmsten Bienenfeinde, mit Ameisen- oder Oxalsäure bekämpft. Der Nachwuchsimker bringt ein Kästchen, das im Herbst auf die Beute gestellt wird. Die Ausdunstung der Säure töte die Schmarotzer, lasse aber die Bienen leben, erklärt sein Mentor Friedrichowitz. Ohne ständige Pflege durch den Menschen, fügt der Ruheständler hinzu, wäre die Honigbiene seit der Invasion der Varroamilbe in den 1980er-Jahren wohl schon ausgestorben.
Auch wenn nicht alle Imker sein können oder wollen: Jeder Kulturschaffende, jede Wissenschaftlerin, jeder Unternehmer könne etwas für den Schutz von Bienen tun, betont die Initiative Berlin summt!. Garten- und Balkonbesitzende könnten Nisthilfen für Wildbienen aufstellen und für bienenfreundliche Blütenpflanzen sorgen. Neben der Unterstützung der Bienenvölker gehe es, so die Initiatoren Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer, um „die Erhaltung einer intakten Stadtnatur“.
So smooth so clean
In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.
In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.
Das Ding sieht aus wie ein leckerer Apfel, frischgrün, bedeckt mit Wassertropfen. Aber Vorsicht, nicht reinbeißen! Denn unter der knackigen Schale liegt hartes Metall – es handelt sich um einen „SauberBus für die nächste Generation“. Das schöne Äußere verspricht außerdem: „Wasser statt Abgase“. Das heißt erst einmal nicht so viel; nicht alles, was außen grün ist, ist es auch im Kern.
Bitte einsteigen. Der sogenannte Brennstoffzellenhybridbus allerdings hält, was seine verlockende Erscheinung verspricht. Er fährt mit Wasserstoff, seine Abgase bestehen ausschließlich aus Wasserdampf. Seit Februar 2012 fährt er auf Buslinien der Hamburger Hochbahn. Wenn die frische äußere Schale nicht wäre, sähe er aus wie jeder andere Linienbus.
In Hamburg fahren bisher nur zwei dieser Busse, weitere werden gerade auf den Linienbetrieb vorbereitet. „Wir müssen Erfahrungen sammeln und die Technologie weiterentwickeln“, sagt Heinrich Klingenberg, der als Geschäftsführer der Hochbahn-Tochterfirma hySOLUTIONS Mobilitätssysteme für die ölfreie Zukunft ausheckt. Bisher ist der SauberBus mit rund anderthalb Millionen Euro pro Stück zwar in etwa fünfmal so teuer wie ein normaler Dieselbus, aber in Serie gefertigt wird der Preis deutlich sinken. Sie seien sehr zufrieden mit den Pilotfahrzeugen, ergänzt Projektbetreuer Joachim Will, dieser hier habe jetzt ein paar Tausend Kilometer zurückgelegt und fahre problemlos seine tägliche Schicht – und künftig sogar zwei Schichten pro Tag.
Losfahren. Wir fahren schon, und niemand hat es gemerkt. Das Fahrzeug gleitet wie durch eine Buttercremetorte, ohne das busübliche Ruckeln und Zuckeln. „Vor allem ältere Fahrgäste, die sich nicht mehr so sicher bewegen können, wissen das zu schätzen“, berichtet Projektbetreuer Will. Zudem ist der Antrieb so leise, dass man ihn fast nicht hört. „Die Leute im Bus fangen an zu flüstern“, lacht Will, „und mit dem Handy telefoniert auch kaum mehr jemand, weil alle anderen mithören können.“
Weiterfahren. Der SauberBus schnurrt, die Kulisse der Hafen-City huscht vorbei. Auf einer Anzeigetafel hinter dem Fahrer Stefan Schröder können interessierte Passagiere beobachten, wie das Fahrzeug funktioniert und warum es Hybridbus heißt: Obwohl es von Wasserstoff angetrieben wird, ist es im Grunde ein Elektrobus. In Brennstoffzellen, die zu stacks (Stapeln) in Reihe geschaltet sind, reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und wird zu Wasserdampf. Dabei wird elektrische Energie freigesetzt, die über einen Hochvolt-Zwischenkreis die Elektromotoren in den Radnaben versorgt. Diese Motoren wiederum treiben die Räder an – direkt, ohne Umwege, mit einem hohen Drehmoment. „Wenn der Bus nicht stark gedrosselt wäre, würde er an der Ampel jeden Porsche stehenlassen“, sagt Will. „Das ist aber nicht im Sinne unserer Fahrgäste.“
Bremsen. Die Ampel springt auf Rot, der Fahrer bremst, die Motoren werden zu Generatoren, mit denen Energie in die bordeigenen Lithium-Ionen-Batterien geleitet wird. Diese dienen als Energiepuffer, entlasten die Brennstoffzellen, erhöhen deren Lebensdauer und reduzieren den Wasserstoffverbrauch. „Die Batterie hat uns einen großen technologischen Sprung nach vorne ermöglicht. Der Vorgänger dieses Busses hat rund 20 Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer verbraucht, jetzt sind es nur noch um die neun“, erläutert Will.
Tanken. Der Fahrer steuert eine markante Tankstelle für Wasserstoff an, die dritte in Hamburg. Sie steht unter hohen grauen Säulen mitten in der Hafen-City, zwischen den neuen Gebäuden von Spiegel und ZDF. „Wir sind immer unter journalistischer Beobachtung“, grient Klingenberg. Busfahrer Schröder bringt eine Klemme am Fahrzeug an. „Der Bus muss zunächst geerdet werden, um mögliche statische Aufladungen zu vermeiden“, erklärt der hySOLUTIONS-Geschäftsführer, bevor der Fahrer mit einem Tankrüssel die Wasserstofftanks auffüllt. Es zischt nur ein wenig, und nach nicht einmal zehn Minuten ist der Bus vollgetankt.
Ist das nicht gefährlich, wenn Wasserstoff entweicht? „Benzin oder Diesel sind gefährlicher, in ungünstigen Gemischen mit Luft entweichen sie schlecht und bilden zündfähige Mischungen“, sagt Klingenberg. „Wasserstoff dagegen steigt immer sofort nach oben. Das ist einer der Gründe, weshalb die Tanks auf dem Busdach montiert sind. Wasserstoff erfordert zwar eigene Sicherheitsvorkehrungen, ist aber mindestens so gut beherrschbar wie Benzin, Diesel oder Gas.“
Den Wasserstoff erzeugt Vattenfall direkt vor Ort, indem Wasser unter Einsatz regenerativ erzeugter Energie in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der Atomkraftbetreiber Vattenfall? Und das soll nachhaltig sein? „Der Wasserstoff wird hier ausschließlich durch erneuerbare Energien erzeugt“, versichert Klingenberg. Und zwar dann, wenn viel Wind wehe und sich überschüssige Windkraft im Netz befinde; die zu verbrauchen, fördert die Windkraft, denn bliebe sie ungenutzt, müssten vielleicht sogar Windanlagen abgeschaltet werden. Sauber, das Zusammenspiel zwischen Wasserstoffbus und Wind!
Weiterfahrt. Fahrer Stefan Schröder steigt wieder ein und gibt Gas, nein, Wasserstoff, nein, Strom. Der Bus schnurrt. Und Schröder, früher Gas- und Wasserinstallateur, schnurrt ebenfalls: „Ich fahr das Ding gerne. Wir kriegen so viel positive Resonanz von den Fahrgästen! Manche wollen nur noch damit fahren und fragen, wo und wann der Bus abfährt.“
„Die Kollegen sind begeistert“, sagt auch Joachim Will. „Schon allein aufgrund des ruckfreien Fahrens. Sie steigen nach acht, neun Stunden aus und sagen: Ich könnte noch weiterfahren. Das ist viel weniger anstrengend.“ Will organisiert die Schulungen für die Busfahrer – sie sollen den Fahrgästen die Technologie erklären können. „Wenn die Fahrer das verstehen, identifizieren sie sich“, sagt er. „Bisher haben wir 40 Leute ausgebildet. Aber die Warteliste ist sehr lang – fast alle wollen den SauberBus steuern.“ Joachim Will, der früher Elektromaschinenbauer war und seit 25 Jahren bei der Hochbahn arbeitet, findet seinen Job „hochspannend“.
Ankunftsziel postfossil. Der Hamburger Senat habe beschlossen, nach 2020 nur noch emissionsarme Busse einzusetzen, erläutert Heinrich Klingenberg. Darauf müsse sich die Hochbahn einstellen und neue Technologien rechtzeitig erproben. „Wir denken jetzt über einen neuen Betriebsbahnhof für 100 Busse nach, das erfordert schon eine ganz andere Infrastruktur.“ Außerdem sei man mit Kollegen aus London, Vancouver, Mailand und mit der PostAuto Schweiz AG im ständigen Informationsaustausch, weil dort auch schon Brennstoffzellenbusse führen.
„Ich gehöre zu den Menschen, die schon immer ohne Auto unterwegs waren“, sagt der Mobilitätsvordenker Klingenberg. „Wir müssen Mobilität neu definieren, weg vom Individualverkehr. Aber wenn wir das tun, dann müssen wir den Fahrgästen auch etwas Attraktives anbieten.“ Der SauberBus respektive der öffentliche Nahverkehr als Grünstromspeicher der postfossilen Ära – das klingt in der Tat attraktiv.
Waldfrüchtchen
Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen.
Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen.
Mit ihren rötlichbraunen, zu Zöpfen gebundenen Haaren und ihren bunten Klamotten erinnert Karin Wirnsberger ein wenig an Pippi Langstrumpf. Auch ihr Atelier im baden-württembergischen Dornstadt-Bollingen verströmt einen Hauch von Villa Kunterbunt. An den Wänden hängen Bilder aus selbstgeschöpftem Papier und poppig-bunte Nistkästen, Insektenhotels aus vielfältigen Röhrchen und Zapfen sowie Kunstwerke, auf denen fette Spinnen in Wollfadengespinsten herumkrabbeln. „Manche Kinder kriegen einen hysterischen Anfall, wenn sie eine Spinne sehen. Dabei sind die wichtig als Nahrung für Vögel und fürs ganze Ökosystem“, kommentiert Karin Wirnsberger die künstlerischen Objekte. Alles, was hier hängt, von umgedrehten Blumentöpfen, die als Habitat für Ohrenkneifer dienen, bis zu selbstbemalten T-Shirts, hat Wirnsberger gemeinsam mit Kindern zusammengesetzt oder gestaltet. Welche Rolle Tiere, Pflanzen, Erde oder Steine in natürlichen Kreisläufen einnehmen, erfahren die Kinder, während sie im leeren Gurkenglas ein Miniatur-Kreislaufsystem aufbauen. Und wenn sie ein T-Shirt bepinseln, ist ihnen klar, wie das Baumwollhemd entstanden ist und wer alles daran mitgearbeitet hat.
kikuna – Kinder-Kunst-Natur hat Karin Wirnsberger ihre Projektwerkstatt genannt, die in einem alten Gebäude gegenüber Wirnsbergers Wohnhaus untergebracht ist. Entstanden ist sie aus einer persönlichen Krise: Während ihre Nachbarinnen eine Weile nach der Geburt der Kinder wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, war das für die gebürtige Österreicherin nicht möglich. Die Mutter zweier Kinder hatte vor der Familienphase als Umweltpädagogin in ihrem Heimatland freiberuflich Öko-Überprüfungen von Betrieben begleitet und die zukunftsfähige Gestaltung von Schulen vorangetrieben. In Deutschland, wo sie mit ihrer Familie lebt, fehlten ihr dann die nötigen Kontakte, um einfach weiterzumachen. Außerdem spürte sie, dass sie mittlerweile etwas anderes wollte: „Ich war früher vor allem Schreibtischtäterin und hab’ Texte geschrieben, die ich heute fast selbst nicht mehr verstehe.“
Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Wirnsberger angefangen zu malen; ökologische Fachkenntnisse brachte sie aus ihrer Ausbildung als Umweltpädagogin mit. Ohne dass sie schon gewusst hätte, wohin das alles führen sollte, begann sie zu Hause, erste Kurse mit den Kindern von Nachbarn und Freunden durchzuführen. Ihr Motto: Was kann ich in und um das Haus für die Umwelt tun? Die teilnehmenden Jungen und Mädchen forschten und bastelten. Zwischendurch setzte sich Karin Wirnsberger ihre Melone auf und erzählte Geschichten vom Wassertropfen, den Kreuzspinnen oder den beiden Pinguinen Prima und Klima – und die Kinder durften mitbestimmen, wie es weitergehen sollte.
Etwa zur gleichen Zeit engagierte sich in ihrer neuen Heimat Dornstadt eine Bürgergruppe für einen Erlebnispfad im Wald – selbstverständlich war Karin Wirnsberger mit von der Partie. Heute können Spaziergänger auf dem Weg ausprobieren, wie weit sie im Vergleich zu Rehen und Hasen springen können. Oder sie erfahren, wie ein Eichhörnchen mitkriegt, wenn sich ein Marder anschleicht. Während der Arbeit am Erlebnispfad entstand die Idee, dass die Impulse der Umweltpädagogin auch für den Kindergarten interessant sein könnten – und auch dort war Karin Wirnsberger nun öfter präsent. Die Eltern wunderten sich bald, dass ihre Töchter und Söhne nicht mehr mit dem Auto zur Kita gebracht werden wollten und hakten nach, was es denn mit ökologischen Rucksäcken und Klimameilen auf sich habe, von denen ihr Nachwuchs jetzt dauernd erzählte. Als es schließlich darum ging, für Bollingen einen neuen Spielplatz zu bauen, war im Dorf ganz klar: Es sollte ein schöner Ort werden, der nicht nur für ein besseres Dorfklima sorgt, sondern auch dem Weltklima nützt. Mit Schubkarren, Schaufeln, Sägen und Pinseln rückten viele Familien an, und heute gibt es hinter dem bunten Zaun mit vielen Tierfiguren nicht nur phantasievolle Spielgeräte, sondern auch eine Streuobstwiese.
Organisch wie die Themen, mit denen sich kikuna beschäftigt, entwickelt sich auch die Kreativwerkstatt. Neben dem Programm im Atelier bietet kikuna inzwischen auch Vorträge, Ferienangebote, Fortbildungen für Pädagoginnen und geförderte Bildungsprojekte. Längst arbeitet Karin Wirnsberger in einem Team, zu dem Künstlerinnen, Sozial- und Naturpädagogen und Biologinnen gehören. Eine Bibliothek über dem Atelier steht Erzieherinnen, Lehrern und Eltern offen, und die Umweltpädagogin gibt Tipps für den Aufbau von Schülerfirmen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. „Das Ganze ist zeitweise mehr als ein Ganztagsjob“, bilanziert sie.
Obwohl kikuna schon mehrere Preise gewonnen hat, trägt sich das Ganze finanziell noch nicht. Für Sonderaktionen versucht die Umweltkünstlerin örtliche Unternehmen zu gewinnen, manchmal gibt es ein paar Zuschüsse von irgendwoher. So kommt der finanzielle Rückhalt ausgerechnet aus der Autoindustrie. „Da arbeitet mein Mann. Der sagt immer, ich sei sein teuerstes Hobby“, berichtet Wirnsberger lachend. Mit solchen Widersprüchen aber kann sie gut leben. „Nicht immer ist eine durchgängig nachhaltige Lebensweise möglich“, meint sie pragmatisch. „Mir kommt es darauf an, wie man Menschen zukunftsfähig und glücklich macht.“
Bohnus-System
Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.
Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.
Brutaler Mord an einer Kaffeepadmaschine! Krätzsch, quurks, tzzworks – von einem Auto überfahren! Seit dem 1. April kursiert im Internet ein filmischer Aufruf des Hamburger Kaffeeröstkollektivs Quijote, sich phantasievolle Methoden auszudenken, wie Kaffeepad-Maschinen gemeuchelt und aus dem Verkehr gezogen werden können. „Ökologisch sind die eine einzige Katastrophe, die Kaffeequalität ist mies und die beteiligten Konzerne ebenfalls“, sagt Andreas „Pingo“ Felsen, der Quijote zusammen mit seiner Freundin Steffi Hesse gegründet hat. Den originellsten Pad-Mördern hat Quijote deshalb eine „Abwrackprämie“ in Aussicht gestellt – ein Bonus, oder besser gesagt Bohnus.
Im Büro der kleinen Rösterei im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort steht der 39-jährige Pingo und kocht einen Cappuccino. Steffi Hesse, 34-jährige Fotografin und Designerin, packt derweil Pakete – Bestellungen von Privatkunden, Gastronomiebetrieben und Kollektiven, 100 bis 200 Kilogramm Kaffee täglich. Der dritte Kollektivist ist gerade nicht da, der vierte wurde gerade erst eingestellt. „Wir haben zu viel zu tun. Wir verstoßen volle Kanne gegen unsere eigenen Grundsätze“, stöhnt Steffi Hesse. Maximal 38 Wochenstunden – so wurde es eigentlich im Kollektivvertrag fixiert, der wie vieles andere auf der Website steht. „Ja, wir wachsen zu schnell“, bekräftigt Pingo.
Damit ist bereits klar, wofür sich das Team nicht die Bohne interessiert: für Wachstum, Gewinn oder Profit. „Wir haben uns selbst ein Ziel gesteckt: Mehr als 50 Tonnen Kaffee im Jahr wollen wir nicht vermarkten“, sagt Pingo und lässt frischen Espresso in eine Tasse rinnen. „Das werden wir wohl schon in zwei oder drei Jahren erreicht haben.“
Pingos halbes Leben dreht sich um die Bohne. Mitte der 1990er-Jahre verschlug es den Hamburger Buchhändler und Koch ins mexikanische Chiapas, wo er Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und Lebensmittel zu Aufständischen transportierte. Die Bauern fragten ihn, ob er ihren Kaffee vermarkten könnte – so entstand 1999 das immer noch existierende Importprojekt Café Libertad, aus dem er später aber ausschied. Seinem Leib-und-Magen-Thema blieb Pingo jedoch treu und initiierte weitere Kaffeeprojekte. Und weil er sich ein Leben ohne Kollektiv nicht mehr vorstellen konnte, gründete er zusammen mit Steffi im November 2010 Quijote. Ein Leben im Kampf gegen Kaffeemühlen?
Zumindest im Kampf gegen die Mühlenflügel der Großkonzerne vom Schlage Tchibo. Die stellen aus Imagegründen zwar Kaffee mit dem Transfair-Siegel in die Regale der Supermärkte, bezahlen den Produzenten des angeblich fairen Kaffees aber kaum mehr als vorher, kritisiert Pingo und vollendet seinen Kaffee mit einer Krone aus Milchschaum. Der Transfair-Preis böte zwar einen minimalen Schutz gegen die spekulationsbedingten starken Preisschwankungen von Rohkaffee auf dem Weltmarkt; weil der vom Label garantierte Preis aber in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen sei, habe der normale Weltmarktpreis oft sogar höher gelegen. „In keinem Land reicht der Erlös aus dem Transfair-Siegel noch aus, um guten und nachhaltigen Kaffee zu produzieren“, lautet Pingos Einschätzung.
Transfair – inzwischen ein Malus? Oder, um im Bild zu bleiben, ein Mahlus? „Alle Ideen von Transfair finden wir toll, aber was daraus entstanden ist, ist traurig“, stellt Pingo klar. „Wir zahlen 2,90 Dollar pro Pfund Rohkaffee für die aktuelle Ernte unserer Partner in Ecuador, Brasilien und Guatemala und 3,60 Dollar in Äthiopien. Das ist immer noch zu wenig, aber weit mehr, als Tengelmann und Co bezahlen.“ Und im Gegensatz zu Tengelmann und Co macht Quijote seine Preiskalkulationen und Röstprofile auf der eigenen Webseite öffentlich zugänglich.
Ein ähnlicher Mahlus wie bei Transfair gilt in Pingos Augen auch für das Biosiegel. Für die offiziellen Untersuchungen müssen die Kleinbauern hohe Gebühren zahlen – und bekommen am Schluss nur einige Cent pro Packung mehr. „Wenn Produzenten, Händler und Kaffeeröster transparent arbeiten und glaubwürdig sind, dann brauchen sie kein Siegel“, sagt Pingo.
Pingo probiert den Cappuccino: „Hammer, so viel Frucht!“ Der volle Geschmack rühre auch daher, erklärt er, dass Quijote keinen Kaffee verkaufe, dessen Röstung länger als eine Woche zurückliege. Im Gegensatz zu Industriekaffee: „Der ist oft schon ein halbes Jahr alt.“ Noch besser wäre es natürlich, fügt er hinzu, wenn die Produzenten ihren Kaffee selbst weiterverarbeiten und damit mehr Gewinn erzielen würden. Aber wegen der unterschiedlichen Traditionen der Kaffeezubereitung in den Konsumentenländern seien viele Hersteller damit schlicht überfordert: in Honduras zum Beispiel müssten die Bauern ihre vergleichsweise kleinen Erntemengen dafür auf 15 verschiedene Arten rösten.
Dann führt Pingo vom Büro in die Rösterei. Brasilianischer Rohkaffee in Jutesäcken liegt in den Regalen, verführerisches Kaffeearoma in der Luft: In einer türkischen Röstmaschine dreht sich bei rund 220 Grad eine Trommel voller grüner Kaffeebohnen über Gasflammen, nach 12 bis 18 Minuten sind sie dunkelbraun, werden gekühlt und luftdicht verpackt. Bisher noch in Aluminiumverpackungen, die das Quijote-Team demnächst gegen umweltfreundlichere Verbundstoffe austauschen will. Das wäre ein weiterer Bohnus.
Der größte Bohnus von Quijote – und ähnlich arbeitenden Betrieben wie Mitka, El Puente, Fairbindung oder Café Libertad – ist indes die Direktvermarktung und Direktverbindung zu den Kaffeebauern, denn sie schaltet die Zwischenhändler aus und ermöglicht dadurch deutlich höhere Einkaufspreise. Die Kollektivmitglieder reisen regelmäßig in die Anbauländer; ihre Produzenten sind allesamt basisdemokratisch organisierte Bio-Genossenschaften oder Familienbetriebe – in Brasilien, Ecuador, Honduras, Guatemala und Äthiopien. Eine vertrauensvolle und langfristige Kooperation mit diesen engagierten, qualitativ hochwertig arbeitenden Kaffeeproduzenten sei das Allerwichtigste, findet Pingo. Für diese Haltung wurde Quijote 2011 mit dem Karma Konsum Gründer Award ausgezeichnet.
Abgefahren
Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.
Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.
Schwer atmend schiebt eine betagte Frau ihren Rollator den Bürgersteig entlang. Busfahrer Horst Christmann bremst, obwohl er noch 100 Meter von der Haltestelle entfernt ist. „Na, Sie wollen doch bestimmt wieder mit“, grinst er. Während der 67-Jährige den Gehwagen verstaut, erzählt ihm die deutlich ältere Dame von dem Rote-Kreuz-Treffen, bei dem sie gerade war. Dann fährt der Kleinbus weiter auf seiner Rundtour durch verschiedene Ortsteile der 30.000-Einwohner-Gemeinde Weyhe südlich von Bremen.
Nach und nach steigen auf Christmanns Tour sechs Fahrgäste zu und fahren jeweils für ein paar Stationen mit. Anita Schenton legt 1,80 Euro auf den Kassierteller und bekommt einen Fahrschein, der auch für die Weiterfahrt in einem öffentlichen Bus gültig wäre. „Der Bürgerbus ist wirklich eine gute Sache“, findet die 81-Jährige. Früher besaß sie ein Auto. „Dafür hab’ ich heute aber kein Geld übrig – und ich brauch’ es ja auch nicht mehr“, sagt die Rentnerin und schnallt sich auf einem der acht Plätze an.
Auch Annemarie Klarholz hat bis vor zehn Jahren noch selbst hinterm Steuer gesessen; nach einem Unfall legte ihr der Schwiegersohn jedoch nahe, dass sie mit ihren damals schon 82 Jahren nicht mehr selbst fahren solle. Seither nutzt sie den Bürgerbus fast täglich. „Ärztehaus, Lidl, Alte Wache – ich muss ja immer irgendwohin“, erzählt sie. Als Mitglied im Bürgerbus-Verein kann sie sogar kostenlos einsteigen.
Angefangen hat alles Ende der 1990er-Jahre. Angestoßen durch die Agenda 21, die 1992 auf der internationalen Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro beschlossen worden war und die alle Kommunen aufforderte, für die weltweiten Umweltprobleme eigenständig und vor Ort nach Lösungen zu suchen, gab es in Weyhe eine Bürgerbefragung. Die ergab, dass sich viele Leute eine bessere Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wünschten. Mehrere Ortsteile waren damals mit dem Bus gar nicht zu erreichen, und vor allem die Bewohner der drei Altenheime und der Einrichtung für betreutes Wohnen fühlten sich abgehängt. So entstand die Idee „Bürger fahren für Bürger“. Eine Gruppe Engagierter suchte Mitstreiter, die bereit waren, ehrenamtlich ein- bis zweimal wöchentlich ein paar Stunden durch Weyhes Wohnsiedlungen zu kurven. Sie spähten zwei Strecken aus, die den größtmöglichen Nutzen für die Zielgruppen versprachen: Ältere, Mütter mit kleinen Kindern und Leute, die sich kein Auto leisten können.
Etwa zwei Jahre würde die Vorbereitung eines solchen Projekts dauern, meinten die Mentoren, die im niedersächsischen Rehburg-Loccum damals bereits einen Bürgerbus betrieben. „Doch so lange wollten wir nicht warten“, sagt Wolfgang Schmidt, ein Mann der ersten Stunde. Früher arbeitete er am Flughafen, inzwischen ist er ebenfalls Rentner. Innerhalb von wenigen Wochen konnte die Gruppe der für die Busaufsicht zuständigen Behörde über 20 Fahrer präsentieren, die einen Führerschein Klasse 3 besaßen und auch den notwendigen Gesundheitscheck erfolgreich absolviert hatten. Bei einigen Verwaltungsangestellten standen Wolfgang Schmidt und seine Mitstreiter gleich persönlich vor dem Schreibtisch – und wenn man die Papiere auf einem Aktenstapel ab- und zwischenlagern wollte, bestanden die Bürgerbus-Begeisterten auf eine sofortige Erledigung. So konnten die Weyher nach etwa sechs Monaten Vorbereitungszeit die ersten Runden drehen.
Seither – also seit ganzen zwölf Jahren – sind die beiden Busse nun werktags im Zweistundentakt unterwegs. 60.000 Euro hat das Land Niedersachsen für jedes Fahrzeug dazugegeben, die übrigen 25.000 Euro reichten Sponsoren wie die Sparkasse und der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen dar. Die monatlichen Dieselkosten in Höhe von 1.000 bis 1.200 Euro kommen stets durch den Verkauf von Fahrscheinen, durch öffentliche Zuschüsse und Spendengelder zusammen.
Während die Fahrer am Anfang sehnsuchtsvoll nach potentiellen Fahrgästen Ausschau hielten und manchmal an einem ganzen Tag nur ein halbes Dutzend Passagiere das Angebot nutzten, steigen inzwischen jeden Monat etwa 2.500 Fahrgäste ein. Aufgrund dieses Erfolgs laufen inzwischen Verhandlungen, ob nicht demnächst ein ganz normaler, von der Stadt betriebener Bus mit einem professionellem Fahrer eine der Routen übernimmt. Und immer wieder fragen Initiativen aus anderen Orten an, ob die Weyher ihnen nicht Starthilfe geben können. „Wir haben in Niedersachsen schon zehn Bürgerbusse mit angeschoben“, berichtet Bürgerbus-Fahrer Horst Christmann mit unverhohlenem Stolz.
„Natürlich hatten wir das Ziel, dass Leute ihr Auto oder zumindest den Zweitwagen abschaffen“, meint Initiator Wolfgang Schmidt. Das aber sei eine Illusion gewesen. „Doch immerhin lassen einige Leute jetzt ab und zu das private Auto stehen und nutzen unseren Bus.“ Fahrer Horst Christmann, vor dessen Haus ein BMW und ein Mercedes parken, begründet sein ehrenamtliches Engagement vor allem damit, selbst etwas für Ältere tun zu wollen und nicht die ganze gesellschaftliche Verantwortung allein dem Staat aufzubürden. „Außerdem sind wir über kurz oder lang die Nächsten, die die Hilfe Freiwilliger im Alter brauchen werden“, sinniert der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur. Vor allem aber ist es der Spaß am Kontakt mit den Fahrgästen, der ihn motiviert; nicht selten fährt jemand einfach mal eine Runde mit, weil es so schön ist.
Gerade kommt ein alter Mann mühsam hereingehumpelt. Und obwohl er offenkundig Schmerzen hat, fragt er Christmann „Na, wollen Sie wieder eins von meinen Bonbons haben?“, und kramt in seiner Jackentasche. So kommt es, dass der 67-jährige Horst Christmann plötzlich in die Rolle eines Jungen schlüpft, der, weil er hilft, eine Süßigkeit dafür geschenkt bekommt.
Spätzünder
Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.
Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.
Akkurat notiert Papsch einmal wöchentlich alle Werte in einer Kladde. Wer in der Energiezentrale in seinem Einfamilienhaus vorbeischaut, dem erklärt Papsch das System mit Hilfe einer Schautafel und der bekommt selbstverständlich auch die beiden Photovoltaikanlagen auf den Schuppendächern zu sehen: In manchem Jahr waren bis zu 100 Interessierte hier – schließlich ist Dietrich Papsch inzwischen über das Erzgebirge hinaus bekannt. Viele Besucher kommen vor allem, weil sie gehört haben, dass sich so Geld sparen lässt – und tatsächlich sind die Holzabfälle als Heizstoff fast zwei Drittel billiger als Öl oder Gas. Papsch selbst allerdings geht es in erster Linie darum, unabhängig von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu sein. Vom Gasnetz wollte er sich vor ein paar Jahren in Anwesenheit der Lokalpresse mit viel Tamtam abkoppeln – doch als der Hahn zu seinem Haus abgestellt wurde, lag er im Krankenhaus. „Da war ich mal wieder von einer Leiter gefallen“, erklärt er.
Es ist nicht lang her, dass Papsch die meisten Umbauten im Haus eigenhändig gemacht hat. Unmittelbar nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 installierte er als erster im Dorf neun Siliziumplatten auf einer Gartenhütte – und galt damals in seiner Region als völlig exotisch. Doch inzwischen hat er nicht nur im Ortsteil Schellerhau mit seinen 460 Einwohnern fast zwei Dutzend Nachahmer gefunden, sondern auch 200 Haushalte im Hauptort Altenberg machen mit: Damit stieg der Ort in der Solarbundesliga auf – ein Ranking der Deutschen Umwelthilfe, das die Fläche der Solaranlagen im Verhältnis zur Einwohnerzahl als Maßstab hat. Einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg hat der Energietisch Altenberg – ein Verein, in dem Handwerker, Lokalpolitikerinnen und Umweltschützer zusammenarbeiten. Den Vorsitz hat, wen wundert’s: Dietrich Papsch. Drei Bürgersolaranlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es inzwischen in dem Erzgebirgestädtchen; ab einem Kapitaleinsatz von 250 Euro kann jeder Einwohner mitmachen.
Den „Solarrentner“ nennen sie ihn hier – und auch wenn Papsch stets von „wir“ spricht, so ist es doch vor allem er, der täglich ein bis drei Stunden unterwegs ist und andere an seinem Wissen über erneuerbare Energien, Umwelt- und Ressourcenschutz teilhaben lässt. Papsch stellt sich vor Schulklassen, organisiert Messeauftritte, veranstaltet Stromwechselpartys und hält kostenlose Informationsveranstaltungen im Rathaus ab. Mehrfach im Monat ruft jemand an, der sein Haus isolieren oder eine neue Heizung anschaffen will, und Papsch gibt Tipps oder vermittelt Kontakte. Auch bei jedem Fest im Freundeskreis kommt er auf das Thema zu sprechen. „Wenn es um die Umwelt geht, kann er sich nicht bremsen“, berichtet seine Frau Christa mit einem halb nachsichtigen, halb besorgten Lächeln.
Den ersten Impuls für sein heutiges Engagement erhielt er schon vor Jahrzehnten. Anfang der 1960er-Jahre, da war Papsch ein junger Maschinenbauingenieur beim Gaskombinat Schwarze Pumpe in Brandenburg und errichtete eine Brikettfabrik, stand er zum ersten Mal vor einem Braunkohletagebau. Er war zutiefst schockiert: Das Loch erschien ihm wie eine gigantische Wunde, die man der Erde zugefügt hatte. „Natürlich hab’ ich mit Freunden und Kollegen darüber gesprochen. Ich frage mich heute öfters, ob ich schon damals hätte radikaler agieren sollen, mich einer Gruppe anschließen. Aber ich bin kein Held“, sagt Papsch. Gut zwei Jahrzehnte später fielen ihm bei einem Ausflug in die Heimat seiner Frau die abgestorbenen Wälder im Erzgebirge auf – und wieder überkam ihn dieses trostlose Gefühl, dass der Mensch die Erde zugrunde richtet.
Als Leiter im Vorstandssekretariat bei der Deutschen Waggonbau und später bei Bombardier traf er nach 1989 Umweltgrößen wie Franz Alt oder Hermann Scheer. Papsch war beeindruckt. Er forderte von seinem Betrieb eine BahnCard 100 statt eines Dienstwagens – und erntete eine Absage. Dann wolle er aber höchstens ein kleines Auto, beharrte Papsch. „Die haben mich gefragt, ob ich die Maßstäbe verderben will, und ich musste dann einen Passat nehmen“, berichtet der Rentner. Mit schlechtem Gewissen fuhr er anschließend mit dem Mittelklassewagen durch die Gegend. Und auch die Kurztrips per Flugzeug zur Konzernzentrale in Kanada gingen ihm gegen den Strich. Als er dann pensioniert war, wollte er endlich umsteuern – nun eben in seinem Alltag und so gut es ging.
Heute steht ein Hybridauto vor seiner Garage, und so häufig wie möglich nutzt Papsch den Bus. Urlaub macht er nur noch in Deutschland, Fleisch kommt nur selten auf den Tisch, Standby-Geräte gibt es in seinem Haushalt nicht, und auch Papiertaschentücher sind für Papsch inzwischen ein völliges Tabu. „Die großen Veränderungen werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich bin Optimist“, sagt Papsch. Jetzt als alter Mann ist er endlich mit sich im Reinen: „Es kommt auf die vielen kleinen Schritte an – und ich glaube, wir sind auf gutem Wege.“
Mitesser
Und wie funktioniert das konkret? „Zunächst haben wir ausgerechnet, wie viele Menschen wir mit Gemüse versorgen können“, erklärt er. Anbieter sind in diesem Fall neben der Roten Rübe auch das Wurzelwerk – der Gärtnerbetrieb der 22-köpfigen Lebensgemeinschaft gASTWERKe. Was die beiden Betriebe produzieren, reicht für rund 240 Menschen, so die Berechnung. „Dann kalkulieren wir die jährlichen Betriebskosten, also Saatgut, Löhne, Maschinen und Pacht, und unterbreiten das Ergebnis unserer Konsumentengruppe. Und wir reden mit unseren Abnehmern gemeinsam darüber, was und wie viel angebaut werden soll“, sagt er. Je nach Einkommen zahlen die Käufer einen höheren oder niedrigeren Monatsbetrag, im Durchschnitt gut 50 Euro. Das sei weit weniger, als es im Bioladen kosten würde, rechnet der Kollektivgärtner vor. Schließlich ist der Vertrieb in der Solidarischen Landwirtschaft denkbar einfach: Das Frischgemüse wird an mehrere Abholstellen geliefert. In Kassel sind das drei Garagen, andernorts zwei weitere Stellen; außerdem verkaufen Rote Rübe und Wurzelwerk ihre Produkte auf herkömmliche Weise im eigenen Hofladen.
Die Vorteile dieser Zusammenarbeit stehen für die Rote Rübeaußer Frage: Die Hofgemeinschaft hat Planungssicherheit, ein garantiertes Einkommen und ist geschützt vor Ernteausfällen oder willkürlichen Zuckungen des Marktes. Und die Konsumierenden wissen genau, dass ihr Gemüse frisch und gesund ist; wer möchte, kann mit seinen Kindern die Tomaten oder Radieschen auf dem Acker besuchen.
Linsengerichte. Seinen normalen Arbeitstag verbringt der Gärtner Weinel säend und erntend auf anderthalb Hektar fruchtbarem Löß, auf denen er und die anderen beiden Roten Rüben eine ganze Palette an Gemüse und Kräutern anbauen. Das Land gehört zur malerischen Gemeinde Niederkaufungen, wo sich die gleichnamige 80-köpfige Kommune 1987 niedergelassen hat – und sich vom eigenen Acker ernährt. „Solch eine Gemüsevielfalt könnten wir nie zu marktüblichen Preisen anbieten, das geht nicht mit großen Maschinen, das ist alles Handarbeit“, sagt Weinel. Heutzutage müsse sich ein Landwirt auf ein oder zwei Sorten spezialisieren, um zu überleben – wer sich diesem Marktzwang verweigere und viele verschiedene Produkte anbaue, sei gezwungen, die für ein Linsengericht zu verkaufen. Auch die Rote Rübe musste ihr Gemüse früher im eigenen Hofladen zeitweilig unterhalb der Produktionskosten verhökern. Mit dem System der Solidarischen Landwirtschaft könne das nicht mehr passieren. „Wer einmal damit angefangen hat“, sagt Harald Weinel deshalb, „der will nie wieder was anderes machen.“
Wen der Hafer sticht. Die meisten Höfe, die Solidarische Landwirtschaft praktizieren, sind Familienbetriebe. „Wir sind fast die einzige Kommune, die das macht“, erklärt Gärtner Weinel – aber im Wendland gebe es noch mindestens eine weitere. SoLaWi, wie ihre Fans dazu sagen, wird inzwischen bundesweit von 23 Höfen praktiziert, Tendenz steigend; der älteste ist der seit 1988 auf diese Weise wirtschaftende Buschberghof nahe Hamburg. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu Japan, wo das System der Teikei(Partnerschaftshöfe) inzwischen sogar ein Viertel aller Japaner versorgt.
Auch in den USA gibt es inzwischen rund 2.500 Höfe, die dort community-supported agriculture (von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft) heißen. In Frankreich wiederum nennt man sie association pour la maintenance de l’agriculture – AMAP (Verbund zum Erhalt der Landwirtschaft). Angesichts des allgemeinen Hofsterbens fühlte sich der südfranzösische Zweig von attac im Jahr 2001 vom Hafer gestochen und gründete den ersten AMAP-Hof nahe Aubagne in der Provence. Ein 2004 ebenfalls in Aubagne ins Leben gerufenes internationales Netzwerk der Solidarhöfe lässt deren Zahl seitdem europaweit in die Höhe schnellen. 2011 entstand daraus in Deutschland das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.
Rumgurken I. „Auch wir machen das erst seit zwei Jahren“, sagt Harald Weinel. „Ehec-Plagen und anderes können uns nichts mehr anhaben. Und Nichtgenormtes, wie krumme Gurken, muss nicht mehr weggeschmissen werden.“ Anders als bei üblichen Abo-Kisten, in die auch „fremde“ Früchte gepackt würden, wenn die Kundschaft laut danach krähe, böten sie wirklich nur das an, was gerade auf dem Acker reif sei.
Wie ein Storch im Salat. Salat, findet Harald Weinel, sei ein „schwieriges Produkt“, noch schwieriger als Gurken. Ständig gebe es zu viel oder zu wenig, und seine Frische welke schnell dahin. Der Vorteil der Solidarischen Landwirtschaft, fügt er schnell hinzu, sei aber auch, dass eine mögliche Überproduktion kollektiv und mit einem gewissen Spaßfaktor beseitigt werden kann: „Wir rufen schon mal dazu auf, gemeinsam Tomaten einzukochen oder Sauerkraut zu stampfen. Vor allem den Kindern macht das Gemantsche einen Heidenspaß.“
Rumgurken II. Ungenormt wie die Gurken ist auch Weinels alternative Lebensgemeinschaft, die nach 25-jähriger Existenz in der Gemeinde Niederkaufungen akzeptiert und fest verankert ist. Der frühere Bürgermeister Günther Burghardt findet es „erfreulich“, dass die Bürger sähen, „es gibt noch was anderes als den Singverein und die Kneipe“. Die Kommune sorgt für Touristen aus dem In- und Ausland und hat zudem eine ganze Reihe von Jobs und Betrieben geschaffen: die von Bioland zertifizierte Ökogärtnerei der Roten Rübe nebst Hofladen, eine Obstmanufaktur, ein Planungsbüro für ökologisches Bauen, eine Schreinerei und Metallwerkstatt, die Kita Wühlmäuse, eine Tagespflege für Demenzkranke, ein Tagungshaus und eine Küche. Außerdem verfügt die Gemeinschaft über einen ganzen Fuhrpark von Elektrofahrzeugen vom E-Bike bis zum Lastenfahrzeug, mit denen man probeweise in der Gegend rumgurken kann. Holterdipolter auch über Wurzelwerk und abgeerntete Felder von roten Rüben.
Heißes Eis
Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.
Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.
Heizen mit Eis: Für den Laien klingt das genauso unglaublich wie die Schokoladendiät. Doch es geht tatsächlich, wie Alexander von Rohr vor einigen Jahren zunächst mit Hilfe eines schlichten Zinkeimers herausfand. Inzwischen haben deutschlandweit 180 Einfamilienhäuser einen Eisspeicher im Garten, und sogar ganze Siedlungen mit mehreren Hundert Wohnungen beziehen ihre Wärme vollständig aus gefrorenem Wasser. Damit sparen sie auf längere Sicht nicht nur die Hälfte ihrer Heizkosten. Die Technik ist auch völlig ungefährlich und überaus klimafreundlich.
Das physikalische Prinzip ist altbekannt, und kein Geringerer als Albert Einstein meldete darauf bereits 1930 ein Patent an. Eine Kopie seines Antrags hängt bei der kleinen Firma isocal in Friedrichshafen im Konferenzraum. „Allerdings hat es sich bis vor 20 Jahren nicht gelohnt, die Technik zu nutzen, weil Öl und Gas noch zu billig waren“, erläutert Maschinenbauingenieur Heiko Lüdemann, der zusammen mit seinem Berufskollegen Alexander von Rohr das 18-Personen-Unternehmen leitet.
„Wenn man Wärme erzeugt, entsteht Kälte – und umgekehrt. Energie kann ja nie verbraucht, sondern nur gewandelt werden“, benennt Lüdemann das physikalische Gesetz, das auch jedem Mittelstufenschüler bekannt sein sollte. Konkret geht die Sache so: Kristallisiert Wasser bei null Grad, wird dabei so viel Energie freigesetzt, wie nötig ist, um die gleiche Menge Wasser auf 80 Grad zu erhitzen. Natürlich kann man die beim Gefrieren entweichende Energie nicht unmittelbar zum Heizen einsetzen. Vielmehr nutzt isocal dafür zwei weitere physikalische Gesetze: Temperaturen in benachbarten Räumen gleichen sich aus. Und einige Substanzen verdampfen bei Minustemperaturen zu Gas und dehnen sich dabei aus.
Legt man nun ein mit einer sehr kalten Flüssigkeit gefülltes Rohr in einen Wasserbottich, so gefriert das Wasser rundherum – erstes Gesetz. Zugleich verwandelt sich die Flüssigkeit im Schlauch in Gas – zweites Gesetz – und treibt durch die Ausdehnung eine Pumpe an. Der Druck erwärmt die Pumpe, und mit dieser wird dann das Haus geheizt.
Weil im Erdreich auch im Winter Temperaturen von sechs bis acht Grad herrschen, schmilzt ein Teil des so produzierten Eises immer wieder. Auch der mit der Speicherapparatur zusammenarbeitende Solarkollektor auf dem Dach unterstützt das Tauen, sofern nicht im Haus warmes Wasser zum Duschen gebraucht wird. Die Erwärmung des Wassers im Eisspeicher führt dazu, dass sich die Kühlflüssigkeit im Rohr wieder stärker ausdehnt, die Pumpe Wärme abgibt – und so kann es immer weitergehen, bis der Winter zu Ende ist. „Man könnte natürlich auch von der Sonne erhitztes Wasser speichern und damit heizen. Aber dann bräuchte man eine extrem gute – und teure – Isolierung“, erläutert Lüdemann und ergänzt: „Wir speichern auf dem Temperaturniveau, auf dem es am billigsten ist.“
Rund 14.000 Euro kostet ein 10.000-Liter-Speicher für ein Einfamilienhaus; hinzu kommen noch etwa 20.000 Euro für Anschlüsse, Wärmepumpe, die Rohre in den Fußböden und die Arbeitsstunden der Handwerker. Aufgrund der hohen Energiemenge, die bei der Verwandlung von Wasser zu Eis frei wird, ist die Ausbeute aber beachtlich: Ein 10.000-Liter-Speicher reicht aus, um in unseren Breitengraden in einem Einfamilienhaus komplett auf eine andere Heizung zu verzichten. Dabei ist das Eis zunächst eine Art Abfallprodukt. Im Sommer dann lässt es sich aber bestens zum Kühlen nutzen.
Das dahinterstehende Wissen ist alles andere als neu. Was andere Firmen aber bisher davon abschreckte, die Technik einzusetzen, ist die immense Sprengkraft von Eis. Jeder, der je eine Flasche Wasser oder Bier auf dem eisigen Balkon oder in der Kühltruhe vergessen hat, kennt das Problem: Der Behälter platzt. Und genau für dieses Problem hat Alexander von Rohr, der früher als Entwickler in einem Heizungsbaubetrieb gearbeitet hat, eine schlaue Lösung gefunden. Während der Vereisungsprozess natürlicherweise von außen nach innen und von oben nach unten abläuft, sorgt seine Rohrkonstruktion dafür, dass bei den isocal-Speichern das Eis von unten nach oben und von innen nach außen entsteht.
Erstmals ausprobiert hat von Rohr das im Jahr 2004 in dem besagten Zinkeimer. Quer zum Boden schweißte er auf halber Höhe eine Leitung ein, füllte den Eimer mit Wasser und jagte minus 18 Grad kaltes Frostschutzmittel durch das Rohr. Die Eisschicht begann um die Mittelstrebe herum zu wachsen, die Außenwand des Eimers wurde nicht belastet.
Genauso funktioniert die Eisheizung heute auch im Großen: Die spiralförmigen Plastikrohre befinden sich in der Mitte und im unteren Teil des Behälters. Weil die Betonwände keinerlei mechanischer Belastung ausgesetzt sind, bescheinigt Lüdemann den Speichern eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Das Ganze ist außerdem so gut wie wartungsfrei. Und sollte es trotzdem mal zu einem Leck kommen, ist das für die Umwelt völlig ungefährlich: Schließlich befindet sich im Speicher ja nichts anderes als Wasser.
Theoretisch kann die Heizungsanlage deshalb auch im Sommer als Zisterne für den Garten genutzt werden. Allerdings solle man nicht vergessen, im Herbst wieder Wasser einzufüllen, sonst werde es im Winter ungemütlich, warnt Lüdemann. Zugleich gehen seine Überlegungen auch in eine andere Richtung. Man könnte die Konstruktion ja auch zur stromfreien Produktion von Kälte nutzen – zum Beispiel für die Fußballstadien bei der Weltmeisterschaft in Katar.
Rand-Erscheinung
Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.
Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.
Die Landschaft des Oderbruchs: wild, menschenleer, feuchtneblig. Der Himmel spannt sich so weit, dass Sehnsucht aufkommt. Nach was? Keine Ahnung. Mittendrin taucht etwas auf wie ein Fluchtpunkt. Ein Treffpunkt für Visionäre und Verrückte. Ein einladendes Kraftzentrum. Ein Theater, gebaut aus mannsdicken Eichenstämmen, ganz am Rande von Raum und Zeit – fast direkt an die Oder geschmiegt, unmittelbar an der polnischen Grenze im brandenburgischen Örtchen Zollbrücke, dessen Brücke schon lange nicht mehr existiert.
Dafür schlägt nun das Theater eine Brücke: zwischen Kultur und Natur, Landwirtschaft und Landschaft, Städtern aus dem nahen Berlin und dem Landvolk des feuchten Oderbruch. „Randthemen“ sind seine Spezialität, und nicht nur die präsentiert es so überzeugend, dass es ein Wunder vollbringt: In einem 19-Seelen-Ort sind seine 200 Plätze fast immer ausgebucht.
Verantwortlich für diese wundersame Marginalie, in der die hektische Moderne zum Stillstand kommt, sind die Betreiber: der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann. Die von Anthroposophie, Musik und Rhythmik beeinflusste Architektur der krummen Hölzer und schiefen Winkel formt sich zu zwei Bühnen, eine überdacht und eine open air mit Blick auf kreisende Seeadler und stolzierende Störche. Auf Permakulturbeeten rund ums Theater wächst roter Amaranth. Ein großes gelbes X, dem anti-atomaren Widerstandssymbol im Wendland nachempfunden, warnt den Energiekonzern Vattenfall davor, sich mit der Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) den Zorn der Leute zuzuziehen. Auf den Toiletten dürfen sich Besucher ein paar Cent von einem Tellerchen nehmen – für die Zurücklassung „wertvoller Inhaltsstoffe“, die zur fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta verarbeitet werden. Eintritt bezahlt hier auch niemand, nur Austritt am Ende des Abends – zu einem selbstgewählten Betrag. Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk der Nachhaltigkeit, dem seine Erbauer sichtlich Zeit ließen, organisch zu wachsen.
Einen Rückzugsraum am Rande der Zeit hatte er gesucht, der 1960 in Dresden geborene Tobias Morgenstern, als er Mitte der 1980er-Jahre das Fachwerkhaus nebenan bezog. Damals brauchte er einen stillen Ort zum Komponieren und Musizieren, wo er nur Vögel und Frösche hörte und den ewigen Wind. Aufgewachsen in einer musischen Familie, spielt er Akkordeon, seit er denken kann, besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und studierte die Kunst der Klänge in Weimar. Vier Jahre lang machte der ebenso unangepasste wie vielseitige Morgenstern im Erich-Weinert-Ensemble der DDR-Armee einen auf braven Soldat Schwejk, nebenbei komponierte er Lieder, Ballettmusik, Chorstücke. 1987 gründete er die Musikgruppe L’art de passage, stilistisch irgendwo zwischen Tango, Jazz und Latin gelegen, und brachte damit die erste World Music in die miefige kleine DDR.
„Sehnsucht nach Veränderung“ hieß eine ihrer Langspielplatten, ein politisch programmatischer Titel, der rund 30.000 mal verkauft wurde. Der 52-jährige Morgenstern hat bis heute insgesamt etwa 60 CDs produziert – auch zusammen mit Schauspielern und Musikern von Barbara Thalheimer bis Rio Reiser. Aber l’art pour l’art war nie seine Sache; immer schon beschäftigten ihn die großen Zusammenhänge, die Politik, die Natur, die Kommunikation des Menschen mit seiner Landschaft.
In der Großstadt rennt die Zeit davon, hier am Rande des Grenzflusses scheint sie zu stocken. Die Landschaft lädt ein zum Hören, Sehen, dazu, die frische Luft zu fühlen, der Geschichte nachzuspüren. Wohl nicht zufällig war es anlässlich einer Lesung von Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit im Berliner Maxim Gorki Theater, dass Morgenstern 1997 den vier Jahre älteren Schauspieler Thomas Rühmann kennenlernte. Der fragte, ob sie zusammen Das grüne Akkordeon von E. Annie Proulx inszenieren könnten, die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein ganzes Jahrhundert spielt. Sie führten das Stück in Zollbrücke auf, nur vor Freunden, im Wohnzimmer von Morgenstern, das aus den Nähten platzte. Immer mehr kamen, der Musiker meißelte eine Wand heraus, aber der Platz reichte immer noch nicht.
Also entstand das Theater – zufällig, wie nebenher. „Es hat mir Spaß gemacht, ein Gelände zu entwerfen, Räume zu entwickeln“, sagt der Improvisationskünstler Morgenstern, dem ein wohlwollendes Bauamt seine „im vorauseilenden Ungehorsam“ entworfenen Gebäude noch im Nachhinein genehmigte. In den neuen Räumen wiederum formten sich neue Stücke. Seide zum Beispiel, das die Reise eines Seidenraupenhändlers bis ans Ende der Welt erzählt. Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit, die szenisch-musikalisch inszenierte Geschichte des Nordpolfahrers John Franklin, der anders denkt, sieht und handelt als der Mainstream, gehört zum festen Repertoire des Hauses. „Die langsame Arbeit ist die wichtigere“, gibt sich Morgenstern überzeugt.
Überhaupt lässt man den Mainstream hier gern vorbeiziehen und widmet sich stattdessen den Randthemen. Dazu organisiert die Mitarbeiterin Juliane Scheel eine Veranstaltungsreihe: Windenergie. Hochwasserschutz. Amaranth-Anbau. Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die weite Welt der Subsistenz. Geld – Wurzel allen Übels. Lebensmittellügen. Terra Preta. Viele hochkarätige Vortragende waren schon hier, brachten neues Wissen und viele Gäste mit.
Wenn eine Veranstaltung steigt, sind die Schlafplätze in den umliegenden Gasthäusern belegt, und auch deshalb ist das Theater bei der hiesigen Randbevölkerung beliebt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gestaltung der Außenanlagen, der Ziegenwirt von nebenan verkauft seinen Käse an die Gäste, und eine Frau, die sich extra zur Bäckerin umschulen ließ, verkauft nunmehr aus dem Holzbackofen bei jeder Vorstellung rund 50 schwere dunkle Brote.
Das Erfolgsgeheimnis des Theaters besteht wohl darin, dass hier pure Spielfreude am Werke ist. Von dem halben Dutzend Mitarbeitenden hat keiner jemals auf Gewinne spekuliert. Der Komponist, Produzent, Intendant und Bauherr Tobias Morgenstern kann von seiner Musik leben, der Schauspieler Thomas Rühmann von der seit 1998 laufenden ARD-Serie In aller Freundschaft, in der er einen Chefarzt spielt. Morgenstern steht dem Kapitalismus mit seinem Profitwahn genauso fern wie dem autoritären Staatssozialismus der DDR. Die Fieberkurve der Börse hat er auf ein Notenblatt gelegt und daraus ein in wilden Zacken verlaufendes Stück komponiert. Als Alternative sieht er das zinslose Regiogeld, ihm hat er ein Sonett gewidmet.
Zeit ist Geld? Nicht hier, nicht in diesem randständigen Örtchen, das in seinen utopisch anmutenden Entwürfen der Zukunft der Menschheit womöglich näher ist als jede Großstadt.
Innere Werte
Der Hamburger Bevölkerung ist vermutlich noch nicht klar, über welche inneren Werte sie verfügt. Hygienisiert, gelagert und kompostiert wird ein Teil ihrer Verdauungsprodukte zu geruchsfreiem Humus der besten Sorte. Unter der Obhut von Peter-Nils Grönwall, dem für Gewässerschutz zuständigen Beamten der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, werden damit Friedhofsanlagen, öffentliche Parks und Kleingärten gedüngt. Ein Teil der in diesen Grüngebieten wachsenden Sträucher wird später zu Energieholz verarbeitet und kann Strom, Wärme und Biokohle produzieren.
Der Ort, wo dieses weltweit einmalige urbane Kreislaufsystem seinen Ausgang nimmt, ist denkbar unscheinbar: die öffentlichen Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof. „Wenn Klugscheißer fliegen könnten, wäre das hier ein einziger Flughafen“, steht auf einem Schild neben dem Platz, wo die Toilettenfrau aufpasst. Wenn sie Besuch von Peter-Nils Grönwall bekommt, der die Anlage konzipiert hat, spendiert sie ihm einen Kaffee. Das Personal der öffentlichen Örtchen in der Hansestadt ist dem sozial denkenden Umweltfachmann dankbar. Der 63-jährige Ökonom und Soziologe hat für den Erhalt der Arbeitsplätze der Sanitärbediensteten gesorgt – und für die Erhöhung ihres Ansehens. Immer öfter inspizieren Wissenschaftler und Journalistinnen die abschnittsweise gläsernen Abwasserrohre der Hamburger Unterwelt.
Nichts daran ist eklig, alles erscheint erstaunlich sauber. Das liegt an dem raffinierten Trennungssystem, das die Ausscheidungen für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Männer pinkeln in wasserlose Urinale; bei ihnen kann Flüssiges und Festes getrennt und in Kellertanks gesammelt werden. Bei Frauen ist die Trennung nicht möglich, aber die installierten GreenGain-Toiletten reduzieren die Abwassermenge pro Spülung um zweieinhalb Liter. Zusätzlich sorgen mikrobiologisch arbeitende Filter im Keller für eine fast vollständige Trennung der Stoffströme aus den Damenklos. Aufbereiteter Urin sei ein äußerst wertvoller Dünger, erläutert Grönwall, enthalte er doch neben wichtigen Spurenelementen jede Menge Stickstoff und Phosphor – letzteres ein für die Welternährung unverzichtbares Element, das global gesehen immer knapper wird.
Den im Untergrund des Bahnhofs ankommenden Kot vermischt die Anlage automatisch mit Pflanzenkohle und fermentiert sie mit Effektiven Mikroorganismen. Die begleitende Forschung des Harburger TU-Professors Ralf Otterpohl und der Leipziger Professorin Monika Krüger hat ergeben, dass beide Stoffe zusammen für die zuverlässige geruchsfreie Hygienisierung und Abtötung schädlicher Keime sorgen. Nach dieser Mischprozedur auf den Kompost gegeben, wird Humanabfall wieder zu Humus respektive zu der äußerst fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta. Dass „Humus“ und „human“ eine gemeinsame Sprachwurzel haben, dass die Menschwerdung ohne fruchtbaren Boden nicht hätte gelingen können, darauf hat schon der Künstler Friedensreich Hundertwasser in seinem Gedicht „Die heilige Scheiße“ hingewiesen.
Dabei macht sich die Anlage im Hamburger Untergrund noch auf andere Weise um die Fruchtbarkeit verdient: Sie filtert medikamentöse Wirkstoffe und Antibabypillen-Hormone aus den menschlichen Ausscheidungen heraus – ganz im Gegensatz zu konventionellen Kläranlagen. Das von herkömmlichen Anlagen gereinigte Abwasser Hamburgs fließt über die Elbe in die Nordsee, mitsamt Nährstoffeinträgen, abgelagerten Medikamentenrückständen und Hormonen. Dadurch kommt es zu Anreicherungen im Gewässer – und zu Schaum- und Algenbildung. Solche Schadstoffe können Fische und Muscheln verweiblichen. Werden diese von Menschen gegessen, schließt sich ein anderer, ein unfreiwilliger hormoneller Kreislauf: Männer werden tendenziell unfruchtbar.
Seit Grönwall in den 1990er-Jahren den Betrieb der knapp 200 öffentlichen Toiletten der Hansestadt übernahm, „in versifftem Zustand“, wie er sagt, räumt er mit solchen Problemen auf. Zwar sind Humusproduktion und Filtertechnik noch den öffentlichen Toiletten am Hauptbahnhof vorbehalten, jedoch wurden sämtliche städtische Toiletten, vom noblen Jungfernstieg bis zu den Hamburger Badeseen, auf das ebenso saubere wie wassersparende GreenGain-System umgerüstet. Einige arbeiten zusätzlich mit Solarpumpen.
In den Toiletten am Hauptbahnhof hinterlassen jährlich rund 200.000 Menschen ihre Nährstoffe. Grönwalls Anlage spart dort nicht nur Lebensmittel – das zum Wegspülen missbrauchte Trinkwasser –, sondern auch jede Menge Material. Die Rohre sind dünner, es gibt darin keine Ablagerungen und deshalb kaum Wartungskosten. In der gesamten Hansestadt haben die Bemühungen des engagierten Umweltschützers Grönwall das Geld für Wasser, Strom, Rohre und Entsorgung von vorher jährlich drei Millionen Euro auf heute 631.000 Euro reduziert – eine Einsparung von rund vier Fünftel der Kosten. Und weil das neue System auch noch sauberer funktioniert und einen hygienischeren Eindruck hinterlässt als das alte, sind zudem die Kosten für Reparaturen aufgrund von Vandalismus und Zerstörungen zurückgegangen.
Dennoch hat Peter-Nils Grönwall, der über die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Ökologie kam und seit 25 Jahren in der Umweltbehörde arbeitet, immer noch mit Widerständen und Vorurteilen zu kämpfen – vor allem seitens der Stadtplaner. „Die wollen die Anlagen immer irgendwo verstecken. Aber Menschen sollten zu Toiletten gehen können“, lächelt der Grauhaarige hinter seiner Brille. Längerfristig möchte der Umweltschützer sämtliche 200 städtischen Sanitäranlagen zu Humusproduzenten machen und damit eine neue urbane Kreislaufwirtschaft aufbauen. Deshalb redet er auch nie von Kot, sondern von Wertstoffen und Nährstoffen, die nicht in der Kanalisation verloren gehen dürften. Und die Toilettenfrau im Hamburger Bahnhof weiß vermutlich, warum sie den Spruch von den Klugscheißern angebracht hat. Sich dort hinzuhocken heißt: klug zu scheißen.
Zweitakter
Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.
Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.
Es war Lev Tolstoi, der sagte, der Mensch müsse die fleischhaltige Ernährung aufgeben, um den Sinn des Lebens zu finden und sich weiterentwickeln zu können. In der Kreuzersonate schreibt er: Wenn der Mensch einen moralischen Weg suche, so wäre das erste, worauf er verzichten müsse, das Fleisch. Neben einer Aufregung der Leidenschaften, die durch diese Nahrung verursacht werde, sei das Fleischessen an sich unsittlich, weil es die Tat des Mordens erfordere. Tolstois Feldzug gegen das Fleisch machte auch vor seiner eigenen Familie nicht Halt: Als ihn eines Tages seine Tante, eine überzeugte Fleischesserin, besuchte, servierte Tolstoi ihr einen Truthahn, den er lebendig auf den Teller gebunden hatte, mit den Worten: „Umbringen musst du ihn schon selber, wir haben es nicht übers Herz bringen können“. Ganz klar: Der radikal denkende und handelnde Tolstoi hätte Menschen, die nur hin und wieder oder an nur einem Tag in der Woche auf Fleisch verzichten, als fadenscheinig und inkonsequent beschrieben.
Die gesellschaftskritischen Überzeugungen Tolstois in punkto Fleischkonsum würde die 159 Jahre jüngere und heute 25 Jahre alte Katharina Rimpler vielleicht teilen – die fundamentalistische „Methode Truthahn“ kann sie allerdings nicht gutheißen. Rimpler hat mit ihrer 2011 in Betrieb genommenen Internetplattform Halbzeitvegetarier eine barmherzige und sanfte Art entwickelt, weniger Fleisch zu konsumieren. Als chronisch finanziell klamme Studentin der Kulturwissenschaften schrieb sie einen EU-Antrag, und ihr Konzept, dass „zwei halbe Vegetarier auch ein ganzer“ sind, überzeugte. Mit dem Geld aus dem europäischen Programm JUGEND in Aktion und mit der Unterstützung eines befreundeten Webdesigners konnte es an die Realisation gehen.
Ihr Internetforum ist für diejenigen gemacht, die zwar darüber nachdenken, sich vegetarisch zu ernähren, das aber bisher noch nicht in die Tat umgesetzt haben. „Zu zweit ist man weniger allein“, und zu zweit ist es einfacher, selbstgesteckte Ziele zu erreichen. „Man kennt das auch aus anderen Situationen: Wenn man sich zum Joggen mit anderen verabredet, geht man eine soziale Bindung ein, das macht es freudvoller, sich zu überwinden und durchzuhalten, und es macht es schwieriger, Vereinbarungen zu brechen“, erläutert Rimpler das Tandemprinzip ihrer Halbzeitvegetarier. Dort schließen sich Paare, Freunde und Familienmitglieder oder auch völlig Fremde zusammen, um sich ohne externe Vorgaben zu verpflichten, ihren Fleischkonsum zu halbieren und den Fleischverzicht auszuprobieren. Die Tandempartner begeben sich in ein Selbstexperiment, motivieren sich gegenseitig und tauschen sich aus.
Katharina Rimpler macht – ganz nebenbei und von Berufs wegen – ein paar kulturwissenschaftliche Beobachtungen: „Männer werden zunächst von ihren Tandempartnerinnen überredet, bemerken dann aber schnell die Vorzüge der vegetarischen Kost, und es fällt ihnen auf, dass ein vegetarisch kochender Mann durchaus sexy sein kann.“ Die andere Hälfte der Halbzeitvegetarier – also die personelle Hälfte, die an manchen Tagen noch (!) immer Fleisch verzehrt –, tut das dann bewusster und konsumiert weniger wahllos: „Wenn die sogenannten Flexitarier dann hin und wieder Fleisch essen, so verzichten sie auf Rindfleisch und achten darauf, dass das Fleisch in biologischer Landwirtschaft erzeugt wurde“, freut sich Rimpler auch über diese Halb-Erfolge.
Um die Wahrheit, dass Massentierhaltung ungerecht, ungesund und unökologisch ist, kommt man selbst bei den einst farbenprächtigen Truthähnen nicht herum. Das bunte Federvieh aus Tolstois Zeiten ist heute zur bewegungsunfähigen weißen Mega-Pute der Massentierhaltung mutiert. Auf engsten Raum zusammengepfercht, verstümmelt und verletzt, mit Antibiotika vollgestopft, in gigantischen und hochtechnisierten Anlagen werden die Tiere erst gemästet und am Ende per Elektroschock im Wasserbad getötet. Wog der Truthahn im Hause Tolstois ungefähr elf Kilogramm, so kommt ein Mastvieh in der Gegenwart auf das Doppelte.
Eine „dumme Pute“ ist dabei heute eigentlich keiner mehr; alle sind gut informiert und kennen die Folgen unseres Fleischkonsums. Dennoch: Fast 50 Prozent der Männer und rund 18 Prozent der Frauen essen täglich Fleisch. Kommt also erst das Fressen, dann das Gewissen und die Moral? Nur geschätzte 7 Prozent der Deutschen ernähren sich fleischlos, sind also vom Wissen zu einer veränderten Alltagspraxis gelangt.
Hard-Liner des Vegetarismus und Veganer aber sehen in Rimplers Halbzeitvegetarier keine willkommene Unterstützung ihrer Bewegung, sondern kritisieren die Idee und greifen die junge Studentin öffentlich an. „Ich habe viel gelernt darüber, wie man eine Idee umsetzt, wie man sie öffentlich präsentiert, aber ich musste auch lernen, dass es Leute gibt, die einen anfechten, weil sie in den Halbzeitvegetariern eine Verweichlichung des Vegetarismus sehen“, erklärt Rimpler.
Die Kulturwissenschaftlerin selbst ist keine moralisierende Tolstoianerin und lebt auch nicht wie eine Asketin. Wenn sie bald zwei Jahre für die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First tätig sein wird, will sie bereits Kinder und Jugendliche mit ihrer Idee anstecken und sie vielleicht zu angehenden Halbzeitvegetariern machen. Denn: „Das Wissen ist nicht das Wichtigste“, sagt Katharina Rimpler, „Erziehung, Rituale und Traditionen, Gewohnheiten und eingefahrene Denkmuster wirken viel stärker.“ Ein vegetarisches Weihnachtsessen in Deutschland oder Thanksgiving ohne Truthahn in den USA – an diesem Tag werden allein 46 Millionen dieser Tiere in die Röhre geschoben – scheint für viele undenkbar. Ebenso ranken sich viele Kindheitserinnerungen lebenslang um das Thema Fleisch; Schnitzel, Rouladen, Sauerbraten, Kassler und Königsberger Klopse bleiben trotz vegetarischer Alternativen die Lieblingsgerichte der Deutschen. Insbesondere die ältere Generation glaubt an die Kraft und Wirkung von Fleisch, das sei das wertvollste Lebensmittel, mache stark und widerstandskräftig.
„Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze“, sagte Lev Tolstoi. Vielleicht nehmen sich auch in diesem Frühling 2012 einige Menschen vor, den Truthahn von ihrem Teller loszubinden: Free the turkey!
Kiezlebauer
Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.
Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.
Mitten in Berlin entsteht ein drei Hektar großes neues Stadtviertel. Mit 400 Wohnungen für 1.000 Menschen, mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, Kiezküche, Gewerbe und Hotel ist es das größte bundesweite Projekt dieser Art. Am südlichen Rand des Bürgerparks Gleisdreieck, wo früher Züge über Schotterflächen rollten, grüßen sich heute die Stadtteile Kreuzberg und Schöneberg an einer überwucherten Brache. Nun wird das alte Schienendreieck durch ein neues Wertedreieck ersetzt: Ökosozial, interkulturell und generationenübergreifend soll das Leben hier werden. Die Planungen der Initiative Möckernkiez sind weit fortgeschritten. Im Herbst 2012 ist Baubeginn, bis Mitte 2014 werden – Achtung, Futur zwei! – alle eingezogen sein, auch Hildegard Kurt.
Ein Kalenderspruch von Greenpeace, „Stepping lightly into the earth“, wurde für die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin zum Handlungsmotto. Sie hat ihr letztes Buch danach benannt: Leicht auftreten – Unterwegs zu einer anderen Welt. „Leicht auftreten“ steht dabei für einen geringen ökologischen Fußabdruck, eine fragende Grundhaltung und eine elastische Widerstandsfähigkeit gegen Krisen, auch Resilienz genannt. Und weil die 54-jährige Autorin diese Einstellungen bei der Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen verwirklicht sah, entschloss sie sich noch während des Buchschreibens, dort mitzumachen. Mit dieser Gesinnung, und mit ihrem Alter, ist sie durchaus typisch für die Mehrheit der Möckernkiez-Genossen.
Von ihrem zukünftigen Zuhause erzählt Hildegard Kurt in den Räumen des und. Institutes, das sie leitet. Sie strahlt vor Vorfreude – eine Frau wie in Aquarell gemalt, mit hellen Augen, hellen Haaren und hellem Lachen. Das Institut, getragen von einem Verein und maßgeblich vertreten durch die Mitgründerin Hildegard Kurt, will Zukunftsfähigkeit mit Kunst und Kultur verbinden, deshalb der Name. Dafür widmet sich das und. Institut Kulturprojekten, Symposien und sozialen Plastiken. Dem Mädchen Hildegard wurde das ökologische Denken wohl schon in die Wiege gelegt, wuchs es doch auf einem kinderreichen Bauernhof in einem rheinland-pfälzischen Dorf auf. „Vom Wesen her Bäuerin und Künstlerin“, zäh, ausdauernd und lebendig, beschreibt Kurt sich selbst.
An der Seite ihres inzwischen verstorbenen Mannes, des türkischen Dichters Kemal Kurt, lebte sie jahrelang als freischaffende Übersetzerin. Bis zum Erdgipfel von Rio 1992. „Zum ersten Mal wurden Entwicklung und Umwelt zusammengedacht. Mir war, als würde sich ein Fenster auftun in eine Gesellschaft, die nicht mehr ideologisch und nicht mehr konsumistisch ist. Alles ist möglich – bitte anschnallen!“ Auf die Aufbruchsstimmung folgte die Enttäuschung. „Aber dann fing ich an zu forschen: Wie ist die Konsumkultur zu überwinden? Wie können wir leicht auftreten?“
Die Initiatoren des Möckernkiezes gingen derweil einen ähnlichen Weg. Ulrich Haneke, SPD-Urgestein aus Kreuzberg, verteilte 2007 auf einem Bürgerfest einen Aufruf zur Gründung einer Baugenossenschaft, damit die „Ureinwohner“ nicht durch zahlungskräftigere Zugezogene vertrieben würden. Das Flugblatt gelangte unter anderem in die Hände der Politikwissenschaftlerin Aino Simon. Sie träumte zusammen mit ihrem Mann schon länger davon, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, also ebenfalls „leicht aufzutreten“. Sie träumte auch von barrierefreiem Gemeinschaftswohnen mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter und einem Gemeinschaftsspielplatz für ihre kleine Tochter. Der alte Sozialdemokrat und die junge Mutter trafen sich und wurden zum Erfolgsgespann des Projektes.
Haneke und Simon sitzen zusammen im Vorstand der Genossenschaft und des Vereins Möckernkiez, welcher die Kiezbewohner mit Kultur und Veranstaltungen versorgt. Vier Jahre lang arbeiteten beide ehrenamtlich, nunmehr beziehen sie jeweils ein kleines Gehalt von der Genossenschaft, die voraussichtlich stolze 90 Millionen Euro für die Realisierung des Projekts ausgeben wird. Größere und kleinere Wohnungen sollen es werden, keine Hochhäuser oder Betonklötze.
Jedes Genossenschaftsmitglied müsse für 30 Prozent der Wohnungskosten aufkommen, die anderen 70 Prozent finanziere ein Bankenkonsortium, erklärt die zukünftige Bewohnerin Hildegard Kurt. Für eine 50 Quadratmeter große Wohnung sind das rund 30.000 Euro Eigenanteil. Eine beachtliche Summe. Ist das noch „leichtes Auftreten“? Die Kulturwissenschaftlerin hat selbst Zweifel, denn Kreuzberger Sozialleistungsempfänger könnten das nie bezahlen. Andererseits: „Die Genossen, die hier mitmachen, sind auch keine Reichen“, sagt sie. Bei den Mitgliederversammlungen herrsche die Stimmung: Das schaffen wir! Die hohen Kosten würden ja nicht durch Luxusansprüche, sondern durch hohe ökosoziale Standards verursacht. Kurt erzählt mit leuchtenden Augen, wie der Solararchitekt Rolf Disch, einer der fünf Architekten des Areals, bei einer Versammlung aufgestanden sei und verkündet habe: Mit Plusenergiehäusern könne man sofort anfangen, und auf die Politik und ihre Energiewende solle man bloß nicht warten!
„Wir sind keine Schöner-Wohnen-Initiative, sondern eine Initiative Besser-Miteinander-Leben. Niemand wird an diesem Projekt verdienen“, sagt auch die 32-jährige Aino Simon. Die Generationen könnten sich gegenseitig helfen. Auch die Kulturen? „Da sind wir noch nicht zufrieden“, gibt sie zu, die Zahl der Migranten entspreche bei weitem nicht dem Kreuzberger Durchschnitt, die deutsche Mittelschicht überwiege. Sie habe sich persönlich sehr um türkische Mitglieder bemüht, aber viele täten sich mit dem Genossenschaftsmodell schwer und wollten lieber Eigentumswohnungen kaufen.
Gärten wird es auch geben, natürlich, und Hildegard Kurt freut sich schon darauf. Vorher müssen innerhalb der Genossenschaft noch einige „spannende“ Dinge geklärt werden, und auch diesem Prozess sieht die Kulturwissenschaftlerin neugierig entgegen: Schaffen die Genossinnen und Genossen es, sich durch Solardächer und Blockheizkraftwerk von steigenden Energiekosten abzukoppeln? Wer bekommt die helleren Wohnungen, wer die dunkleren oder lauteren? Soll es einen gemeinschaftlichen Waschsalon geben? Soll das ganze Viertel strikt autofrei bleiben, oder gelten Ausnahmen für Rollstuhlfahrende? Und überhaupt, wie viel Abweichung und Andersartigkeit muss erlaubt sein? „Das ganze Projekt muss gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen bleiben“, auf diese schöne Formel hätten sich die Mitglieder auf einem Workshop verständigt, berichtet Vorständlerin Aino Simon.
Ihr Mann Nils Simon wiederum brachte bei einer der Versammlungen die Resilienz ins Spiel. Damit sei auch die Fähigkeit eines Gemeinwesens gemeint, in einer Situation der Knappheit vorbeugend zu handeln und funktionsfähig zu bleiben. Resiliente Gesellschaften und Gruppen seien eher in der Lage, den Epochenbruch zu bewältigen, der mit dem Ende der industriellen Wachstumsgesellschaft bevorstehe.
„Wie bewegend, nun gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen Teil einer so weitreichenden und dabei so konkreten Initiative zu sein“, schreibt Hildegard Kurt in Leicht auftreten. Und: „Dass die Mitgliederversammlungen dieser Initiative in einer Kirche stattfinden, berührt mich immer wieder. Zeigt sich doch darin, dies ist kein privates Projekt, sondern es hat eine gesellschaftliche Dimension. Wir sind eine Stadtentwicklungsinitiative.“
Abrüstung
Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.
Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.
Weil es daheim so wenig Erhebungen gab, zog es den Norddeutschen und begeisterten Bergsteiger Albrecht von Dewitz früh in den Süden. Er quartierte sich in einem abgelegenen Ortsteil des Städtchens Tettnang unweit des Bodensees ein und fuhr so oft wie möglich in die Alpen. Auf seinen Touren ärgerte er sich immer wieder über sein Equipment – und so beschloss der gelernte Kaufmann 1974, selbst einen Laden für Bergsteigerausrüstung aufzubauen. Als er die Firma nach seinen Initialen v. D. auf den Namen Vaude taufte, machte er sich keine Vorstellung davon, dass er gerade den Grundstein für ein Unternehmen legte, das einmal weltweit präsent sein und in punkto Umwelt- und Sozialstandards als vorbildlich gelten sollte.
Zunächst handelte von Dewitz auch nur mit Seilen und Karabinern. Doch wurde schnell klar, dass es auf dem Markt weder Gamaschen noch Rucksäcke gab, die seinen Vorstellungen entsprachen. So fragte er Hansjörg Egger aus der Nachbarschaft, ob er nicht Lust habe, eine eigene Produktion aufzubauen. Egger war schließlich Landmaschinentechniker – und da sei es für ihn ja bestimmt nicht schwierig, sich auf Nähmaschinen umzustellen, meinte von Dewitz. Egger belegte einen Kurs, kaufte einige gebrauchte Maschinen, und aus Platzmangel musste der Schreibtisch am ersten Vaude-Firmensitz neben der Dusche platziert werden. Die noch wenigen Mitarbeiter entwickelten neue Projekte abends am Biertisch, und wenn das Wetter schön war oder es etwas zu feiern gab, ließen sie den Betrieb einfach geschlossen.
Wer die Natur liebt, sollte sie schützen – und wer Produkte in die Welt setzt, sollte sich damit beschäftigen, was mit ihnen nach dem Gebrauch passiert, meinte von Dewitz schon in den 1990er-Jahren. 1994 forderte er seine Kundschaft auf, ausrangierte Jacken und Schlafsäcke zurückzugeben. Doch die Reaktionen auf den Produktrückruf waren äußerst mager. Gleichzeitig versuchte die Firma auch in den Bereichen, die sie direkter beeinflussen konnte, die Umwelt- und sozialen Belastungen zu reduzieren. Sie befasste sich mit dem Material- und Wassereinsatz der Kleidungsproduktion, und als in den 1980er-Jahren das neue Firmengebäude in Tettnang errichtet wurde, ließ von Dewitz seine Naturverbundenheit in Form von Sprüchen in den Fußboden einarbeiten: „Die Alpen sind für uns die liebsten Nachbarn“ oder „Wir sind ganzheitlich“. Er gab auch den Auftrag, ein Kinderhaus für den Nachwuchs der inzwischen 480-köpfigen Mitarbeiterschar zu planen, und als ein Großteil der Produktion dann doch wegen der geringeren Lohnkosten nach Asien verlagert wurde, schaute sich der Chef persönlich an, wie es dort um die Arbeitsbedingungen bestellt war.
„Es gab bereits damals zahlreiche Puzzlesteine im Nachhaltigkeitsbereich, aber vieles war unstrukturiert und auch nicht sehr effektiv“, bilanziert die vor einigen Jahren bei Vaude als Umweltbeauftragte eingestellte Hilke Patzwall die Bemühungen der Gründergeneration. Mit Hilfe des europäischen Umweltmanagementsystems EMAS durchforstet sie seither systematisch alle Betriebsteile und versucht kontinuierlich, Verbesserungen durchzusetzen. Das fängt beim Energieverbrauch der nun schon wieder in die Jahre gekommenen Gebäude in Tettnang an, geht über Fahrgemeinschaften und Spritspar-Schulungen für die Beschäftigten bis hin zur E-Bike-Tankstelle vor dem Haus. Selbstverständlich wird dabei auch die Logistik nicht ausgespart: Wie kommt eine Jacke am klimafreundlichsten von der Fabrik in den Laden?
Ab 2015 will Vaude bei Taschen ganz auf PVC verzichten, obwohl es für dessen technische Eigenschaften noch keinen Ersatz gibt. „Entweder haben wir bis dahin etwas anderes gefunden – oder es gibt eben keine Taschen mehr“, formuliert Patzwall die selbstverordnete Abstinenz. Auch die anderen Materialien werden eingehend auf Wasserverbrauch bei der Rohstoffgewinnung, effiziente Einsatzmöglichkeiten und Schadstoffe untersucht. Die Relevanz verschiedener Belastungen abwägen, die eigenen Einflussmöglichkeiten einschätzen und dann die relativ beste Lösung finden – das ist der Alltag des EMAS-Verfahrens. „Das ist zwar nicht sexy und eignet sich nicht für Werbebotschaften, aber die Organisationsstruktur haben Profis erdacht, und sie ist handhabbar“, fasst die 38-jährige Umweltbeauftragte zusammen.
Auch die Tochter des Firmengründers und heutige Chefin Antje von Dewitz benennt klar die Grenzen des EMAS-Ansatzes: „An vielen Stellen könnten wir noch weiter sein, aber wenn eine Alternative 50 Prozent teurer ist oder die Funktionalität einschränkt, dann ist das nicht machbar.“ Auf 10 bis 15 Prozent schätzt sie die Mehrkosten, die Vaude gemessen am Branchenschnitt durch seinen selbstgesetzten öko-fairen Anspruch zu tragen hat.
Qualität und Langlebigkeit der Produkte sind dafür wichtige Bausteine. 15 Leute sind in Tettnang damit beschäftigt, Gebrauchtes wieder auf Vordermann zu bringen. Da werden an Rucksäcken und anderen Outdoor-Utensilien Flecken entfernt, Dreiangel geflickt oder Reißverschlüsse repariert. „Die Frauen dort haben sich selbst um umweltfreundlicheres Waschmittel gekümmert“, freut sich Patzwall. Nebenan werden Fahrradtaschen hergestellt; die helle Produktionshalle wirkt eher wie eine Manufaktur als wie eine Fabrik. In der Ecke steht eine von Hansjörg Egger konstruierte Reißverschluss-Einschweißmaschine, deren viele Rädchen, Rollen, Spulen und Schalter an ein Kunstwerk von Jean Tinguely erinnern.
Zusammen mit anderen Outdoor-Herstellern will Vaude einen neuen Versuch starten, die von den Kunden ausrangierte Ausrüstung umweltfreundlich und sozial weiterzuverwenden. „Ein geschlossener Recyclingkreislauf ist aber völlig unrealistisch“, dämpft Patzwall zu hohe Erwartungen. Schon der Sortier- und Transportaufwand wäre viel zu hoch. Geplant ist vielmehr eine enge Kooperation mit Altkleiderverwertern, die dem Verband Fairwertung angehören, der in diesem Bereich die strengsten sozialen und ökologischen Kriterien vertritt.
Anders als fast alle Markenfirmen, die Textilien in Asien fertigen lassen, lässt sich Vaude von der Fairware-Foundation überprüfen, so wie es die „Kampagne für saubere Kleidung“ empfiehlt, die sich seit langem für weltweit anständige Arbeitsbedingungen im Textilbereich einsetzt. Unabhängige Kontrolleure recherchieren, ob die Arbeitsbedingungen in Vietnam und China den proklamierten Anforderungen entsprechen. Aus Burma hat sich Vaude aus diesem Grund schon vor einer Weile zurückgezogen.
Vaude ist ein Beispiel dafür, dass der Anspruch „Nachhaltigkeit“ im Alltag eines mittelständischen Produktionsunternehmens immer nur Richtschnur und nie 100-prozentige Umsetzung sein kann. Dass die Firma hier gleichwohl Herausragendes leistet, belegt nicht zuletzt der deutsche Nachhaltigkeitspreis 2011, den Vaude in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien (KMU)“ erhielt.
Für eine bessere Zukunft scheut Vaude schon lange keine Mühen. Nach dem Unternehmensziel gefragt, antwortet die vierfache Mutter Antje von Dewitz: „Ich will, dass die acht Stunden, die die Menschen hier täglich herkommen, positiv für sie sind und dass es auch den Leuten in den Zulieferfirmen gut geht. Und ich möchte, dass der ökologische Fußabdruck des Unternehmens möglichst klein ist.“ Kurz und knapp: Wir sind ganzheitlich.
Straßenkunst
Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.
Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.
Zwischen den sanften Mittelgebirgshügeln des oberen Lahntals ruht die hessische Kleinstadt Biedenkopf, 750 Jahre alt, samt enger Gassen, pittoreskem Fachwerk und Landgrafenschloss. Zweifelsohne ein malerisches und romantisches Städtchen – und bis vor kurzem ein ausgewähltes Kaff, um sich lebendig begraben zu lassen.
Denn in Biedenkopf haben demographischer und gesellschaftlicher Wandel eine ziemliche Tristesse hinterlassen: Die Stadt schrumpft, weil junge Leute ihrer Heimat nach dem Schulabschluss den Rücken kehren; das Handwerk und der Einzelhandel haben mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die allerorts üblichen Einkaufscenter auf die Wiese gepflanzt werden; die Kluft zwischen gut situierten und armen Einwohnern wird immer größer, weil die Mittelstandswelten aussterben; hier und da stehen Wohnungen und Geschäfte leer, weil Käufer fehlen und die Stadtverwaltung machtlos ist.
Nichts von dieser gegenwärtigen Situation hat etwas mit der heilen Welt gemein, an die sich Ursula Cyriax aus ihrer Kindheit erinnert. Ihre Heimatprovinz scheint sich verwandelt zu haben, depressives Grau hat sich unter die einst frohen Farben der Kleinstadt gemischt. Seitdem die in Berlin lebende Künstlerin das Elternhaus in Biedenkopf vererbt bekam, zieht sie sich regelmäßig dorthin zurück, um der Großstadt zu entkommen, und erhält so immer wieder neue Eindrücke von der schleichenden Veränderung. An einem sonnigen Frühlingstag im Biedenkopf des Jahres 2010 dann stand Cyriax im duftenden Lavendelgarten und ließ das Unkrautjäten plötzlich sein. Ihr wurde bewusst, dass sie die Zeit, Zuwendung und Liebe, die sie gerade den Blumen zuteil werden ließ, nicht am eigenen Gartenzaun enden lassen dürfe.
So kam es, dass eine Kosmopolitin – Cyriax lebte zeitweise in New York und war an Ausstellungen im Metropolitan Museum und in der Neuen Nationalgalerie Berlin beteiligt – ein kulturelles Konjunkturprogramm für das Provinzstädtchen erfand. Das soziokulturelle Kunstprojekt Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 sollte die Bewohner Biedenkopfs aus ihrer Starre lösen und dazu motivieren, die Attraktivität ihrer Stadt unter aktiver Teilnahme für sich, für ihre Kinder und ihre Kindeskinder zu bewahren und wieder mit Leben zu füllen.
„Die Identitätsträger einer Stadt sind deren Bewohner, also muss man diese auch aktivieren“, erklärt die politisch denkende Frau ihr Konzept Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011, in dem künstlerische Exzentrik fehl am Platz ist. In Zahlen gesprochen: Es galt, 6.000 Biedenkopfer und 8.000 Einwohner der umliegenden Gemeinden in einen künstlerischen, demokratischen Prozess einzubinden und über den Zeitraum eines Jahres für neun lebensnahe und -praktische Einzelinitiativen zu mobilisieren.
Dabei sollte sich Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 nicht nur als nachhaltig im Hinblick auf die Revitalisierung der Innenstadt erweisen, sondern auch die für die Skulpturen verwendeten Materialien mussten nachhaltig sein. „In unserer Wegwerfgesellschaft produzieren wir viel zu viel Müll. Deshalb war das Upcycling, also aus Weggeworfenem etwas Wertvolles machen, in vielen der Biedenkopfer Projekte ganz zentral“, sagt Cyriax.
Als Ursula Cyriax 18 Jahre alt war, schrieb sie 100 Dinge auf einen Zettel, die in ihrem Leben unbedingt Wirklichkeit werden sollten. Darunter: ein Frühstück mit den Rolling Stones – und tatsächlich: das hat geklappt. Bis heute gibt es für sie kein „Geht nicht“ oder „Ja, aber“ und noch immer schaut sie zuversichtlich ins Leben. So war für die 58-jährige Aktionistin auch bei den Skulpturen, Projekten der Weg vom Gedanken zur Umsetzung kein weiter. Sie zog ins Biedenkopfer Rathaus, zu kirchlichen Institutionen, zu regionalen Unternehmen und Handwerkern, zu wissenschaftlichen Einrichtungen, zur lokalen Presse und gewann alle für ihre Idee zur kulturellen und sozialen Stadterneuerung. „Es ist verrückt: man überlegt sich etwas Schönes, und dann funktioniert auch alles. Und vor allem: alle wirken mit!“, blickt Ursula Cyriax auf das vergangene Jahr 2011 in Biedenkopf zurück.
Beim Guerilla Knitting zum Beispiel wurden Jung und Alt, Arm und Reich aufgerufen, aussortierte Wolle im Rathaus abzugeben. Aus den gesammelten Wollresten sollten kleine Strickarbeiten gefertigt werden, die an Straßenbegrenzungen, Haltegriffen, Verkehrsschildern und Gartenzäunen angebracht werden und den öffentlichen Raum verschönern sollten. „Es wurde so viel gespendet, dass die Kulturdezernentin wie eine New Yorker Bag Lady zwischen den Wollresten in Tüten an ihrem Schreibtisch saß“, lacht die Anstifterin. In Wohnzimmern, Schulen, Senioren- und Pflegeheimen, in der Kirchengemeinde und sogar in einer Gruppe Demenzkranker wurde fortan pausenlos gestrickt. 483 Einzelstücke fügten sich letztlich zu einem farbenfrohen Patchwork, das den Marktplatz „dekorierte“ und keineswegs nur von Großmüttern hergestellt worden war. Denn Stricken war plötzlich cool. Selbst Männer trauten sich: „Ich hab den Jungs einfach erzählt, dass es in New York Clubs gibt, wo harte Kerle bei Bier und Chips stricken. Und auch Johnny Depp wäre ohne die Kunst des Persenning-Stichs beim Segelflicken in der Karibik verloren gewesen“, berichtet Cyriax und lächelt raffiniert. „Eine Strickerin sagte damals zu mir Wir machen die Welt einfach ein bisschen wärmer. Wir sind jetzt alle Guerillas. Da wusste ich: es wirkt!“
Die eigene Stadt umzugestalten und Abfall als Ressource zu begreifen war auch die Idee für einen 5 Meter hohen Wegweiser, der aus ausrangierten Skiern gebaut wurde und nun auf einer Verkehrsinsel steht. Die lila gestrichenen Ski-Spitzen zeigen mit exakter Angabe der Entfernung in die Himmelsrichtung ausländischer Städte, aus denen hinzugezogene Biedenköpfer ursprünglich stammen. Menschen aus 64 Nationen sind in Biedenkopf ansässig geworden. Buenos Aires, Singapur, Riga, Lissabon und Kuala Lumpur – Biedenkopf ist, wenn man genauer hinschaut, kein Hinterland, sondern international. „Die Welt ist eh trostlos, wo man hinschaut, diese Aktion bringt Farbe in die Stadt, da freu ich mich, dass ich daran mitgeholfen hab“, hat ein kräftiger Helfer beim Aufbau der Skulptur zu der Konzeptkünstlerin Cyriax gesagt. Heute ist der Wegweiser ein Teil des Stadtbildes geworden.
Das Skulpturen-Jahr war aber auch sonst ereignisreicher als die Zeit davor: mit einer Liebesschlösser-Aktion auf einer Brücke, einer Survival-Nacht in freier Natur, einer Modenschau mit Biedenkopfer Topmodels, einem ganz legalen Graffiti-Projekt oder einer Einzelausstellung für ein voluminöses Upcycling-Galakleid. In Biedenkopf war jetzt was los! Dabei wandte sich Ursula Cyriax vor allem an Jugendliche und deren Lebensthemen und lud sie ein, eigene Zukunftsvisionen zu gestalten, an sich selbst zu glauben und ihre Ängste zu überwinden.
Die lokale Presse, der Hinterländer Anzeiger, konnte ein Jahr lang die Seiten mit Sensationen füllen, und der Filmemacher Otmar Hitzelberger begleitete die Highlights mit seiner Kamera. Sein Film schafft den Spagat zwischen sozialem Realismus und einer eindringlichen Reportage, auf die letztlich alle Beteiligten stolz sind. Mittendrin, immer im Bild und immer im Dauereinsatz, die Initiatorin Ursula Cyriax, nie sozialpflegerisch, nie belehrend, nie agitatorisch.
Das Biedenkopfer Spektakel ist nun vorbei, doch Ursula Cyriax wird mit neuen Plänen wiederkommen. Muss sie ja sowieso: zum Unkrautjäten im Lavendel-Garten.
Lebenslanges Lehren
Die Idee kam einigen Eltern beim Putzen. Sie machten einen Münchener Montessori-Kindergarten sauber und plauderten über dieses und jenes. Wie toll es doch wäre, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen würden, träumten die einen – und ja, das sei wirklich ein großer Vorteil, bestätigten die anderen und berichteten, dass der Austausch ihrer Kinder mit Oma und Opa für beide Seiten bereichernd sei. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Warum sollten sie, da die wirklichen Großeltern zum Teil weit weg seien, nicht ältere Leute aus der Umgebung in das von ihnen geplante Montessori-Schulprojekt einbinden?
Tatsächlich ist die Werkstatt der Generationen heute das Alleinstellungsmerkmal der seit 2008 bestehenden integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße. Zum pädagogischen Konzept der Schule gehört, dass Mädchen und Jungen, einschließlich behinderter Kinder, von der ersten bis zur zehnten Klasse ohne Leistungsdruck und Noten lernen. Einmal in der Woche steht bei jeder Gruppe auch WdG – Werkstatt der Generationen – auf dem Stundenplan. Für das, was der Senior oder die Seniorin den Kindern dort anbietet, gilt vor allem ein Kriterium: Es sollte ihm oder ihr Spaß machen. Oft sind das Dinge, die sich aus dem Berufsleben der Laienlehrkräfte ableiten, manchmal aber auch völlig andere Leidenschaften.
Im Werkraum nimmt ein Dutzend Schülerinnen und Schüler gerade Apfelsinenkartons auseinander, die der Seniorlehrer und freischaffende Künstler Helmut Stöcklhuber auf die Tische gelegt hat. Erstaunt stellt die 11-jährige Karoline fest, dass der Kasten lediglich aus einem geschickt gefalteten Bogen Pappe besteht. Während sie nun ihrerseits versucht, ein dreidimensionales Objekt aus Papier zu bauen, interessiert sich ihr Klassenkamerad Victor dafür, wie er den Kasten so zeichnen kann, dass er räumlich aussieht. Ihm gefällt, dass jede Woche ein älterer Mensch vorbeikommt – solange er dabei selbst etwas tun kann. „Nur in der Klasse sitzen und sprechen find ich nicht so gut.“
Ein paar Räume weiter sitzt ein ehemaliger Rundfunkredakteur an einem Tisch, vor ihm lagern und lümmeln Kinder aus den unteren Klassenstufen auf einem runden Teppich, andere hocken auf Bänken und Stühlen. „Vier kleine Hexelein, die aßen Kräuterbrei, das eine ist davon geplatzt, da warens nur noch ...“ „Drei“ rufen die Kinder und singen voller Elan den Refrain und fordern am Schluss energisch „Zugabe“. Bei den Jugendlichen nebenan geht es dagegen sehr ruhig zu. Ein bärtiger Mann mit Brille berichtet von einem Freund in Sizilien, der von Schutzgelderpressern heimgesucht wurde. Ein Junge hakt mehrfach nach, der Rest schweigt. Nach der Stunde wird klar, dass sie durchaus interessiert zugehört haben: Mehrere diskutieren untereinander weiter.
„Wir fragen die Schüler regelmäßig, was ihnen gefallen hat, wovon es mehr geben sollte und was nicht so gut war“, berichtet die Initiatorin und Projektleiterin Anke Könemann, Mutter einer neunjährigen Schülerin der Montessori-Schule. Könemann hat die WdG-Arbeit ehrenamtlich aufgebaut, indem sie Kontakte zur Caritas und zu Servicecentern für Senioren spann und Flyer in Arztpraxen und Apotheken auslegte. Inzwischen melden sich viele Ältere auf eigene Initiative. Zusammen mit drei Pädagoginnen bereitet Könemann die durchschnittlich 65- bis 70-Jährigen auf ihre Klassenbesuche vor, unterstützt und berät sie bei der Themenplanung. Während der Projektstunden sind außerdem ein oder mehrere Pädagogen dabei, so dass sich die Senioren auf ihr Thema konzentrieren können und von der Situation nicht überfordert werden.
Dabei sind die Projekte keine Einbahnstraße: So haben Jung und Alt beispielsweise gemeinsam einen Handyclip erstellt und damit sogar einen Wettbewerb gewonnen. Noch findet der Generationenkontakt ausschließlich in der Schule statt, doch Anke Könemann und ihre Kolleginnen denken weiter: Vielleicht werden ältere Schüler demnächst auch Demente besuchen; schließlich gehöre auch das zum Leben.
Mehrmals im Jahr lädt Könemann interessierte Seniorinnen und Senioren zu einer Informationsveranstaltung ein. Manche bieten anschließend einmalige Veranstaltungen an, andere kommen regelmäßig in die Balanstraße. Zur zweiten Gruppe zählt Pia Richter-Haaser. Sie bringt jede Woche eine andere Person ihrer Generation mit, die über ihren Berufs- oder Lebensweg berichtet. Die Kinder lernen nicht nur, dass es vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen gibt, sondern auch, dass vieles nicht glatt läuft und häufig auch Um- und Zickzackwege nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Auch Senior Torsten Hartmann ist immer wieder vor Ort: Er will den Kindern Anreize geben, sich für Technik zu interessieren. Wenn er spürt, dass es gefunkt hat, empfindet er „Genugtuung und Freude“ – und das sei dann seine Bezahlung.
Entzug
Die Bewegung der Transition Towns gründete Hopkins 2005 zusammen mit einigen Studierenden. Die erste solche Town war das irische Kinsale, die zweite das südenglische Totnes. Anfang 2012 umfasste die Bewegung bereits fast 1.000 Kommunen und Kieze, Dörfer und Städte in 35 Ländern. In Deutschland, Österreich und der Schweiz waren etwa 60 Initiativen aktiv; weitere Schwerpunktländer sind Australien, Brasilien, Großbritannien, Irland, Kanada und die USA.
Das postfossile Leben „könnte so fantastisch sein“, sagt Rob Hopkins in Nils Aguilars Film Voices of Transition. Mit seiner Stupsnase und den Segelohren wirkt der 44-jährige Hopkins ein wenig lausbubenhaft. „Wir könnten mehr Zeit füreinander haben, wir könnten entspannter sein. Unsere Hände würden wir wieder für kreative, nützliche Aktivitäten nutzen. Wir hätten weniger Schulden und mehr Zeit zum Spielen und um das Leben zu feiern.“
Nils Aguilar, ein in Tübingen aufgewachsener und in Berlin lebender Franzose mit spanischen Vorfahren, war so fasziniert vom Charisma Rob Hopkins’ und von dessen Visionen, dass er diese in den Mittelpunkt seines Films stellte. Der 31-jährige Lockenkopf hat Soziologie und Philosophie studiert; seine filmische Dokumentation über die Probleme der konventionellen Agrarwirtschaft und mögliche Auswege, mögliche Transitions, hat er vollkommen unabhängig in jahrelanger Arbeit parallel zu seiner Masterarbeit produziert, geschnitten und fertiggestellt. „Ich hatte zwölf Hüte gleichzeitig auf, vom Regisseur bis zum Farbkorrektor. Danach war auch ich fertig“, gesteht Aguilar. Aber er habe das Projekt unbedingt machen wollen. Als „Wandervogel“ sei er über schwäbische Streuobstwiesen gestreunt und habe schon früh eine „Leidenschaft für die Landwirtschaft“ entwickelt. Dass sein Film nun zur Gründung neuer Transition Townsbeitrage, unter anderem in Tübingen, das sei für ihn eine „große Genugtuung“.
Totnes und Tübingen – die Bewegung gedeiht vor allem „in Städtchen mit Kopfsteinpflaster und Eisdielen“, wie es Nils Aguilar formuliert. „Könnt ihr euch euren Ort ohne Öl vorstellen?“, hatte der Transition-Town-Gründer Rob Hopkins in Totnes gefragt. Ihm ging es darum, Gemeinschaften gegen den kommenden Ölpreisschock „resilient“ zu machen, was man mit „elastisch krisenfest“ übersetzen könnte. Mit Filmvorführungen und Workshops mobilisierte er den „lokalen Genius“ der rund 8.500 Einwohner von Totnes, die zahlreiche Arbeitsgruppen und Projekte zur Eigenversorgung und Energiereduzierung der Wirtschaft und zur Wiederbesinnung auf lokale Kreisläufe gründeten. Die Bürgermeisterin erklärte den Ort zur „Energiewendestadt“, die Gemeinde verabschiedete einen „Aktionsplan zur Energiereduktion“, Bürger pflanzten Obst- und Nussbäume, legten Gemeinschaftsgärten und Tauschringe an und führten eine lokale Währung ein, das Totnes Pound. Touristen begeisterten sich so dafür, dass sie schon viele „Pfunde“ mitgehen ließen. Selbst ökologisch korrekte Beerdigungen gibt es: Ein lokales Unternehmen bietet Bestattungen in Särgen aus Recycling-Pappe an.
Mit der Zahl der Transition Towns vermehrten sich auch die Zahl der Ideen und Projekte für das postfossile Zeitalter. Drei davon hält Filmemacher Nils Aguilar für besonders zukunftsträchtig: Regiowährungen, Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften und Energiekooperativen. Auch in Witzenhausen, einer der deutschen Transition Towns, wurde ein Regiogeld eingeführt, die Kirschblüte. Weitere starke Initiativen gibt es etwa in Freiburg und Bielefeld. Sie diskutieren über gerechtes Wirtschaften und legen Permakulturgärten mit Terra Preta an. „Ich bin total hoffnungsvoll“, sagt Aguilar. „In Deutschland ist kaum eine Initiative älter als ein Jahr, die Bewegung beginnt ja erst. Sie ist pragmatisch. Sie ist inklusiv. Sie verbindet Nachbarn. Sie holt Menschen aller Altersklassen, Schichten und Hautfarben zusammen. Sie ist extrem fruchtbar.“
So fruchtbar wie der Ökolandbau – denn die Transition Towns haben sich zum Ziel gesetzt, ohne erdölbasierten Dünger und ohne Pestizide auszukommen. Rob Hopkins und auch Nils Aguilar haben sich von der Permakultur inspirieren lassen, einem Mitte der 1970er-Jahre von zwei Australiern entwickelten Konzept zur Schaffung nachhaltiger naturnaher Kreisläufe. Ursprünglich nur agrarisch gedacht, umfasst die Permakultur inzwischen auch Landschaftsplanung, dezentrale Energieversorgung und Sozialgestaltung. „Wie eine grüne Brille“ wirkte dieses Denkprinzip auf Hopkins: „Plötzlich sieht man keine Probleme mehr, sondern nur noch Lösungen.“
Das wirksamste Mittel, um Menschen zu begeistern, sieht der Permakulturlehrer Hopkins im Erzählen von Geschichten. „Eine Zeit ist gefüttert mit Geschichten“, sagt er in Aguilars Film. „Etwa: Dieser Lippenstift wird dich glücklich machen! Dieses Shampoo wird dein Liebesleben verbessern! – Statt dieser Geschichten müssen wir neue erzählen, die uns durch die nächsten 20 Jahre tragen.“ Hopkins Augen leuchten: „Etwa über die Stadt, die ihr eigenes Geld druckt und Parkplätze in Gemüsegärten verwandelt.“ Und Filmer Aguilar ergänzt: „Die größten und wichtigsten Initiativen beginnen winzig, mit einem Traum oder einem Spatenstich. Unsere heute gesäten Transition-Samen muten vielleicht klein an, aber die werden noch sehr kräftig sprießen, wenn bald die Alternative alternativlos wird.“
Vereinzigartigt
Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.
Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.
„Mutig samma ned, aba fesch samma“ – dieser böse Spruch über die Österreicher müsste für Lisa Prantner umformuliert werden, denn sie hat beides: Mut und Stil. Zwei notwendige Eigenschaften, wenn man selbst Mode macht und gleich zwei Geschäfte in der Mitte Berlins betreibt. Unternehmensberater würden es als geradezu wahnsinnig bewerten, in einer der besten Lagen der Hauptstadt ein kleines Geschäft zu eröffnen, das gemeinhin als Änderungsservice bezeichnet würde. Doch genau das hat Lisa Prantner getan.
Der Laden mit dem theatralischen Namen Bis es mir vom Leibe fällt ist allerdings keine normale Änderungsschneiderei. Seit gut einem Jahr hat das Veränderungsatelier geöffnet – und eine kleine Vorsilbe macht hier den großen Unterschied: Hinter diesen Schaufenstern wird eben nicht ge-, sondern verändert.
Drei junge Frauen bewahren in Prantners Auftrag alte und neue Kleider vor dem Vergessen. Sie nennen sich „Wachküsserinnen“, weil sie in Kleiderschränken Schlafendes zum Leben erwecken, indem sie nähen, filzen, stricken, sampeln, upcyceln... Hier dreht sich alles um die Wiederbelebung von Textilien, die sich bereits in der Welt befinden und für die in der Wegwerfgesellschaft eigentlich eine kürzere Lebensdauer vorgesehen war: Massenware, über die, wirtschaftlich gewollt, der Trend hinwegfegt; Fehl- und Frustkäufe, die letztlich nur für die Wachstumswirtschaft produziert wurden; Billigware zum Niedrigpreis, auf Kosten anderer. Oder auch Sachen, die verschlissen sind oder gefunden wurden, die man geschenkt oder vererbt bekam, sich angeeignet hat oder die man aus emotionalen Gründen nie wieder loslassen möchte.
Nach der Behandlung durch Bis es mir vom Leibe fällt sind die Kleider nicht nur einzigartig, sondern plötzlich wieder charaktervoll und verführerisch. Dafür wird im kleinen Laden viel getan: aufgepeppt, repariert, umgeformt, umgenutzt und bis zur letzten Faser alles wiederverwendet. Kein Kundenwunsch bleibt unerfüllt oder wird abgelehnt. „Selbst eine einzelne selbstgestrickte Socke, wo nur eine Masche wiederaufgenommen werden muss, wird von uns angenommen“, bekräftigt die als Modedesignerin ausgebildete Esther Kaya Stögerer, zeigt das Beweisstück und beschaut es liebevoll mit großen dunklen Augen. Völlig klar: So etwas will man einfach bei sich behalten, bis es einem eben vom Leibe (oder vom Fuße) fällt.
Reparieren statt wegwerfen, vereinzigartigen statt verbrauchen, oder etwas Altes für etwas ganz Neues verwenden – dafür werfen sich die drei Verändererinnen kräftig ins (Näh)zeug. Hier sind Profis am Werk, und man spürt den Stolz der Chefin, als sie ihre Mitarbeiterinnen vorstellt: Neben Esther Kaya Stögerer arbeiten Kathrin Dilßner, eine Herrenmaßschneiderin und Kostümbildnerin, und Judith Veith, ebenfalls eine gelernte Schneiderin, im Atelier. Ob Frosch, ob Klamotte oder ob Mensch – jeder möchte von den Dreien wachgeküsst werden, am liebsten gleich -geknutscht.
Ja, das Wachküssen ist die romantisierende Auslegung dessen, was im Veränderungsatelier praktiziert wird, aber doch einen ernsten Kern hat: Es geht eben nicht nur um modische Oberflächenattribute, sondern die Arbeit geht auch unserer Kultur „an den Kragen“. Das Reparieren richtet sich gegen die Verschwendung von Ressourcen, das manuelle Vereinzigartigen kennt keine Massenfertigung unter miesen Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, Kinderarbeit und auch keine Konformität durch den Geschmack der Mehrheit.
Dass die Kampfansage ernst gemeint ist, zeigt ein an der Atelierwand hängendes Foto des Veränderungsteams, auf dem als tableau vivant – ein durch lebende Personen arrangiertes Gemälde – Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix nachgestellt ist. Damals, im Frankreich der Julirevolution 1830, das im Originalbild zu sehen ist, erhoben sich die Pariser Bürger gegen die reaktionäre Politik; heute kämpfen die lang- und rothaarige Prantner und ihr Team ebenfalls für eine Erneuerung – für die Erneuerung einer reparaturbedürftigen Welt. Nicht mit Gewehren, Pistolen und Lanzen, wie die Protagonisten des Originalgemäldes, sondern mit Schneider- und Designutensilien. Nicht unter der französischen Trikolore, sondern unter der Fahne des Labels. Ganz zentral, als Allegorie der Freiheit: die Anführerin Lisa Prantner.
„Ich könnte das nicht. Die Mädchen sind Vollblut-Schneiderinnen und strotzen vor Upcycling- und Man-könnte-doch-Ideen – ich bin da mehr Designerin“, gesteht die Chefin im weit schwingenden folkloristischen Rock mit Vivienne-Westwood-Karo-Print, der in der Hüfte mit Applikationen einer schwarzen Herrenhose aus den 1920er-Jahren kombiniert wurde. Die rührige Frau kann das auch aus einem weiteren Grund nicht: Einen Hof weiter befindet sich das Atelier Lisa D., wo sie seit 1995 ihre eigenen Kollektionen verkauft – dort muss sie vor Ort sein. Bis es mir vom Leibe fällt überlässt sie vertrauensvoll „ihren Mädchen“.
Den eigenen Lebensweg erzählt Prantner wie eine Kausalitätskette: Zuerst war sie Kunsterzieherin, dann Performance-Künstlerin, und schließlich entschied sie sich ganz bewusst für die Praxis: Auch Modedesign ist für Prantner Handwerkskunst. Ihre „alte“ soziale Umwelt nimmt diese persönliche Entwicklung als einen Rückschritt wahr, erzählt die Kleidererfinderin lachend: „Auf der Bühne im Wiener Burgtheater konnte ich durch pure Performance nichts ausrichten, was von Dauer ist, heute kann ich aktiv eingreifen“. Doch eines ist geblieben: Wie einst im Burgtheater provoziert sie gern.
Dazu gehört, nachhaltiger ökologischer Mode mit Ironie und auch Misstrauen zu begegnen: „Weil man nie sicher sagen kann, ob ein Stoff voll und ganz ökologisch ist und ob mit den Arbeiterinnen in den singalesischen Webereien wirklich fair umgegangen wird, heißt meine nächste Öko-Linie Das richtige Kostüm im falschen Leben“. Es ist wahre Freude, die sie am Spiel zwischen dem Glamour ihrer Branche und der Kulturkritik Adornos hat. Richtig auch im falschen Leben versucht Lisa Prantner aber ihre Mitarbeiterinnen zu behandeln: „Klar, ich bin die Chefin! Das merkt nur keiner, weil es hier demokratisch zugeht.“ Stupide Abläufe gibt es bei Lisa D. nicht. Jeden Monat wird ein Designtag für alle Mitarbeiterinnen von Lisa D. und Bis es mir vom Leibe fällt organisiert, wo die Schneiderinnen sich gegenseitig beflügeln, austauschen, anstecken und gemeinsam neue Dinge entwickeln können.
„Das Veränderungsatelier war die beste Idee meines Lebens! – Egal was andere sagen“, resümiert die Design-Amazone Prantner. Trotzdem war sie am Eröffnungstag von Bis es mir vom Leibe fällt nicht vor Ort. Sie rief aus der Ferne in Berlin an und sagte freudig: „Mädels, macht schon mal den Laden auf!“ Das ist Performance.
Kühlwasser
Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.
Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.
Das Gehirn des Weltkonzerns BMW liegt im Keller und ist über eine Wendeltreppe zu erreichen. Riesige Kabelbündel durchziehen den Raum, in langen Reihen stehen Tausende von Rechnern, die in schwarzen und grauen Schränken gestapelt sind. Die Maschinen brummen leise und signalisieren durch gelegentlich blinkende Lämpchen, dass sie arbeiten. Einige absolvieren vielleicht gerade Crashtests, andere verarbeiten die Bestellungen aus aller Welt oder zeigen Entwicklungsingenieuren, welchen mechanischen Spannungen ihre Werkstücke bei hohen Geschwindigkeiten standhalten müssen. Aus den Rückseiten der Maschinen pustet Luft, die an Saharawind erinnert. Trotzdem ist der Raum angenehm temperiert: Aus kleinen Löchern im Boden strömt permanent kalte Luft herein.
„Ohne Kühlung wäre es hier bald so heiß wie in einer Sauna. Doch schon bei 40 Grad würden die ersten Rechner abstürzen“, erklärt Alfred Hubner. Der Ingenieur für Versorgungstechnik war schon länger nicht mehr hier; er ist seit einer Weile im Ruhestand. Doch heute ist der drahtige Mann noch einmal vorbeigekommen. Schließlich ist es zu einem großen Teil sein Verdienst, dass bei der Kühlung der BMW-Serverfarm auf elektrische Kältemaschinen fast vollständig verzichtet und stattdessen Grundwasser genutzt wird. 10 Millionen Kilowattstunden Strom spart BMW auf diese Weise pro Jahr – so viel wie etwa 3.000 Münchner Haushalte im gleichen Zeitraum verbrauchen.
Hubner ist kein Radikalökologe. Schon als Junge begeisterten ihn schnelle Motorräder, und als er mit 29 Jahren eine Stelle bei BMW bekam, erfüllte sich ein Traum. Zugleich sorgt er sich aber um die Umwelt: „Wir haben ja nur einen blauen Planeten.“ So mahnt er seine Kinder, beim Verlassen des Raums das Licht auszuknipsen und für Partybesuche Fahrgemeinschaften zu bilden. Auch er selbst pendelte in den letzten Jahren mit dem Zug zur Arbeit und nutzte seinen Wagen nur am Wochenende für Sportausflüge in die Alpen. Dass schwere Autos nicht umweltfreundlich sind, ist dem 62-Jährigen klar. „Doch wir sind eben verspielt – und die Kunden verlangen schnelle Fahrzeuge.“ Hubners Schlussfolgerung aus alledem: Wenn schon nicht das Produkt, so soll doch zumindest die Produktion bei BMW so umweltfreundlich wie möglich sein.
Schon als im Jahr 2000 mit der Planung des konzerneigenen Forschungs- und Innovationszentrum Projekthaus in der Münchner Knorrstraße begonnen wurde, überlegten Hubner und seine Kollegen, wie sie den enormen Elektrizitätsbedarf des Rechnerraums senken könnten. Schließlich steigt der Energieverbrauch durch keine andere technische Neuerung so rasch wie durch die immer weiter wachsenden Computerzentren. In Frankfurt – mit seinen vielen Banken, dem Flughafen und einem der größten Internetknotenpunkte weltweit – sollen heute etwa 20 Prozent des gesamten Stroms für Server draufgehen. Der mit Abstand höchste Anteil wird für die Kühlung der Maschinen benötigt.
Dass er sich nicht damit abfinden wollte, wie üblich eine Kompressionskältemaschine zu bestellen, erklärt Hubner mit der BMW-Unternehmenskultur. „Hier entstehen dauernd neue Ideen, weil die Firma den Leuten Freiräume gibt, nach links und rechts zu gucken. Ein Das haben wir noch nie so gemacht hört man hier einfach nicht.“
Vielleicht saß er gerade in einer der zahlreichen, zu Kommunikation und Kaffeeklatsch einladenden Nischen im Betrieb, als er mitbekam, dass der BMW-Umweltreferent vorher beim Münchner Wasserwirtschaftsamt gearbeitet hatte. „Das war ein glücklicher Zufall, denn wir hätten ja ansonsten gar nicht die Kompetenz gehabt, was über Grundwasser zu wissen“, sagt Huber. Eine Probebohrung auf dem Bauplatz brachte allerdings nicht die erhofften Ergebnisse: Da war viel Sand und kaum Wasser.
Eine Weile danach gab es auf Initiative von BMW einen Workshop mit den Münchner Stadtwerken. „Wir wollten mit denen reden, was man zusammen schaffen kann für ganz München, nicht nur für BMW“, beschreibt Hubner die Motivation. Neben den Fachingenieuren kamen auch Vertreter aus den Chefetagen – in beiden Unternehmen habe damals so etwas wie Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sich Hubner. Dazu zeigt er ein paar schlecht belichtete Fotos: Etwa 30 Männer sitzen an Tischen oder bemalen Flipcharts. Hier entstand die Idee, das Grundwasser aus einer etwa vier Kilometer vom BMW-Gelände entfernten Wasserunterführung abzuzapfen. Der sogenannte Düker sorgt schon seit langem dafür, dass ein aus den Alpen kommender unterirdischer Strom einen U-Bahn-Tunnel unterquert. Im Prinzip müsse man da nur eine Pumpe reinhalten, das Wasser zu BMW leiten, daraus mittels Wärmetauschern kalte Luft herstellen und das ein paar Grad wärmere Wasser nördlich des U-Bahn-Schachts wieder in die Erde leiten, so der Vorschlag eines Stadtwerketechnikers.
„Wir haben das dann als Team realisiert; als Einzelkämpfer hätte man mit sowas keine Chance“, sagt Hubner. Vor allem die wichtigen Leute in beiden Unternehmen mussten informiert und überzeugt werden. Zum Glück saßen die schon beim Workshop alle mit am Tisch.
Der Startschuss für den ersten Teil erging im Sommer 2003. Inzwischen kommen bei BMW pro Sekunde etwa 240 Liter Grundwasser an, das eine Temperatur von 10 bis 12 Grad hat. Es fließt durch dicke Rohre in einen silbrigen Kasten und wird wenig später mit einer Temperatur von etwa 17 Grad an einer anderen Stelle wieder herausgeleitet. Im Sommer werden auf diese Weise neben den drei BMW-Rechenzentren auch die Büros gekühlt. Nur an ganz wenigen Tagen müssen stromfressende Kältemaschinen zugeschaltet werden.
Für den Autokonzern hat sich das Projekt finanziell schon längst ausgezahlt: Konventionell erzeugte Kühlung wäre doppelt so teuer. Die Anlage ist außerdem sehr zuverlässig; mit Ausnahme der Wartungszeiten läuft sie fast immer. Die Zu- und Ableitungen quer durch die Stadt haben die Stadtwerke bezahlt – und auf diese Weise einen Großkunden an sich gebunden.
„Allein mit dem Argument Umweltschutz kann man in einem großen Konzern nicht viel erreichen“, ist Hubner überzeugt. Doch wenn man Klimaschutz mit Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit verbinde, dann habe man gute Karten. „Die treibende Kraft bei uns ist ja immer, die Fixkosten pro Fahrzeug zu senken.“ Ob dieser Effekt aus Umweltsicht wünschenswert ist, ist allerdings eine andere Frage.
Augschburgdenim
Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird.
Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird.
Noch sind die drei Hallen in Augsburgs altem Textilviertel grau, leer und kalt; nur ein riesiger Holztisch steht unter dem Atelierdach, dessen Fenster den optimalen Lichteinfall fürs Zuschneiden von Stoff bieten. Doch morgen wird der Maler kommen und die Wände violett streichen, denn schon in zehn Tagen sollen hier riesige Stoffballen lagern, mehrere Dutzend Nähmaschinen rattern und etwa 60 Menschen ihr Geld verdienen. „Das muss klappen, und das klappt auch“, sagt Sina Trinkwalder – und wer sie eine Weile erlebt hat, wird daran nicht zweifeln.
Keine Frage: Die 34-jährige Chefin von Manomama ist eine außergewöhnliche Unternehmerin. Während fast alle Textilfirmen ihre deutschen Produktionsstätten dichtgemacht haben, weil die Löhne hier angeblich zu hoch sind, hat Sina Trinkwalder sich genau aus diesem Grund für die Branche entschieden. Und während die großen Markenunternehmen ihre Stoffe dort bestellen, wo es weltweit gerade am billigsten ist, hat sie eine Färberei auf der schwäbischen Alb und eine Weberei in Osnabrück beauftragt. Sämtliche Materialien sind ökologisch – bis hin zum Garn. „Das geht alles, wenn man keine riesigen Margen verdienen will“, meint die Frau mit den langen schwarzen Haaren und der Hornbrille. Während sie sich im noch leeren Büro auf den Fußboden setzt, hält sie mit temperamentvollen Gesten einen Kurzvortrag darüber, dass Lohnfertiger für eine Markenjeans oder ein Edelsakko nur fünf bis zehn Prozent des Endverkaufspreises bekommen, und dass horrende Summen für Werbung und Zwischenhandel draufgehen. Dann klingelt ihr Handy, sie entschuldigt sich, eine Leiter fehlt, und sie muss noch schnell das Heizungsproblem lösen. Nervös macht sie das alles nicht, im Gegenteil wirkt sie spielerisch und völlig stressfrei. Und nachdem sie alles rasch organisiert hat – garniert mit ein paar scherzhaften Bemerkungen –, knüpft sie nahtlos an das vorher Gesagte an.
Über 1.000 Bewerbungen sind bei Manomama für die rund 40 neuen, unbefristeten Stellen eingegangen. Augsburg war früher eine bedeutende Textilstadt, und so kamen die meisten Briefe von Facharbeiterinnen, die schon lange beim Arbeitsamt gemeldet sind und ihren 50. Geburtstag bereits hinter sich haben. Sina Trinkwalders Auswahlkriterien waren so speziell wie das gesamte Projekt: Lange arbeitslos zu sein galt ebenso als Pluspunkt wie Kinder allein erziehen zu müssen, während Bewerberinnen aus festen Anstellungsverhältnissen keine Chance hatten. „Ein Freund sagt, ich habe einen Dachschaden, das könne alles nicht klappen, und ich solle doch zumindest nach Akkord bezahlen. Aber bei mir verdient jeder mindestens zehn Euro in der Stunde; alles andere erscheint mir unwürdig“, stellt Sina Trinkwalder klar.
Es ist nun knapp zwei Jahre her, dass sie das Bekleidungsunternehmen Manomama gegründet hat. Der Name entstammt dem Kindermund ihres inzwischen siebenjährigen Sohnes. Er war es auch, der für sie den Ausschlag gab, radikal mit ihrem früheren beruflichen Leben zu brechen. Doch von vorn: Sina Trinkwalders Aufstieg begann bereits vor dem Abitur. Damals hatte sie zusammen mit ihrem späteren Mann eine Werbeagentur gegründet, die bald sehr gut lief und beiden ein luxuriöses Leben ermöglichte: „Ein großes Auto, mit 25 Jahren schon fünf Rolexuhren und jeden Abend essen gehen.“ Die Kunden schätzten Sina Trinkwalder, immer häufiger wurde sie auch als Unternehmensberaterin zu Rate gezogen. „Da ging es dann oft darum, die Effizienz zu erhöhen – und das hieß häufig, Frauen im Direktvertrieb einzusparen.“ Zunächst dachte sie kaum darüber nach, was das eigentlich bedeutete, aber nach der Geburt ihres Sohns stellte sie sich immer häufiger die Sinnfrage: „Wie soll aus der nächsten Generation was Gutes werden, wenn die Mütter so unter Druck stehen?“ Außerdem stellte sie fest, dass es sie anödete, immer nur mehr Geld zu verdienen. Und so kam sie eines Abends nach Hause und war sich plötzlich absolut sicher: So wie bisher wollte sie nicht weitermachen. Ihren Mann zu überzeugen war nicht schwer. Im Gegenteil: Er war sofort bereit, das gemeinsam Ersparte in einen Neuanfang zu stecken.
„Ich hatte von Mode überhaupt keine Ahnung“, sagt die 34-Jährige – und tatsächlich würde niemand auf die Idee kommen, dass die uneitel gekleidete Frau die Chefin eines Bekleidungsunternehmens sein könnte. Ihre Füße stecken in schwarzen Turnschuhen, und ihren silbernen Pullover hat ihr Sohn recht zutreffend einmal als Kettenhemd beschrieben. Dass sie sich dennoch für die Branche entschieden hat, erklärt sie mit dem Bedürfnis, etwas wieder gutzumachen – schließlich arbeiten in der Textilindustrie vorwiegend Frauen. Und dazu, dass Frauenjobs prekärer oder ganz gestrichen werden, hatte sie in ihrem vorherigen Beruf immer wieder beigetragen.
„Pippi Langstrumpf hat gesagt: Ich kann alles. Und ich ergänze: Was ich nicht kann, kann ich lernen.“ Sie orderte bei einem Fachhändler die beste Nähmaschine, die es auf dem Markt gab, und steppte zunächst ein paar krüppelige Stofftiere zusammen. Doch der Rückwärtsgang schien nicht zu funktionieren, und so forderte sie den Verkäufer auf, die defekte Maschine auszutauschen. Der kam vorbei und stellte voller Verwunderung fest, dass die Kundin offenbar keine Ahnung vom Zusammenspiel von Nadel und Faden hatte. Noch viel erstaunter war er, als er von ihren Plänen erfuhr, in Kürze eine Näherei mit mehreren Angestellten zu eröffnen. „Du spinnst, Mädle“, war sein Kommentar – und dann reagierte er, wie viele Menschen auf die energiegeladene junge Frau reagieren, die mit Witz, derbem Charme und Idealismus die Gabe hat, andere Menschen mitzureißen: Seit jener Begegnung unterstützt er sie nach Kräften.
So lernte Sina Trinkwalder innerhalb von ein paar Wochen leidlich nähen. Sie wusste nun auch, welche Maschinen sie für ihren Laden braucht. „Ich hör’ gern zu und lass’ mir brutal viel sagen. Je mehr Input ich von irgendwoher kriegen kann, desto besser.“ So kann sie sich beim Aufbau ihres Unternehmens auf viele Freunde verlassen, außerdem auf Professoren oder Ingenieure, die sich in der Textilproduktion auskennen. „Sie ist wie der FC Bayern München: Entweder die Leute lieben oder hassen sie“, beschreibt ihr Mann die Wirkung seiner Frau. Insbesondere bei anderen Wirtschaftskapitänen scheint es eher in die zweite Richtung zu gehen, zeigen sich doch einige von Sina Trinkwalders kompromissloser Art provoziert.
Die ersten Angestellten von Manomama waren eine Näherin und eine Schnittmacherin, und es dauerte nicht lange, bis Sina Trinkwalder zwölf Mitarbeiterinnen hatte. Die Kleidungsstücke werden nach den Wünschen der Kundinnen angefertigt, die diese via Internet mitteilen. Wer sich einen Manomama-Maßanzug oder ein T-Shirt schicken lässt, erfährt über das Etikett, welche Näherin das Stück gefertigt hat. „Ich will die Anonymität zwischen Produzenten und Konsumenten aufheben“, begründet die Chefin dieses Vorgehen.
Die Sache läuft – und inzwischen hat Sina Trinkwalder einen Kooperationspartner gewonnen, der ihr künftig zuverlässig große Mengen Textilien abnehmen wird. Wer das ist, ist noch geheim; doch die neuen Arbeitsplätze seien auf Jahre gesichert, verspricht Trinkwalder. „Es ist wie ein Märchen – und absolut cool, dass es wahr ist.“
Resteküche
Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.
Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.
„In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog.“ Was Marcel Proust hier beschreibt, nennen die Amerikaner heute kurz „Comfort Food“ und meinen damit Speisen, die nicht nur den Magen erfreuen, sondern auch das Herz.
Dem Hannoveraner Dieter Froelich (53), hauptberuflich Künstler, manchmal aber auch Künstlerkoch und Kochkünstler, wird der amerikanische Lifestyle-Begriff ein Graus sein. Aber er weiß genau, wovon Proust sprach. Froelich kennt die geheime Kraft des Essens, er kennt die Historie und die Psychologie der Esskultur, und er experimentiert kulinarisch in seiner ganz eigenen Versuchsküche der Restauration a.a.O.
Der Begriff der „Restauration“ bezeichnet die Wiederherstellung eines alten Zustandes und die Stärkung von alten, meist politischen Vorstellungen. In Froelichs Restauration a.a.O. geht es um zweierlei Wiederherstellungsmaßnahmen: Es werden überkommene Ernährungstraditionen reanimiert und das körperliche Wohlgefühl der Gäste revitalisiert, das kurzzeitig durch Hunger gestört war.
Die Restauration a.a.O. ist kein alteingesessenes Spitzenrestaurant der wirtschaftlichen und politischen Hautevolee Hannovers. Deshalb kann weder ein Reiseführer noch ein Stadtplan, ein Gourmetführer, ein Navigationssystem oder ein ortskundiger Taxifahrer helfen, die Restauration a.a.O. zu finden – denn „a.a.O.“ heißt „am angegebenen Ort“. Es handelt sich um ein fahrendes Speiselokal, das sich erst verortet, wenn es gerufen wird, egal wohin – ob in einen Kunstverein, in eine stillgelegte Industriehalle oder ein privates Esszimmer. (Der Leser sollte jetzt um Himmels willen nicht denken „Ahh, ein Catering-Service“ – schon vergessen? Wir befinden uns mit Dieter Froelich in einer Phase der Restauration!) Die Restauration a.a.O. ist reaktionär und mobil reaktionsfähig.
Wird Froelich zum Kochen gebeten, packt er die gesamte vagabundierende Küche in seinen VW-Bus, denn er verarbeitet die Zutaten seiner Speisen direkt am angegebenen Ort. Froelich hat fast seine gesamte Ausstattung auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen zusammengesucht und so viele alte Dinge aus ihrer Nutzlosigkeit befreit. Er hat sie restauriert, wiederbelebt! Teller, Schüsseln, Gläser und Besteck, von denen seine Gäste essen und trinken, sind so individuell und manchmal auch so alt wie diese selbst. Das weiße Porzellan trägt stets den blauen, klaren Schriftzug der Restauration a.a.O. Und es wird schnell klar, dass man es mit einem Gesamtkunstwerk zu tun hat. Bleibt die Frage, was das für das Menü zu bedeuten hat.
Froelich ärgert, was heutzutage in den Restaurantküchen „verbrochen“ wird: Der „affektierten Speise, dem überpuderten Dessertteller oder dem manieriert daher kommenden Appetithappen“ möchte der Kochkünstler etwas entgegensetzen, denn den heutigen Umgang mit Rohstoffen und Zutaten empfindet er als „falsch verstandene Kreativität“. Froelich möchte sich „auf würdige Weise“ mit der Bereitung des Essens beschäftigen. Ihm geht es dabei um das handwerkliche Kochen, um generelle Prinzipien und um „Archetypen von Speisen“. Dafür ist eine Rückbesinnung auf die Kochtraditionen notwendig – jenseits der Moden.
Der Mann mit dem klassischen Kochhalstuch serviert Gerichte, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen: Kloß, Knödel, Pudding, Klops, Wurst, Pastete und Terrine. Und, ganz wichtig: Es geht ihm um Resteverwertung; nichts soll aus Überfluss weggeworfen werden. Wird ein Tier geschlachtet, verarbeitet die moderne Küche nur die „attraktiven“ Teile – wie Filet und Kotelett –, nicht aber Innereien, Kopf und Gliedmaßen. Diese sind tabuisiert, weil sie zu sehr an das Opfer erinnern, und gelten bestenfalls als Hausmannskost. Der Kenner der Koch- und Zubereitungsweisen Froelich aber demonstriert, dass nachhaltiges Kochen nicht den Beigeschmack einer Armeleuteküche haben muss. Er reaktiviert dafür in Vergessenheit geratene Rezepte aus Kochbüchern vergangener Jahrhunderte, die in modernen Ohren auch seltsam klingen können, zum Beispiel „Von huner fuessen ein essen“, ein Rezept aus dem Wiener Dorotheenkloster des 14./15. Jahrhunderts.
Bei jeder Festlichkeit, die die Restauration a.a.O. ausrichtet, gibt Dieter Froelich eine Einführung in seine Kochphilosophie und erklärt den Gästen seine Zutatenauswahl und die Methoden der Zubereitung. Er nennt das „Aufklärungsarbeit“. Jeder Gast erhält ein zum Anlass gefertigtes Textheft, das des Koches Reflektionen zu den servierten Speisen und zum Thema Nachhaltigkeit enthält. Wer auf den Geschmack kommt und wer künftig selbst in der eigenen Küche mehr Reste verwerten möchte, kann mehr als 350 Rezepte in Froelichs Buch Topografie der Gemengsel und Gehäcksel nachlesen.
Ein Mahl der Restauration a.a.O. wird für jeden Gast ein ganz besonderes sein. Und so ein Abend kann die eigene Kochpraxis verändern, denn Froelichs Küche ist einfach und unkompliziert, regional und alltagstauglich, traditionell und nachhaltig, aber vor allem: überaus schmackhaft!
Lumpensampler
Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.
Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.
„Entwerft doch lieber Teile, die so gut sind, dass man sie nicht wegschmeißen will“, hatte ihr Professor geraten, als sie ihm die Idee für ihre Diplom-Kollektion vorstellten; sie planten, neue Kleidungsstücke aus Altkleidern, aus Weggegebenem zusammenzusetzen. Doch Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, damals beide kurz vor dem Abschluss ihres Studiums an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, waren kühn und unbeirrt, auch von der Skepsis ihres Betreuers, und begannen mit der Arbeit an ihren ersten textilen „Wiederbelebungsmaßnahmen“. Dass sie innerhalb weniger Jahre Inhaberinnen eines angesagten Modelabels sein könnten, mit Runway-Schauen und Showrooms, kam den Design-Studentinnen damals, 2008, nicht in den Kopf.
Das Kleidungsstück mit der Nummer 100001-00 – erste Kollektion, allererstes Teil – hängt aus Nostalgie noch heute im Berliner Atelier. Darin erwachen drei aussortierte Klamotten zu neuem Leben: Im Kragen, in den Schultern und Taschen ist Unikat 100001-00 ein schwarz glänzender Smoking, in den Armen ein feiner brauner Cashmere-Pullover, im Rücken und den Lenden ein grober blauer Wollpulli – und alles in allem eben ein schmidttakahashi-Strickblazer. Ein phänomenaler Blazer; leider für Herren. Kann ich meinen Freund dazu bringen, so was anzuziehen? Aus Altkleidern? Ich könnte behaupten, das Teil stammt aus der aktuellen Boss-Kollektion – er liebt Hugo Boss. Müsste ich nur das Label fingieren.
Der erfolgreich hinters Licht Geführte besäße ein umwerfendes Kleidungsstück, würde aber – weshalb ich den Betrug doch nicht versuche – um die besondere Freude gebracht, die der Besitz eines schmidttakahashi-Piece verspricht. Denn der aufgeklärte Eigentümer von Unikat 100001-00 darf sich in dem Wissen sonnen, dass für seinen Blazer keine Stoffe neu produziert werden mussten, dass nichts aufwändig und umweltfeindlich transportiert wurde, und dass das Geld direkt bei den Damen landet, die das Jackett per Hand genäht haben – das soll Hugo Boss erstmal nachmachen.
Das Bezauberndste am schmidttakahashi-Tragen aber ist, dass man ein Einzelstück hat, eine Zusammenstellung, die es so nur einmal gibt – und deren Zusammensetzung sich exakt rekonstruieren lässt. Letzteres geht über intuitives Entdecken – dieser sandfarbene Ärmel muss von einem anderen Teil stammen als der geblümte Kragen da – oder ganz nüchtern, mit Hilfe des schon genannten Nummerncodes. Den bekommt nicht nur die glückliche Käuferin, sondern den erhalten auch die Personen, deren ausgediente Klamotten im schmidttakahashi-Teil zu neuem Glanz gekommen sind. Geschichtsinteressierte Neubesitzer können über den Code unsentimentale Aussortierer aufspüren, oder nostalgische Kleiderspender die Neugier befriedigen, ob aus dem geliebten Pelzmantel nun ein T-Shirt geworden ist oder ein Abendkleid.
Derart nummerierte Kleidungsstücke kann man Anfang 2012 schon zum fünften Mal auf der halbjährlichen Berliner Fashion Week bewundern. Von Schmuddelecke (oder -container) nicht ein Hauch, und Designerin Takahashi lässt in ihrer Pullikleid-Eigenkreation alle anwesenden Fashionistas erblassen. Auch der Diplomarbeitsbetreuer ist mittlerweile Anhänger der Reanimation; Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi hätten über die Arbeit mit schon festgelegten Stoffen einen ganz eigenen Stil entwickelt, hat der Professor sein frühes Urteil beeindruckt revidiert.
Was sind das also für Frauen, die den Modezirkus mit der Ansage betreten haben, aus Altkleidern Haute Couture machen zu können? Und die sich in den bisher vier Jahren ihrer gemeinsamen Wiederbelebungsaktivitäten einen Namen gemacht haben, der von der Vogue bis ins greenpeace magazin, von der ZEIT bis ins Modeblog Les Mads strahlt?
Sie – und ihre Mode – wirken behutsam und klar, festgelegt und experimentierfreudig zugleich. Weniger ätherisch gesagt: Eugenie Schmidt, Anfang 30, aus Tadschikistan, und Mariko Takahashi, Ende 30, aus Japan, haben in Berlin Modedesign respektive Textil- und Flächendesign studiert. Irgendwann im Laufe des Studiums stellten sie fest, dass beide besonders die mit Kleidungsstücken verbundenen Gefühle und Erinnerungen interessant finden. Und sie beschlossen, nicht einfach neue Teile, frische Projektionsflächen für Emotionen, zu gestalten – wie es von angehenden Designerinnen zu erwarten wäre. Stattdessen wollten sie in abgelegten Kleidern nach den scheinbar erloschenen Erfahrungen suchen; in einen anderen Zusammenhang gebracht, könnten diese wieder aufblühen, um sich in einen neuen, vielschichtigeren Erfahrungsschatz zu fügen.
Von organischen Stoffkreisläufen oder Cradle-to-Cradle-Ideen – Müll gibt es nicht, in Verbrauchtem keimt Neues – ist das nicht weit entfernt. Und so sind Schmidt und Takahashi seit ihrer ersten Runway-Show 2009 insbesondere von den umweltinteressierteren Modeliebhabern beachtet worden: auf der Fashion Week sind sie Teil des GREENshowroom, und auch den RecyclingDesignpreis haben sie schon gewonnen. Ob sie wirklich „green“ seien, wüssten sie aber gar nicht so genau, gesteht Takahashi: „Wir nehmen auch Leder und Synthetik, wenn jemand es abgibt, wir sind keine Veganer oder so.“
Grün oder nicht, in jedem Fall ist das, was schmidttakahashi betreiben, Slow Fashion: die Kundin setzt sich auseinander mit dem, was sie kauft, und sie stopft nicht gigantische Mengen billigen Zeugs in ihre Tüten. Damit ihre Arbeitsweise aber für die Designerinnen nicht Super-Slow Fashion bedeuten muss, haben sie unlängst eine zweite Linie lanciert. Neben den enorm aufwändigen Unikaten – für jedes einzelne Teil wird auf der Grundlage der gerade verfügbaren Kleiderspenden eine eigene Form und Zusammensetzung entwickelt – gibt es nun Duplikate. Im Schnitt haben die ein Unikat zum Vorbild, weichen aber in Material und Farbe davon ab; sie erlauben es Schmidt und Takahashi erstmals, ihre Kleidungsstücke in unterschiedlichen Größen anzubieten. In gewisser Weise entspringen auch diese zahlenmäßig sehr begrenzten Duplikate Wiederbelebungsprozessen – reanimiert ist das Unikat – und stellen einen Weg der Einsparung von Ressourcen dar.
Möchte man sich die Entstehung eines schmidttakahashi-Stücks konkreter ausmalen, so kann man auf der Webseite des Labels im „Altkleiderarchiv“ stöbern und wird sich an das Kinderbuch erinnert fühlen, wo Elefantenbeine zum Krokodilsrumpf und dem Giraffenhals kombiniert werden konnten: Nichts passt, und irgendwie geht alles. Im Archiv finden sich Stofftaschentücher zwischen Hosen, Spitzenhemdchen neben Mützen. Dass ein schäbiges London-Shirt schon „reanimated“ wurde, zeigt ein Banner an, eine Pluster-Steg-Jogginghose scheint es (noch?) nicht zu sein. Womit würde ich diese absurde Hose zusammenschneidern? Was für ein Kleidungsstück würde das überhaupt, für welches Körperteil? Und passt dazu womöglich der viel zu kurze, aber wunderbare Samtrock von meiner Mutter, der seit Jahren in meinem Schrank wartet – auf was wartet der eigentlich? Auf Wiederbelebung?!
Stier der Meere
Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.
Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.
Hartnäckigkeit kann man Frank Schweikert wirklich nicht absprechen. Seit fast 20 Jahren betreibt der Journalist die ALDEBARAN als Forschungs- und Medienschiff und verfolgt mit ihr die Idee, dass man die Ergebnisse der Meeresforschung schneller und interessanter an die Leute bringt, wenn man sie direkt vom Ort der Forschung aus sendet: vom Schiff also. Das Ende der Arbeitsteilung zwischen Forscher und Reporter ist zwar bis heute noch nicht flächendeckend eingetreten, aber, wie gesagt, Frank Schweikert gehört zu den Hartnäckigen.
Schon als Schüler hatte er für die Zeitung Badische Neueste Nachrichten geschrieben, war dann nach dem Abitur zum Sender SWF3 gegangen und Rundfunk- und Fernsehjournalist geworden. Neben dem Schreiben gehörte zu seinen Passionen das Meer, also studierte er folgerichtig noch Biologie auf Diplom. Den Wunsch seines Professors nach einer anschließenden Promotion lehnte er jedoch ab, weil es ihn nervte, „auf wie viel Wissen Wissenschaftler herumsitzen, ohne es weiterzugeben.“ Frank Schweikert passierte dann etwas, was nicht vielen Menschen passiert: Ihm lief ein Schiff zu – das havarierte Exemplar eines Schiffes, mit dem er schon seit vielen Jahren geliebäugelt hatte, das er sich aber intakt nie hätte leisten können.
Mit dem Plan, aus dem Hurricane-Wrack ein Forschungs- und Medienschiff entstehen zu lassen, ging er 1991 zur Bank, bekam zu seiner nicht geringen Verwunderung ein Darlehen von 200.000 D-Mark und ließ das Schiff auf- und umbauen: seitdem ist Schweikert der Kapitän der ALDEBARAN, benannt nach dem hellsten Stern im Sternzeichen des hartnäckigen Stiers.
1992 ging es los mit der ersten Reportagefahrt. Schweikerts bis heute zündende Idee war es, das alte Ü-Wagen-Konzept (Anm. d. Red.: Übertragungswagen) des Hörfunks auf die maritimen Hotspots der Nachhaltigkeit zu übertragen: im Meer genau dorthin zu fahren, wo Veränderungen in der Ökologie hautnah zu spüren und zu beschreiben sind. Seine Radioübertragungen direkt von der See waren höchst innovativ, aber durchaus nicht immer beliebt. Als die ALDEBARAN in ihrer ersten Sendung von der Rückkehr des Herings in die Flensburger Förde berichtete, empörte sich der für Umweltthemen zuständige ARD-Redakteur: „Jetzt haben wir uns mit den Umweltverbänden jahrelang Mühe gegeben, die Ostsee totzureden, da kommt die ALDEBARAN und macht sie wieder lebendig!“
Gute Nachrichten sind eben schlecht für die etablierten Medien, auch wenn man sie gerade im Feld der Nachhaltigkeit eigentlich gut gebrauchen könnte. Aber hier hat sich ein professioneller Katastrophismus breitgemacht, dem mutmachende Erfolgsberichte eher ungelegen kommen. Frank Schweikert ließ sich davon nicht beirren. Inzwischen waren sie alle mal auf dem Schiff gewesen: Heroen der Meeresforschung wie Jacques-Yves Cousteau, der Umweltpolitik wie Klaus Töpfer, dazu eine Menge Minister, Bundespräsidenten usw.
Schweikert ist neben allem anderen auch noch ein Technikfreak, und so gelang es ihm, mit der ALDEBARAN vieles als erster zu machen: nicht nur die Ostsee vom Totenbett zurückzuholen, sondern zum Beispiel auch die erste Email von einem Schiff zu versenden (1994!), die erste Unterwasser-Live-Moderation durchzuführen (1996), den ersten digitalen Fernsehschnittplatz auf einem Schiff zu installieren (1998) oder die erste Fulldome-Unterwasseraufnahme für Planetarien zu machen.
Die Expeditionen der ALDEBARAN lassen sich heute, nach zwei Jahrzehnten, kaum mehr zählen, die Schülerprojekte, die an Bord durchgeführt worden sind und prägende Einblicke in die praktizierte Nachhaltigkeitsforschung vermittelt haben, auch nicht. Trotz der chronisch prekären Finanzierung arbeitet Schweikert ständig an der Erweiterung seiner rastlosen Aktivitäten für Klima, Meer und Bildung: im Moment nimmt er gerade – zusammen mit Hartmut Graßl, dem deutschen Klimaforscher der ersten Stunde – den weltweit ersten Klimasender in Angriff: One Climate TV hat unlängst die europaweite Sendelizenz erhalten. Nun fehlen, wie immer, noch ein paar hunderttausend Euro zur Realisierung des regelmäßigen Sendebetriebs, aber die kriegt Frank Schweikert, der Hartnäckige, bald zusammen. Ohne jeden Zweifel.
Weltanschauung
Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.
Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.
Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich, und viele unserer Leute benötigen es aus diesem Grunde dringend. (Mark Twain)
Auf Tourismus-Messen begegneten sie sich immer wieder. Und stellten fest, dass sie ähnlich tickten. Sie bemühten sich, eine andere Art von Reisen zu organisieren, eine, die lustbetont fremde Welten erkundet und doch gleichzeitig Rücksicht auf Umwelt, Land und Leute nimmt. 1998 schließlich schritt ein Dutzend Menschen zur Tat. Sie gründeten den Verein forum anders reisen, um einen Tourismus zu fördern, der „langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften“ ist. Inzwischen, berichtet Ute Linsbauer von der Freiburger Geschäftsstelle, sei das forum anders reisen auf eine Gemeinschaft von über 140 Reiseunternehmen angewachsen. Ihr Büro koordiniert alle Aktivitäten und gibt den gemeinsamen Katalog Reiseperlen heraus.
Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)
Keine Reise machen ist auch keine Lösung, das wusste schon der Humanist von Humboldt. Natürlich produziere praktisch jede Art von Urlaub mehr oder weniger Treibhausgase, insbesondere das Fliegen, gibt Ute Linsbauer zu. Aber man dürfe nicht vergessen, dass es in den armen Ländern viele Menschen gebe, die vom Tourismus abhängig seien. Und: Auch wenn man aus Klimaschutzgründen auf Flugzeuge spuckt und nur Rad fährt, frisst vielleicht zu Hause der Kühlschrank lustig grinsend weiterhin Strom, und im Feriendomizil rumpelt ein zweiter.
Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (Loriot)
Blättert man im Reiseperlen-Katalog, fällt einem die Treibhausgasberechnung für jede Flugreise ins Auge. Der Veranstalter Biss-Reisen etwa bietet die Erkundung der zentralasiatischen Seidenstraße per Rad an; der Flug nach Taschkent verursache „ca. 2.970 kg klimarelevante Emissionen“, die man mit einer Überweisung von 70 Euro an die Klima-Agentur atmosfair kompensieren könne. Das Reiseunternehmen Weltweitwandern organisiert eine Trekking-Tour durch den Himalaya; für 4.640 Kilogramm Treibhausgase ist ein Ausgleich von 109 Euro an atmosfair zu bezahlen. Der Kompensations-Dienstleister wurde 2003 gemeinsam von der Umweltorganisation Germanwatch und dem forum anders reisen gegründet und fördert mit seinen Einnahmen Solar-, Biomasse- oder Energieeffizienzprojekte in Entwicklungsländern. Wirklich neutralisieren kann auch atmosfair die Treibhausgase nicht, gibt Linsbauer zu, aber immerhin kompensieren.
Als wir noch in der Wiege lagen, dacht’ keiner an den Liegewagen. Jetzt kann man nachts im Wagen liegen und sich in allen Lagen wiegen. (Kanon, Verfasser unbekannt)
Klar, mit dem Rad oder der Bahn zu fahren sei auf jeden Fall besser, sagt Ute Linsbauer. Die Mitglieder des forum anders reisen seien angehalten, in ihren Reiseangeboten immer wieder darauf hinzuweisen. Zudem veröffentlicht das Forum „Tipps zum CO2-Sparen im Urlaub“. „Fliegen Sie nur, wenn Sie nicht anders anreisen können“, heißt es darin, „denn Flugreisen sind der Klimakiller Nr. 1 im Tourismus. Sie verursachen bis zu 80% der CO2-Emissionen einer Reise.“ Man empfehle deshalb, weniger oft in die Ferne zu fliegen, dafür aber möglichst lange vor Ort zu bleiben. Auch die Reisebranche selbst solle mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen: „Kurztrips mit dem Flugzeug gehören nicht in ein nachhaltiges Angebotsportfolio.“
Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen da gewesen sind. (Kurt Tucholsky)
Und woran erkennt ein fernwehkranker Mensch, dass die Reiseangebote des Forums ihre selbstgesteckten hehren Ansprüche erfüllen? Wer als Reiseveranstalter dem Verein beitritt, erklärt Ute Linsbauer, der verpflichte sich, binnen zwei Jahren den sogenannten CSR-Prozess zu absolvieren. CSR steht für Corporate Social Responsibility und ist ein kleines rotes Siegel, das an Reiseveranstalter verliehen wird, die eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Der Kriterienkatalog sei „das Herzstück“ des forum anders reisen, weil es die Grundsätze eines umwelt- und sozialverträglichen Reisens definiere.
Offroad-Touren mit Geländewagen oder Motorschlitten; Reiseziele, deren Flora, Fauna oder Gesellschaftsform durch Tourismus beschädigt werden könnten; Zubringerflüge innerhalb Deutschlands oder Flüge über 2.000 Kilometer mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwei Wochen – all das bietet das forum ganz bewusst nicht an. Aber es gebe auch eine Menge Positivkriterien, sagt Linsbauer: Kleine familiengeführte Unterkünfte würden bevorzugt, die Angestellten müssten fair entlohnt werden, die Reisegruppen seien klein und gut betreut. Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen seien zu fördern und „rein folkloristische Veranstaltungen“ zu meiden. Reiseveranstalter müssten in einem sogenannten CSR-Bericht beweisen, dass sie sich an den Kriterienkatalog halten. Ein unabhängiger Zertifizierungsrat überprüfe dies und verleihe ihnen dann das Gütesiegel CSR-Tourism-Certified.
Rechte Ferienfreuden sind nur dort zu genießen, wo andere im Alltag stehen und dessen Mechanik bestreiten. Da hat der Tourist sein Glück... Wo hingegen alle auf Urlaub sind, an Ferienplätzen, in Heimen, in Sanatorien, am Strand, dort herrscht nur der Maskenball. (Martin Kessel)
Ein weiteres Anliegen der Reiseveranstalter sei es, berichtet Ute Linsbauer weiter, tiefere Einblicke in den politischen und kulturellen Alltag von Ländern zu fördern. Im Reiseperlen-Angebot finden sich deshalb zahlreiche Kulturreisen oder auch „Reisen in die Zivilgesellschaft“. Die Reiseführer sind in diesem Fall Autoren der tageszeitung, die Begegnungen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen organisieren – in Vietnam, der Türkei, Irland und anderswo. Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich etwa kennt jeden Intellektuellen-Treffpunkt in Istanbul, und Großbritannien-Berichterstatter Ralf Sotschek begrüßt jedes irische Bierglas beim Namen.
Ist es nicht schrecklich, ständig andere auf Reisen zu schicken, während man selbst nur aus dem Bürofenster schauen kann? Ach nein, findet Ute Linsbauer. Langweilig sei es nie in der Freiburger Geschäftsstelle. Auch das forum habe sich dem CSR-Prozess unterworfen und überprüft, ob es ökologisch und sozial arbeitet. „Innerhalb von zwei Jahren haben wir unseren Stromverbrauch auf die Hälfte gesenkt“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Ist das nicht fantastisch?“
Aufklärer
Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.
Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.
Wenn man wissen will, wie Vorstände großer Konzerne, CEOs oder Leiter großer Familienunternehmen „als Menschen“ wirklich sind, lohnt es sich, ihre Chauffeure zu fragen. Die verbringen viel Zeit mit ihnen, erleben sie gestresst oder entspannt, zu allen denkbaren Uhrzeiten, in jedem denkbaren Kontext. Der frühere Fahrer von Klaus Wiegandt jedenfalls hält große Stücke auf den Ex-Topmanager. Er erzählt, dass Wiegandt nie eine Spur von Arroganz, Ignoranz oder Überheblichkeit gezeigt habe; im Gegenteil, immer sei der Chef aufmerksam, freundlich und loyal auch Angestellten wie ihm gegenüber gewesen; in deutlichem Unterschied übrigens zu vielen der früheren Geschäfts- und Verhandlungspartner Wiegandts, die doch gelegentlich ein ziemlich großkotziges Verhalten an den Tag gelegt hätten.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass Wiegandt einer der Führenden in der deutschen Wirtschaft war. 1976, mit 37 Jahren, wurde er Generalbevollmächtigter der Einzelhandelsgruppe Rewe Leibbrand. Schon ein Jahr später machte ihn Willi Leibbrand zum Mitgesellschafter der Familienholding. 1991 wurde er Chef des Handelsunternehmen Asko, das 1996 in der Metro AG aufging. Wiegandt war einer der Mitinitiatoren der Fusionierung von Asko, Kaufhof und Metro zum größten deutschen Handelsunternehmen. Zu den 60 Milliarden DM jährlichem Umsatz, auf die die drei damals zusammen kamen, sattelten Wiegandt und seine Kollegen innerhalb von drei Jahren nochmals 40 drauf; da war die Metro dann mit 100 Milliarden Umsatz nach Wal-Mart das zweitgrößte Handelsunternehmen der Welt. In seinem Vertrag hatte Wiegandt eine Klausel, dass er mit 60 Jahren aussteigen konnte – aber dazu gleich mehr. Man kann schon an dieser Kurzbiographie erkennen, dass Klaus Wiegandt als Verhandlungspartner und Stratege offenbar ein harter Hund war; mit Sanftheit schafft man keinen Großkonzern.
Seine Fähigkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit im Umgang mit Deutlichkeit und Härte in der Sache zu kombinieren, hat Wiegandt sich bewahrt, obwohl er heute ganz andere Dinge macht als früher. Im Jahr 2000, kurz nachdem er mit 60 den Metro-Konzern verlassen hatte, gründete er nämlich die Stiftung Forum für Verantwortung, und seither engagiert er sich so konsequent für Nachhaltigkeit, wie er das zuvor für den Erfolg der von ihm geleiteten Firmen getan hat. In Kooperation mit der ebenfalls von ihm initiierten ASKO EUROPA-STIFTUNG und der Europäischen Akademie im saarländischen Otzenhausen stellt Wiegandt seither vieles auf die Beine: So veranstaltet er jedes Jahr ein hochkarätiges Kolloquium, zu dem er Denker wie Jared Diamond oder den Grenzen-des-Wachstums-Autor Dennis Meadows nach Otzenhausen holt. Oder er gibt eine Taschenbuchreihe im S. Fischer Verlag heraus, die sich in den ersten 13 Bänden dem Zustand der Erde und der Wirtschaft gewidmet hat – mit demoralisierenden Ergebnissen. Aber: im Unterschied zu vielen Büchern zur Nachhaltigkeit hat sich die Reihe von Klaus Wiegandt eine breite Leserschicht erschlossen. Inzwischen sind mehr als 150.000 Exemplare verkauft worden; die Reihe erscheint seit einigen Jahren mit gutem Erfolg auch im englischsprachigen Raum.
Klaus Wiegandts Idee war es, die komplexen Themen – vom Zustand der Erde bis zur Zukunft der Ernährung – von renommierten Autorinnen und Autoren verständlich und kompakt darstellen und dies in einer preiswerten Taschenbuchausgabe bei einem Publikumsverlag erscheinen zu lassen. Der zuständige Lektor hatte starke Zweifel an den Erfolgsaussichten einer solchen Reihe, aber Wiegandt wäre nicht Wiegandt, wenn ihn das abgeschreckt hätte. Er machte dem Verlag ein Angebot zur Mitfinanzierung der Reihe, die inzwischen eines der Vorzeigeprojekte des Verlags geworden ist und sich auch wirtschaftlich hervorragend rechnet.
Wer Klaus Wiegandt bei Vorträgen und Diskussionen erlebt, ist fasziniert: Er argumentiert sachlich, bestimmt und höchst engagiert. Man denkt unwillkürlich: authentisch. Der macht keine Show. Als ehemaligem Wirtschaftsmenschen nimmt man ihm ab, dass er weiß, was er tut. Und wenn Wiegandt sich für die Nachhaltigkeit engagiert, dann nimmt er genauso wenig ein Blatt vor den Mund wie früher in der Wirtschaft. In einem Interview mit der Lebensmittel-Zeitung etwa wird er gefragt, ob er denn nun, da immer mehr Unternehmen sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schrieben, zufrieden sei. Seine Antwort: „Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen, die vorgeben, nachhaltig zu wirtschaften, ihrem Geschäftsbericht einfach einen grünen Anstrich geben.“
Solche Dinge sagt er auch Oberbürgermeistern deutscher Großstädte, Ministerinnen, Vorstandsvorsitzenden und auch sonst allen, zu denen er spricht. Inzwischen ist Wiegandt ein sehr gefragter Referent und Berater in Fragen der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Transformation geworden: gerade weil er weiß, wovon er spricht, wenn er sagt, wie unendlich schwierig es ist, eine Wirtschaft umzubauen, die zum Beispiel wegen völlig falscher Preise für Energie unter hohen Umweltkosten von überall her Lebensmittel herankarrt, die man regional ebenso gut erzeugen könnte. Und selbstkritisch gesteht er ein, dass er und seinesgleichen lange Zeit genau die Fehler gemacht haben, an deren Korrektur er mit seiner Stiftung jetzt arbeitet: Er habe mit dafür gesorgt, dass regionale Molkereien und Brauereien aufgeben mussten, weil die Preise, die ein Konzern wie die Metro an die Zulieferer bezahlt, große Unternehmenseinheiten voraussetzen. Kleine regionale Betriebe können da nicht mithalten.
Heute wird er nicht müde zu sagen, dass das ökologisch nicht vertretbar sei, und dass gerade die reichen Industriegesellschaften Vorreiter für den nachhaltigen Umbau sein müssten. Ideen dafür hat er genug. Mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat er Lehrmaterialien entwickeln lassen, in denen zentrale Fragen der Nachhaltigkeit für Lehrer und andere Multiplikatoren aufbereitet worden sind – ebenfalls ein sehr erfolgreiches Projekt. Seine Buchreihe bekommt nun, nach den ersten 13 Bänden, einen anderen Fokus: Künftig wird es hier um die Perspektiven einer nachhaltigen Gesellschaft gehen – wie sie also mit weniger Mobilität und Ressourcenaufwand höhere Lebensqualität erzielen kann.
Nach mehr als zehn Jahren intensiven zivilgesellschaftlichen Engagements sieht Wiegandt heute gute Chancen für die Transformation: Die Gesellschaft diskutiert kritisch über Wachstum, stellt neue Fragen, wie man eigentlich leben will und sollte. „Die Menschen werden offener für Veränderungen“, sagt der ehemalige Wirtschafts- und heutige Transformationsmann, und das motiviert ihn natürlich noch mehr. Im Augenblick überzeugt er gerade ehemalige Konkurrenten und Mitstreiter, ihm Spenden für ein neues Kolloquium zu geben, das sich vor allem an den Nachwuchs richtet. Auch Studierenden will er auf diesen Kolloquien internationale Topwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler präsentieren und sie gemeinsam an den zentralen Fragen einer zukunftsfähigen Gesellschaft arbeiten lassen. Wiegandt ist sich keineswegs zu schade dafür, Klinken putzen zu gehen, und dabei ist er, wen wundert’s, so überzeugend, dass die Angesprochenen widerspruchslos ihren Beitrag leisten. Der frühere Metro-Mann Erwin Conradi traut seinem Ex-Kollegen durchaus zu, dass er die Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit ein deutliches Stück bewegen kann: „Den Klaus sollte niemand unterschätzen“, erzählte er einem Journalisten der ZEIT. „Das ist ein ausgezeichneter Stratege. Der erreicht sein Ziel.“
Gemeinschaftskarre
Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.
Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.
Als Daniel Furrer sich Ende Juni 2011 entschied, beim Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility einzusteigen, wusste der 26-Jährige aus Zürich noch nicht, dass das eine Entscheidung fürs Leben sein würde: Er bekam die Mitgliedsnummer 100.000, und so werden ihm bis zum Ende seiner Tage die Grundgebühren der Autoteilgemeinschaft erlassen.
Der Softwareentwickler mit den dunklen Locken und dem breiten Grinsen hat noch nie ein eigenes Auto besessen – und das aus ganz praktischen Erwägungen. „Da müsste ich mich ja um Versicherung, Reparaturen und einen Parkplatz kümmern – hier in Zürich extrem teuer – und ich müsste das Auto regelmäßig beim Straßenverkehrsamt vorführen. Dazu habe ich keine Lust und keine Zeit“, begründet er seine Haltung. In seiner Heimatstadt ist er außerdem mit Bus und Straßenbahn meist deutlich schneller; und wenn er alle paar Wochen doch mal ein Auto braucht, um zu einer Squashhalle aufs Land oder mit einem schweren Einkauf nach Hause zu kommen, dann holt er sich eben einen der kleinen roten Mobility-Wagen.
Ein knappes Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis aus zwei Selbsthilfegruppen mit zusammen 22 Mitgliedern eine Genossenschaft mit sechsstelliger Beteiligtenzahl geworden ist. Die Idee, Autos zu teilen und so Platz auf den Straßen sowie Autonutzern Geld zu sparen, kam zwei Männern in der Schweiz fast zeitgleich. Im kleinen Stans scharte Conrad Wagner eine Freundesgruppe um sich, die ab sofort gemeinsam einen roten Opel Kadett und ein Motorrad nutzten. Im Mai 1987 gründeten sie die AutoTeilet-Genossenschaft – kurz ATG. Wer fahren wollte, trug sein Anliegen in eine Liste ein und holte den Schlüssel aus einem handgefertigten Holzkästchen.
Etwa zwei Wochen später entstand unabhängig davon in Zürich die ShareCom Genossenschaft – auch diese Gruppe stand unter dem Motto: Nutzen statt besitzen. Sie bezog das aber nicht allein auf Autos, sondern auch auf andere Gegenstände wie Langlaufski oder Videokameras. Hier war der Initiator Charles Nufer, ein Informatiker und grüner Überzeugungstäter, der schon bald ein ausgeklügeltes elektronisches Reservierungssystem entwickelte.
Eine Weile lang fuhren die beiden Organisationen nichtsahnend nebeneinander her – und bei beiden tauchten ähnliche Fragen auf: Sollte man sich als Dienstleister verstehen und ein möglichst rasches Wachstum anstreben oder sich lieber auf Gleichgesinnte konzentrieren? Eine Strategie gab es weder hier noch da, doch beide Genossenschaften wuchsen schnell. 1991 hatte die ATG schon fast 600 Mitglieder und 35 Autos, und auch Sharecom legte deutlich zu. Es war auch kurzzeitig von einer Fusion die Rede, doch die Chemie zwischen den beiden Leithammeln stimmte nicht, und das Vorhaben platzte.
Aufwind kam dafür von wissenschaftlicher Seite: Eine Studie im Auftrag des Schweizer Bundesamts belegte, dass Autobesitzer, die zu Carsharern mutieren, ihr Gesamtfahraufkommen um 17 Prozent reduzieren – und, weil sie vermehrt andere Verkehrsmittel nutzen, 48 Prozent Energie einsparen. Das rief Mitte der 1990er-Jahre auch den Züricher Stadtrat auf den Plan, der den ausufernden Autoverkehr in der größten Stadt der Schweiz eindämmen wollte. Für das Pilotprojekt züri mobil, das Bus- und Bahnjahresabos mit der Nutzung von Mietwagen verbinden sollte, suchten die Züricher Verkehrsbetriebe einen Kooperationspartner. ATG machte schließlich das Rennen – und katapultierte das Carsharing in der Schweiz auf einen rasanten Wachstumskurs.
1997 wurde aus den beiden Ur-Organisationen die neue Genossenschaft Mobility, die mit 12.000 Mitgliedern startete und schon ein halbes Jahr später 5.000 weitere Kunden dazu gewonnen hatte. Die Genossenschaft mit den hüpfenden Buchstaben im Logo wurde weltweit zum ersten Carsharing-Unternehmen, das in einem ganzen Land präsent ist. Auch zwischen den Schweizer Bahnen (SBB) und Mobility gab es bald ein Kombi-Abonnement, und irgendwann weitete sich das Angebot auch auf Gelegenheitsnutzer aus, die keine Genossenschaftsmitglieder waren.
Heute stehen 2.600 knallrote Leihfahrzeuge in 470 Schweizer Ortschaften herum – oder rollen über Schweizer Straßen. Der Zugang ist denkbar einfach: Für Reservierungen ist das Callcenter in Luzern täglich – selbst an Heiligabend – 24 Stunden lang besetzt; man kann sich aber auch übers Internet oder per SMS anmelden. Nötig sind lediglich die Mitglieds- und PIN-Nummer, der Ort und die gewünschte Nutzungsdauer – schon ist der Bordcomputer informiert und lässt die Tür aufspringen, sobald die rote Mobility-Mitgliedskarte vors Fenster gehalten wird. Zum Fuhrpark gehören nicht nur Kleinwagen, sondern auch Alfa Romeos und Cabriolets, die vom Mobility-Team regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Auch die Kundschaft ist bunt gemischt – von ökogrünen Freaks bis zu geschniegelten Unternehmern.
Bis zum nächsten Mobility-Parkplatz sind es in der Regel nur fünf Minuten, sagt Daniel Furrer, der als Programmierer bei Google arbeitet. Nur einmal gab es am gewünschten Standort keinen Wagen mehr: „Da musste ich dann zehn Minuten gehen“, berichtet der 100.000ste Mobility-Genosse.
Brennstoff
Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.
Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.
Als Heini Staudinger zum Besitzer einer maroden Schuhfabrik wurde, entließ er keine Arbeiter, um den Betrieb zu sanieren, sondern schmiss die Werbefuzzis raus. Aber da etwas Werbung sein muss, entwickelte er zusammen mit seinem Freund Didi den Brennstoff – eine Zeitschrift, die hauptsächlich über Nachhaltigkeitsthemen informiert, aber ebenso Gedichte, Songtexte und anderes Sonderbares enthält. Okay, auch ein paar eher klein gehaltene Anzeigen mit Schuhen, Matratzen und Möbeln, die Staudinger in seiner Firma, der GEA, produziert, finden darin Platz. In einer der ersten Ausgaben sollte unter anderem der ins Österreichische übersetzte Text des Beatles-Klassikers Let it be erscheinen, für den Heini Staudinger den famosen Titel Scheiß di ned an! gefunden hatte. Kurz vor Drucklegung kamen ihm dann doch Bedenken – der Brennstoff sollte in den Augen der Leser schließlich ein seriöses Produkt sein. Staudinger ging mit seinem Manuskript und seinen Zweifeln zu seinem Mitstreiter Didi, aber der schaute ihn nur kurz an und knurrte: „Scheiß di ned an!“ So landete der Text im Heft. Und Scheiß di ned an! liefert schon fast das ganze Programm, für das Heini Staudinger steht.
Eigentlich ist Staudinger die perfekte Verkörperung von jemandem, von dem alle immer dachten, dass aus ihm nichts Vernünftiges werden würde. Ein eher unkonventioneller und unberechenbarer Typ, der alles Mögliche nur nichts zu Ende studiert hat; jemand, der mit dem Fahrrad nach Tansania fährt, nachdem die erste Reise mit dem Moped zu lange gedauert hat, weil das Ding ständig kaputt war. Nach jahrelangem Herumstudieren gründete Staudinger sein erstes Geschäft in Wien, weil ihm an einem Freund sogenannte Earth Shoes aus Dänemark gefallen hatten. Staudinger trampte nach Dänemark und bestellte gleich eine größere Menge, um sie in Österreich zu verkaufen. Geld hatte er keines für die Bestellung, und auch für die Anmietung eines Geschäfts in Wien war keine Kohle da. Aber so risikofreudig, wie er ohne jede Mittel in Dänemark die Bestellung unterschrieben hatte, so wagemutig unterzeichnete er den Mietvertrag – schließlich braucht man einen Laden, wenn man Schuhe verkaufen will. Scheiß di ned an!
Freunde liehen ihm fürs Erste kleinere Beträge, mit denen er seine Rechnungen abstottern konnte, und das Geschäft lief von Anfang an nicht schlecht. Das war 1980. Drei Jahre später ergab sich eine Kooperation mit einer selbstverwalteten Schuhfabrik im niederösterreichischen Waldviertel, die aber leider mies lief. 1991 fürchteten die Waldviertler Schuhmacher, dass sie auf den Schulden der Firma sitzen bleiben könnten, und suchten einen neuen Eigentümer. Auf diese Weise wurde Heini Staudinger Schuhfabrikant. Sein damaliger Miteigentümer Gerhard Benkö wanderte kurze Zeit später nach Afrika aus, und Staudinger siedelte sein Wiener Unternehmen, das inzwischen neben Schuhen auch Sitzmöbel und Betten produzierte, ins strukturschwache Waldviertel über. Die Schuhfabrik hatte zwölf Arbeiter, als Staudinger sie übernahm; heute arbeiten dort 120 Leute.
2006 musste Staudinger dann seinen Miteigentümer Benkö auszahlen, der sich allerdings schon jahrelang nicht mehr ums Geschäft gekümmert hatte. Das nervt Heini Staudinger bis heute – andererseits waren die Verhältnisse nun klar. So klar, dass die GEA mit der Weltwirtschaftskrise erst richtig durchstartete – seit der Pleite von Lehman Brothers Inc. stieg der Umsatz um 100 Prozent, die Zahl der Geschäfte um 50 Prozent. Der Schuhfabrikant sieht da durchaus einen Zusammenhang; er weiß lediglich noch nicht, welchen. Nach wie vor bezahlt er sich selbst weniger als seinen Mitarbeitern. Und nach wie vor versucht er, die GEA nachhaltiger zu machen, zum Beispiel indem so viele Materialien wie möglich direkt aus dem Waldviertel bezogen werden. Da aber nach dem Niedergang der heimischen Schuhindustrie keine Gerbereien mehr in der Region zu finden sind, liegt vor einer wirklichen Regionalisierung der Produktion noch ein weites Stück Weg.
Aber Schwierigkeiten interessieren Staudinger nicht. Er habe eben Glück, und wenn das Glück anhalte, dann werde die GEA „irgendwann einmal sogar eine richtige Firma“. Naja, einen „richtigen Chef“, mit Businessplan, Smartphone, keiner Zeit und unbegrenztem Genieverdacht gegen sich selbst wird die GEA voraussichtlich nie haben. Letztes Jahr war Heini Staudinger übrigens mal wieder in Tansania. Mit dem Fahrrad. Aber das ist eine andere Geschichte.
Weniger ist Mehr
In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.
In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.
Die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz der Züricher Stadtverwaltung stellt für ihre 150 Beschäftigten keinen einzigen Parkplatz zur Verfügung. „Ich kenne keinen Mitarbeiter, der mit dem Auto kommt. Es ist ja auch schweineteuer, wenn man acht Stunden lang eine Parkuhr füttert“, sagt Amtsdirektor Bruno Hohl, ein drahtiger 61-Jähriger, der selbst jeden Tag ins Büro radelt und schon seit Mitte der 1990er-Jahre unmotorisiert lebt. Der Mann mit der grauen Einstein-Frisur steht in der ersten Reihe, wenn es darum geht, Zürich in eine 2000-Watt-Metropole umzubauen – dieses Energiebudget wird pro Kopf und Jahr angestrebt. So haben es die Stimmbürgerinnen und -bürger der größten Schweizer Stadt in einer Volksabstimmung Ende 2008 beschlossen. Im Klartext bedeutet es: Der durchschnittliche Energieverbrauch eines Zürichers oder einer Züricherin muss um zwei Drittel sinken; bis 2050 soll so jede in der Stadt lebende Person nur noch für eine Tonne klimaschädliches CO2 verantwortlich sein.
„Ich hätte damals keine Flasche Wein darauf verwettet, dass wir die Mehrheit schaffen“, sagt Hohl in Erinnerung an den Herbst 2008. Sicher, seine gesamte Umgebung legte sich für ein Gelingen ins Zeug. Aber es gab eben auch laute Stimmen, die warnten, solch ein Beschluss würde ein wirtschaftliches Harakiri bedeuten. Und Hohl fürchtete, dass die Zeit für eine breite Zustimmung noch nicht reif sei. Doch nach außen verbreitete er stets Optimismus, wie es seinem Naturell entspricht: „Ich hab’ immer gesagt: Wir brauchen ja nur 50 Prozent plus eine Stimme.“ Und dann, am Abend des 30. November 2008, stand fest: 76 Prozent der Züricherinnen und Züricher hatten „Ja“ angekreuzt. Seither steht das Ziel in der Gemeindeordnung, und die Politik muss sich daran ausrichten. „Ich war überwältigt: Wir haben jetzt ganz klar den Auftrag.“ Noch heute klingt in Hohls Stimme bei diesem Satz Begeisterung und Freude mit.
Die Ursprungsidee der 2000-Watt-Gesellschaft stammt von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Wie sich da was genau berechnet und ob nicht Kilowattstunden die geeignetere Einheit wäre, stand für den Juristen Hohl nie im Vordergrund: „Ich seh’ das nicht akademisch, Hauptsache, es geht vorwärts. Wir müssen ein Minus von zwei Dritteln schaffen – Ende der Durchsage“, fasst er die Aufgabe für sich selbst zusammen.
In jeder Entscheidung, in jedem Politikfeld der Stadt soll das Ziel nun mitbedacht werden. Hohl und seine Mitstreiter aus seinem Amt sind bestens vernetzt mit Menschen in den anderen Departementen: „Jeder von uns weiß, wo die anderen hinwollen, was für die in unserem Zusammenhang wichtig ist.“ Hatten die Architekten im Hochbaudepartement bis vor 15 Jahren fast nur die Ästhetik im Blick, so sind ihnen Verdichtung und Energieeffizienz heute ebenso wichtig – und dem Gesundheits- und Umweltdepartement, zu dem Hohls Umwelt- und Gesundheitsschutz gehört, die Kriterien der Baufachleute. Gemeinsam plädieren sie gegenüber den Investoren dafür, die gesetzlich vorgeschriebenen Standards noch zu übertreffen. Und sie alle betonen heute die Vorteile einer kompakteren Bauweise: Statt überall ein paar Abstandspflanzen und Rasenstückchen einzuplanen, können Grünflächen zusammengeführt und großzügiger angelegt werden.
Hierarchien spielen dabei für Behördenleiter Hohl keine Rolle; entscheidend sind Sachkunde und echtes Interesse an der Umsetzung. Auch in Wirtschaftsverbände hinein, zu den Hochschulen und zur Kulturszene hat er viele Drähte: „Kulturelle Unterschiede oder Parteibücher haben mich nie abgeschreckt. Wenn wir ein gemeinsames Ziel haben, arbeiten wir zusammen.“ Hohl, der sich selbst als Menschenfreund bezeichnet, ist ein sehr zugewandter Mann. Im intensiven Gespräch vergisst er völlig seinen dichtgetakteten Terminkalender.
Gerade beschäftigt ihn, wie die Schulen eingebunden werden können – ein Bereich, in dem ein fast unüberschaubares Geflecht von Behörden und Instanzen herrscht. Nach vielen Gesprächen ist inzwischen klar, dass bis zu fünf Züricher Schulen als erste ausprobieren sollen, wie eine nachhaltige Lehranstalt aussehen kann. Vom Hausmeister bis zum Matheunterricht – überall soll das 2000-Watt-Ziel präsent sein. Dabei beraten und unterstützen Hohl und seine Leute von außen; konkret umsetzen und ausführen aber müssen es die Schulangehörigen selbst.
Auch bei der Auswechslung der städtischen Dieselbusse war Hohls Amt behilflich: „Wir sind solidarisch mit den Kollegen von den Verkehrsbetrieben, informieren sie, liefern ihnen Kontakte und Argumente, wenn es zum Beispiel darum geht, einen höheren Anschaffungspreis zu rechtfertigen; danach aber ist es ihr Geschäft, und wir können uns zurücklehnen“, beschreibt der Beamte die Rolle seiner Abteilung. Das konsequente Vermeiden von Parallelorganisation spart nicht nur Kosten, sondern auch Ärger und Reibungsverluste.
Wo die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz finanzielle Unterstützung leistet, sorgt sie freilich anschließend für ein Controlling. Auch das Coaching-Programm für kleine und mittelständische Unternehmen ist nur dann kostenlos, wenn der Betrieb danach auch tatsächlich etwas umsetzt. Zugeschnitten ist das Angebot auf die konkreten Bedürfnisse der Unternehmen. „Mein Großvater war Bäckermeister. Ich weiß, dass solche Leute wenig Zeit haben, weil sie nach Ladenschluss noch die Buchhaltung und alles mögliche andere erledigen müssen“, sagt Hohl. Deshalb kommt bei Interesse ein Berater vorbei, schaut sich den Betrieb an und gibt Tipps, wo das Geld am besten investiert ist – für die Umwelt und die Betriebskasse gleichermaßen.
Dass die Zusammenarbeit vieler Institutionen in Zürich so gut klappt, führt der Amtsleiter vor allem auf Erfahrungen zurück, die die 390.000-Einwohner-Stadt in den 1980er-Jahren gemacht hat. Damals campierte in einem Park neben dem Hauptbahnhof Europas größte offene Drogenszene mit zeitweise bis zu 5.000 Junkies; an jedem dritten Tag starb dort jemand an einer Überdosis. Sowohl das harte Vorgehen der Polizei als auch eine Laisser-faire-Strategie hatten das Problem nur weiter verschärft. „Dass damals jeder für sich gearbeitet hat, ist gründlich in die Hose gegangen“, erinnert sich Hohl, der seit 1984 bei der Stadtverwaltung angestellt ist. Erst als Ärzte, das Rote Kreuz, die Drogenhilfe, die Polizei, das Gesundheitsdepartement und noch einige weitere Institutionen eine gemeinsame Strategie entwickelten, konnte man die Zahl der Drogentoten und Fixer reduzieren. Diese Erfahrung habe die Züricher Stadtverwaltung nachhaltig geprägt, sagt Hohl, der damals selbst im Sozialdepartement gearbeitet hat.
Und die Bevölkerung treibt Politiker und Verwaltung ständig weiter an. Im September 2011 haben die Bürgerinnen und Bürger Zürichs dafür gestimmt, innerhalb von zehn Jahren den bereits heute sehr hohen Anteil von Fuß-, Fahrrad- und öffentlichem Verkehr um weitere zehn Prozent zu erhöhen. Ohne Zweifel – das wird nicht einfach, zumal der konservativ regierte Kanton ständig zu bremsen versucht. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg. Das Straßenbahnnetz muss dann eben noch weiter und forscher ausgebaut werden – und auch mit Hilfe der bundesweiten Luft- und Lärmrichtlinien lässt sich der Autoverkehr mit Sicherheit noch weiter eindämmen, ist Hohl überzeugt. Zugleich aber dürfe es nicht zu einer Blockade zwischen Stadt und Land kommen, warnt er. Kompromisse, auch Enttäuschungen darüber, dass ein klares Ziel zunächst abgeschliffen wird, gehörten dazu. „Aber unser Trend stimmt – es geht voran.“
Guerilleros
In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.
In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.
Wenn er lächelt, sieht Robert Shaw unter seiner Revoluzzermütze dem jungen Che Guevara verblüffend ähnlich. Wenn nur die blauen Augen nicht wären. Zudem ist der Guerilla-Gärtner im Vergleich zum Guerillero ideologisch unverkrampft: Er kämpft nicht für den Umsturz der Gesellschaft, sondern für den Umsturz von Säcken. Bei der Ernte von Kartoffeln, die in Reis- oder Mehlsäcken wachsen, „brauchen wir nur den Sack umzukippen“, lacht er.
Aus der Prinzessinnenstraße, die dem Projekt seinen Namen gab, weht Autolärm herüber und erinnert daran, dass sich der Prinzessinnengarten in einem zubetonierten Teil von Berlin-Kreuzberg befindet. Doch die Brachfläche am Moritzplatz, die jahrzehntelang im Schatten der Mauer vor sich hindämmerte, ist seit Juni 2009 ein grünes Paradies. Die beiden Projektinitiatoren Robert Shaw (33) und Marco Clausen (37) haben den Schutt vom Gelände geräumt und zusammen mit Freunden und Nachbarn einen 6.000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten aufgebaut. Jetzt grünt und blüht es überall. Auch der geflügelte Gartenrotschwanz, im steinernen Herzen der Metropole selten geworden, hat hier eine Zuflucht gefunden.
Unter Robinien stehen lange Tische und Bänke für Besucher, in einem umgebauten Schiffscontainer können sie Cuba Libre, Kaffee oder Saft bestellen. Hier lümmelt der grüne Che in einem Stuhl. Robert Shaw erzählt, dass ihn die agricultura urbana auf Kuba inspiriert hat. 1999 lebte er als Filmstudent in Santa Clara, das während der kubanischen Revolution vom echten, vom roten Che erobert wurde. Der dortige Gemeinschaftsgarten war für ihn ein „Entspannungsort“, wo er hinging, um nach zu vielen Mojitos „einen Kater auszukurieren oder mit Nachbarn zu quatschen.“ Ende 2008 sprach Shaw den Historiker Marco Clausen an, der in Kreuzberg eine Bar betrieb. Ob er sich vorstellen könne, in einem Nachbarschaftsgarten die Gastronomie aufzubauen?
Im Juli 2009 unterschrieben die beiden den Pachtvertrag. Die Stadt als Vermieterin behielt sich jedoch vor, die Fläche schnellstmöglich zu verkaufen. Aus dieser Not entwickelten Shaw und Clausen das Konzept eines mobilen Bio-Gartens, der im Falle einer Räumung woanders hinziehen kann. Nomadisch Grün heißt deshalb ihre gemeinnützige GmbH, die mit Jugendlichen arbeitet, Workshops, Konzerte und Veranstaltungen organisiert und Ein-Euro-Jobbern zu neuen Perspektiven verhilft.
Von Amaranth bis Zuckerschoten – in hunderten von mobilen Beeten werden Gemüse, seltene Kulturpflanzen und Kräuter angebaut. Salbei, Guter Heinrich und Gelbe Melde wiegen sich in Kübeln, Kürbisse ranken aus Bäckerkisten, mit Karton abgedichtet und mit Komposterde gefüllt, Kartoffeln und Tomaten wachsen in Säcken. Das revolutionäre Gartenkonzept hat zudem den Vorteil, dass die Pflanzen nicht in verseuchten Stadtböden, sondern in Öko-Komposterde aufwachsen. Privatleute oder Betriebe wie der benachbarte Aufbau Verlag haben Beetpatenschaften übernommen. Die essbaren Produkte gehören jedoch allen; sie werden verkauft oder im Gartencafé verarbeitet.
Che Guevara sah seine Guerilla als Avantgarde – und scheiterte damit. Grüne Guerilla-Gardeners finden wesentlich mehr Resonanz – auch deshalb, weil sie nur Samenbomben werfen. Die gleichnamige Bewegung nahm 2000 ihren Anfang in London. Seitdem werden weltweit, auch in Berlin, Brachflächen mit Samen beworfen oder Baumscheiben ohne Erlaubnis begrünt. Die Initiatoren des Prinzessinnengartens stehen in dieser Tradition, sind aber legale Pächter. Und „Avantgarde und Trendsetter“, wie Christa Müller sagt, deren Stiftung Interkultur ein Netz von 120 interkulturellen Gemeinschaftsgärten fördert und berät – vom niedersächsischen Aurich bis zum bayerischen Rosenheim. Auch Nomadisch Grün wird finanziell unterstützt.
In Berlin stromern den ganzen Tag Junge und Alte, Türken, Russinnen und Deutsche, Professorinnen und Erwerbslose durchs Gelände. Eine türkische ältere Frau, freundlich unter ihrem Kopftuch hervorlächelnd, möchte Paprika gegen „Miss“ tauschen. „Minze?“, rätselt Robert Shaw. Nein, „Mist“, die Frau möchte als Düngemittel etwas von dem Kamelmist, den ein kleiner Zirkus als einzige Bezahlung für sein Winterquartier hinterließ; natürlich bekommt sie einen Haufen. „Der Zirkus war noch mobiler als wir“, lacht Marco Clausen. Auch die Kräuter, die in aufgeschnittenen Milchtüten gezüchtet und für 3,50 Euro pro Tetrapack verkauft werden, sind beweglich. „Mojito-Minze“, lächelt der grüne Che in Erinnerung an die Drinks auf Kuba. Die junge Generation wolle sich „auf unideologische Weise urbane Räume aneignen, ökologisch und fair produzieren und sich selbst als produktiv wahrnehmen. Und schöne Orte schaffen, in denen man grenzüberschreitend denken und fühlen kann“, kommentiert Soziologin Müller.
Dass sie keine gelernten Gärtner sind, halten die beiden Grün-Nomaden sogar für einen Vorteil: „Wir müssen offen sein und Ratschläge von allen Seiten einholen.“ Neben der ökologischen wollen sie die soziale Vielfalt fördern. Der Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, Schichten und Generationen laufe hier von ganz allein, schwärmt Marco Clausen. Neulich erst hätten zwei Frauen aus Frankreich und Sibirien zusammen Tomaten gepflanzt, und ein älterer Mann aus der Türkei habe geraten, sie tiefer zu setzen. „Es stellte sich heraus: Er war Professor für Gartenbau. Wir haben von ihm Tomatenzucht gelernt und er von uns Kartoffelzucht in Säcken.“ Man übt hier Selbstversorgung, aber auch sinnliche Wahrnehmung. „Die Leute merken: Es ist genussvoll, sich selbstproduziertes Gemüse auf die Pizza zu legen.“ Der grüne Che ist also auch ein Genuss-Guerillero.
Hitparade
Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.
Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.
All die Nachtschwärmer, die sich im kalten Dezember 2011 in den legendären Berliner Club SO36 aufgemacht haben, werden später ihren Enkeln berichten können, dass sie dort das Tanzbein geschwungen (wie es noch die Ur-Ur-Großeltern formuliert hätten) und vielleicht sogar die „Oma“ kennengelernt haben. Und: „Dort fand der erste Clubmob Berlins statt, der im Nachhinein die gesamte Szene revolutionierte. Und ich war dort.“ „Opaaaaaa, was war denn das, ein Clubmob?“, werden die Kindeskinder fragen. Der künftige Greis Patty Schünemann könnte darüber berichten, wie er mit 31 Jahren zum Kopf der Initiative Clubmob gehörte, die das Nachtleben ergrünen ließ. Hinter der Initiative steckt ein breites Bündnis aus Berliner Einrichtungen: die Green Music Initiative, die der Musik- und Entertainmentbranche die Nachhaltigkeit nahezubringen sucht, die Zukunftswerkstatt Morgenlande, die BUNDjugend, die Medienagentur Sinnwerkstatt, der Energieversorger Naturstrom, der Energieberatungsanbieter Berliner Energiecheck sowie zahlreiche ehrenamtlich Engagierte.
Dass die rund 300 Teilnehmer des ersten Berliner Clubmobs irgendwann einmal mit Oma und Opa angesprochen werden könnten, war ihnen in jener Nacht 2011 noch nicht anzusehen. Nicht besonders alt und auch nicht sonderlich gebrechlich gaben sich die Clubberinnen und Mobber, die das SO36 stürmten, dort stundenlang feierten, tanzten, konsumierten und auf diese Weise dem Management eine vierstellige Summe Gewinn einbrachten. „Dreimal so viele Leute wie sonst an Montagen“, zieht Mitinitiatorin Christina Rupprecht von Morgenlande stolz Bilanz, in deren Kreativwerkstatt die Idee zum Clubmob im Juni 2011 geboren wurde. „Der Clubmob hatte sich schnell in der Berliner Nachhaltigkeitsszene und im Grass-Roots-Movement herumgesprochen. Gibt ’ne Menge Initiativen und Organisationen, die uns unterstützt haben. Naja, und dann sind noch ein paar Ahnungslose ins SO36 gestolpert“, grinst sie. Aber ganz egal – auch wenn die Veranstaltung ein Flop geworden wäre, das SO36 musste sich im Vorfeld einer energetischen Durchleuchtung durch den Berliner Energiecheck unterziehen und sich der Initiative Clubmob gegenüber verpflichten, einen Teil des eingenommenen Geldes in eine energetische Renovierung zu reinvestieren.
Doch der Dinosaurier der Berliner Clubszene – das SO36 existiert seit mehr als 20 Jahren – ging aufs Ganze und sagte die Verwandlung von 100 Prozent des Gewinns in Energieeffizienz zu. „Das ist sogar bei Carrotmobs eher eine Seltenheit, außerdem sind wir echt glücklich, dass ein etablierter – und fast schon traditioneller – Club die Vorreiterrolle einnehmen möchte“, sagt Ian Delu von der Sinnwerkstatt mit ernstgemeinter Bewunderung. Nun aber, am Morgen danach, als sich der Pulk und der Kater wieder verzogen haben, stehen neue umweltschonendere Kühlgeräte ganz oben auf dem Wunschzettel der SO36-Leitung. Die Kühlung der Getränke ist nämlich bisher mit so vorsintflutlichen Geräten erfolgt, dass selbst die Experten des Berliner Energiechecks ratlos waren, weil ihnen dafür keine Werte und Kennzahlen vorlagen. Bekannt ist allerdings, dass die Kühlung 40 Prozent des Energieaufwandes des Etablissements ausmacht.
Auch Roman Dashuber von der Green Music Initiative zeigt sich mit dem Ergebnis der Spontanaktion sehr zufrieden: „Bleibt immer spannend, man kann die Leute eben nicht berechnen“. Trotzdem ist er nach der anstrengenden Vorbereitungszeit und der durchgemachten Nacht kaputt und müde. Ja, die Initiative Clubmob hat sich für diese Premiere ins Zeug gelegt und großen Aufwand betrieben: Die Sinnwerkstatt, Agentur für nachhaltige Medienkreationen, konzipierte eine Kampagne mit eigener Webseite, prägnantem Logo, facebook-Präsenz und sogar einem selbstproduzierten Trailer. Im Spot radelt Dashuber höchstpersönlich einer Menge Partywütender hinterher. Im wahren Leben ist er aber eher der Mann, der voran geht. Deswegen hofft er auch, dass sich die Idee des Clubmobs weiterträgt und in anderen deutschen Städten Nachahmer findet. Die Kampagne jedenfalls ist ressourcensparend und energieeffizient angelegt, denn jeder künftige Clubmob kann sie wiederverwerten: „Nur Ort und Zeit müssen ausgetauscht werden. Soll jeder nutzen – alles Open Source“, bewirbt Dashuber die gute Sache. Der Vorbildcharakter des SO36 liegt ihm besonders am Herzen: „Man soll sehen, das es auch energieeffiziente Einrichtungen dieser Art geben kann“.
Auch in Nordrhein-Westfalen ist Bewegung im Nachtleben: dort wird mit dem Pilotprojekt Green Club Index NRW seit April 2011 der CO2-Rucksack von sechs Clubs gezielt ermittelt und anschließend das schwere Gepäck über spezielle Maßnahmen erleichtert. Akteure in Bielefeld, Köln, Frankfurt und Darmstadt haben ebenso Interesse angemeldet, die Energiebilanz des lokalen Nightlife zu verbessern. So wird die Idee des Clubmobs weitere Kreise ziehen.
Der Clubmob ist aber nur eine von vielen wichtigen – und durchaus coolen – Aktionen, die die Green Music Initiative unterstützt oder selbst auf die Beine stellt, um die Musik- und Entertainmentbranche klimaverträglicher zu machen. Dabei bleibt kein Bereich verschont: Konzerthallen, Tour- und Equipment-Busse, Musikredaktionen, Bandtransporte, Ressourcen für CD-Cover und und und. Überall soll grünes Bewusstsein implementiert und Energie gespart werden. Für die Green Music Initiative kommt der ideale Konzertbesucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Veranstaltungsort und produziert dort keinen Müll. Die ideale Musikerin stellt dem Veranstalter bestimmte Klimaschutzbedingungen, ohne deren Einlösung sie nicht auftritt. Der ideale Eventmanager erfüllt diese natürlich gern.
Auf keinen Fall sollen dabei Musik und Spaß auf der Strecke bleiben; das soll insbesondere die Fahrrad-Disko demonstrieren. Diese ist, wie auch der Clubmob, ein soziales Experiment: Denn nur, wenn sich ausreichend Menschen auf Fahrrädern abstrampeln und Strom erzeugen, hat der DJ Saft für seine Turntables.
Roman Dashuber dreht seit eineinhalb Jahren bei der Green Music Initiative an den Knöpfen und schiebt die Regler. Zuvor studierte er an der Technischen Universität Berlin Psychologie und vertiefte sich auf eigene Faust in die Umweltpsychologie, weil solch ein Schwerpunkt damals noch nicht angeboten wurde. Nebenbei engagierte er sich vielerorts ehrenamtlich und gehörte zum initiierenden Team des UniSolar Projekts, das seitdem sauberen Strom aus einer studenteneigenen Photovoltaikanlage in das Berliner Stromnetz einspeist. Energieeffizienz und erneuerbare Energien stehen also seit langer Zeit auf Dashubers ganz persönlicher Hitliste.
Heute will er über die Aktivitäten der Green Music Initiative zeigen, dass die Musikbranche auch mit der Hälfte des derzeitigen Energieverbrauchs gute Festivals, Konzerte und Partys veranstalten kann: „Es gibt immer ein paar Stellschrauben, die eine ganze Menge Energie einsparen können, ohne der Stimmung eines Festivals oder einer Clubnacht auch nur ein bisschen Abbruch zu tun. Wenn irgendwann auch diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, müssen wir uns was Neues ausdenken. Aber keine Angst: Die Musik wird nicht leiser gedreht. Wir sind doch keine Partykiller.“
Kafkas Neue Welt
Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.
Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.
Impuls. Agentur für angewandte Utopien – der Name macht neugierig. „Utopie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nicht-Ort“. Was also ist das für eine seltsame Agentur ohne Ort? Ein Asyl für Zukunftserkunder auf fliegenden Teppichen? Ein Garten, in dem Blütenträume in den Himmel wachsen?
Die Agentur entpuppt sich als gemeinnütziger Verein, im September 2010 gegründet von gut zwei Dutzend junger Leute verschiedener Professionen, die ihr Büro in einer Altbauwohnung in Berlin-Treptow eingerichtet haben. Die drei hauptamtlichen Geschäftsführer Benjamin Kafka, David Wagner und Johannes Krause sitzen hier nicht im Lotussitz, sondern an Computern, sie nippen auch nicht an Orchideennektar, sondern an Biokaffee. Impuls ist in der realen Welt angesiedelt und braucht deshalb auch das nötige Kleingeld zum Überleben. Das nimmt der Verein durch Expertisen und Beratungsaufträge ein – etwa für eine staatliche Entwicklungsorganisation oder eine Fraktion des Europaparlaments. Und dennoch: „Impuls ist ein Ort, an dem angewandte Utopien gedacht werden und Menschen sich mit visionärer Energie und enthusiastischem Realismus an die Umsetzung machen“, heißt es auf der Webseite.
Am Tag der Mitgliederversammlung des Vereins können Interessierte an solch einem Utopien-Workshop teilnehmen. Einige junge Menschen sitzen im Kreis und kritzeln Antworten auf Papierbögen. Die Fragen stellt die Umweltjuristin Henrike Wegener, die den Workshop zusammen mit dem Ökonomen Benjamin Kafka leitet. Fragen, die es in sich haben: Welche Visionen hast du für die nächsten Jahre? Was müsstest du loslassen, damit sie Wirklichkeit werden? Wer kann dir dabei helfen? Was sind deine vitalsten Energiequellen? Welche Spuren willst du hinterlassen haben, wenn du im letzten Moment deines Lebens zurückblickst?
Nach einer halben Stunde intensiver Schreiberei geht das Ganze über in eine Malstunde. Stellen wir uns vor, die Große Transformation habe stattgefunden, quasi über Nacht – woran würden wir am Morgen erkennen, dass alles anders ist? Wie sähe eine ideale nachhaltige Gesellschaft aus?, fragt Henrike Wegener. Einige nagen an ihren Stiften. Es ist nicht leicht, Ahnungen von einem Nicht-Ort aufs Papier zu bringen – zumal wenn man keine Zeichen-Übung hat und Angst, dass es kitschig wird. Anderen ist das wurscht, hingebungsvoll malen sie sonnenfarbene Spiralen oder grün sprießende Landschaften. Der Autorin dämmert: Utopien kann man zwar nicht wirklich anwenden, aber verwenden. Sie sind auch eine Form erneuerbarer Energien, sie speisen das Prinzip Hoffnung und verbinden die persönliche Dimension mit der globalen.
„Unsere Gesellschaft leidet an großer Visionsarmut“, begründet Geschäftsführer Kafka die Notwendigkeit solcher Workshops. Impuls-Mitbegründerin Wegener ergänzt: „Finanzkrise, Klimakrise, die Krisen hören ja gar nicht mehr auf. Wir wissen zwar im Prinzip, wie sie lösbar wären, aber es passiert nichts – weil es uns an Utopien mangelt.“
Der Utopie entgegensegeln – darum ging es auch in einem der ersten Impuls-Projekte im Sommer 2011. Zwei Frauen rüsteten ein Segelboot mit Windrad und Solarzellen energetisch auf und segelten damit über die Ostsee, auf der Suche nach Pionierprojekten. In dem südfinnischen Ort Mariehamn etwa entdeckten sie City-Busse und eine lokale Bahn, die seit Mai 2011 klimaneutral mit altem Fischöl aus einer Fischfabrik fahren. In einem zweiten Projekt, finanziert durch den Berliner Senat und den Evangelischen Entwicklungsdienst, entwickelten 15 Menschen Kampagnenformen, bei denen neben Strategie und Außenwirkung die Frage nach der tieferen Motivation und Haltung der Teilnehmenden im Mittelpunkt stand. Und ein dritter Auftrag widmete sich der Zusammenarbeit zwischen Politikern, Wirtschaftsführern und Zivilgesellschaft in Südafrika und Indonesien, die sich gemeinsam der Bewältigung absehbarer Klimaveränderungen widmen sollen.
Die Agentur für angewandte Utopien arbeitet also gleichzeitig sehr lokal und sehr global – und damit, im philosophischen Sinne, tatsächlich an einem Nicht-Ort. Sie seien auf drei Feldern tätig, die sie „Garten“, „Labor“ und „Werkstatt“ genannt hätten, erläutert Benjamin Kafka. Im „Garten“ gehe es um das Wachsenlassen von Fertigkeiten, die man für die Große Transformation benötigt – zum Beispiel im Rahmen einer Klimakampagne. Das „Labor“ kreise um den Aufbau von Lernpartnerschaften mit europäischen Organisationen, etwa den Transition Towns, und um die Veränderung mentaler Strukturen. Und in der „Werkstatt“ widme man sich dem Handeln und der gesellschaftlichen Außenwirkung.
Viele Menschen wüssten inzwischen, ergänzt der Ökonom, dass „die große Erzählung der modernen Industriegesellschaft mit ihrem Glauben an ewiges Wirtschaftswachstum zu Ende geht.“ Nun gehe es darum, eine neue Erzählung zu finden. Krisen, sagt Benjamin Kafka, seien immer auch Keimzellen einer besseren Zukunft.
Radiokids
Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.
Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.
„Atomkraftwerke? Die explodieren ja ständig“, weiß der zwölfjährige Robin aus Osnabrück und ergänzt: „Wind- und Sonnenenergie sind viel besser.“ Robin besucht den Realschulzweig der Käthe-Kollwitz-Schule, und an diesem Dienstagnachmittag ist es für ihn, Christina, Felice, Marcel und Julian mal wieder Zeit für ihre freiwillige Arbeitsgemeinschaft: Die Haupt- und Realschüler nehmen an einem umweltpädagogischen Pilotprojekt des Bürgersenders osradio teil, an dessen Ende eine von den Schülern recherchierte und produzierte Radiosendung zum Thema Umwelt steht. Die zentralen Techniken des Radiomachens haben die Teenager bereits von der Projektleiterin Simone Wölfel, Medienpädagogin und Geschäftsführerin des örtlichen Bürgerradios, gelernt. Heute steht ein Rhetoriktraining auf dem Programm, damit die jungen Reporter in den anstehenden Interviewsituationen sicher auftreten können: schließlich werden ihre Interviews von osradio später tatsächlich gesendet. „Rhetorik? Sie wollen uns beibringen, vernünftig zu sprechen“ – Robin kennt sich aus.
Seit Anfang 2011 leitet Simone Wölfel das Projekt Raum OS Radio Umweltreporter, das als Arbeitsgemeinschaft (AG) oder Wahlpflichtfach an bislang acht Haupt- und Realschulen im Kreis Osnabrück angeboten wird. Die Themen für ihre Magazinsendung sollen die Schülerinnen und Schüler selbst entwickeln – doch die studierte Medienpädagogin Wölfel, selbst Mutter einer schulpflichtigen Tochter, hat sich ein paar Anregungen überlegt: „Woher kommt der Strom in Osnabrück?“, könnte man beispielsweise die Firma Solarlux fragen oder recherchieren welche regionalen Großküchen bereits auf Biokost umgestellt haben. Wichtig ist der Radiomacherin, auch die Zukunftsfragen der Jugendlichen anzusprechen. Dieser Zugang hat sich auch bei den Schülern der Käthe-Kollwitz-Schule als erfolgreich erwiesen.
Felice überlegt, Polizist zu werden und möchte in einem Interview mit einem Kommissar vertiefen, mit welchen Umweltdelikten man bei der Polizei in Berührung kommt. Auch Robin, der einen Tischler interviewen will, hat sich unter Wölfels behutsamer Anleitung bewusst gemacht, an welchen Stellen dieser Handwerker mit Fragen der Nachhaltigkeit zu tun hat: „Verbrennen Sie Ihre Sägespäne? Woher kommt Ihr Holz, und wie sparen Sie Energie?“ wird der Zwölfjährige vom Meister wissen wollen. Julian und Marcel planen einen Besuch bei den Stadtwerken, um den örtlichen Elektrobus zu inspizieren: Wieso gibt es den überhaupt? Wie oft wird die Batterie aufgeladen – und wo die alten Batterien entsorgt, fragen sie sich.
Um den Jugendlichen die Recherche zu erleichtern, hat Simone Wölfel bislang etwa 15 Osnabrücker Einrichtungen und Unternehmen ins Boot geholt; Bäckereien, die Stadtwerke, der Zoo und mehrere mittelständische Unternehmen bilden ein Netzwerk, auf das die Umweltreporter zurückgreifen können. „Für die Firmen ist das natürlich auch Werbung“, erklärt die schlaksige Journalistin. Und die Schüler dürfen hinter sonst verschlossene Türen blicken und erhalten eine Vorstellung von unterschiedlichsten Berufen. Möglicherweise begegnen ihnen beim Recherchieren auch künftige Arbeitgeber.
Solche Anreize sind nötig, brannte doch den Siebtklässlern der Käthe-Kollwitz-Schule anfangs nicht die Erderwärmung auf den Nägeln, sondern vielmehr das Klima, in dem sie ihren Alltag bestreiten. Vor kurzem ist im Umfeld der Schule ein Mann erstochen worden; ein 17-Jähriger gilt als tatverdächtig. Über solche Ereignisse, über Gewalt und Mobbing hätten die Schülerinnen und Schüler zunächst diskutieren wollen, erzählt Wölfel. Auch Musikthemen standen ihnen näher als der Umweltschutz. „Das steht einfach nicht im Lehrplan“, ergänzt Lehrer Ralf Reber und bedauert: „Besonders die Neuntklässlerinnen interessieren sich wohl mehr für Kosmetika.“
Die Herausforderung, medienpädagogische Zugänge für Haupt- und Realschüler zu entwickeln, hat Simone Wölfel gerne angenommen. In einem früheren Projekt, den Funkflöhen, hatte sie bereits Erfahrungen mit Grundschulen gesammelt. Mädchen und Jungen aus 16 Schulen erforschten dabei die Natur und produzierten 30-minütige Radiosendungen von Kindern für Kinder. Eine Klasse ging der Frage auf den Grund, warum Wasser so wichtig ist; eine andere wollte von einem Jäger wissen, warum er Tiere erlegt und was den Wald kaputt macht. An drei Schulen ziehen die Lehrer mittlerweile eigenständig mit den Schülern und dem Mikrofon los und begeben sich auf Ton- und Spurensuche. Damit auch das Hauptschulprojekt irgendwann ohne Wölfel auskommen kann, wurden die Lehrer der beteiligten Schulen zunächst selbst zu Schülern und absolvierten ein Multiplikatoren-Training.
„Es melden sich vor allem die weniger technikscheuen Lehrer“, berichtet Simone Wölfel. Und das ist wichtig, setzt das Projekt doch unter anderem bei der Medienbegeisterung der Schüler an. Neben dem Rhetorik- und dem Medientraining bietet die AG einen Geo-Caching-Ausflug, bei dem die Schüler nicht nur ihre Umwelt neu entdecken, sondern auch den GPS-Empfang ihrer Handys austesten können. Für den Schnitt ihrer vier bis fünf Beiträge und Interviews verwenden die Schüler eine im Schulcomputer installierte freie Software, und auch die Moderationstexte und die Musikauswahl liegen ganz in der Hand der Teenager.
Bei einem so hohen Spaßfaktor können Wölfel und ihre Kollegen mit den Schülern auch ein paar kritische Fragen diskutieren – zum Beispiel zu den Themen Konsum und Lebensstil. Mit einer interaktiven Umfrageübung machen sich die Schüler im Rahmen der AG unsere ressourcenaufwendige Lebensführung bewusst. Da kehren auch die angehenden Reporter vor der eigenen Tür und diskutieren über Mülltrennung und energieverbrauchende Geräte. Auf Nachfrage berichtet Christina: „Meine Eltern lassen immer das Licht brennen.“ Marcel ergänzt: „Bei meinem Opa läuft ständig der Wasserhahn…“ – „Immerhin, das ist dir schon aufgefallen!“, lobt Wölfel die Junior-Reporter für ihren neuerdings geschärften Blick auf die persönliche Umwelt.
Christina ist noch unschlüssig, womit sie sich im Interview befassen will. „Geh zu McDonald’s!“, schlägt Robin vor. Dort war er erst am vergangenen Sonntag und hat bemerkt, dass das Schnellrestaurant nur über eine einzige Müllklappe verfügt. Hinsichtlich des für die geliebten Pommes verwendeten Frittierfettes gibt er zu bedenken: „Man weiß nicht, wo das alles hingekippt wird.“ Seit sie auf den Aushang der Raum-OS-AG reagiert haben, ist es nicht mehr allein die Fernsehsendung Galileo, die die Haupt- und Realschüler für solche Fragen sensibilisiert.
Der Sendeplatz zwischen zehn und elf Uhr am Sonntagvormittag ist schon für die Jugendlichen reserviert. Auf der lokalen Frequenz 104,8 wird dann ganz Osnabrück und Umgebung erfahren, was aus der Spritztour mit dem Elektrobus geworden ist, ob sich ein Tischler für Nachhaltigkeit interessiert und für welche Umweltdelikte es Gefängnisstrafen gibt. Also: stell endlich den Wasserhahn ab, Opa, und schalt das Radio ein!
Nix Pusteblume!
Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.
Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.
Christian Felber steht gerne kopf. Wenn der Ausdruckstänzer und Ökonomie-Dozent einen Vortrag hält, beginnt er den bisweilen mit dem Kopf auf dem Boden und den Füßen in der Luft. Vielleicht liegt es ja an dieser umgekehrten Perspektive, dass der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie auch die Wirtschaft umdrehen will – weg vom Profit- und hin zum Gemeinwohlprinzip. Die Wirtschaft sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt, findet der 39-jährige Wiener.
Der Grundgedanke, nach dem der rotblonde Mann mit dem dezenten Dreitagebart die Ökonomie auf den Kopf – oder sind es die Füße? – stellen will, ist genial einfach. Der Kapitalismus, sagt Felber, fördere die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, nämlich Gier, Geiz, Egoismus, Verantwortungslosigkeit, gnadenlose Konkurrenz und Umweltzerstörung. Kein nobelpreisgekrönter Ökonom habe jemals mit einer Studie beweisen können, dass Wettbewerb die beste Methode sei, sagt er. Im Gegenteil zeigten fast 90 Prozent aller Untersuchungen aus der Spieltheorie, der Sozialpsychologie und der Neurobiologie, dass Kooperation Menschen viel nachhaltiger motiviere als Konkurrenz. Zusammenarbeit begünstige Wertschätzung, Anerkennung und gelingende Beziehungen. Konkurrenz arbeite dagegen mit Angst und Ausgrenzung.
Felber verweist auf eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Juli 2010, in der sich rund 90 Prozent der Befragten in Deutschland und Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“ wünschten. Wie wäre es also, wenn man die Sehnsucht der Menschen ernst nähme? Und die Förderung der besten menschlichen Eigenschaften ins Zentrum stellen würde? Wenn Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation und Solidarität – kurzum: das Gemeinwohl – das Ziel und der Leitstern der Wirtschaft wären? Felber sei ein „Anarchomarxist“ und „herz-jesu-marxistischer Enteignungseuphoriker“, wetterte ob solcher Fragestellungen der Chefredakteur der konservativen Wiener Zeitung Die Presse in mehreren Leitartikeln.
In seinem letzten Buch, das Anfang 2012 in einer erweiterten Neuauflage erscheint, hat Christian Felber in Zusammenarbeit mit einigen attac-nahen Unternehmen das Modell praxisnah ausgearbeitet. Ganz allein das Gemeinwohl zu definieren stehe ihm nicht an, sagt er. Das könne letztlich nur demokratisch geschehen, in einem Wirtschaftskonvent. Solange es den nicht gibt, schlägt er ein Punktesystem vor, anhand dessen gemeinwohlorientierte Betriebe ausgezeichnet werden. Pluspunkte gibt es etwa dafür, dass ein Unternehmen die Beschäftigten mitbestimmen lässt, Frauen in Führungspositionen wählt, einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region, aus Fair-Trade- oder biologischem Anbau bezieht, transparent agiert, Know-how freiwillig weitergibt oder einen Betriebskindergarten einrichtet.
Je höher die Punktzahl, desto größer könnten irgendwann einmal rechtliche oder finanzielle Vorteile sein, etwa ein niedrigerer Steuersatz oder günstigere Kredite bei der ebenfalls im Aufbau befindlichen Demokratischen Bank, schlägt Felber vor. Die verschiedenen Stufen der Gemeinnützigkeit von Firmen sollen mit handylesbaren Farbbalken und Strichcodes auf deren Produkten dargestellt werden, sodass Kunden und Käuferinnen eine klare Orientierung haben, was sie da erstehen.
Einer der rund hundert Pionierbetriebe, die Ende 2011 mit einer solchen „Gemeinwohl-Bilanz“ aufwarten konnten, ist das Beratungsunternehmen Sattler Energie Consulting aus dem österreichischen Gmunden. Die Vorlage dafür, die „Gemeinwohl-Matrix“ mit insgesamt 18 Kriterien, lieferte der Verein um Christian Felber. Der Prokurist der Beratungsfirma, Kurt Krautgartner, grübelte in einer Wochenendschicht über dem Kriterienkatalog. Bei der Energieeffizienz ist die Firma vorbildlich, in anderen Bereichen gibt es durchaus Nachbesserungsbedarf: Die Küche etwa könnte mehr Bioprodukte und der Betrieb mehr Frauen vertragen. Das Logo der Gemeinwohl-Ökonomie, ein fliegender Pusteblumensamen, ist nun auch auf der Webseite des Betriebes zu sehen.
Kopfüber haben sich Felbers Mitstreiter in das Abenteuer gestürzt, die Wirtschaft umzudrehen. Anfang 2012 gehörten der Gemeinwohl-Bewegung insgesamt bereits rund 570 Unternehmen an, knapp 1.100 Privatpersonen und über 80 Organisationen und Vereine – darunter auch attac Österreich, dessen Sprecher Felber ist. Die meisten Unternehmen sind kleine Dienstleistungsbetriebe, aber es finden sich auch etablierte mittelständische, etwa die Sparda-Bank München mit rund 700 Beschäftigten.
Und die Bewegung breitet sich rasant aus – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und weiteren Ländern, koordiniert vom Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie in Wien. Zwei Frauen im Verein kümmern sich hauptamtlich um die Organisation, daneben gibt es zahlreiche Freiwillige, die in verschiedenen „Energiefeldern“ arbeiten.
„Das erste Dax-Unternehmen hat sich auch schon bei uns gemeldet“, erzählt Felber. Ein Millionenkonzern, der auf Gemeinwohl umstellen will? Wird der Börsenkapitalismus etwa morgen abgeschafft? Das sicher nicht, lacht er, das Unternehmen wolle bloß „in Kontakt bleiben“. Einer Aktiengesellschaft ist es zudem de facto verboten, für das Gemeinwohl zu arbeiten, da deren Vorstand per Gesetz verpflichtet ist, die Rendite anonymer und entsprechend verantwortungsloser Aktienbesitzer zu maximieren. Aber weil inzwischen auch weitsichtigere Vorstandsmitglieder darin ein Problem sähen und sich die Bewegung sehr schnell ausweite, sei er insgesamt „ziemlich optimistisch“, sagt Christian Felber.
Der Aktivist schätzt, dass sich in den nächsten Jahren „viele tausend“ Unternehmen an diesem Prozess beteiligen werden, beraten und begleitet von den Ansprechpartnern des Vereins. Auch hätten sich erste Gemeinden gemeldet, die einen „Gemeinwohl-Index“ erstellen und die Lebensqualität in ihrer Region messen wollten. Eine Landesregierung habe in Aussicht gestellt, den Prozess der Beratung und Zertifizierung zu fördern. „Vielleicht in fünf Jahren“, so Felber, werden die verschiedenen Stränge der Gemeinwohlwirtschaft so stark sein, dass man Wirtschaftskonvente in einzelnen Ländern werde abhalten können.
In Felbers Vorstellung von einer „evolutionären Demokratie“ wäre der Wirtschaftskonvent ein neuer Souverän, der Gesetze für den Übergang in eine Gemeinwohlökonomie erlassen würde. Feindliche Übernahmen, Börsenspekulation und Gewinnausschüttungen an Personen, die Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten, könnten dann verboten werden, sagt der Kopfstandfan, „alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.“ Und die Wirtschaft auf die Füße gedreht.
Alaaf!
Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.
Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.
„Kamelle, Strüssjer fair bestellt – am Zugweg steht die Eine Welt“. So lautet die Gravur der apfelsinengroßen Metallplakette, die Roland Pareik in den Händen hält. Das sei das Jahresmotto des Ordens 2008, erklärt Pareik, Vorstandsmitglied des Kölner Vereins Jecke Fairsuchung. Am oberen Ende nimmt die Plakette die Konturen von vier prominenten Baudenkmälern an – allem voran der Kölner Dom, dessen zwei Türme spitz herausragen. Darunter sind bunt gekleidete Comic-Figuren aus verschiedenen Ländern der Welt zu sehen, die ausgelassen einen Karnevalszug vor hierzulande typischer Kleinstadtkulisse begleiten.
Eigentlich braucht es nicht mehr als diesen Orden, um das Anliegen der Jecken Fairsuchung zu begreifen. Beheimatet in einer der größten Karnevalshochburgen der Republik, tritt die 2006 gegründete Initiative nicht an, den Rheinländern ihr Jahrhunderte altes Brauchtum streitig machen. Die lokale Tradition des Karneval, der man mit Begeisterungsstürmen (so gehört es sich für überzeugte Jeckinnen und Jecken), teilnahmslosem Achselzucken (wohl vor allem bei Zugezogenen zu beobachten) oder mit fluchtartigem Verlassen der Kampfzone begegnet, wird vielmehr gezielt genutzt, um einen ersten Schritt in Richtung einer besseren Welt zu gehen: Seit Jahren schon engagiert sich der Verein dafür, dass nicht herkömmliche Süßigkeiten, sondern ökologisch hergestellte und fair gehandelte Kamelle in den Tüten der Karnevalsbegeisterten landen.
So kulturell vielfältig wie der Karneval sind auch die Kamelle, die der Verein den Karnevalsgesellschaften ans Herz legt: Mango-Fruchtgummis aus Paraguay, Maniokchips aus Indonesien, Sesamriegel und Schokoladenfußbälle. Damit die Feiernden auch merken, dass sie es mit einem besonderen „Fang“ zu tun haben, leuchtet auf den meisten Päckchen das Logo der Jecken Fairsuchung: Eine Weltkugel, gekrönt mit einer bunten Narrenkappe. Kurz und bündig – im Karnevalstaumel ist bekanntlich mit eingeschränkter Aufnahmefähigkeit zu rechnen – werden die Jeckinnen und Jecken zudem über Herkunft und Fair-Trade-Anteil informiert. Auch über „Faire Strüssjer“ – Schnittblumen aus menschen- und umweltschonender Produktion – unterrichtet der Verein.
Pareik, studierter Biologe und schon lange im Umweltbildungsbereich aktiv, hat die Jecke Fairsuchung bei ihrer Mission von Anfang an begleitet. Die Idee entstand 2001 im Arbeitskreis „Köln in globaler Partnerschaft“ der Lokalen Agenda 21. Anfänglich stieß das Vorhaben auf taube Ohren. „Früher war das Bewusstsein für fairen Handel und das Wissen um die Produktionsbedingungen in den armen Ländern des Südens noch wesentlich geringer ausgeprägt“, konstatiert Pareik. Ein weiteres Problem: Die großen Vereine in den Karnevalshochburgen hätten oftmals langjährige Verträge mit Lebensmittelkonzernen abgeschlossen, die diese mit konventionellen „Wurfmaterialien“ versorgten. „Eine kleine Initiative, die für fair gehandelte Kamelle wirbt, hatte da schlechte Karten“.
Doch wurden bald erste Erfolge erzielt: Mehrere Schulen erklärten sich bereit, auf fair gehandelte Kamelle zurückzugreifen. Und auch andere Karnevalszüge aus nahe gelegenen Städten wie Düsseldorf oder Neuss zeigten Interesse an der fairen Alternative. Nicht zuletzt durch prominente Partner – Schirmherr der Kampagne ist der Fernsehmoderator Jean Pütz, tatkräftige Unterstützung kommt auch von den Kölner Tatort-Kommissaren Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär – konnte sich die Initiative schnell einen Namen machen.
„Als gemeinnütziger Verein verkaufen wir die Kamelle nicht, sondern verbreiten Wissen über faire Alternativen und geben Adressen an, wo diese bezogen werden können“, klärt Christine Lieser auf. Die Studentin der Regionalwissenschaften Lateinamerika arbeitet seit 2010 in der Geschäftsstelle des Vereins, ihre Stelle ist die einzige, für die ein kleiner Etat vorhanden ist. Während des Studiums für entwicklungspolitische Fragestellungen sensibilisiert, kam sie über eine Ausschreibung zur Jecken Fairsuchung. Das ambitionierte Vereinsziel: Langfristig sollen zehn Prozent der Ausgaben für Wurfmaterial im Straßenkarneval auf fair gehandelte Produkte entfallen.
Vorbehalte, ausschließlich fair produzierte Kamelle zu beziehen, kämen nicht zuletzt von kleinen Vereinen. „Für den gleichen Preis gibt es natürlich deutlich größere Mengen an konventionellem Wurfmaterial“, räumt Lieser ein. Doch die Mehrkosten sind gut investiert: Der Fairhandels-Aufschlag garantiert den Bauern für ihre Rohstoffe einen wesentlich höheren Preis, sodass Produktions- und Lebenshaltungskosten tatsächlich gedeckt werden können. Zudem werden Sozialprojekte, Bildungsangebote und Infrastrukturmaßnahmen finanziert.
Dass mit einer konsequenten Umstellung auf faire Kamelle tatsächlich Gutes bewirkt werden kann, leuchtet ein, wenn man sich die Mengen an Wurfmaterial vergegenwärtigt, die allein beim Kölner Rosenmontagszug – dem größten Karnevalszug Deutschlands – zum Einsatz kommen: Unter dem Motto „Köln hat was zu beaten“ wurden 2011 über 300 Tonnen Bonbons, 700.000 Schokoladentafeln und mehr als 300.000 Strüßjer unter den 1,5 Millionen Zuschauern verteilt.
Die Besucherzahlen verraten zugleich etwas über die ökonomische Bedeutung des Karnevals: Schätzungen gehen von einem jährlichen Umsatz von mindestens einer Milliarde aus, der allein in Köln, Düsseldorf und Mainz erwirtschaftet wird. Bei solchen Massenfestivitäten fällt bekanntlich viel Müll an – nach dem Kölner Rosenmontagszug 2011 kamen 390 Kubikmeter davon zusammen. Auch fair gehandelte Kamelle können dieses Problem nicht lösen, obgleich auf eine ökologisch vertretbare Verpackung geachtet wird. Die Haltung des Vereins ist hier eindeutig: Lieber mit der lokalen Kultur arbeiten als gegen sie – und durch Aufklärungskampagnen dennoch zu einer besseren Welt beitragen. Karneval feiern mit gutem Gewissen ist der Jecken Fairsuchung daher nicht genug: In Kooperation mit Lehrkräften ist eine „Aktivmappe Faire Kamelle“ entstanden, die Schülerinnen und Schüler mit den Grundsätzen fairer Lebensmittelproduktion vertraut machen soll.
Öffentlichkeitswirksam zeichnet der Verein zudem einmal im Jahr Karnevalsaktivisten aus, die sich vorbildlich für den fairen Handel engagiert haben. Mit einem Augenzwinkern wird auch hier an die materielle Kultur des Karnevals angeknüpft: Die Preisträger bekommen einen eigens gestalteten Orden überreicht, dessen Design die Idee von der „Einen Welt“ auf den Punkt bringt. Wie passend, dass im Jahr 2012 die Welthauptstadt des Karnevals – Rio de Janeiro – auch den Nachhaltigkeits-Weltgipfel beherbergt. Bei der Jecken Fairsuchung heißt es daher: „Weltgipfel in Rio – Kamelle fair und bio“.
Schlepperbande
Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.
Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.
„Depot Hauslieferdienst“ steht über einem Durchgang wenige Meter neben den Kassen des Migros-Supermarkts im schweizerischen Burgdorf. Dahinter befindet sich ein schlichtes Holzregal, in dem schon zwei blaue Einkaufstaschen lagern. „Donnerstags bis samstags ist das hier rappelvoll“, sagt Stefanie Fluri, die den Blumenstand nebenan betreibt und die Vignetten für den Lieferdienst verkauft – schlichte, blau-weiße Aufkleber. Drei Franken kostet der Transport eines 20-Kilo-Gepäckstücks; ein Jahresabo mit beliebig vielen Lieferungen schlägt mit 150 Franken zu Buche. Der Kunde muss nur einen Zettel mit seiner Adresse ausfüllen und ihn an die Tasche anheften; spätestens drei Stunden später kann er alles an seiner Wohnungstür entgegennehmen.
In regelmäßigen Abständen taucht im Migros ein Fahrradkurier auf, der die Tüten in einen leuchtend-blauen Anhänger lädt und damit durch Burgdorfs verkehrsberuhigte Innenstadt in Richtung Bahnhof entschwindet. Dort befindet sich die Zentrale des Hauslieferdienstes, der ein knappes Dutzend Langzeitarbeitslose beschäftigt. Der Kurier betritt das große Zelt, in dem neben einem bewachten Fahrradparkplatz für Pendler auch sein Arbeitgeber untergebracht ist. Er stellt die Taschen zu anderen Gepäckstücken, die Kollegen anderswo eingesammelt haben. Nun werden die Lieferungen nach Zielstraßen neu zusammengestellt – und auf geht’s.
Lee Julian raucht noch schnell eine Zigarette, bevor er aufbricht. „Wir alle haben Elektroräder, hier in Burgdorf geht es schließlich bergauf und bergab, und oft haben wir 100 Kilo zu schleppen“, berichtet der 24-Jährige, der mit seinem Bart und den langen Haaren ein bisschen aussieht wie Rübezahl, nur eben mit Fahrradhelm. Seit er hier schuftet, bekommt er zusätzlich zum Sozialgeld in Höhe von 760 Franken noch einmal 400 bis 500 Franken vom Arbeitsamt. Für den Fall, dass er zwei Monate durchhält, hat ihm sein Berufsberater einen Ausbildungsplatz zum Pflegeassistenten zugesagt. „Ich finde das eine gute Sache hier: Ich muss nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen und kann der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt der junge Mann mit der gesunden Gesichtsfarbe und schiebt nach: „Hier verdiene ich außerdem noch ein bisschen was dazu und kriege auch häufiger Trinkgeld.“ Zwischen 20 und 30 Mal am Tag bricht er auf, um eine Fuhre wegzuschaffen.
Der Lieferdienst ist inzwischen gut etabliert in dem 15.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Bern. Bei allen größeren Lebensmittelläden fahren die Kuriere regelmäßig vorbei. Steht bei einem Hobbymarkt oder einer Boutique Gepäck zum Wegradeln bereit, rufen die Ladenbesitzer beim Velodienst an. Weil sie ihr Auto nicht mehr als Lagerraum und Transportmittel brauchen, kommen mehr Kunden zu Fuß, per Rad oder mit dem Bus zum Einkaufen. Die Haushalte, die den Bringdienst nutzen, haben ihre Autofahrten um 21 Prozent reduziert.
Sonnentank
Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.
Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.
Yill ist eine Schönheit. Glatt. Weiß. Rund. Kein Model, sondern ein Modell: ein zukunftsträchtiger Solarspeicher. Mit ausziehbarem Griff fahrbar wie ein Rollkoffer. Hergestellt wurde Yill von Younicos, einer Solarfirma mit 40 Mitarbeitern in Berlin-Adlershof.
Yill wurde aber nicht des schönen Designs wegen entworfen, sondern aufgrund eines Problems: Den erneuerbaren Energien fehlen Speicher, wenn der Wind nicht weht und die Sonne scheint. Umgekehrt gesagt: Wenn die Sonne kräftig scheint, dann kann Yill den Sonnenstrom aufnehmen, der bei Younicos über die Solarmodule auf dem Dach geerntet wird. Als Speicher dient ein robuster Lithium-Titanat-Akku, der seine Benutzer drei Tage lang unabhängig macht von der Steckdose.
Yill lässt sich in den Park ziehen oder in einen Partykeller; sie sorgt überall für Energieautarkie. Und sie könnte sogar die Architektur revolutionieren, denn teure Kabelverlegungen in Büroräumen, Altbauten und Fabriklofts würden überflüssig: Schnell mal ein paar Yills hergerollt und Computer daran angeschlossen, und schon lässt sich eine Arbeitsgruppe installieren. Allerdings gibt es bisher nur 15 Prototypen für jeweils mehrere tausend Euro – solange Yill nicht in Serie produziert wird, ist sie teuer.
Der Chef von Yill ist Clemens Triebel – 53 Jahre alt, quirlig, umtriebig, lausbubenhaft. Der studierte Maschinenbauingenieur, einer der beiden Mitbegründer von Younicos, träumt von der kommenden Energiedemokratie, die „Häuptling Atom“ und „Häuptling Fossil“ entmachten wird. Triebel hat eine linke Geschichte, er demonstrierte gegen Atomkraft und gehörte ab 1985 zum Kreuzberger Kollektiv Wuseltronik, das schon sehr früh Wind- und Solarmodelle zusammenbastelte. Zusammen mit anderen Visionären gründeten die Wuseltroniker 1996 die Solarmodulfirma Solon, die zeitweilig der größte Solarmodulhersteller Europas war und Younicos nun als Untermieter beherbergt. „Let the fossils rest in peace“ ist der Leitspruch von Younicos, und deshalb wird auf firmeneigenen dunklen Grabplatten schon jetzt der letzten Bohrinsel gedacht, des letzten Öltankers, der letzten Zapfsäule.
Yana ist die große Schwester von Yill, und auch sie bietet einen ästhetischen Anblick. Auf dem firmeneigenen Rasen steht ein rostfarbener Kubus mit einem ausladenden, 50 Quadratmeter großen Solardach. Der Rost-Würfel beherbergt einen großen Vanadium-Redox-Flow-Akku, der 100 Kilowattstunden Strom speichern kann. Damit lässt sich sommerlicher Sonnenüberschuss einlagern und eine Solartankstelle betreiben, die derzeit die Elektroroller und -autos der Younicos-Belegschaft versorgt. Die Firma Gildemeister, mit der Younicos kooperiert, hat bisher acht Yana-Solartankstellen verkauft. 99.000 Euro kostet die Batterie und 340.000 Euro eine ganze Tankstelle – inklusive „intelligenten Steckdosen“, die die Benutzer erkennen. Weitere Yanas sind bestellt.
So schön Yill und Yana auch sind – für Triebel sind sie kein Selbstzweck. Ihm geht es darum zu demonstrieren, dass eine hundertprozentige Versorgung mit dezentralen erneuerbaren Energien möglich ist. „Und dass das Spaß macht.“
Sparfüchse
Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.
Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.
Am liebsten sitzt Bauer Wendelin Einsiedler auf seinem Balkon und schaut den Windrädern beim Drehen zu. „Windpapst“ nennen ihn die Leute in Wildpoldsried. Doch allzu viel Muße hat der CSU-Vorsitzende des 2.500-Einwohner-Dorfes im bayrischen Allgäu nicht. Denn der 55-Jährige mit den vielen Lachfältchen und dem rötlichbraunen Bart hat ein klares Ziel: Sein Dorf soll so wenig Energie wie möglich verbrauchen und so viel wie möglich erzeugen – beides, ohne das Klima zu belasten.
Während sich in anderen Orten Menschen gegen Windräder sträuben, spricht in Wildpoldsried niemand von einer „Verspargelung“ der Landschaft. Im Gegenteil. Der Grund ist einfach: Alle Einwohner hatten die Möglichkeit, sich am Bau finanziell zu beteiligen – und so profitiert heute ein Großteil der Haushalte von den Einnahmen. „Ein Investor von außen würde hier nie eine Genehmigung kriegen“, ist sich Einsiedler sicher. Auch Susi Vogl, die das Koordinationsbüro Energie- und Klimaschutz im Rathaus managt, betont die Vorteile: „Solche Bürgeranlagen stärken den Zusammenhalt im Ort, weil davon nicht RWE, e.on oder sonst wer profitiert.“
Für die Pachteinnahmen hat Wendelin Einsiedler ebenfalls eine Regelung ersonnen, die Konflikte unwahrscheinlich macht: Es kassiert nicht nur der Bauer, auf dessen Acker die Anlage steht, sondern auch alle Nachbarn im Umkreis von 300 Metern. „Wir haben den Konzernen schon viel abgezwackt“, sagt der Landwirt – und das findet er richtig gut, weil das Geld jetzt vor Ort bleibt. „Die Großen arbeiten doch gegen alle Vernunft. Da muss man ja nur an die Gefahren der Atomkraft denken.“ Bei solchen Themen kann sich Einsiedler, der sich selbst als ruhigen Menschen beschreibt, auch richtig aufregen. „Man kann doch nur mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie!“
Mitte der 1990er-Jahre interessierte sich in Wildpoldsried außer Einsiedler noch kaum jemand für den Klimawandel – inzwischen weiß jedes Kind bestens Bescheid. Energiesparen ist hier zum Volkssport geworden. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich damit auch Geld verdienen lässt.
Wo es geht, greifen die Wildpoldsrieder auf eigene Ressourcen zurück. Um herauszufinden, wie gut oder schlecht ihre Häuser isoliert sind, beauftragten sie die örtlichen Ballonsportfreunde Feuer und Flamme. Die schwebten an einem schönen Wintertag hoch in den Himmel und schossen Fotos von den Dächern: Wo der Schnee geschmolzen war, war die Dämmung ersichtlich miserabel. Der Gemeinderat organisierte anschließend für alle Interessierten eine günstige Energieberatung. Auch zum Thema Heizungsumwälzpumpen, die häufig ununterbrochen laufen und dadurch viel Strom verschleißen, machte der Gemeinderat den Bürgern ein Angebot: Ein Ratsmitglied, das hauptberuflich in einer Herstellerfirma für Heizungspumpen arbeitete, würde alle Haushalte besuchen, die das wünschten. Der Gutachter inspizierte dann tatsächlich die Anlagen aller interessierten Haushalte und handelte anschließend mit seinem Arbeitgeber für die massenhafte Erneuerung einen günstigen Preis aus.
Besonders erfolgreich war eine Aktion zum kollektiven Einkauf von Solarmodulen. Der Großauftrag bescherte den Beteiligten nicht nur einen fetten Rabatt, sondern veranlasste den Lieferanten auch, seine Firmenzentrale nach Wildpoldsried zu verlegen – wo er seither Steuern zahlt.
Alle Gemeindegebäude in Wildpoldsried werden heute mit Fernwärme aus bayrischen Holzpellets geheizt, und auch ein Großteil der Wohnungen und Privathäuser sind inzwischen an das Wärmenetz angeschlossen. Viele Bewohner der Straßen, in denen noch keine Leitungen liegen, drängen auf einen Ausbau des Netzes. Schließlich sparen diejenigen, die jetzt auf eine Ölheizung verzichten können, etwa die Hälfte der Betriebskosten.
Summa summarum erzeugt Wildpoldsried heute über dreimal so viel Energie wie es verbraucht – und im kommenden Sommer wird sich die produzierte Strommenge durch zwei 180 Meter hohe Windanlagen noch einmal deutlich erhöhen.
Wendelin Einsiedler und seine Mitstreiter wollen gar nicht mehr aufhören mit dem Optimieren. Sie haben mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, mit dem regionalen Netzbetreiber und Siemens verhandelt – und alle gemeinsam testen nun in Wildpoldsried ein „intelligentes Stromnetz“, das die Balance zwischen Stromherstellung und -verbrauch verbessern soll und dadurch so manchen Leitungsneubau überflüssig machen könnte. Auch Elektrofahrzeuge kommen bei dem auf zwei Jahre angelegten Versuch zum Einsatz. Selbstverständlich sitzt auch Wendelin Einsiedler öfters hinterm Steuer eines E-Autos, das er sich mit zwei anderen teilt. „Wenn das mit Batterieautos klappt, dann sind wir hier wirklich autark“, frohlockt der 55-Jährige.
Donderdag
In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.
In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.
Die Bewegung begann in der belgischen Stadt Gent. Jeder Donnerstag ist dort Veggiedag: Da kommt vor allem Fleischloses auf den Tisch. So haben es die Stadtverordneten im Frühjahr 2009 beschlossen – und so setzen es die Köche in den öffentlichen Kantinen und Schulmensen um. Auch in jedem Restaurant soll zumindest ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte stehen.
Die Idee stammt von der Ethischen Vegetariervereinigung Flandern (EVA). Sie versuchte im Herbst 2008, den Genter Stadtpolitikern den Veggiedag schmackhaft zu machen. Fast zeitgleich kam damals der Vorsitzende des internationalen Klimarats IPCC, Rajendra Pachauri, nach Gent und hielt einen Vortrag an der Universität. „Natürlich geht man da hin, wenn ein Nobelpreisträger bei uns vor Ort spricht“, sagt Tom Balthazar, der in der Stadtregierung für Umwelt und Soziales zuständig ist. Was der indische Umweltwissenschaftler dort berichtete, elektrisierte den Politiker: Die weltweite Fleischproduktion ist für mindestens 18 Prozent des gegenwärtigen Ausstoßes an klimaschädlichen Gasen verantwortlich. Jedes Jahr werden Millionen Hektar Regenwald zerstört, um auf den gerodeten Flächen Viehfutter anzubauen. Hinzu kommt, dass aus jeder Kuh vorne und hinten täglich 300 Liter des Klimakillers Methan entweichen und dass Schafe und Ziegen die Atmosphäre auf ähnliche Weise belasten. Das Einfachste, was ein Bürger zum Klimaschutz beitragen kann, sei der Verzicht auf Fleisch, so die Botschaft des Wissenschaftlers.
Die linksliberale Stadtregierung in Gent reagierte prompt – nicht zuletzt überzeugt durch den Genuss eines vegetarischen Menüs, das der flandrische Starkoch Philippe van den Bulck den Politikern servierte. Auch sonst waren die Voraussetzungen in der 240.000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Brüssel günstig: Schließlich rühmt sie sich, die größte Dichte vegetarischer Restaurants weltweit zu besitzen. „Die Opposition war nicht dagegen, fand das Thema allerdings eher marginal und machte sich ein bisschen über uns lustig“, so Balthazar. Von den Schlachtern im Stadtgebiet kamen ebenfalls ein paar Kommentare, die das Ganze ins Lächerliche ziehen sollten. Offen protestiert aber hat bisher nur der Belgische Bauernverband, der das vermeintliche „Fleischverbot“ geißelte.
Im Mai 2009 wurde Gent bei einer großen Party auf dem Gemüsemarkt von Tom Balthazar zur „Vegetarierhauptstadt Europas“ erklärt. Kinder führten vor dem historischen Schlachthaus ein Theaterstück auf: Eine Banane vertreibt das Beefsteak. Mit Lust, Spaß und Argumenten versuchen die Initiatoren, ihre Mitbürger zu überzeugen. Eine fleischarme Ernährung ist schließlich nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die eigene Gesundheit, denn häufiger Fleischgenuss kann zu Herzinfarkten, Gefäßkrankheiten und manchen Krebsarten führen.
Als tabu hingegen gilt in Gent jeglicher Zwang: So müssen die Genter Beamten und Stadtangestellten, die das Gefühl haben, ohne Fleisch vom Fleisch zu fallen, auch donnerstags nicht darauf verzichten. Trotzdem wählen etwa zwei Drittel die vegetarischen Angebote – und inzwischen gibt es auch an jedem anderen Wochentag ein entsprechendes Gericht. In den Schulkantinen wird der Veggiedag sogar zu 90 Prozent angenommen.
Schon zum zweiten Mal lässt Gent nun spezielle Stadtpläne drucken, um Besuchern und Einheimischen das Auffinden vegetarischer Gaststätten zu erleichtern. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In einem Dutzend Genter Restaurants gibt es heute überhaupt kein Fleisch mehr, insgesamt fast 100 haben vegetarische Angebote auf der Speisekarte. Darüber hinaus sind inzwischen zahlreiche vegetarische Kochkurse im Angebot. „Bei uns ist Vegetarismus keine Nischenangelegenheit mehr“, führt Pascal Goethals von der Genter Stadtverwaltung aus und verweist auf eine Umfrage, bei der sich immerhin 19 Prozent der flandrischen Bevölkerung zumindest als „Teilzeit-Vegetarier“ bekennen; im Landesdurchschnitt sind es drei bis vier Prozent.
Derweil sehen sich Tom Balthazar und seine Mitstreiter mit einer Flut von Emails und Telefonanrufen aus aller Welt konfrontiert. Gerade waren Delegationen aus Südkorea und Japan vor Ort, und auch in der brasilianischen Millionenstadt São Paulo interessieren sich viele für die Erfahrungen. In Deutschland hat das Beispiel inzwischen schon mehrere Nachahmer gefunden: In Bremen und Schweinfurt wurden sogenannte Veggidays eingeführt, in Wiesbaden läuft eine entsprechende Kampagne.
second design
Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.
Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.
Ein Zaun aus alten Langlaufskiern, ein Windspiel aus CDs, ein halber Globus als Lampenschirm, eine Autoscheibe als Dachunterstand: wer das Gelände der Herforder RecyclingBörse! betritt, merkt schnell, welch unkonventioneller Wind hier weht. Was eben noch Müll war, wird von Menschen, die eben noch arbeitslos waren, als Ware für die Second-Hand-Kaufhäuser und Läden der RecyclingBörse! aufbereitet oder zerlegt und wiederverwertet. Auch an diesem Nachmittag herrscht reges Treiben – der eine sucht im Kaufhaus nach günstigem Weihnachtsschmuck, besonderen Büchern oder einer Jacke. Die andere kommt vorbei, um ein paar Stühle und eine alte Kamera zu spenden. „Wir sind ein großer Flohmarkt“, erklärt Geschäftsführer Udo Holtkamp mit Understatement. Mehrere tausend Tonnen Müll konnten durch das Sozialunternehmen bislang vermieden und als Waren in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden – auch Kunst und Kultur profitieren davon.
„Gerade erst habe ich ein paar alte Spielzeugpistolen an das Berliner Museum der Dinge abgegeben“, erzählt der ehemalige Buchhändler und kramt aus einer Kiste waffeleisenförmige Untersetzer hervor, die eine Gestalterin aus gebrauchten Bundeswehrdecken geschaffen hat. Um solch müllvermeidende Innovationen ging es der RecyclingBörse!, als sie 2007 den RecyclingDesignpreis ins Leben rief. Der Preis fordert Kreative auf, sich – frei nach dem Dadaisten Kurt Schwitters – auf die Suche nach dem „verborgenen Sinn weggeworfener Dinge“ zu machen. Zuletzt, 2011, gewann eine Designerin, die aus einem PVC-Rohr und einem alten Traktorschlauch einen Hocker baute. Im Februar 2012 wird der Preis zum fünften Mal vergeben: 600 Gestalter aus 38 Ländern haben ihre aus „weggeworfenen Dingen“ geschaffenen Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände eingereicht. Den Besten unter ihnen winken ein von der RecyclingBörse! gestiftetes Preisgeld und eine Ausstellung, unter anderem im örtlichen Prestigebau, dem Kunstmuseum MARTa Herford.
Mit dem RecyclingDesignpreis und der MARTa-Kooperation ist das Sozialunternehmen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dort stand es nicht immer. Alles begann 1983 mit einigen Arbeitslosen aus der „links-alternativen Ecke“, die Anstoß an der Müllverbrennungsanlage nahmen und ihre Suche nach Arbeit mit der Suche nach Alternativen zur Wegwerfkultur kombinierten. Sie gründeten den Arbeitskreis Recycling e.V., der seit 1984 die RecyclingBörse! als einen Zweckbetrieb unterhält. Die – letztlich denkbar simple – Idee, brauchbare Artikel vor der Mülldeponie zu retten und zu günstigen Preisen zu verkaufen, stand schnell: doch mangelte es an Spenden. „Das Bürgertum sah in uns linkes Pack – unterstützt haben uns zunächst nur die armen Socken“, erläutert Holtkamp.
Dass dennoch eine Erfolgsgeschichte erzählt werden kann, in der aus Arbeitslosen tatsächlich Mitarbeiter und aus ihrem anfangs skeptischen Umfeld Spenderinnen und Kunden geworden sind, liegt, laut Holtkamp, vor allem am Dialog mit der Kultur. Mit ein paar provokanten Kunstprojekten brachte sich der Arbeitskreis im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre ins Gespräch, lobte 1999 einen regionalen Recyclingkunstpreis und acht Jahre später schließlich den, inzwischen internationalen, RecyclingDesignpreis aus. Aus Alt wurde Kunst; die Bildungsbürger entdeckten, was „Müll“ alles kann – und das Recyclingprinzip landete in den Salons der kulturbeflissenen Gesellschaft.
Von diesem Umdenken profitierte die RecyclingBörse!, die sich im Laufe der Jahre über immer mehr Anerkennung und Spenden freuen durfte. Mittlerweile gilt sie, ohne das Provokationsprinzip an den Nagel gehängt zu haben, als mittelständischer Integrationsbetrieb. Etwa 115 Personen bietet die Börse derzeit eine kurz- oder längerfristige Arbeitsgelegenheit. Damit verschafft sie vielen Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern eine Perspektive, eine neue Qualifikation, einen erweiterten Horizont. Gemeinsam mit dem Herforder Designer Oliver Schübbe zerlegte beispielsweise eine Gruppe jugendlicher Langzeitarbeitsloser gespendete Möbel und schuf aus dem so gewonnenen Restholz die Regale und Tresen, die mittlerweile in den drei Ladenfilialen der RecyclingBörse! zu finden sind. Auch eine Kantine für das Herforder Second-Hand-Kaufhaus ist auf diese Weise entstanden. Hier rastet, wer sich vom Stöbern erholen will – und trifft womöglich auf einen Mitarbeiter, der gerade aus zwei oder drei alten Fahrrädern ein neues zusammengeschraubt hat.
Auch auf dem Bielefelder Wertstoffhof hat Holtkamp kürzlich einen Arbeitsplatz geschaffen: ein lernbehinderter Jugendlicher überzeugt nun die Bürger vor Ort, ihre brauchbaren Sachen nicht wegzuschmeißen, sondern zu spenden. „Das soll so eine Art Blaupause sein – vielleicht klappt es auch in anderen Städten.“ In Holtkamps Glatzkopf tummeln sich die Blaupausen. Schulen als Recyclingsammelstellen – warum nicht? Die Eltern brächten ihre Kinder doch eh mit dem Auto – da könnten sie Sperriges gleich mittransportieren und die Schüler an die Müllproblematik heranführen.
Gezieltes Sammeln hat sich bei der Börse schon öfters bewährt: Seit 2002 organisiert sie ihre Altkleidersammlungen über den örtlichen Umweltkalender, der 130.000 Haushalte erreicht. Durch die mit der Kommune koordinierte Textilsammlung wurden viele Herforder auf die RecyclingBörse! aufmerksam: der Umsatz stieg im Jahr darauf um 30 Prozent. „Die Leute haben sich an unsere Sammlungsaktionen gewöhnt.“
Die Werbetrommel rühren die Börsianer dennoch weiter. Beim Stadtfest sind sie mit einer Altkleidermodenschau, beim Weltkindertag mit selbstgebasteltem Spielzeug und beim Carnival der Kulturen mit originellen Wurfmaschinen vertreten. Dass das nicht nur Umsatz bringt, sondern auch Spaß macht, zeigt eine Fotodokumentation, die die Mitarbeiter in ihrem Spind aufbewahren. „Ich würde sogar bei einem Fest der CDU mitmachen“, sagt Holtkamp, der eine Designer-Brille zum Antiatomkraft-Button und einer alten Lederweste trägt.
Die Grenzen seiner Arbeit kennt er dennoch ganz genau: „Sustainable Design ist besser als Recyclingdesign“, reflektiert Holtkamp. Und: die Waren, die sich bei ihnen nicht verkaufen lassen, landen unvermeidbar doch in der Müllverbrennungsanlage, gegen die die Gründer der Börse einst demonstrierten. „Eigentlich müssten wir überflüssig werden, aber ich habe es aus Altersgründen aufgegeben, den Kapitalismus zu bekämpfen“, raunt Holtkamp und treibt stattdessen das kreative Spiel „Aus Alt mach…“ munter weiter. Dessen Reiz ist auch den Japanern nicht verborgen geblieben. Kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima stellte sich das japanische Designmagazin Axis die Frage: wohin mit all dem Müll? Das Ergebnis der Recherche: eine Reportage über die RecyclingBörse! im fernen Herford.
Know How
Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.
Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.
Über ihren Beitrag zum Zustand der Welt entscheiden die Menschen am Herd. Davon sind die Mitglieder der Tagwerk-Genossenschaft seit langem überzeugt. Deshalb druckt das Unternehmen aus Dorfen bei München auf jede Getreidetüte die genaue Adresse des Bauern, der die Körner angebaut hat. Auch die Herkunft von Wurst, Gurken oder Käse können die Käufer nachvollziehen. Der größte Teil des Angebots stammt aus der nahen Umgebung, und wer hier einkauft, kann sicher sein, dass er oder sie weder Pestizide noch gentechnisch veränderte Lebensmittel im Kochtopf hat.
Die Geschichte der wohl größten Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands beginnt Mitte der 1980er-Jahre. Damals zog sich ein bunt gemischtes Grüppchen aus Friedensbewegten und Umweltschützerinnen, Linken und Christen ein Wochenende lang in ein Kloster zurück. Viele von ihnen hatten es satt, eingeschweißte Fleischlappen, Tütensuppen und Obst unbekannter Herkunft in ihre Einkaufswagen legen zu müssen. „Uns ging es damals nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um politische Fragen und Umweltschutz“, stellt die spätere Vorstandsfrau Inge Asendorf klar.
Die Mitglieder der Initiative wollten nicht länger einem immer mächtigeren Netz von Lebensmittelkonzernen ausgeliefert sein. Denn bei diesen sahen sie die Hauptverantwortung für den Hunger in armen Ländern. Die gigantischen Unternehmen bezögen ihre Produkte ausschließlich von agroindustriellen Großbetrieben, die mit modernen Maschinenparks billig für den Weltmarkt produzieren und dadurch die Existenz von Millionen Kleinbauern aufs schärfste bedrohen. Weiterhin führe der Anbau von wenigen Hochertragssorten zu einer gefährlichen Verarmung der biologischen Vielfalt. „Zwingen uns die Verhältnisse, ein Leben auf Kosten anderer und der Umwelt zu führen?“, fragten sich die Klausurteilnehmenden und setzten dem ein Manifest entgegen: „Wir wollen überschauen können, was wir tun. Wir wollen verstehen können, wie es funktioniert. Wir wollen verantworten können, was wir tun.“
Als ersten Schritt beschloss die Gruppe, eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft mit einer befreundeten Biobauernfamilie aufzubauen. Die Gemeinschaft wuchs rasch, bald kamen weitere Höfe und eine Bäckerei dazu. Einige Gruppenmitglieder stellten sich nun regelmäßig auf Wochenmärkte und verkauften Milch, Kohl und Brot – man hatte Spaß miteinander und genoss noch dazu leckeres Essen. Schließlich gründeten 48 der bisherigen Gemeinschaftsmitglieder eine Genossenschaft, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl einen rapiden Nachfragezuwachs erfuhr.
Wie andere Kolleginnen rutschte auch Inge Asendorf in die neue Aufgabe „einfach so hinein, weil da lustige und interessante Leute waren und es einen menschlichen Zusammenhalt gab.“ Der ist in der Tagwerk-Zentrale in Dorfen auch heute noch zu spüren. Die Genossenschaft sitzt in einem hervorragend gedämmten Ziegelbau, der mit einer Solaranlage auf dem Dach und einem Holzhackschnitzel-Blockheizkraftwerk im Keller ausgestattet ist und in dem selbst die Abwärme der Kühlräume nutzbar gemacht wird.
Die Grundsatzdiskussionen sind mittlerweile ausgestanden: Es gibt hier Taschenrechner und Computer; manche der Produkte haben mehr als 50 Kilometer hinter sich, weil die Menschen in Dorfen und Landshut nun auch mal Nudeln oder saure Gurken aus ferneren Gefilden essen wollen. Selbst Tomaten im Februar sind nicht mehr tabu. „Es war bitter, das zu akzeptieren – aber es ist praxisfern, die Leute überzeugen zu wollen, im Winter auf Sommergemüse zu verzichten“, sagt Aufsichtsrätin Hanna Ermann. Ein Tagwerker begegnete dem auf seine Weise: Er verfasste ein jahreszeitliches Kochbuch mit vielen kreativen Rezepten und lustigen Sprüchen.
Lange Zeit arbeiteten alle von der Packerin bis zur Chefin zum Einheitslohn von etwa 10 Euro pro Stunde; inzwischen werden die rund 20 Angestellten nach einem etwas differenzierteren Gehaltssystem bezahlt. Zur Genossenschaft gehören außer Kundinnen und Vermarktern etwa 100 Produzenten – Biobauern, Gärtnerinnen, Imker, Metzgerinnen, Bäckereien und Käsereien. Zu kaufen gibt es Tagwerk-Produkte in acht Läden sowie auf dutzenden von Wochenmärkten und im Naturkosthandel bis nach München.
Rekord(ver)dach(t)
Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.
Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.
Es begann alles mit einem Weltrekord. Auf dem Dach eines Speditionsunternehmens im hessischen Bürstadt dehnten sich im Jahr 2005 Solarmodule auf der Fläche von acht Fußballfeldern, insgesamt rund 45.000 Quadratmetern – seinerzeit die weltgrößte Dachflächenanlage der Welt. Der Sonnenfleck, wie das Projekt genannt wurde, war maßgeblich das Werk von Erhard Renz.
Der 57-jährige Frühpensionär mit dem schütteren Haar und dem fröhlichen Lachen lebt in Bürstadt nur acht Kilometer vom Atomkraftwerk Biblis entfernt. Dass er wenige Tage vor dem Super-GAU in Tschernobyl eine Tochter bekommen hatte, verstärkte damals seine Abneigung gegen die Atomkraft nur noch mehr. Der Industriekaufmann, der bei Daimler Benz im Rechnungswesen arbeitete, wollte zeigen, dass es auch anders geht, und machte sich ab den 1990er-Jahren für Windenergie stark. Doch sein Engagement für einen Windpark an der Nordsee frustrierte ihn: Viele Beteiligte „hatten nur Interesse an der Rendite“. Seit 2000, dem Jahr der Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und der damit verbundenen erleichterten Förderung von Solarenergie, engagierte sich Erhard Renz auch für Solaranlagen, hielt Vorträge, dachte sich lustige Solarwettbewerbe zwischen Kommunen aus und wurde Schritt für Schritt zum „Sonnenflüsterer“ – so heißt auch seine Webseite. Das Weltmeisterdach in Bürstadt war zwar das größte Projekt, bei dem der unermüdliche Freizeitaktivist mitgemischt hat, aber nur eines von vielen.
Was den Überzeugungstäter Renz an seinem „Sonnenfleck“ aber letztlich doch störte, war die Pro-Kopf-Mindestbeteiligung von 50.000 Euro. Die Menschen, die in seine Vorträge strömten, hatten nicht so viel Geld. Auf einer Solarmesse in Freiburg sprach er deshalb Burghard Flieger an, einen ausgewiesenen Experten für Genossenschaften, der auch Qualifizierungsseminare für Gründungswillige anbietet. Zusammen erarbeiteten Renz und Flieger ein Genossenschaftsmodell, bei dem Engagierte sich schon mit 100 Euro beteiligen konnten. „100 Euro hat fast jeder, und wer einmal in ein Solardach investiert hat, bleibt der Branche treu“, so die Erfahrung von Renz. Anfang 2005 gründeten die beiden mit weiteren elf Mitstreitern die Solar-Bürger-Genossenschaft. Zu Beginn des Jahres 2012 hat die Genossenschaft 120 Mitglieder, die mehr als 800 Anteile zu je 100 Euro halten. Auch Prominente sind darunter, etwa der Kabarettist Arnulf Rating. „Den hab’ ich nach einem Auftritt bei uns in der Gegend drei Stunden lang vollgeflüstert“, lacht der „Sonnenflüsterer“.
Die Solargeno, wie sie abgekürzt heißt, war die dritte deutsche Bürgersolargenossenschaft überhaupt und die erste bundesweit aktive. Sie löste einen wahren Gründerboom aus. Seit 2008 vermehren sich „Genos“ rasant, Ende 2011 waren es rund 300, davon allein in Baden-Württemberg 45. Und 2012, glaubt Solargeno-Vorstandsmitglied Burghard Flieger, werden es noch mehr. Schließlich ist 2012 das von der UNO ausgerufene Internationale Jahr der Genossenschaften – 150 Jahre, nachdem Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch dieses Modell der Solidarökonomie in Deutschland eingeführt haben. Also, trotz der FDP-verursachten Kürzung der Solarstromförderung: Noch mehr Solarmodule auf noch mehr Dächern werden noch mehr Genossen und Genossinnen erfreuen.
Ganz einfach war der Weg auch für die Solargeno nicht, bei ihren Projekten gab es immer wieder technisch oder organisatorisch bedingte Verzögerungen. Doch eine besondere Eigenschaft von Genossenschaften verhilft ihnen in der Regel zu Erfolg: Sie können neue Standorte erschließen, an die Einzelpersonen oder Unternehmen nicht herankommen. Gerade in ländlichen Regionen finden sich jede Menge Speicher, kommunale Gebäude, Supermärkte oder Kirchen, die „eins aufs Dach“ verdienen. Dachbesitzer können die Flächen gratis vergeben oder vermieten, wenn sie sich nicht selbst engagieren möchten.
Auch die Freiburger Solar-Bürger-Genossenschaft hat nunmehr drei Anlagen auf Großdächern in unterschiedlichen Regionen am Laufen: eine auf dem Feuerwehrhaus von Bürstadt, eine auf der Christoph-Graupner-Schule in Darmstadt und seit Ende 2011 die größte und neueste auf dem Werk von Gummi-Mayer im pfälzischen Landau, die mehr als eine halbe Million Kilowattstunden pro Jahr ins Netz einspeisen wird. „Ich bin beseelt von diesem Projekt“, bekannte Dachbesitzer Mayer bei der Anlageneinweihung und wünschte sich „Sonnenschein in den Seelen aller Beteiligten“. Mit diesem dritten Projekt konnte die Solargeno ihre Stromproduktion immerhin verzehnfachen, und weitere Solardächer sowie gemeinschaftlich betriebene Blockheizkraftwerke in Freiburg und Umgebung sind laut Burghard Flieger in Vorbereitung.
Jeden Morgen geht die Sonne auf, und wenn die Solardächer einmal arbeiten, werfen sie jährlich rund vier bis sechs Prozent Rendite ab – auf 20 Jahre Laufzeit gerechnet. Das erste Ziel der Solargeno aber ist nicht die Rendite, sondern, so die Satzung, „eine Demokratisierung der Energiewirtschaft und die Förderung der Energiewende hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung“. Nicht Offshore-Windkraft und das Sahara-Mammutprojekt Desertec, sondern nur die dezentralen erneuerbaren Energien ermöglichten den nötigen „Systemwechsel“, heißt es ergänzend auf der Webseite. „Man muss sie nicht suchen, freilegen und ausgraben, dann an einen zentralen Ort bringen, um sie wieder zu verteilen, sondern kann sie unmittelbar dort gewinnen, wo sie gebraucht werden.“ Überall, auf dem kleinsten Dach, kann man Sonne ernten.
Allerdings verstößt die Solargeno in einem Punkt gegen das strikt regionale „Kirchturmprinzip“ des Genossenschaftserfinders Raiffeisen. Sie verstehe sich „auch als Dachorganisation für Projekte von lokalen Gruppen, die vor Ort ihre eigene Anlage realisieren wollen, ohne dafür selbst den Weg der Genossenschaftsgründung zu gehen“, heißt es in der Satzung. Wenn eine Bürgerinitiative nur ein einziges Solarprojekt realisieren wolle und den bürokratischen Aufwand scheue, dann sei sie bei der Solargeno richtig, erläutert Erhard Renz. Auch Beratung, Qualifizierung und Vernetzung seien bei ihnen zu bekommen, ergänzt Burghard Flieger. Ein Dach für alle Dächer gewissermaßen. Vielleicht irgendwann noch ein Weltrekord?
Volkswaggon
In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.
In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.
Preisfrage: Welche europäische Kulturhauptstadt erlaubt es sich, ihren städtischen Straßenbahnverkehr nach 22 Uhr ruhen zu lassen? Die Antwort ist einfach: die verkehrstechnisch höchst innovative Ruhrmetropole Essen. Dort gilt öffentlicher Nahverkehr ohnedies als Resttransportmittel für die, die sich kein Auto leisten können. Radfahren ist ebenfalls tödlich. Auf die Frage, wie das denn alles komme, sagte mir einmal eine ehemalige Verkehrsdezernentin, es handele sich um ein mentalitätsgeschichtliches Phänomen, das auf die 1950er-Jahre zurückgehe: auch der deutsche Arbeiter habe ein Anrecht auf ein Auto und auf dessen bedingungslosen Einsatz. Deshalb holt man im Ruhrgebiet auch heute noch die Zigaretten mit dem Auto, niemals anders. Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel: reserviert für Loser.
Nächste Preisfrage: In welcher europäischen Hauptstadt hat knapp die Hälfte der Haushalte kein eigenes Auto mehr? Die Antwort ist Bern, Hauptstadt der Schweiz. In diesem Land legen die Einwohner pro Kopf mehr als doppelt so viele Kilometer mit der Bahn zurück als beispielsweise in Deutschland. Warum? Weil jede größere Stadt im Halbstundentakt, manche sogar im Viertelstundentakt erreicht wird. Weil man bis ins letzte Dorf Anschluss hat. Weil die Züge pünktlich sind. Weil der Verbund mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert. Die Zeitschrift des Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat einmal den Brief eines deutschen Schweizurlaubers abgedruckt, der fassungslos berichtete, dass man mit dem Bus aus Luzern, der um 16.18 Uhr in Weggis eintrifft, das Schiff um 16.19 Uhr erwischt. Das stimmt. Ich habe es ausprobiert, als mein sinnloses Auto in Luzern in der Werkstatt stand. Ein anderer Leser berichtet, dass ein schweizerischer Busfahrer bei einer zweiminütigen Verspätung den Anschlusszug angerufen habe, der dann – selbstverständlich – auf die Passagiere des Busses gewartet habe.
Treibt einem so etwas als Nutzer der Deutschen Bahn (DB) schon die Tränen der Rührung in die Augen, dann haut einen das Studium der Prospekte der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) regelrecht um: das General-Abo, das der hiesigen BahnCard 100 entspricht, aber erheblich günstiger ist und Ermäßigungen zum Beispiel für junge Menschen bis 25 Jahre genauso vorsieht wie für Studierende oder Behinderte, kann man, wenn man es eine Weile nicht braucht, am Schalter hinterlegen, wo man die entsprechenden Wochen auf die Laufzeit angerechnet bekommt. Problemlos wird eine Ersatzkarte ausgestellt, falls man sein Ticket mal vergessen hat (Tipp für Verwegene: Versuchen Sie das mal beim DB-Service). Man bekommt auch ein General-Abo für seinen Lumpi, klassenlos. Ich zitiere aus dem SBB-Prospekt: „Das Hunde-GA trägt keinen Klassenvermerk und ist sowohl in der 2. Klasse wie auch in der 1. Klasse gültig.“
Man kann sein Fahrrad an jedem Schweizer Bahnhof abgeben und am übernächsten Tag dort abholen, wo man es haben möchte. Man kann es auch selbst mitnehmen. Man erhält dafür eine geeignete Transporttasche am Gepäckschalter. So kostenlos wie die Mitnahme selbst. Für Phasen erhöhten Fahrgastaufkommens haben die Bahntechniker Modulwagen entwickelt, die ohne Komplikationen an die Züge angehängt oder ihnen sogar vorgespannt werden können – die Deutsche Bahn schmeißt Fahrgäste aus dem Zug, wenn der überfüllt ist. Noch mehr? Ein Halbtax-Abo, das der BahnCard 50 der DB entspricht, aber neben den SBB-Zügen die meisten Bergbahnen, Schifffahrtslinien und Busse einschließt, kostet für drei Jahre weniger als die deutsche Karte für ein Jahr. Habe ich schon erwähnt, dass die Züge alle pünktlich fahren? Sauber sind? Freundliches Personal haben? Guten Kaffee servieren?
Was heißt das alles? Die Schweizer Bahn ist ein Lifestyle-Produkt. Die Kultur des öffentlichen Transports ist in der Schweiz so chic wie andernorts das SUV (von denen es in der Schweiz, freilich, immer noch zu viele gibt). Die Hälfte der knapp 8 Millionen Einwohner der Schweiz besitzt ein Bahn-Abo; davon fahren 2,4 Millionen mit dem Halbtax-Abo, fast eine halbe Million sind sogar General-Abonnenten. Auch wenn es in der Schweiz schneit, und das tut es mitunter, fahren die Züge und Busse. Niemand braucht die Umständlichkeiten der Parkplatzsuche, des Vignettenkaufs, des Tankens usw. in Kauf zu nehmen, um von A nach B zu kommen. Kurz: Die Schweizer Bahn zeigt, wie ein Land funktioniert, in dem der öffentliche Verkehr kein ungeliebtes Add-on zum Auto ist – sondern angenehm, komfortabel, nachhaltig. Die Schweizer Bahn möchte übrigens nicht an die Börse. Was soll sie da auch? Ihre Aufgabe sieht sie in der möglichst zuverlässigen Bereitstellung von demokratischer Mobilität. Eine höchst zukunftsfähige Auffassung vom Stakeholder-Value.
Bremser
In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.
In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.
Dass Ruedi Aeschbacher zu Zürichs Autofeind Nummer eins werden würde, war lange Zeit nicht absehbar. In der Schulzeit hatte der Eisenbahnersohn seine Klassenkameraden oft beneidet, wenn sie montags von Ausflügen im Familienwagen berichteten. Er war begeistert, als sein Schwiegervater ihm und seiner Frau kurz nach der Hochzeit einen VW schenkte, und später, als junger Staatsanwalt, leistete er sich ein rotes Alfa-Romeo-Cabriolet. Das sei wirklich „wunderschön“ gewesen, sagt der 70-Jährige und lächelt dabei fast ein bisschen verlegen, als hätte er gerade über seinen ersten Kuss berichtet. Als er dann 1978 erstmals als Stadtrat kandidierte, stand ein erlesener Fuhrpark vor dem Aeschbacherschen Haus: zwei Ferrari, der rote Alfa Romeo, der VW sowie ein Pferdetransporter seiner Frau.
Als Vertreter der bürgerlich-konservativen Evangelischen Volkspartei ergatterte er 1978 einen der neun Sitze im Stadtrat und wurde Leiter des Züricher Bauamts. Nun war er zuständig für Stadtplanung und Straßenbau in der größten Stadt der Schweiz. „Damals hatte ich noch einen totalen Frontscheibenblick“, beschreibt sich der Mann selbst. Er wetterte gegen polizeiliche Vorgaben, die die Autofahrer zu Umwegen zwangen, damit die Straßenbahnschienen an einer Kreuzung nicht mehr dauernd blockiert würden. „Wenn ich lese, was ich damals in einem Interview gesagt habe, werde ich heute noch rot“, sagt der Mann mit dem dichten, nur leicht ergrauten Haar – und wieder ist da dieses zarte Lächeln, das zeigt, dass das jetzt ganz ernst gemeint ist.
Und dann hat sich seine Wahrnehmung grundlegend geändert: „Es waren die Probleme, mit denen ich konfrontiert wurde.“ Seit den 1970er-Jahren floss der Verkehr in Zürich nur noch zäh, die Luft war schlecht, und wenn morgens und am Nachmittag Blech an Blech stand, suchten sich viele Pendler Schleichwege durch die Wohnquartiere: „Die frästen dann durch die engen Straßen, und die Leute hatten Angst, ihre Kinder weiter draußen spielen zu lassen.“ Laufend standen jetzt Delegationen von Anwohnern bei ihm im Amtszimmer und forderten Taten. Die ersten versuchte Aeschbacher noch zu beruhigen, und er ermahnte die Eltern, gut auf ihren Nachwuchs aufzupassen.
Doch die Leute aus einer Genossenschaftssiedlung ließen sich nicht so leicht abspeisen. Der Lärm sei unerträglich, berichteten sie – und als Aeschbacher abwiegelte, lud ihn eine Frau ein, eine Nacht in ihrer Wohnung an der Weststraße zu verbringen. Nur zwischen zwei und vier Uhr fand der Stadtrat Schlaf, obwohl das Fenster geschlossen war. „Das hat mir damals einen Kick gegeben“, berichtet Aeschbacher; schließlich kannte er die Straße selbst gut, aus Kindertagen, in denen er noch auf der Fahrbahn Ball gespielt hatte. Hinzu kam, dass sich auch seine Frau nicht mehr traute, den eigenen Nachwuchs unbegleitet auf die Straße zu schicken.
Eineinhalb Jahre war Aeschbacher im Amt, als er seine Kehrtwende vollzog. „Ich hab da angefangen, wo die Not am größten war: in den lauten Stadtquartieren.“ In Delft und anderen holländischen Städten studierte er, wie man durch kleine Erhebungen und Bäume den Verkehrsfluss verlangsamt und Straßen durch bauliche Maßnahmen als Schleichwege unattraktiv macht. „Schwellenruedi“ tauften ihn die Zeitungen damals. Schnell wurde deutlich, dass die zunächst geplanten 500 Meter Verkehrsschwellen pro Jahr lächerlich wenig waren angesichts von 600 Kilometern Wohnstraßen. Zudem standen jetzt die Anwohner der Durchgangsstraßen bei Aeschbacher auf der Matte und protestierten, dass sie nun noch stärker belastet würden. Damit war klar: Abhilfe konnte nur eine Reduzierung des Autoverkehrs insgesamt bringen.
Der Ausbau von Bus- und Bahnverkehr fand genau wie die Bevorzugung von Radfahrern und Fußgängern allgemeine Zustimmung. Dagegen stieß sein Plan, die Zahl der Parkplätze drastisch zu reduzieren, auf erbitterten Widerstand. „Bis zum Bundesgericht wurde darüber in mehreren Fällen gestritten. Das war sehr mühsam“, erzählt Aeschbacher. Immerhin 5.000 der 60.000 öffentlichen Parkplätze Zürichs wurden in seiner Amtszeit bis 1994 abgebaut; heute existieren auf öffentlichem Gelände schätzungsweise nur noch 40.000. Viele der frei gewordenen Flächen wurden in Straßencafés oder Fahrradstationen umgewandelt; der Röntgenplatz, über den früher täglich 25.000 Fahrzeuge rauschten, gehört heute komplett Fußgängern, Radlern und spielenden Kindern.
Auch die Entscheidung, den öffentlichen Verkehrsmitteln eine grüne Welle zu verschaffen, während Pendler laufend rot sehen – technisch gelöst über Induktionsschleifen einige hundert Meter vor den Ampeln – war nicht leicht durchzusetzen. Zürichs Polizeipräsident protestierte: Der Autoverkehr sei nun mal da und müsse so problemlos wie möglich durch die Stadt geleitet werden. Doch Aeschbacher ließ sich nicht mehr bremsen. Er veranlasste eine massive Reduzierung der Auto-Fahrstreifen zugunsten von Straßenbahnschienen. Die Bürgersteige an den Haltestellen wurden so weit in den Straßenraum hineingebaut, dass Autos an haltenden Bussen und Trams heute nicht mehr vorbeikommen. So können sich die Nutzer des öffentlichen Verkehrs beim Aus- und Einsteigen sicher fühlen. Und die Erfahrung machen, dass sie ständig vorneweg fahren und schneller ankommen. Außerdem liegt mittlerweile jede Wohnung und jedes Büro im Stadtgebiet maximal 300 Meter von der nächsten Haltestelle entfernt. Weil Busse, Straßen- und S-Bahnen darüber hinaus bestens vertaktet sind und eine automatische Standortbestimmung alle 14 Sekunden die genaue Lage jedes Fahrzeugs überprüft, ist der öffentliche Verkehr in Zürich sensationell pünktlich.
Nur jeder zweite Haushalt in Zürich besitzt heute noch ein Auto. Die Zahl der Bus- und Bahnpassagiere steigt und steigt, die gesamte Stadtverwaltung kommt mit dem Rad, zu Fuß oder per Straßenbahn zur Arbeit. Auch für Banker ist es selbstverständlich, öffentlich zu fahren. Nach langen Konflikten erlaubt es die konservative Kantonsregierung nun, dass Wohnungsbaugenossenschaften in Zürich Häuser ohne Autostellplätze bauen.
Aeschbacher wohnt inzwischen außerhalb der Innenstadt – und braucht doch nur 20 Minuten für die 22 Kilometer in die City. „Im Auto wäre ich eine Dreiviertelstunde unterwegs.“ Auch nachts und an den Wochenenden ist das Angebot gut. So hat der frühere Bauamtsleiter 1996 sein letztes Auto verkauft – und für das Geld einen schönen Teppich erstanden. Zwei Jahre lang hat er noch das Auto eines Nachbarn mitbenutzt. Dann hat er den Schlüssel zurückgegeben.
Antiallergikum
Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.
Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.
Ilona Parsch ist mit einer besonderen Gabe gesegnet: Sie hat fast immer das Gefühl, Glück zu haben. Schwierigkeiten erscheinen der 57-Jährigen wie Sprungbretter – hin zu einem noch besseren Leben. Tatsächlich hat sie einen erstaunlichen Weg hinter sich: Von der Angestellten in einem Tante-Emma-Laden zur erfolgreichen Unternehmerin und Inhaberin eines europäischen Patents.
Ilona Parsch ist eine optimistische Frau, die nicht nur gerne redet, sondern ebenso gerne zupackt. Auch zu DDR-Zeiten, als Verkäuferin in einem Dorf-Konsum, war die kräftige Frau mit dem kaum zu bändigenden, blonden Lockenschopf durchaus zufrieden: Sie schwatzte gern mit den Kunden, und die Herrschaft über das kleine Sortiment machte ihr Spaß. Nur als der Ofen in dem Geschäft einmal so stark rußte, dass sie den offen liegenden Käse nicht mehr anbieten wollte, bekam sie eine Verwarnung. Sonst aber fühlte sie sich wohl in der Abgeschiedenheit des mecklenburgischen Dörfchens Sanitz.
Als dann die Mauer fiel, saß sie gerade mit ihrem neugeborenen zweiten Sohn zu Hause. Kurz danach war der Tante-Emma-Laden abgewickelt, und auch ihr Ehemann war verschwunden. „Er nahm den Trabbi, ich behielt die Schwalbe (Motorroller, Anm. d. Red)“, berichtet Parsch ohne Groll. Das Arbeitsamt schickte die alleinerziehende Mutter zu einem Lehrgang. „Und dann hatte ich Glück: Eine Reinigungsfirma aus Bayern suchte Leute in Rostock.“ Jetzt war sie verantwortlich für einen kleinen Trupp, der mehrere Supermärkte putzte. Die Arbeit gefiel ihr – nur die scharfen Reinigungsmittel machten ihr zu schaffen; die Augen brannten ihr häufig, und im Gesicht bekam sie rote Flecken.
Bald darauf verschwand jedoch die Ladenkette, und wenig später zog sich auch die bayrische Putzfirma aus Mecklenburg zurück. Arbeitslos aber wollte Ilona Parsch auf keinen Fall werden. „Ich hatte Glück: Mehrere der neuen Kunden sagten, dass ich gerne bei ihnen weitermachen könnte.“ Sie überlegte nicht lange, gründete ihr eigenes Geschäft und stellte ein paar ihrer Kolleginnen an. Eine Weile lang ging das gut, dann aber meldete sich die Industrie- und Handelskammer. „Reinigung nach Hausfrauenart“ sei kein Dauerzustand; wenn sie ihr Unternehmen längerfristig betreiben wolle, brauche sie einen Meistertitel im Gebäudereinigerhandwerk, beschied man ihr. Eineinhalb Jahre lang besuchte Ilona Parsch an den Wochenenden die Meisterkurse, in der Woche putzte sie und organisierte den Betrieb – und zu Hause hatte sie ja auch noch zwei Kinder zu versorgen. Und da kommt er wieder, der Hinweis auf das Schicksal, das es doch offenbar gut mit ihr meinte: „Zu meinem Glück hatte ich eine Nachbarin, die mich kräftig unterstützt hat.“
Als einzige Frau saß Ilona Parsch in der Meisterklasse. Immer wieder forderte sie von ihrem Dozenten Informationen über sanftere Chemikalien. „In unserem Bereich haben ja fast alle mit Allergien zu tun. Die Männer aber haben mich nur belächelt.“ Auch der Lehrer winkte ab. „Für den gab es nur die chemische Keule. Ohne Oxalsäure aus der Chemiefabrik geht der Dreck nicht ab, hat er immer gesagt“, berichtet Parsch. Das aber mochte sie nicht glauben. Und so begann sie, in ihrem Betrieb zu experimentieren – zunächst mit Essig, was aber nicht die gewünschten Ergebnisse brachte.
Kurz nachdem sie ihre Fachurkunde hatte, wurde der Meisterzwang im Reinigungsgewerbe abgeschafft. „Ich bin trotzdem froh, dass ich das damals gemacht habe; ich hab da ja viel gelernt“, bilanziert Ilona Parsch. Ausgestattet mit chemischen Kenntnissen machte sie sich auf die Suche nach Alternativen zu synthetischen Putzmitteln, die nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen Berufskolleginnen Allergien verursachten. Sie besorgte sich alte Pflanzenbücher und entdeckte dabei einen natürlichen Produzenten jener Oxalsäure, die ihr Dozent so hoch gelobt hatte: Rhabarber.
„Zum Glück“ gab es an der Universität Rostock ein Patentinformationszentrum – und „zum Glück“ saßen dort Menschen, die sich mit Computern auskannten. Die fanden schnell heraus, dass in einem Putzmittel aus dem Hause Henkel auch ein bisschen Rhabarber steckt. Mit einem Großkonzern aber wollte sich Parsch auf keinen Fall anlegen – und so suchte sie weiter.
Die Küche in ihrem liebevoll gestalteten Häuschen wurde zum Labor. Wenn ihre Söhne aus der Schule kamen, trafen sie ihre Mutter häufig an, wie sie Pflanzenstengel, -blätter und -knollen zerrieb, zerstampfte, presste oder pürierte. Ilona Parsch fand heraus, dass Zuckerrübenblätter zwar sehr viel Oxalsäure enthalten, die daraus gewonnene Flüssigkeit aber oxidiert und schwarz wird. Dagegen verliert der Saft von Rote Bete seine intensive Farbe, wenn er eine Weile im Licht steht, und sieht dann aus wie Roséwein. Auch die Putztests mit dem Pflanzensekret verliefen gut: Backbleche ließen sich mit ein paar Spritzern im Wasser fast mühelos reinigen, ebenso wie Toilettenschüsseln oder angelaufene Metallgegenstände. Haut- und Augenreizungen stellte Parsch dagegen nicht fest. Sie ergänzte noch einige weitere pflanzliche Substanzen – und machte sich dann wieder auf den Weg zum Patentinformationszentrum. Bei ihren Recherchen trafen die Mitarbeiter auf kein geschütztes Produkt, in dem rote Rüben eine Rolle spielten – und so meldete Ilona Parsch selbst Schutz für ihre Erfindung an. Ein europäisches Patent durchzusetzen aber ist teuer. „Ich hatte Glück: Ich habe die Hälfte als Förderung vom Land bekommen.“
Zunächst putzten nur sie und ihre Kollegen, wie sie ihre Angestellten nach wie vor nennt, mit beeta. 100 bis 200 Liter Saft brauchte sie dafür jährlich. Die Knollen baute ein Bauer für sie an, sie selbst rührte dann alles mit der Hand zusammen. Manche Kunden waren begeistert über den Ökoputzbetrieb, anderen war das egal. „Hauptsache, es ist anschließend sauber, haben die Forschungseinrichtungen an der Uni gesagt“, berichtet Parsch.
Derweil studierte ihr älterer Sohn Wirtschaftsingenieurwesen und erzählte allerorts von der Erfindung seiner Mutter, nicht ohne Stolz. Professoren und Reporter kamen auf Ilona Parsch zu, sie wurde sogar zu Vorträgen eingeladen. „Ich hatte totales Lampenfieber, hab’ einen ganzen Stapel Zettel vollgeschrieben“, erinnert sie sich. Das ist inzwischen längst verflogen: Wenn sie heute vor Küchenchefs oder in Hauswirtschaftsschulen spricht, redet sie frei.
Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt, das die Ursprungsrezeptur noch einmal verfeinerte, wagte ihr Sohn die Ausgründung eines Betriebs. Der stellt neben dem Allzweckreiniger inzwischen auch Spül- und Waschmittel, Holzreiniger und Handseife aus Rote-Bete-Saft her und verkauft die Produkte über Kataloge, bei Manufactum und in Bioläden.
Seine Mutter leitet derweil weiter ihren Reinigungsbetrieb mit zwei Dutzend Angestellten. Häufig wird sie inzwischen persönlich angerufen, wenn jemand einen hartnäckigen Fleck entdeckt hat, zum Beispiel auf einem Polster. Sie kennt alle Tricks – und es macht ihr Spaß herauszufinden, wie sie die Verschmutzung ganz ohne Rand wegkriegt. „Ich hab’ Glück gehabt: Meine Arbeit ist mein Hobby geworden“, bilanziert Ilona Parsch – und lacht.
Baumeister
Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.
Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.
Die bunte Siedlung in Freiburgs Rosa-Luxemburg-Straße erzeugt mehr Energie als ihre Bewohner verbrauchen. „Mein Körper und die Tasse Kaffee reichen völlig aus, um das ganze Haus zu wärmen“, sagt der pensionierte Grund- und Hauptschullehrer Wolfgang Schnürer und freut sich diebisch, wenn seine Besucher ihn für ein bisschen verrückt halten.
Sein Wohnzimmer mit der riesigen, dreifach verglasten Fensterfront ist exakt nach Süden ausgerichtet; der Dachüberstand sorgt dafür, dass die hochstehende brütende Sommersonne abgeschirmt, die spärlichere Wintersonne hingegen voll genutzt wird. Durch ein unscheinbares Rohr strömt permanent frische Luft hinein, die dank eines Wärmetauschers fast die gleiche Temperatur hat wie der Innenraum. Doch selbstverständlich können Schnürer und seine Frau bei Bedarf auch die Fenster öffnen. Weil das Dach mit Photovoltaikmodulen gepflastert ist, erzeugt das Haus 36 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr – mehr als dort fürs Heizen, Duschen, Kochen, Fernsehen und Internetsurfen verbraucht werden, wie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie vor kurzem in einer Studie bestätigt hat. „Im Sommer werden wir fürs Wohnen bezahlt“, sagt Schnürer und grinst: „Ich guck’ jetzt lächelnd zu, wie der Ölpreis steigt.“
Gebaut hat die Solarsiedlung vor über zehn Jahren der Architekt Rolf Disch – ein unprätentiöser Mann von mittlerweile Anfang Sechzig, der einst als Maurer und Schreiner anfing und in seiner Jugend gegen das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl auf die Straße ging. „Wir haben damals immer gesagt: Wir können nicht nur dagegen sein, sondern müssen auch sagen, wofür wir sind.“ Disch begann, Solarmobile zu konstruieren, und gewann in einer dieser 20 Kisten bei der ersten Australiendurchquerung 1987 sogar den Weltmeistertitel. Dann aber konzentrierte er sich auf Architektur – schließlich hatte er inzwischen Bautechnik studiert.
Das Heliotrop war sein erstes Meisterwerk – ein Versuchsgebäude, an dem er Anfang der 1990er-Jahre viele verschiedene Techniken ausprobiert hat und in dem er zusammen mit seiner Frau lebt. Der dreistöckige, überwiegend gläserne Turm steht nicht weit von der Solarsiedlung entfernt am Waldrand auf einem schmalen drehbaren Sockel. Das Haus kann sich so an kalten Tagen zur Sonne ausrichten, um viel Licht und Wärme durch die Spezialverglasung zu lassen. An heißen Sommertagen kehrt es dem Feuerball den Rücken, und es bleibt angenehm kühl im Inneren. Auch sonst ist der zylindrische Bau sehr umweltfreundlich: In den Rohren der Balkonbrüstung wird warmes Wasser erzeugt, die Waschmaschine nutzt Regenwasser, und es gibt ein Kompostklo sowie eine Schilfkläranlage fürs Abwasser.
Als Rolf Disch Ende der 1990er-Jahre dann die Freiburger Plusenergie-Siedlung plante, traf er auf wenig Zustimmung. „Die gesamte Immobilienbranche Freiburgs sagte, das könne nicht funktionieren.“ Auch die Banken winkten ab. Passivhäuser galten damals als das Nonplusultra – ein Gebäude mit weniger als zehn Kilowattstunden Verbrauch pro Quadratmeter und Jahr als Wolkenkuckucksheim. So war es für Rolf Disch äußerst schwierig, das nötige Geld zusammenzubekommen. Schließlich begeisterte sich ein privater Investor für die Idee. Selbst als der erste Bauabschnitt stand und die Bewohner sich hochzufrieden äußerten, hielt der Widerstand an. Konventionelle Bauträger bekamen den Zuschlag für das Gelände nebenan, auf dem Disch die Siedlung gerne erweitert hätte.
Ein Zitat von Arthur Schopenhauer scheint ihm besonders treffend, wenn er seine Erfahrung beschreiben soll. „Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.“ Der da so gelassen spricht, strahlt die Überzeugung aus, dass die zweite Phase schon weitgehend hinter ihm liegt und seine Position sowieso bald überall zur Normalität geworden sein wird.
Doch Disch geht es um mehr als um die Errichtung von ein paar Vorbildhäusern: Auch der gesamte Wohnungsbestand müsse saniert werden. Vor kurzem hat er in Frankreich ein mittelalterliches Gebäude zum Plusenergie-Haus umgebaut. Und selbstverständlich gehört für Disch, der vorwiegend mit Fahrrad und Bahn unterwegs ist und sich nicht erinnern kann, wann er zuletzt geflogen ist, auch eine nachhaltige Mobilität zur Architekturplanung. Ein Kernelement ist für ihn die gemeinsame Nutzung von Autos. Deshalb sind die Carsharing-Parkplätze für einen Bewohner der Solarsiedlung auch einfacher zu erreichen als der eigene Wagen.
Vor Rolf Dischs innerem Auge existiert sie schon – die Stadt der Zukunft: Weil es viel weniger Privat-PKWs gibt, können Straßen und Parkplatzflächen rückgebaut werden. Zudem wird es auch deshalb deutlich leiser, weil Elektroautos kaum Geräusche machen. „Die Städte werden traumhaft“, prognostiziert Disch. Und doch – er ist auch ungeduldig. Im November 2010 hat er ein Manifest veröffentlicht: „Der Klimawandel muss eingedämmt werden, die fossil-nuklearen Ressourcen laufen aus. Und was machen wir? Wir veranstalten Kongresse. In Kioto, Kopenhagen und Cancún. ... Die Weltvernunft ist verrannt in Negationen: Verbote, Reduktionen, Strafzahlungen. ... Lasst uns nicht das Alte langsam eindämmen, sondern das Neue aufbauen ... Häuser zu Kraftwerken!“
Claim your City
Auf den großen Spanplatten, die zusammengesetzt einen Plan der inneren Stadt Hamburg darstellen, sind vielfältig und bunt die erstaunlichsten Entwürfe zur Entwicklung von Flächen, Gebäudekomplexen, Straßenzügen zu sehen – von der Alster bis zum Wall, vom Michel bis zum Fernsehturm. Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dritten Planungsrunde von Nexthamburg sind selbst beeindruckt, was sie in kleinen, wechselnden Teams aller Altersgruppen auf die Beine gestellt haben. In der Katharinenkirche, dem Veranstaltungsort, wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, und obwohl keiner einen „Plan“ hat, entsteht eine Dynamik, die alle zum Ziel bringt: zu Visionen für Hamburg. Die Teilnehmenden kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, sind Bewohner mit Lust zur Gestaltung ihrer Stadt. Frei von politischen Vorgaben entwickeln Hamburgerinnen und Hamburger in den Planungssitzungen und in „Zukunftscamps“ von Nexthamburg ein eigenes Konzept für die Hamburger Innenstadt oder Bürgervisionen für die nächsten Jahrzehnte.
Seit der Prozess der Gentrifizierung begehrte Viertel der Innenstadt zwar „aufwertet“, gleichzeitig aber auch in ihrer kulturellen Identität bedroht, und seit viele Bewohner wegen der gestiegenen Mieten ihre Kieze verlassen müssen, regt sich in der Bevölkerung enormer Widerstand gegen die Bauvorhaben der Behörden. Doch nur mit Dagegensein lässt sich kein Betonkopf aufhalten oder überzeugen. Den Bewohnern solcher von Gentrifizierung betroffener Viertel war schnell klar, dass man Vertreter unterschiedlicher Interessen miteinander ins Gespräch bringen müsse. Im Dialog gäbe es womöglich mehr Raum für Kreativität; wechselseitiges Entgegenkommen könnte das nüchterne Feilschen um Kostenfaktoren ablösen.
Hier sahen auch Stadtplaner Julian Petrin und Softwareexperte Rajiv Patwardhan Handlungsbedarf. Sie gründeten im April 2009 mit einem Team von Raumplanerinnen, Projektmanagern, Ökonominnen und vielen anderen Unterstützern Nexthamburg, ein unabhängiges Crowdsourcing-Projekt. Auf der Internetseite des Projekts können sich Interessierte kostenlos anmelden, anstehende „Aufgaben“ für Hamburg durchforsten, „Lösungen“ vorschlagen, in ihrem persönlichen Szenario Nexthamburg eine Reihe von „Lösungen“ zu einer umfassenden Vision für die Stadt kombinieren oder die Zukunftsvorstellungen anderer Hamburger kommentieren. Ziel ist es, so einen realen Planungsprozess auszulösen. Bisher wurden auf der Online-Plattform zu 24 „Aufgaben“ an die 600 „Lösungen“ und 130 Nexthamburg-Visionen formuliert. Unter den mit Voten höchst dotierten Ideen befinden sich ein Monte Altona auf dem alten Gleisfeld mit Wohnhäusern, eine stromerzeugende Joggingstrecke rund um die Alster oder ein Bauernhof auf einem ehemaligen Hochbunker.
So beweist die Nexthamburg-Community, die mittlerweile über 5.000 aktive Mitglieder zählt, dass Veränderungsvorschläge nicht immer ein riesiges Budget brauchen. Doch nur die Stadtverwaltung hat die Mittel, die Gestaltung und Umsetzung der Vorschläge zu ermöglichen. Doch kann und will die Stadt etwas von den neuen Ideen umsetzen? Bisher können die Macherinnen und Macher des Projekts nur versprechen, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass die Ideen bei Verwaltung und Politik gehört werden.
Eine freie Ideenschmiede wie Nexthamburg zeigt, welche Formen die Bürgerbeteiligung in Zukunft einmal annehmen könnte. Dabei ist es wichtig, den Stimmen der Bürger-Planerinnen und -Planer Gewicht zu verleihen. Ihre vielfältigen ökologischen, ergonomischen, ästhetischen und baulichen Lösungen sollen nun wissenschaftlich auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Auch ein Buch mit den besten Zukunftsideen wird erscheinen. Das Team denkt längst über Hamburg hinaus: Letztlich geht es um lebendige Zukunftsvisionen für urbanes Leben. Ansatz und Slogan von Nexthamburg lassen sich problemlos übertragen: Next City – Die besten Ideen für die Stadt von morgen!
Erschienen in Oya 07/2011
reine Weste
Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.
Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.
Patrick Hohmann ist ein freundlicher, bescheiden wirkender Schweizer, der auf merkwürdige Weise jugendlich wirkt. Hohmann ist 61 Jahre alt, Ingenieur von Beruf und Chef eines Textilunternehmens, der Remei AG. Er ist in Ägypten geboren, schon als junger Mann durch die Welt gereist und natürlich auch als Unternehmer viel in Afrika und Asien unterwegs gewesen. Davon abgesehen war bis vor einigen Jahren in Patrick Hohmanns Leben alles weitgehend normal, so, wie es sich für einen Schweizer Unternehmer gehört.
Bis ihn irgendwann das deutliche Gefühl beschlich, dass Armut, Ausbeutung und Gesundheitsschäden durch Herbizide und Pestizide im Baumwollanbau auch auf sein Konto als Textilunternehmer gingen. Das wollte er nicht länger verantworten, und Patrick Hohmann begann, sein Unternehmen umzubauen. Heute produziert er immer noch T-Shirts – heute aber hauptsächlich, um seinen Baumwollbauern ein gutes Leben zu ermöglichen. Warum das so gekommen ist, darauf kann Patrick Hohmann selbst keine rechte Antwort geben. Es schien ihm einfach nötig, als Unternehmer Verantwortung zu zeigen.
Aber Verantwortung ist eine ziemlich teure und riskante Angelegenheit, wenn sie auf dem Markt stattfindet und nicht nur in Leitbildern und Unternehmensberichten. Sie fängt nämlich am Beginn der Wertschöpfungskette an, beim einzelnen Arbeiter auf den Baumwollfeldern und bei den Bedingungen, unter denen er sein bisschen Geld verdient. Um die zu verändern, dachte Patrick Hohmann, müsste er auf jeden Zwischenhandel verzichten, und die Arbeiter müssten selbst wieder Produzenten werden. Also gab er ihnen Kredite und erlaubte ihnen, selbst darüber zu bestimmen, wie viel sie wie liefern würden. Einzige Voraussetzung: sie verzichteten auf jeden Einsatz von Chemie. Das senkte ihre Kosten und war gut für ihre Gesundheit, gab ihnen Unabhängigkeit von der Industrie und ließ langsam auch ihre Böden besser werden.
Für Patrick Hohmann war das allerdings erstmal nicht so gut, denn natürlich wurden seine Produkte teurer, und er ging mit seinem Unternehmen fast pleite. Aber das Gefühl, jetzt genau das richtig zu machen, was er vorher immer falsch gemacht hatte, verließ ihn nicht. Seine Garne waren von erheblich besserer Qualität als zuvor, und niemand kam mehr dadurch zu Schaden, wie sie hergestellt wurden. Und vor Ort in Tansania und in Indien ging es seinen Leuten gut. Das einzige Problem war der heimische Markt. Patrick Hohmann hielt durch, den hämischen Kommentaren der Konkurrenz zum Trotz. Und weil ihm zur selben Zeit die parallelen Trends zu Fair Trade und Bioanbau plötzlich Rückenwind verschafften, kam die Remei AG aus den roten Zahlen heraus und Hohmann zu ganz neuen Unternehmenszielen.
Die berechnen sich heute nicht mehr nach dem Umsatz und der Zahl der verkauften T-Shirts, sondern nach der Zahl der Bauern, deren Leben das Unternehmen verändert. 10.000, sagt Patrick Hohmann, will er schaffen – und lächelt. Aber damit nicht genug. Die bioRe-Stiftung, die er auch noch gegründet hat, unterstützt Dorfschulen, ein mobiles Gesundheitszentrum, Biogasanlagen – was eben so gebraucht wird in den Teilen der Welt, die bislang vor allem Gegenden waren, in denen Menschen für zu wenig Geld unter zu hohen Kosten für ihre Gesundheit zu billige Sachen für uns produzierten.
Bioboomer
Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.
Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.
Ein Bauer gründet eine Aktiengesellschaft, damit sein Betrieb klein und vielfältig bleiben kann. Was im ersten Moment wie ein Paradox klingt, ist genau das Konzept der Regionalwert AG, die Christian Hiß vor ein paar Jahren gegründet hat und die sich prächtig entwickelt.
Christian Hiß ist auf einem Demeter-Hof in der Nähe von Freiburg groß geworden. Anfang der 1980er-Jahre machte er sich mit einem Gärtnerhof selbständig; damals war er ein junger Kerl, gerade einmal 20 Jahre alt. Auf seinen Feldern baute er dutzende Gemüsesorten an, nutzte und vermehrte eigenes Saatgut, und auch eine kleine Kuhherde gehörte zum Betrieb – ein richtiger Hoforganismus also, wie das im anthroposophischen Fachjargon heißt. Er wurde zwar nicht reich damit, aber sein Leben gefiel ihm, und der Hof warf genug ab, um den Jungbauern und seine wachsende Familie zu ernähren.
Dann aber, um die Jahrtausendwende, brach in Deutschland der Bioboom los – und überraschenderweise wurde es dadurch für Christian Hiß finanziell immer schwieriger. Viele der neuen Biobetriebe wirtschafteten nämlich ähnlich wie die konventionellen – nur eben ohne Pestizide und Kunstdünger: Sie spezialisierten sich auf einzelne Gemüsesorten und setzten große Maschinen ein. „Auf einem Hof, der 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, betragen die Herstellungskosten für ein Kilo Biokarotten vielleicht zwei Euro. Ein Biobetrieb, der ausschließlich Karotten anbaut, hat aber nur 80 Cent Kosten“, rechnet Hiß vor. Doch für ihn war klar, dass er auf die Vielfalt seines Hofes nicht verzichten wollte. Deshalb sann er auf Abhilfe. „Ich wollte in dem Bereich, in dem ich mich auskenne, eine Kapitalwirtschaft schaffen, die die sozialökologischen Effekte des Wirtschaftens in die Gesamtrechnung einbezieht“, formuliert es der inzwischen 50-Jährige. So meldete er sich zu einem Fernstudium an einer britischen Universität an und büffelte am Feierabend ökonomische Theorien und Bilanzrechnung. Nach einer Weile kam ihm die Idee, eine Aktiengesellschaft zu gründen – ausgerechnet die Betriebsform, die am stärksten mit Effizienz und Kapitalismus assoziiert ist.
Seit 2006 existiert sie – die Regionalwert AG, und sie funktioniert nach ganz eigenen Kriterien. Ziel ist es nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern eine kleinteilige und gesunde Landwirtschaft zu erhalten. Schon mehrere Bauernhöfe und ein Winzerbetrieb gehören zum Unternehmen – und weil deren Produktion allein finanziell kaum tragfähig ist, hat die Aktiengesellschaft auch mehrere Bioläden, eine Großhandlung, eine Trockenobstmanufaktur, ein Catering-Unternehmen, einen Hauslieferservice und ein Gasthaus aufgekauft oder sich daran beteiligt. Diese Firmen nehmen nicht nur die Erzeugnisse der Bauern ab, sondern erzielen auch die nötigen Gewinne. 16 Betriebe hat die Regionalwert AG inzwischen in ihrem Portefeuille; laufend kommen neue hinzu.
Auch die Zahl der Aktionäre wächst ständig. Knapp 500 Bürgerinnen und Bürger überwiegend aus der Freiburger Region sind inzwischen an dem zwei Millionen Euro schweren Unternehmen beteiligt. Wer hier einmal eingestiegen ist, darf seine Anteilsscheine zwar weiterverkaufen – doch nur an Investoren, die vom Vorstand akzeptiert werden. Außerdem ist es zwar denkbar, dass ein reicher Mensch Mehrheitseigner wird, doch kann dieser trotzdem nie mehr als 20 Prozent der Stimmrechte bekommen. So scheint eine feindliche Übernahme ausgeschlossen.
Auch für die Frage der Hofnachfolge hat Vorstand Christian Hiß mit der Regionalwert AG eine Antwort gefunden. Als Vater von drei Söhnen möchte er diese bei ihrer Berufswahl nicht einschränken. Zugleich wünscht er sich wie jeder andere Bauer, dass sein Hof weiterexistiert, wenn er aufs Altenteil wechselt. Doch das ist heutzutage alles andere als selbstverständlich: In Hiß’ Heimatdorf Eichstetten ist in den vergangenen 30 Jahren etwa die Hälfte der Bauernhöfe verschwunden, weil es in der Familie keinen Nachfolger gab – und es sich kein junger Landwirt leisten konnte, 400.000 bis 800.000 Euro für den Kauf aufzubringen. So viel etwa kostet in der Region ein durchschnittlicher Familienbetrieb mit rund 50 Hektar Land, Stall und anderen Gebäuden. Meist gingen die Äcker und Weiden deshalb an bereits existierende Betriebe – die nicht nur immer größer wurden, sondern auch technisch weiter aufgerüstet: Der Pestizid- und Düngereinsatz steigt seit den 1950er-Jahren steil an, und die Vermarktungswege werden ebenfalls immer länger.
Die Regionalwert AG will diesen Trend brechen. Sie kauft Höfe auf und verpachtet sie an junge Biobauern, die wie Hiß auf Vielfalt setzen und eigenes Saatgut vermehren. Doch nicht nur die dort Beschäftigten stehen in der Verantwortung. „Mit der AG wollte ich auch möglichst viele Bürger einbinden. Sie sollen mitentschieden, welche Landwirtschaft sie in ihrer Region haben wollen“, fasst Hiß seine Motivation zusammen. Auf der jährlichen Hauptversammlung können die Anteilseigner nicht nur abstimmen, ob Vorstand und Aufsichtsrat gut oder schlecht gearbeitet haben. Sie entscheiden auch, wie mit dem Spannungsverhältnis zwischen guter Landwirtschaft und Geldverdienen umgegangen werden soll. „Das Unternehmen ist auch ein gesellschaftliches Forum“, sagt Hiß.
Kiezzischer
Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.
Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.
Prost!
Man kreiere eine lokale Biermarke, saufe sie vor Ort und unterstütze damit Nachbarschaftsprojekte. Im Sommer 2009, ausgerechnet während der Vorbereitung auf sein Examen, kam dem damaligen Jurastudenten Sebastian Jacob diese ebenso einfache wie geniale Idee. „Menschen engagieren sich gerne lokal, und sie haben gerne Spaß dabei“, sagt Jacob, inzwischen Rechtsreferendar. „Ich dachte mir: Trinken für die Nachbarschaft, das kann sich rumsprechen – am besten bei einem Bier.“ Seit 2010 gibt es den Quartiermeister in Jacobs Heimatstadt Berlin zu kaufen, in 0,33-Liter-Flaschen. Pro Kasten gehen drei Euro an soziale Projekte.
Zum (Gemein-)Wohl!
Die Bierkonzerne machten gewaltige Gewinne, von denen die Allgemeinheit nichts habe, sagt der 31-Jährige. Zudem störe ihn die kartellmäßige Aufteilung des Biermarktes. Also suchte Sebastian Jacob für die Produktion seines Sozialbieres nach einer kleineren, inhabergeführten Brauerei. Zu seinem Bedauern fand er in Berlin keine. Aber im 150 Kilometer entfernten Gardelegen in Sachsen-Anhalt entdeckte er einen Betrieb, der seinen Vorstellungen entsprach. Von dort bezieht er nun ein Pils aus regionalen Zutaten und zum ermäßigten Preis.
Cheers!
Parallel dazu klapperte der leidenschaftliche Biertrinker die Kneipen in seiner Nachbarschaft, seinem „Kiez“ ab – und stieß bei vielen Wirten auf offene Ohren. Inzwischen wird der Quartiermeister in etwa 30 Lokalen in Neukölln und Kreuzberg getrunken. Anfangs fuhr Jacob noch selbst quer durch sein Revier, um per Lastenrad die Bestellungen abzuliefern; diese Schwerstarbeit haben ihm längst Getränkefirmen abgenommen. Quartiermeister-Fans, die sich nicht auf den Auswärtsgenuss beschränken wollen, können das Bier inzwischen auch bei mehreren Händlern eigenhändig abholen oder aber – ab zehn Kästen aufwärts – für ihre nächste Party frei Haus liefern lassen.
Şerefe!
Sebastian Jacob fühlt sich wohl im Multikulti-Bezirk. Die Vielfalt gefällt ihm ebenso wie die günstigen Mieten, und er habe deshalb etwas zurückgeben wollen, sagt er. Die drei Euro Gewinn pro Bierkasten wandern zunächst in die Kasse des 30-köpfigen Vereins Quartiermeister e.V. und fließen dann an Kiezprojekte, die einen Förderantrag gestellt haben. 1.000 bis 1.500 Euro monatlich verteilt der Verein auf diese Weise. Ende 2011 feierten die Vereinsmitglieder mit einer Party den Verkauf der 100.000sten Flasche und die Vergabe von insgesamt mehr als 10.000 Euro an Nachbarschaftsinitiativen. Unter anderem wurde ein interkultureller Fußballverein gefördert, ein Kulturverein mit Floßkino, ein Netzwerk für Schülerhilfe und die Kulturloge, die Menschen mit Niedrigeinkommen kostenlosen Eintritt zu Kulturveranstaltungen verschafft.
Salute!
Der junge Rechtsreferendar braucht auch deshalb manchmal selbst einen Schluck, weil er ein zeitaufwändiges Hobby betreibt. Rund 30 Stunden in der Woche arbeitet er ehrenamtlich, ohne einen Cent zu verdienen, für das Sozialbier. Was will er denn später mal sein, Jurist oder Quartiermeister? „Beides“, sagt er. „Sozialunternehmertum“ interessiere ihn sehr, und einen Preis für „zukunftsweisendes Engagement“ hat er von der Robert-Bosch-Stiftung auch schon erhalten.
Feuer, Futt unn Funke, es werdd noch aan getrunke!
Auch in Frankfurt am Main hat der Quartiermeister inzwischen ein Quartier aufgeschlagen. Eine Stadtteilinitiative in der Hessenmetropole habe die Idee so toll gefunden, erzählt Sebastian Jacob, dass sie das Bier auch vor Ort verkaufen wollte. Das gehe nicht, erklärte er ihnen, weil das Bier doch „von hier“ sein solle. Sein Verein bot aber an, beim Aufbau der Verkaufsstruktur zu helfen. Die Frankfurter fanden einen lokalen Hersteller, das Herborner Brauhaus, und los ging’s. Ähnliche Projekte – lokale Produktion plus ehrenamtliche Struktur vor Ort – seien noch in der Pipeline, verrät Jacob.
Nastrovje!
Eine Brauerei direkt in Berlin zu haben, das wäre ein Sahnehäubchen, oder Bierschäumchen, auf dem ganzen Projekt. Das Problem sei jedoch, dass alle Großbrauereien zu noch größeren Konzernen gehörten und die Mikrobrauereien zwar tolle Konzepte, aber Vertriebsprobleme hätten, erklärt der Ober-Quartiermeister. Da sie nicht pasteurisieren könnten, gebe es Haltbarkeitsprobleme und auch Schwierigkeiten mit der Flaschenabfüllung.
Doch in der Zukunft, sinniert er, werde vielleicht auch das lösbar. Und darauf: Skol! Yamas! Op uw gezondheid! Mazel tov! Salamati! Cin cin!
Saat gut!
Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.
Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.
In der Schorfheide nördlich von Berlin, im Ort Finowfurt, lebt Jürgen Reckin und vermehrt seine Schätze. Einige hat er aus den entferntesten Winkeln der Welt zusammengetragen. „Bei den Amish in den USA fand ich eine Salatform, die bei uns schon lange ausgestorben ist, den Hirschzungensalat. Er kann sich selbst aussäen und wächst heute wild überall in meinem Garten. Pflanzen, die den Wildformen nahestehen, sind ursprünglicher in ihrer Biochemie und enthalten eine viel höhere Konzentration an nahrhaften oder heilsamen Inhaltsstoffen.“
Jürgen Reckin schloss in den 1970er-Jahren zunächst ein Lehrerstudium ab, studierte dann Biologie, Chemie und Ökologie in Potsdam. Bei Professor Hans Karl Oskar Stubbe, dem weit über die Grenzen der DDR bekannten Agrarwissenschaftler und Genetiker, Gründungsdirektor des Instituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben in Sachsen-Anhalt, promovierte er über kanadischen Wasserreis. Seine Professoren schickten den engagierten Studenten gerne auf Reisen in sozialistische Bruderländer. Im Rahmen eines UNESCO-Projekts zum Erhalt der Vielfalt von Kulturpflanzen besuchte Jürgen Reckin sogar Vietnam. „Da ging es ums Ganze. Der dort übliche Reis wollte in den kälteren Gegenden nicht gut wachsen. Der Vietnam-Krieg war gerade erst zu Ende, alles lag voller Kriegsgerät. Es drohten Versorgungsengpässe und Hungersnöte. Mir fiel ein, dass ich aus Ungarn einen Reis kannte, der auch kalte Winter verträgt. Er ließ sich in Vietnam im großen Stil sehr gut anbauen.“
Die Pflanzen-Mitbringsel aus dem Ausland gingen nicht nur nach Gatersleben. Jürgen Reckin richtete auch ein großes Gartengelände in der Schorfheide ein. Die DDR maß einem solchen Reservoir der Vielfalt noch einen Wert zu; doch nach dem Fall der Mauer sank das Interesse an dem wilden Garten. Jürgen Reckin hat daran festgehalten; um einige der vor langer Zeit mitgebrachten Sorten kümmert er sich nach wie vor in Eigenregie.
Jürgen Reckin fand auch nach 1989 eine Tätigkeit, die ihn reisen ließ. Als Mitarbeiter der kleinen bayerischen Naturheilmittel-Firma Pharmos Natur ging es für ihn jetzt in tropische Länder, deren Pflanzenvielfalt ihn förmlich berauschte: „Zu sehen, wie ein Grundmuster, eine Struktur, eine physiologische Eigenart, wie Geschmack, Farbe oder Form, beinahe bis zum Gehtnichtmehr variabel sind – das macht Spaß, und wenn man sich damit beschäftigt, kommt etwas Gutes dabei heraus.“ Aus Reckins Arbeit im Rahmen von Pharmos entstand unter anderem ein Naturheilmittel auf der Basis von grüner Papaya – und daraus ein Fair-Trade-Projekt mit angegliederter Schule.
Es ist ein Glücksfall, dass in den letzten Jahren einige Studenten, beispielsweise von der Fachhochschule Eberswalde, auf Jürgen Reckin aufmerksam geworden sind. Sie wollen mit ihm forschen und experimentieren, seinen einmaligen Erfahrungsschatz heben. Zum Beispiel solche Kunstgriffe lernen: „Den sogenannten ewigen Kohl kann man eigentlich nur vegetativ vermehren, er blüht nie. Ewiger Kohl ist enorm gesund, er enthält erstaunlich viel Glutein und pro 100 Gramm 5000 Mikrogramm Beta-Carotin. Gewöhnlicher Blattsalat schafft es nur auf 1800 Mikrogramm. Ich habe ihn zum Blühen gebracht, indem ich ihn ein bisschen gequält habe. Eigentlich soll man Pflanzen nicht quälen, aber in diesem Fall war der einzige Weg, den Kohl so stark austrocknen zu lassen, bis er aus Not Blüten getrieben hat. Dann ließ er sich spontan mit violettblättrigem Grünkohl aus Schweden kreuzen. Beide Sorten sind nicht sehr winterhart, aber in der Spaltungs-Generation der Kreuzung mendeln Kombinationen heraus, von denen Einzelpflanzen selbst die extremen Temperaturen des letzten Winters überstanden haben. Sie sind bis in die Sprossenspitze grün geblieben.“
Mit einer Studentengruppe möchte Jürgen Reckin jetzt einen Apfel züchten, der sich wie ein Wildapfel aus dem Kern vermehren kann, aber nicht so sauer ist wie ein wilder Apfel, sondern so lecker schmeckt, dass ihn auch Kinder gerne essen.
Wenn Laien in die Saatgutvermehrung einsteigen wollen – wohin sollen sie sich wenden? Jürgen Reckin empfiehlt Bücher für das Selbststudium, oder man könne im Schaugarten von Dreschflegel mithelfen, eines Zusammenschlusses ökologisch wirtschaftender Betriebe für Saatgutvermehrung. Der Ertrag des gemeinsamen Saatgutversands stützt einen Verein, in dem züchterisch wie politisch gearbeitet wird. „Wer im Bereich Pflanzenzucht selbst aktiv werden will, muss vor allem beobachten lernen“, erklärt Jürgen Reckin. „Den Lebenszyklus der Pflanzen studieren, verstehen, wie sie sich auf natürliche Weise aussamen, wo man eingreifen muss, um kein wildes Durcheinander zu verursachen, und wo man die Vielfalt einfach sich selbst überlässt.“ Ja, richtig. Beobachten lernen!
Erschienen in Oya 06/2011
Familienfest
In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.
In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.
Eigentlich wollte Christof Brockhoff, 26, einer von diesen Erfolgstypen aus der Wirtschaft werden, mit einem scharfen Titel wie CEO oder Vice President, Spitzengehalt und Leben hart am Burn-out. Nach einigen Semestern Wirtschaftswissenschaften schienen ihm Titel, Gehalt und Burn-out allerdings gar nicht mehr sinnvoll, im Gegenteil. Der Grund: Die ab dem ersten Tag des Studiums pausenlos wiederholte Mitteilung, Unternehmen befänden sich im knallharten globalen Wettbewerb, begann Brockhoff regelrecht zu zermürben, zumal er nie eine Antwort auf die Frage bekam, warum das denn bitte so sei. Warum können denn Unternehmen keinen anderen Zweck haben als „anzugreifen“, zu „erobern“, zu „gewinnen“? Wenn schon ein Glaubenssystem, sagte er sich, dann doch keines, das wie Krieg ist. Und bitte ein zukunftsfähiges – schließlich ist es exakt dieser unablässige Wettbewerb, der den Planeten mit wachsender Geschwindigkeit ruiniert.
Christof Brockhoff schmiss also, zum Schrecken seiner Eltern, das Studium und erfand einen Begriff: Enkeltauglichkeit. Enkeltauglich müsse das Wirtschaften wieder werden, Chancen der Zukunftsgestaltung öffnen, die nicht immer schon von denen konsumiert werden, die heute am Drücker sitzen. Zum Begriff fehlte nun noch die Aktion. Brockhoff ist als Liechtensteiner Bewohner eines ziemlich kleinen Landes mit wenigen Einwohnern und kurzen Wegen, was durchaus günstig ist, wenn man schnell etwas tun will, was landesweite Aufmerksamkeit erfahren soll. Was könnte dafür geeigneter sein als ein Festival – und zwar das erste Festival der Enkeltauglichkeit, nicht nur im kleinen Liechtenstein, sondern weltweit.
Christof Brockhoff spannte ehemalige Kommilitonen, Freunde, Verwandte und alle möglichen Leute, die er gut und wichtig findet, ein und schuf das MorgenLand-Festival: ein transgenerationelles Fest, auf dem der jüngste Referent dreizehn und die älteste Sprecherin 96 war. Unter Verzicht auf die üblichen Konjunktivexzesse („wir müssten“, „wir könnten“ „wir sollten“) trat hier zum Beispiel Mike Bonanno von den Yes Men auf und erklärte, wie man subversive Dinge gegen autokratische Konzerne treiben und damit in die Nachrichten kommen kann, formulierten Enkel Manifeste und gaben Weltklasse-Musiker wie Frick/Helbock einen Vorgeschmack einer besseren, eben enkeltauglichen Welt. An dieser Welt soll in den kommenden Jahren immer konkreter gearbeitet werden: MorgenLand ist nämlich nicht als Einmal-Event konzipiert, sondern als Labor zukünftiger Möglichkeiten, die die kurze Zeit des Festivals überdauern sollen.
Das Catering war vegan, und alle Rohstoffe stammten aus der Umgebung; spontane Arbeitsgruppen zur „Nutzungsinnovation“ funktionierten Park- in Tennisplätze und imaginierte Badeanstalten um, und am Ende war es ziemlich unmöglich, keine Idee zur Verbesserung des Umgangs mit dem Planeten mitzunehmen. Eintritt kostete das alles nicht: die Teilnehmer gaben, was es ihnen wert war, oder halfen bei der Organisation oder beim Catering mit. Hat funktioniert, drei Tage lang, ganz ohne Wettbewerb. Und ohne Krieg.
Der Vater von Christof Brockhoff übrigens, ehemals Leiter einer Werbeagentur, hatte die Aufgabe, die Referenten und Musikerinnen zum Bahnhof zu shutteln. Er wundert sich heute, weshalb er vor kurzem noch geschockt war, als sein Sohn das Studium abbrach. Inzwischen erscheint ihm das, was Christof jetzt macht, viel plausibler: „Uns ist ja jetzt erst klargeworden, was man heute tun muss. Und tun kann.“ In die Organisation des MorgenLands waren denn auch alle Familienmitglieder einbezogen, wie übrigens auch sehr viele Liechtensteiner bis hin zum geschäftsführenden Staatsoberhaupt, Erbprinz Alois, das mehrmals persönlich bei Veranstaltungen auftauchte. Auch der Familienhund der Brockhoffs war das komplette Festival hindurch anwesend; sein Beitrag war, wie der des Thronfolgers, ein atmosphärischer. Der gelingende Umbau der Welt, von dem das MorgenLand-Festival eine Vorstellung gab, ist eben eine Sache von allen; Enkeltauglichkeit kann man nicht delegieren.
Badewonne
Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.
Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.
Aus dem großen Schwimmbecken schaut man durch riesige Fenster ins Grüne, nebenan haben es sich ein paar Mütter in Liegestühlen bequem gemacht und beobachten ihren Nachwuchs, der seit Stunden im Wasser planscht. „Ich fühl’ mich hier wie im Urlaub“, sagt eine der sichtbar entspannten Frauen.
Für alle, die ein neues Schwimmbad planen, ist ein Besuch in der 90.000-Einwohner-Stadt Lünen nördlich von Dortmund ein Muss. Dort steht das erste Passivhaus-Hallenbad Europas, das Lippe Bad. Das kommt mit halb so viel Wärmezufuhr und Strom aus wie herkömmliche Badeanstalten. Die Badegäste müssen deshalb aber nicht bibbern – ganz im Gegenteil. Die Wassertemperaturen der fünf Beckenbereiche liegen zwischen 28 und 32 Grad Celsius, und die Lufttemperatur ist jeweils zwei Grad höher.
Die Idee dazu kam Gerd Koch, Prokurist der Stadtwerke Lünen und der Bädergesellschaft Lünen, im Jahr 2006. Schon seit einer Weile hatte er sich den Kopf zerbrochen, wie die Stadt es langfristig bewerkstelligen solle, ihren Bürgern Möglichkeiten zum Schwimmen zu bieten. Schließlich sind Bäder die teuersten öffentlichen Sportflächen – und weil Lünen wie viele andere Kommunen seit Jahren mehr oder weniger am Nothaushalt vorbeischrammt und Schwimmbäder zu den „freiwilligen Leistungen“ einer Kommune zählen, schien alles darauf hinzudeuten, dass der Betrieb der zwei Hallen- und zwei Schulsportbäder auf Dauer nicht zu bezahlen sein würde. Hinzu kam, dass alle vier Gebäude aus den 1950er- und 1970er-Jahren stammten, einer Zeit, in der energiesparendes Bauen für Architekten noch kein Thema war. „Man kann da zwar ein bisschen was verbessern. Aber aus einem Ackergaul wird nie ein Rennpferd“, fasst Koch seine damaligen Gedanken zusammen.
Im September 2007 traf er auf einer Veranstaltung Wolfgang Feist, einen ausgewiesenen Experten für gut isolierte Passivhäuser. Ob die Bauweise auch bei einem Hallenbad funktioniere, fragte Koch. Feist wusste es nicht. So baten die beiden die Deutsche Bundesstiftung Umwelt um finanzielle Unterstützung und gaben eine bauphysikalische Studie in Auftrag. „Die hat bestätigt, dass so ein Vorhaben sehr, sehr aussichtsreich ist“, referiert der Lüner Prokurist – und betont, dass die rund 50 Seiten starke Studie mit konkreten Hinweisen für jeden kostenlos im Internet einzusehen ist und heruntergeladen werden kann. Dass seine Stadt die erste mit einem Passivhaus-Schwimmbad ist, findet er nicht so entscheidend. Wichtiger ist ihm, dass das Beispiel Schule macht.
Nachdem der Rat der Stadt Lünen das Vorhaben gebilligt hatte, setzten sich alle zusammen, die Ahnung vom Schwimmbadwesen haben: Bauingenieure und Architektinnen, Schwimmmeister und Reinigungsfachkräfte. Am Anfang jeder Überlegung stand der Grundsatz, dass sich die Badegäste wohl fühlen sollen – schließlich kommen sie sonst nicht wieder. Die Abwesenheit von Moder und anderen unangenehmen Gerüchen ist dafür ebenso essentiell wie das Gefühl, dass es warm genug ist. Allerdings hängt es nicht allein von der Lufttemperatur ab, ob Menschen in nassen Badeanzügen beim Herumlaufen frieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Luftfeuchtigkeit. Anders gesagt: Durch eine Erhöhung des Wassergehalts in der Luft kann man die Wärme drosseln, ohne dass den Nutzern kalt wird – und auf diese Weise Energie sparen. Auch verdunstet bei höherer Luftfeuchtigkeit weniger Badewasser, was den Wärmeerhalt ebenfalls begünstigt.
Auf der anderen Seite birgt eine hohe Luftfeuchtigkeit jedoch die Gefahr, dass kühlere Wände und Fenster beschlagen und sich Schimmel bildet. Im Schwimmbad von Lünen passiert das nicht, trotz extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Das ganze Gebäude ist eine Art Thermoskanne – dank Dreifachverglasung und einer 30 Zentimeter dicken Wärmedämmung, in die die ganze Halle quasi eingepackt ist. So sind die Innenwände warm, und das Wasser kondensiert nicht; das Auftreten von Schimmel ist deshalb auch nicht zu erwarten. Wer sich nicht für Energieeffizienz und Luftfeuchtigkeitsanteil interessiert, bekommt von alledem auch nichts mit: In der Halle fühlt man sich keineswegs an die feuchten Tropen zu Zeiten des Monsuns oder an ein nebliges Dampfbad erinnert.
Die gesamte Anlage ist unterkellert; ein Gewirr von dünnen Wasser- und Abwasserrohren und dicken Aluröhren für die Luft, manche davon dick mit Isoliermaterial gepampert, durchziehen den Raum. Es strömt und rauscht leise; hinter einer Stahltür brummen zwei Blockheizkraftwerke. Vor allem Biogas wird hier zum Heizen und zur Stromerzeugung verwendet. Stolz zeigt Badleiter Thomas Claus auf einen riesigen orangefarbenen Schrank, in dem die hereinströmende Frischluft über den Gegenstrom von drinnen geheizt wird. „Wir haben uns bei der Wärmerückgewinnung für den Mercedes entschieden“, so Claus. Zwar waren die Anschaffungskosten der Anlage etwas höher als der Marktdurchschnitt, dafür ist sie aber auch extrem leistungsfähig: Der Temperaturverlust ist minimal, und es muss nur wenig nachgeheizt werden.
Auch sonst hat man bei den Anfangsinvestitionen überall auf Qualität und geringe Verbrauchswerte gesetzt. Denn wenn man die gesamte Lebenszeit eines Schwimmbads betrachtet, entfallen durchschnittlich nur etwa zehn Prozent des Finanzbedarfs auf die Baukosten, während der Betrieb mit 90 Prozent zu Buche schlägt. So hat der Bau des Lippe Bads zwar etwa zwei Millionen Euro mehr gekostet als eine konventionelle Halle, doch zugleich erwartet die Stadt im Vergleich zum Standard jährliche Einsparungen von etwa 200.000 Euro bei den Energie-, Wasser- und Abwasserkosten. Bereits nach zehn Jahren werden sich die Mehrkosten also amortisiert haben. Weil die durchschnittliche Nutzungszeit eines öffentlichen Schwimmbads bei rund 40 Jahren liegt, lohnt sich das allemal.
Wie hoch die Verbrauchswerte tatsächlich sind, wird derzeit wissenschaftlich untersucht. Doch schon heute reisen Interessierte aus anderen Kommunen scharenweise nach Lünen. In der Szene der Schwimmbadbauer ist der Ort längst kein weißer Fleck mehr. Bisher gibt es nur einen einzigen Wermutstropfen: Weil die alten vier Bäder in Lünen dicht gemacht wurden, haben viele Bürger jetzt einen weiteren Weg zur Schwimmhalle.
coole Brause
Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.
Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.
In einer Wohngemeinschaftsküche im Hamburger Stadtteil St. Pauli pressten Paul Bethke und Jakob Berndt wochenlang Limetten aus, der Schweiß triefte ihnen fast in den Saft. Sie mixten ihre Zutaten – ohne den Schweiß – so lange, bis ihnen die Mischung schmeckte. Das war, im Jahr 2009, der Anfang des Erfrischungsgetränkes LemonAid und des Eistees ChariTea. Mittlerweile gibt es fünf Sorten: Limonen- und Maracuja-Limonade, Grün-, Rot- und Schwarztee. Alle Zusätze stammen aus zertifiziertem Bioanbau und fairem Handel.
Man nehme eine Prise fairen Grüntee aus Sri Lanka. Der Ökonom Paul Bethke, mittlerweile 30 Jahre alt, ging zeitweise in Sri Lanka zur Schule, später arbeitete er dort für die deutsche Entwicklungsorganisation GTZ. Was er sah, gefiel ihm aber nicht: Gelder seien oftmals ziellos ausgegeben worden, sagt er, die Entwicklungshelfer seien vor allem in der Business Class geflogen und hätten sich über Land in dicken Jeeps fortbewegt. Wenn man das Geld für Projekte selbst verdienen müsste, würde man es nicht so sorglos rauswerfen, sagte er sich damals. Also sprach er im Jahre 2009 seinen alten Schulfreund an, den gleichaltrigen Jakob Berndt. Der sei in seiner Werbeagentur doch auch beruflich unzufrieden – wie wäre es denn, schlug Bethke vor, wenn sie ihre Talente ab sofort für den sozialen Wandel einsetzen würden? Jakob Berndt war begeistert, kündigte, und zusammen machten die beiden sich an die Arbeit.
Man nehme eine Portion gerechten Schwarztee, ebenfalls aus Sri Lanka. ChariTea – dass der Name des Teegetränks an das englische Wort für Wohltätigkeit erinnert, ist natürlich kein Zufall. Aber die Initiatoren, zu denen sich bald darauf der Ex-Unternehmensberater Felix Langguth gesellte, wollten mehr als Wohlfahrt; sie wollten sich für soziale Gerechtigkeit engagieren. Sie gründeten neben ihrer LemonAid Beverages GmbH einen gemeinnützigen Verein, der die Gewinne aus dem Getränkeverkauf zurück in die Anbauländer der Rohstoffe bringt. Bislang sind das fünf Cent pro 0,33-Liter-Pflandflasche, die für 1,60 Euro verkauft wird.
In Sri Lanka trägt der Verein damit zu kostenfreier medizinischer Versorgung bei und unterstützt ein Gemeindezentrum in Colombo sowie das Bildungszentrum DTI, das Jugendlichen handwerkliche Ausbildungs- und Computerkurse anbietet. Um ethnische Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen im früheren Bürgerkriegsland abzubauen, werden die Schüler in den Klassen und den Wohntrakten des DTI bewusst gemischt. Und auf der Plantage, von der die Hamburger ihren Tee beziehen, bestimmt ein 30-köpfiges Komitee von Plantagenarbeitern, was mit den Gewinnen aus dem fairen Handel passieren soll. Die Gruppe hat damit bisher unter anderem einen Kindergarten, ein Kulturzentrum, medizinische Betreuung und Bildungsstipendien für Kinder finanziert.
Man nehme eine Prise fairen Tee aus Südafrika. Den Rooibostee für den roten ChariTea bezieht LemonAid Beverages von der Kleinbauernkooperative Heiveld nordwestlich von Kapstadt. Während des Apartheid-Regimes war es den Schwarzen verboten gewesen, Rooibos-Tee in großem Stil anzubauen. Die Heiveld-Genossenschaft schrieb Geschichte, denn zusammen mit einer weiteren Kooperative ist sie der bisher einzige Zusammenschluss schwarzer Bauern in Südafrika. In Zusammenarbeit mit einer lokalen Nichtregierungsorganisation hat der Hamburger Verein in den letzten Jahren Solarpanels und energieeffiziente Holzöfen für Genossenschaftsmitglieder zur Verfügung gestellt.
„Wir haben den fairen Handel aus dem Reformhaus befreit“, sagt Jakob Berndt nicht ohne Stolz. Ein Ziel des Hamburger Trios ist es, „junge Leute für die Idee des nachhaltigen Konsums zu begeistern“, wie Berndt es nennt. Die LemonAid- und ChariTea-Pfandflaschen kreisen mit ihrem coolen Design mittlerweile auf vielen Partys und Festivals; daneben sind sie in Kneipen, Cafés, BIO-COMPANY- und Alnatura-Supermärkten zu kaufen. Viel verdienen würden die Drei nicht, dafür erführen sie jede Menge immaterielle Bereicherung, unter anderem durch ihre Reisen in die Anbaugebiete ihrer Rohstoffe.
Man nehme einen Schluck gerechten Limettensaft aus Brasilien. Jakob Berndt hat schon mehrfach die lateinamerikanischen Produzenten besucht. Zum Beispiel die Kooperative Coagrosol, in der sich 60 Kleinbauern aus der brasilianischen Region Itápolis nach einem Aufstand zusammengeschlossen hatten. Sie hatten es satt, der Ausbeutung durch internationale Lebensmittelkonzerne schutzlos ausgeliefert zu sein. Dank des Kontakts zu den jungen Hamburgern und zu anderen Fair-Trade-Projekten können sie ihren Limettensaft nun zu fairen Preisen verkaufen. Von den Gewinnen haben sie bereits ein Ernährungsprogramm für unterernährte Kleinkinder, eine Computerschule, einen Kindergarten und ein Handwerksprojekt für Jugendliche finanziert.
Man nehme eine Portion Rohrzucker aus Paraguay. Auch in Brasiliens Nachbarstaat Paraguay haben sich 200 Kleinbauern zu einer Kooperative zusammengeschlossen, der Asocaze, von der LemonAid Beverages seinen Biorohrzucker bezieht. Nach dem Geschmack der Zuckerrohrschneider enthalte ihr Erfrischungsgetränk allerdings viel zu wenig Zucker, lacht Berndt. „Zu sauer“, befanden sie bei einem seiner Besuche. Jetzt bezahlen die Bauern aus den Erlösen des fairen Handels Fortbildungen im Bereich der ökologischen Landwirtschaft sowie eine kommunale Zahnarztpraxis, die die Karies der Zuckerarbeiter bekämpft. Darüber hinaus hat der LemonAid-Verein Tische, Stühle, Tafeln und Computer für vier Grundschulen in der Region gestiftet und unterstützt einen Kinderhort samt Kochprojekt.
Man füge die Zutaten in viele Liter nordbayrisches Wasser und schüttele kräftig. Zucker, Limettensaft und alle anderen Zutaten werden nicht zum Firmensitz nach Hamburg transportiert, sondern in einen Bio-Abfüllbetrieb in Nordbayern, der LemonAid und ChariTea bundesweit ausliefert. LemonAid Beverages hat inzwischen bereits anderthalb Millionen Flaschen verkauft. Zusätzlich zu den guten Konditionen, die sie durch den fairen Handel bieten, verteilten die Jungunternehmer 2010 über ihren Verein rund 40.000 Euro Gewinn und 2011 sogar doppelt so viel. „Wir sind in vieler Hinsicht sehr erfolgreich“, freut sich Jakob Berndt.
Alle Zutaten zusammen ergeben: flüssige Entwicklungshilfe.
Wärmekiste
Die Dortmunder Firma LaTherm transportiert Abwärme in Containern. Die wurde bisher einfach in die Atmosphäre geblasen – jetzt heizt sie Schwimmbäder und Betriebshallen.
Die Dortmunder Firma LaTherm transportiert Abwärme in Containern. Die wurde bisher einfach in die Atmosphäre geblasen – jetzt heizt sie Schwimmbäder und Betriebshallen.
Vor dem Schwimmbad in Dortmund-Brackel steht ein blauer Container. Der fühlt sich von außen kalt an – und doch ist darin so viel Wärme gespeichert, dass die beiden Schwimmbadbecken daraus zwei Tage lang beheizt werden können.
Die im Container gelagerte Hitze stammt von einem neun Kilometer entfernten Kraftwerk, das Methangas aus einer stillgelegten Mülldeponie in Strom verwandelt. Bis Ende 2009 entließ es die dabei anfallende Abwärme einfach in die Luft. Seither aber wird das Kraftwerkskühlwasser so lange durch einen Container der Firma LaTherm gepumpt, bis sich Vor- und Rücklauftemperatur auf etwa 80 Grad angeglichen haben. Nach fünf bis sechs Stunden ist der Container voll geladen. Dann schraubt ein LKW-Fahrer die Schläuche ab, hängt den Container hinten an seinen Lastwagen, fährt zum Schwimmbad, stellt den Anhänger ab und schließt ihn dort an zwei Rohre an, die aus einer Wiese vor dem Gebäude herausragen. Jetzt läuft die Prozedur umgekehrt ab: Abgekühltes Heizungswasser aus der Halle wird durch das im Container eingebaute Rohrsystem geleitet, mit Hilfe von Wärmetauschern erhitzt und fließt anschließend zurück ins Gebäude.
„Wir machen Wärme transportabel“, fasst der Physiker Heinz-Werner Etzkorn zusammen. Etzkorn leitet das Dortmunder Unternehmen LaTherm, das in einem Gründerzentrum am Hafen untergebracht ist. LaTherm nutzt die gleiche Technik, die auch bei kleinen Jackentaschenheizkissen zum Einsatz kommt: diese Plastikbeutelchen sind mit einer zähflüssigen Substanz gefüllt und werden warm und hart, sobald man ein Metallplättchen in ihrem Innern knickt. Das Geheimnis dieser Handwärmer und auch der LaTherm-Container heißt Natriumacetat-Trihydrat – es handelt sich dabei um ein Salz, das auch zum Kochen geeignet und entsprechend völlig ungefährlich ist. Es hat die Eigenschaft, bei einer Temperatur oberhalb von 58,5 Grad flüssig zu werden, unterhalb dieser Marke aber zu kristallisieren. Das Salz wechselt von einem Zustand in den anderen, sobald es einen Impuls durch ein fremdes Molekül bekommt. Bei der Taschenheizung wird dieser Impuls vom Knicken des Metallplättchens ausgelöst, im LaTherm-Container erledigen das die Ecken und Kanten der Konstruktion. Das Besondere an dem kristallisiertem Salz: Es hält die Temperatur für lange Zeit auf 58,5 Grad, auch wenn ständig Wärme abgeführt wird. So lassen sich in einem standardgroßen 20-Fuß-Container 2,5 Megawattstunden Energie speichern – so viel wie ein durchschnittliches Einfamilienhaus in drei Monaten an Wärme braucht. Weil es sich um einen physikalischen Vorgang handelt, kann er beliebig oft wiederholt werden.
„Innovationen sind meist das Ergebnis einer Schwachstellen-Analyse“, sagt Heinz-Werner Etzkorn, ein ruhiger Zeitgenosse mit Bart und tiefer Stimme. Als eine zentrale Schwachstelle der Energieversorgung hatte der 63-Jährige vor einigen Jahren ausgemacht, dass in Deutschland Wärme in riesigem Umfang einfach als „senkrechte Spende an den Himmel geschickt wird.“ Würde man diese Wärmemengen mit Hilfe von Erdgas erzeugen, wären sie schon heute jährlich 25 Milliarden Euro wert – Tendenz steigend. Zugleich wird anderswo Wärme neu produziert, um Häuser, Büros, Produktionshallen und öffentliche Gebäude zu heizen. Allein die deutschen Kommunen sind zusammen für die Beheizung von 260 Millionen Quadratmeter Flächen zuständig.
Der Bau von Fernwärmenetzen lohnt sich trotz dieser Wärmeverschwendung jedoch in vielen Fällen nicht. So liegt die schwimmbadheizende Dortmunder Müllkippe viel zu weit weg von möglichen Wärmekunden, und darüber hinaus ist absehbar, dass ihre Ausgasungen nach und nach abnehmen und irgendwann ganz versiegen werden; ein aufwändiges Rohrsystem würde sich hier nie amortisieren. Auch Tausende von Biogasanlagen befinden sich in der Regel auf dem Land und erzeugen daher meist ausschließlich Strom.
„Ich mach’ gerne neue Sachen, weil ich gerne was Neues lerne“, sagt Heinz-Werner Etzkorn, der früher zahlreiche Innovationen für die Sensor- und Beschichtungstechnik entwickelt hat. Nachdem er 15 Jahre lang das Essener Gaswärme-Institut leitete, gründete er zusammen mit einigen Gleichgesinnten die Firma LaTherm. Zwei Jahre lang tüftelte Etzkorn an der genauen Konstruktion des Containers und am Geschäftsmodell herum, dann, im November 2009, fand endlich die erste Wärmelieferung statt. Seither können Produktion und Nutzung von Wärme zeitlich und räumlich entkoppelt werden.
Für seine Kunden sucht das Unternehmen heiße Quellen und Spediteure und versorgt dann ihre Gebäude mit Grundlastwärme – d.h. mit der Menge an Wärme, die ein Gebäude immer benötigt, zur gleichmäßigen Grundbeheizung.